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17. Sepp Herberger (1897-1977) - eine deutsche Fußbailegende.

Sepp Herberger

Otto Schulz: "Herr Herberger, die deutsche Fußbaltwelt hat Sie ins Herz geschlossen. Sie wurden von der Nationalmannschaft als der 'Chef' bezeichnet. Sind Sie heute noch interessiert an diesem Sport?"

"Sie sprechen eine wunde Stelle in meinem Seelenfrieden an. Ich habe für den Fußball gelebt, für die einzelnen Vereine, für die Nationalmannschaft. Wir alle waren uns einig in unserer Begeisterung für diesen Sport. Heute muß ich Sie fragen: Ist das alles noch Sport?

Aber Sie wollen meine Antworten hören: Es ist nur noch ein Geschäft! Mit dem Sport von früher hat dies nichts mehr zu tun."


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Schulz: "Was beklagen Sie? Die hohen Gehälter? Daß ein Fußballer mehr Geld bekommt als ein Professor?"

"Da kommen mehrere Verrücktheiten zusammen. Es verdient, nein, lassen Sie es mich so sagen: es wird einem Fußballer mehr Geld geboten als einem weltweit bekannten Wissenschaftler, der nicht nur seinem Volk, sondern vielleicht der gesamten Menschheit einen Dienst erwiesen hat. Das ist doch beschämend! Aber die Vereine heizen ja diese Methode selber an. Daß so mit dem Geld rumgeworfen wird, liegt auch daran, daß die Firmen mit der Werbung dazu beisteuern und die Medien horrende Summen für Übertragungen bezahlen.

Es ist wohl alles am Fußball krank. Sehen Sie sich den Weg eines Spielers an! Er wechselt nicht einfach seinen Wohnsitz aus vielleicht privatem Grund, um dann bei einem anderen Verein zu spielen, sondern er wird Verkauft'. Da spielt also ein Stürmer seit zwei, drei Jahren beim HSV in Hamburg, dann kungeln die Bosse des HSV mit dem FC Bayern und schon wird dieser Stürmer nach München verkauft. Stellen Sie sich das vor! Wie auf dem Sklavenmarkt wird der Mensch verschachert! Aber er macht dieses miese Geschäft mit, weil er an der Verkaufssumme beteiligt wird. Nun hat dieser Stürmer ja auch Freunde in Hamburg. Bisher spendeten sie ihm Beifall, wenn er gut gespielt hat. Wenn er nun mit dem FC Bayern zu einem Spiel nach Hamburg kommt, wird er ausgebuht, wenn er gut spielt. Spielt er schlecht, bekommt er Beifall. Wer ist da nun verrückt? - Man sieht, auch hier verdirbt das Geld den Charakter bereits der jungen Menschen. Sie haben keine Ideale mehr. Es ist ein Trauerspiel!"

Schulz: "In den Vereinen spielen heutzutage bis zu drei Ausländer. Was halten Sie davon?"

"Gar nichts, denn dadurch geht das verloren, was wir früher mit Entwicklung des Breitensports gemeint haben. Gut, es sollen


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Talente gefördert werden. Eine Leistungsauswahl ist richtig. Aber was heute betrieben wird, fördert nur das Geschäft. Der Breitensport leidet unter diesem Prinzip des Kommerziellen. Früher war jeder Verein stolz, wenn er neue Spieler aus den Schüler- und Jugendmannschaften für die Liga herangezogen hatte. Heute kann es passieren, daß der Spion eines anderen Vereins diesen Neuling wegschnappt, bevor er reif ist. Was die Zahl der Ausländer betrifft: Es sollte doch bei den Vereinen so sein wie in einem Volk, das sich aus der Familie, dem Dorf, der Stadt, dem Gau oder der Provinz oder dem nationalen Verband zusammenschließt. Irgendwie muß es doch einen gesunden Verbund geben. Wenn heute ein afrikanischer Spitzenspieler beim KSC spielt, dann aber bei einem Nationalspiel gegen das Land antreten muß, in dem er sein Brot, oder sagen wir besser seinen Luxus verdient, dann gibt es doch viele Gedankenspiele, die diesen Menschen in Verlegenheit bringen können. Wenn man wirklich für Länder, die in Not sind, etwas tun will, so sollte man diese Spitzenleute auch dort lassen, wo sie ihrem Heimatverein und ihrem Heimatland dienen können." Schulz: "Sie haben gerade etwas gesagt, was man Ihnen sehr übelnehmen kann. Man könnte Sie als Rassist diskriminieren. Sind Sie sich dessen bewußt?"

"Diejenigen, die so schnell mit solchen Verleumdungen bei der Hand sind, merken nicht, wie herzlos sie im Grunde handeln. Sie helfen mit ihrer angeblichen Aufgeschlossenheit für alles Fremde, diese Menschen zu entwurzeln. Sie entfremden sie ihrer Heimat und pflanzen ihnen den Glauben ein, daß sich im Leben alles nur ums Geld dreht.

Wie schön wäre es, wenn die ethnischen Nationen die Vielfalt der Kultur pflegen würden, auch im Sport. Das wäre eine echte


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Bereicherung. Statt dessen wird alles, aber auch alles durch den Wolf gedreht, und heraus kommt ein langweiliger Einheitsbrei. Warum gibt es nicht wie früher einen echten fairen Wettstreit? Das wäre nicht nur normal, sondern damit würde man die Voraussetzungen auch der unterschiedlichen und umweltlichen Bedingungen für die einzelnen Länder auf der Erde schaffen.

Schulz: "Nun ist die 'Frankfurter Eintracht' aus der l. Bundesliga ausgeschieden. Ihre Fans sind empört und schimpfen, weil die Spieler Frankfurt den Rücken kehren wollen. Was sagen Sie dazu?"

Die Fans waren doch ganz verrückt nach ausländischen Spielern. Aber sie haben nicht bedacht, daß diese Leute ja gar keine Bindung zu Frankfurt und zum Verein 'Eintracht' haben konnten. Diese Leute spielen doch für jeden, der sie besser bezahlt. Wer einen bodenständigen Verein haben möchte, der eine Tradition zu pflegen hat, der muß die Spieler aus ihrem Umfeld aufbauen. Das wäre übrigens die Basis für Breiten- und Jugendsport! Die Fans müssen wieder lernen, über die Engstirnigkeit eines Erfolges durch das Geld nachzudenken. Dann werden sie auch wieder das Glücksgefühl erleben, wenn ihr Verein auf Dauer zu Erfolgen kommt. Schuld an dieser Misere sind diejenigen, die das Geld anbeten, das sind die Herren im Vorstand!"

Schulz: "Haben Sie eine Idee, wie man aus dieser multikommerziellen Sackgasse wieder herauskommen kann?

"

"Solange die Politiker aus dem korrupten Abschaum das Sagen haben, werden diese Leute auch nicht in der Lage sein, der Jugend Ideale vorzuleben. Vielleicht muß zuerst ein absoluter Tiefpunkt


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erreicht werden, um aus diesem verseuchten Boden wieder gesunden Nachwuchs zum Leben zu erwecken."

Schulz: "Herr Herberger, Sie haben gewiß vielen Menschen aus dem Herzen gesprochen."

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