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19. Johann Wolfgang von Goethe und seine Frau Christiane Vulpius (1749-1832 + 1765-1816).

Hearst: "Herr Minister, ohne zu übertreiben kann man sagen: Alle Welt kennt Sie. Ist es nicht ungerecht, wenn von Ihrer Frau die wenigsten Menschen etwas wissen? Womit hat sie das verdient?"

"Sie sprechen mir aus der Seele, Mister Hearst! Aber können wir das heute noch ändern?"

Hearst: "Vielleicht gelingt es uns gemeinsam. Wollen wir also nicht von Ihrem Wirken sprechen, sondern vom ganz privaten Leben mit Ihrer Frau. Wie sehen Sie überhaupt als Verstandesmensch das Thema Liebe?"

"Das will ich Ihnen gern verraten. Übrigens sagte ich es bereits zu meinem Freund Eckermann, als wir darüber sprachen:


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'Als ob die Liebe etwas mit dem Verstand zu tun hätte! Wir lieben an einem jungen Frauenzimmer ganz andere Dinge als den Verstand. Wir lieben an ihr das Schöne, das Jugendliche, das Neckische, das Zutrauliche, den Charakter, ihre Fehler, ihr Capricen, und Gott weiß was alles Unaussprechliche sonst; aber wir lieben nicht ihren Verstand. Ihren Verstand achten wir, wenn er glänzend ist, und ein Mädchen kann dadurch in unseren Augen unendlich an Wert gewinnen. Auch mag der Verstand gut sein, uns zu fesseln, wenn wir bereits lieben. Allein der Verstand ist nicht dasjenige, was fähig wäre, uns zu entzünden und eine Leidenschaft zu erwecken.'

Und so denke ich heute immer noch."

Hearst: "Zu Ihrer Zeit war es doch weit mehr Sitte, ein Mädchen zu heiraten, wenn man es liebte. Sie haben aber viele Jahre mit Frau Christiane zusammen gelebt und auch Kinder gehabt, aber Sie heirateten sie erst viel später; warum?"

"Diese Frage zu beantworten, fällt mir heute nicht leicht. Sie könnten darin eine Ausrede sehen. Vielleicht war ich abergläubisch, vielleicht war es nur blanke Angst. Ich habe immer Angst vor Krankheiten und dem Tode gehabt. So hatte ich auch Angst, mein Glück zu verlieren, wenn wir heiraten würden. Es war aber auch nie ein Streitpunkt zwischen uns, ob wir heiraten sollten oder nicht. Wir waren ganz einfach glücklich und unserer Liebe gegenseitig so sicher, daß diese Frage nie eine Rolle spielte. Ich wurde von meinen Freunden gelegentlich ganz direkt gefragt, warum ich nicht heirate. Meine Antwort lautete jedes Mal: Ich bin verheiratet, nur nicht nach einen Zeremoniell."

Hearst: "Darf ich einmal indiskret fragen: Das Urteil verschiedener Leute aus Ihrem Bekanntenkreis über Frau Christiane war oft negativ. Haben Sie eine Erklärung dafür?"


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"Aber natürlich. Sie hatten auf Klatsch und Tratsch gehört. Wenn sie Christiane aber erst einmal gesehen und gesprochen hatten, änderten sie ihre Meinung grundlegend. Chrsitiane hat ihre Art sich zu geben nie geändert. Sie blieb unverdorben über ihr ganzes Leben. Diese ungenierte Lebensweise war ein Edelstein, den nur sehr wenige Menschen besitzen. Die meisten passen sich irgendwie den neuen Gegebenheiten an und sind dann nicht mehr sie selbst. Sie verlieren an Persönlichkeitswert. Das geschah bei Christiane niemals. Sie blieb der charakterliche Diamant. Wie tief meine Liebe und Verehrung in mir saß, können Sie daraus entnehmen, was ich einmal sagte: Ich empfehle Ihnen meine Frau mit dem Zeugnisse, daß, seit sie ihren ersten Schritt in mein Haus tat, ich ihr nur Freuden zu danken habe."

Hearst: "Wann lernten Sie Ihre Frau kennen?"

"Es wird der 12. Juli 1788 gewesen sein. Christiane kam mit einem Brief ihres Bruders zu mir. Es war in Weimar. In dieser kleinen Stadt hatten wir keine weiten Wege, und so sahen wir uns oft. Wir haben aber diesen Tag gern zum Anlaß von Feiern genommen. Bald danach verfaßte ich dieses: 'Lass dich, o Geliebte, nicht reun, daß du so schnell dich ergeben,

Glaub' es, ich denke nicht frech, denke nicht niedrig von dir.'

Die Familie Vulpius wohnte in der Luthergasse. Christiane war damals 23 Jahre alt. Sie war ein hübsches Mädchen mit einem überaus freundlichen Wesen, immer zu Scherzen bereit. Ihr Gesicht war apfelrund, mit brennenden schwarzen Augen. Ihr Mund war kirschrot, und ihre schönen weißen Zähne blitzten jeden Gesprächspartner an. Ihre Locken fielen ihr in Stirn und Nacken. Sie war einfach ein Bild einer gesunden, lebensprühenden Frau. Ich


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werde diesen Anblick nie aus meinem Gedächtnis verlieren! Sie hat mein Leben unendlich bereichert."

Hearst: "Würden Sie mir bitte das Geburtsdatum Ihrer Frau verraten?"

"Aber selbstverständlich. Zwar hat Christianes Bruder irgendwo einmal schriftlich festgehalten, es wäre der 6. Juni gewesen, aber das war wohl ein Schreibfehler, denn tatsächlich ist es der l. Juni 1765 gewesen, da sie das Licht der Welt erblickte."

Hearst: "Kam Ihre Frau vielleicht aus einem niederen Stand, da man negativ über sie sprach?"

"Aber nein! Wenn es danach gegangen wäre, so hätte sie mit ihren Vorfahren mich in den Schatten gestellt. Sie waren immerhin Pastoren gewesen, wenn auch ihr Vater als Stadtarchivar arbeitete und wegen seines geringen Gehalts - 75 Thaler im Jahr! - einen Griff in die Kasse gemacht hatte. Meine Vorfahren waren dagegen nur Handwerker und Bauern gewesen, bis auf meinen Vater natürlich. Er war Rechtsgelehrter und Kaiserlicher Rat."

Hearst: "Als Sie Christiane Vulpius kennenlernten, waren Sie lange Jahre mit Frau von Stein befreundet gewesen. Wie paßten diese beiden Frauen zusammen?"

"Mit einem Satz: Wie die sprichwörtlichen Katz und Hund. Sie konnten sich überhaupt nicht riechen. Halt, das stimmt nicht ganz. Diese Vergleiche hinken sehr. Charlotte von Stein, ich möchte fast sagen, spielte sich als Dame auf. Sie hat sich mit den ändern um die Wette das Maul zerrissen. Es fehlte ihr die Größe, die sie nach außen gern zur Schau stellte. Vielleicht war sie aus Bosheit in ihrer Art verletzend, wenn es um Christiane ging. Ganz anders verhielt sich dagegen meine Frau. Sie war eine Dame! Und sie blieb es für alle Zeit. Von Christiane war nie eine abfällige Bemerkung über Frau von Stein gefallen. Sie schickte ihr sogar zum Geburtstag einen selbstgebackenen Kuchen. Und Charlotte hatte nichts


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anderes dagegenzusetzen als ein paar höhnische Worte. Sie sehen, mein Lieber, Charakter hat nichts mit Stand zu tun."

Hearst: "Wie hat sich denn Ihr Freund Schiller bezüglich Ihrer Frau verhalten?"

"Auch ihm fehlte die Größe, nichts auf dummes Gerede zu geben. Als unser erstes Kind geboren und bald darauf gestorben war, hat er wohl einen Brief geschrieben, aber kein Wort über Christianes Verlust verloren. Das empfand ich als taktlos."

Hearst: "Sie bekamen vom Herzog das Haus im Frauenplan geschenkt. Wie hat sich Ihre Frau in dieser Rolle gefühlt? "

"Oh, sie fühlte sich in ihrem Element. Sie war tatkräftig und hatte Ideen, wie man dies und jenes geschmackvoll gestalten könnte. Sie werkelte den ganzen Tag. Aber sie war auch ansprechbar für mich, wenn ich Lust verspürte, über ganz andere Dinge mit ihr zu plaudern."

Hearst: "Sie waren mit dem Herzog viel auf Reisen und vor allem in Kriegsgebieten. Konnten Sie die Trennung von Ihrer Frau gut überbrücken?"

"Was blieb einem schon anderes übrig. Wir mußten uns in dieses harte Los ebenso schicken, wie es viele Menschen taten. Aber wir haben uns gegenseitig in unseren Briefen immer wieder unsere Liebe gestanden. Das hat uns ungemein geholfen. Aus dem Feldlager vor Verdun schrieb ich an Christiane: 'Wärst du nur jetzt bei mir! Es sind überall große breite Betten, und Du solltest Dich nicht beklagen, wie es manchmal zu Hause geschieht. Ach! Mein Liebchen! Es ist nichts besser als beisammen zu sein. Wir wollen es uns immer sagen, wenn wir uns wieder haben. Behalte mich lieb! Denn ich bin manchmal in Gedanken eifersüchtig und stelle mir vor: daß Dir ein andrer besser gefallen könnte, weil ich viele Männer hübscher und angenehmer finde als mich selbst. Das mußt Du aber nicht sehen, sondern Du mußt mich


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für den besten halten, weil ich Dich ganz entsetzlich lieb habe und mir außer Dir nichts gefällt. Ich träume oft von Dir, allerlei konfuses Zeug, doch immer, daß wir uns lieb haben. Und dabei mag es bleiben.'

Aber meine Frau schrieb mir ebenfalls voller Sehnsucht. 'Itzo fehlt mir nichts als Du, mein Lieber, daß ich mich mit Dir freuen könnte und ich Dich an mein Herz drücken könnte, wie ich Dich immer herzlicher liebe und Du mein einziger Gedanke bist. Komm nur recht bald wieder. Im Hause geht alles gut, der Tapezier fängt an, mein Kämmerchen ist fertig und künftige Woche werde ich in Ordnung kommen.'

Und noch etwas sollten Sie erfahren, Mister Hearst. Was mir meine Frau schrieb, als ein Kindchen unterwegs war: 'Das Pfuiteufelchen hat sich gemeldet, und es wird wohl seinen Besuch im Oktober machen. Da bist Du wohl wieder da. Ach ja, da läßt Du mich nicht allein! Habe mich nur lieb und denke an mich, ich habe Dich ja jeden Augenblick im Sinn und denke nur immer, wie ich im Haushalt alles in Ordnung bringen will, um Dir mit etwas Freude zu machen, weil Du mich so glücklich machst. Leb wohl, behalte mich lieb und denke an mich, ich und der Kleine küssen Dich tausendmal. Schreib mir bald wieder.' Hearst: "Eine unverheiratete Frau war damals sehr arm dran, wenn der Ernährer starb."

"Da hatte ich für Christiane und den Jungen vorgesorgt. Ich hatte ein Testament gemacht, und sie wären im Falle meines Todes nicht mittellos gewesen."

Hearst: "Ich darf noch einmal auf Frau von Stein zu sprechen kommen. Die Menschen, nicht nur damals, sondern noch heute, zerreißen sich die Mäuler über allerlei Vermutungen, Sie verstehen mich?"


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"Und ob ich Sie verstehe. Ich kenne diesen dummen Spruch: Da streitet sich das Weltgericht: Hat er - oder hat er nicht? Sie werden mir auch heute nichts entlocken. Sehen Sie, wenn ich ja sagen würde, wäre ich ein Schuft. Sage ich nein, so kann man sagen: er lügt. Deshalb sage ich gar nichts."

Hearst: "Wunderbar! Typisch Goethe! kann man da nur sagen. Haben Sie vielen Dank, Herr von Goethe!"

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