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24. Pastor Martin Niemöller (1892-1984), ev. Kirchenpräsident von Hessen-Nassau.

Pastor Niemöller

Otto Schulz: "Herr Pastor Niemöller, Sie könnten lange Titel tragen: Sie waren U-Boot-Kommandant und bekamen dafür den Orden 'Pour le merite', dann wurden Sie Pastor, später Insasse des KL Dachau. Danach bekamen Sie von den Sowjets einen hohen Orden, weil Sie die Verhältnisse in den sowjetischen KL und die in der DDR schätzten. Und dann wurden Sie Kirchenpräsident in Hessen. Halten Sie diesen Weg eher für normal oder mehr für eine Zickzacklinie?"

"Ach, wissen Sie, ich bin ein alter Mann, vielleicht auch gelegentlich etwas verwirrt. Da fällt es einem Menschen schwer, alles korrekt zu tun oder gar noch zu beurteilen. Ich war einmal deutschnational. Später habe ich mich als bekennender Christ


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gesehen, dem das Alte Testament als Grundlage des Christentums galt. Dann war ich Nationalsozialist, hatte aber meine eigenen Ansichten. Darauf landete ich im KL Dachau. Nach dem Waffenstillstand 1945 lehnte ich mich an die Sowjets und an die DDR an. In Moskau bekam ich einen sehr schönen Orden. Daß man dort offiziell nichts von der Kirche wissen wollte, machte mir nicht aus. Die Nazis hatten mich ja schon mal eingesperrt, und jetzt wollte ich es besser machen und verbündete mich mit den Roten."

Schulz: "Sie kennen doch sicher die zehn Gebote aus der Bibel, nicht wahr?"

"Werde ich die nicht kennen! Sie gehörten doch zu meinem täglichen Handwerkszeug. Diese genügen, um einen Menschen ein gottgefälliges Leben leben zu lassen. Sie sehen, es ist gar nicht so schwer. Vielleicht sollte man noch hinzufügen: Liebet eure Feinde. Dann kann die Menschheit nicht untergehen. Wer allerdings meint, sich vorbeimogeln zu können, wenn er auch nur eines der zehn Gebote mißachtet, der wird es in der Hölle schwer büßen müssen." Schulz. "Glauben Sie denn immer noch an die Hölle, obgleich Sie jetzt zu einer besseren Erkenntnis gekommen sind?"

"Entschuldigen Sie bitte, ich war eben ein bißchen weggetreten. Ich glaubte, ich stände vor meiner Gemeinde. Entschuldigen Sie nochmals!"

Schulz: "Herr Niemöller, denken Sie einmal an Ihre Zeit in Dachau und gleichzeitig an die zehn Gebote: du sollst nicht lügen und du sollst nicht falsches Zeugnis reden. Ob Sie das zusammen schaffen?"

"Ja, ja, Dachau, das war eine schwere Zeit! - Aber was soll das mit den beiden Geboten?"

Schulz: "Sie haben 1948, am 3. Juli, einen Vortrag gehalten, in welchem Sie folgendes sagten:


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'Ich stand mit meiner Frau vor dem Krematorium in Dachau. An einem Baum vor diesem Gebäude hing ein weiß gestrichenes Kistenbrett mit einer schwarzen Inschrift. Diese Inschrift war ein letzter Gruß der Dachauer Häftlinge, die in Dachau zurückgeblieben waren und am Ende dort von den Amerikanern angetroffen worden waren. Es war ein letzter Gruß dieser Menschen für ihre im Tode vorausgegangenen Kameraden und Brüder, und dort stand zu lesen: Hier wurden in den Jahren 1933 bis 1945 238.756 Menschen verbrannt.' Was ist Wahrheit daran, Herr Niemöller?"

"Lassen Sie mich nachdenken. - Ich glaube, es ist kein Wort wahr daran. Nein, es ist eine glatte Lüge. Es waren ja in den ganzen Jahren insgesamt nicht soviel Menschen in Dachau gewesen. Werde ich denn hier noch nachträglich dafür bestraft?" Schulz: "Bleiben Sie nur Ihrem Glauben treu! Dann sind Sie gestraft genug!"

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