170

29. Wilhem Hoegner (1887-1980), freiwilliger Zuschauer bei den Nürnberger Morden.

Wilhelm Hoegner

Hearst: "Herr Hoegner, mir ist da ein Gerücht zu Ohren gekommen. Sie sollen sich darum beworben haben, bei dem Mord an den Deutschen in Nürnberg teilnehmen zu dürfen. Ich kann es gar nicht glauben. Vielleicht erzählen Sie mir etwas dazu."

"Leider stimmt die Sache. Ich habe mich 1946 freiwillig dazu gedrängt, an der Erdrosselung der in Nürnberg von den Siegern 'Verurteilten' teilzunehmen.

Dafür durfte ich Ministerpräsident von Bayern werden."

Hearst: "Was empfindet man, wenn man auf der Seite der Sieger diese makabere Veranstaltung mitmacht, die eine glatte Mordaktion war? "


171

"Damals spürte ich nur Haß und Genugtuung, als ich die eigenen Leute hängen sah. Ich fühlte mich in der Rolle eines Lustmörders, dem es wohlig über den Rücken läuft, wenn er einen Menschen sterben sieht."

Hearst: "Sie müssen doch aber damals schon erkannt haben, daß es sich allein um Morde an den Unterlegenen handelte."

"Ich und auch einige meiner Freunde waren restlos verblendet. Wir konnten nur noch hassen, wie wir es aus dem Alten Testament kennen. Alles andere war mir egal."

Hearst: "In meinem Vaterland hätte sich kein Mensch zu einer solchen Tat hinreißen lassen. Er wäre sonst sicher gewesen, gelyncht zu werden. Die Bezeichnung als 'Schwein' für Sie wäre eine Beleidigung für diese Tiere!"

"Heute kann ich Sie verstehen. Ich möchte keinem Menschen mehr unter die Augen kommen."

***


Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zum nächsten Kapitel
Zum vorhergehenden Kapitel
Zurück zum Archive