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6. Herbert Frahm alias Willy Brandt (1913 - 1992).

Willy Brandt

"Hallo, Mister Kollege!"

"Kollege? - Ich kann mich nicht erinnern. Ich bitte um Aufklärung!"

"Mein Name ist Hearst, aus den USA. Fällt jetzt der Nickel? Immer noch nicht? Na, überlegen Sie mal: Hearst-Presse!"

"Ja, richtig! Sie sind ja mit diesem komischen Deutschen unterwegs, um hier historische Persönlichkeiten zu interviewen. Aber mich als Ihren Kollegen zu bezeichnen, das ist ja wohl ein bißchen weit hergeholt. Außerdem sind Sie Kapitalist, während ich Sozialist bin. Da scheiden sich die Geister schon mal. - Sie beide wollen mich also befragen. Na wissen Sie, ganz so gern habe ich das eigentlich nicht. Aber hier gibt es ja kein Ausweichen. Also bringen wir's hinter uns!"


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"Ich kenne Sie nur unter dem Namen Willy Brandt. Mein Freund Otto Schulz klärte mich darüber auf, daß Sie eigentlich Herbert Frahm heißen. Mit welchem Namen möchten Sie angesprochen werden?"

"Das ist mir völlig wurscht. Aber an Brandt habe ich mich bereits gewöhnt. Außerdem haben Sie Stalin ja auch nicht mit seinem ursprünglichen Namen angesprochen."

"Well! Wie Sie wünschen, Mister Brandt! Kommen wir zur Sache: Sie haben das Stichwort schon genannt. Sie sind Sozialist. Internationaler Sozialist. Geht denn das überhaupt? Liegt darin nicht schon ein gewisser Etikettenschwindel?"

"Ach so, Sie kommen mit der alten Tour: Ein Familienvater, der nicht die Absicht hat, zuerst für seine Familie zu sorgen, sondern sich gleich um die ganze Menschheit kümmern will, der wird sein Soll für die eigenen Angehörigen niemals erfüllen können, nicht wahr?

Wissen Sie, Mister Hearst, ich wollte damit ja keinesfalls "meine Familie" aus den Augen verlieren. Eigentlich ist mit dem Begriff 'Internationaler Sozialismus' mehr eine Art Schlagwort gemeint, um die Menschen insgesamt auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der Welt aufmerksam zu machen. Das heißt, aufmerksam brauchte man die Menschen erst gar nicht zu machen. Sie spürten bereits am eigenen Leibe die Notlage.

Der Kommunismus hatte, was den Begriff betrifft, bereits vorgebeugt. Die sagten nämlich: Erst wenn wir die ganze Welt beherrschen, können wir an die Verwirklichung des Sozialismus, sprich Kommunismus, gehen. Damit war man aller peinlicher Fragen enthoben."

"Was hat den Kommunismus daran gehindert, in der UdSSR den echten Sozialismus einzuführen?"

"Da müssen Sie schon Stalin und seine Leute fragen!"


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"Okay, aber ich glaube, Sie haben diese durchsichtigen Parolen auch erkannt. Warum haben Sie bei dieser Erkenntnis Ihren Anhängern nicht gesagt, daß die Schiene 'International' gar nicht befahrbar ist?"

"Lieber Mister Hearst, Sie wollen mich aufs Glatteis führen und mich zu einem 'Nationalen Sozialisten' umwandeln. Können Sie sich nicht vorstellen, was meine alten Genossen dann noch von mir halten sollen?! Erstens denken diese Leute kaum über das nach, was sie reden. Und zweitens ist dieser Weg, auf dem so viele Genossen ihr Dasein genießen, so gut eingefahren, daß Sie und ich in den nächsten Generationen nichts daran ändern werden. Wissen Sie, da war der Vater Sozi und der Großvater und der Urgroßvater, und dann noch das gesicherte Leben bei der Gewerkschaft, wenn man dort einen Job gefunden hatte. Man brauchte sich selber nicht mehr die Hände schmutzig zu machen und hatte fürs Leben ausgesorgt. Das sind doch alles so naheliegende Gründe, um jede klare Sicht zu vernebeln."

"Well, Mister Brandt, eigentlich hatte ich ein anderes Thema mit Ihnen vor. Da wir aber bei dem wirtschaftlichen Problem angelangt sind, eine Frage dazu: Was halten Sie von dem ewigen Kampf zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitgebern?"

"Ich verstehe, worauf Sie hinaus wollen. Sie meinen, daß eine Lohnerhöhung einen Preisanstieg im Gefolge hat. Ja, das ist ein wirkliches Problem. Heute denke ich, daß diese Methode der blanke Unsinn ist und im Grunde nur von den Gewerkschaftsbossen immer aufgekocht wird, um die Mitglieder bei der Stange zu halten.

Ich weiß nicht erst seit heute, daß jeder Streik einen Verlust an Volksvermögen bedeutet und damit am Wohlstand aller nagt. Es muß eine unparteiische Schiedsstelle her, um die Lohnfrage zu regeln. Jeder Arbeitgeber muß von Staats wegen angehalten


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werden, im Sinne einer gesunden Volkswirtschaft zu wirken. Hier halte ich rigoroses Durchgreifen für dringend erforderlich, wenn diese Spielregeln nicht eingehalten werden. Auch technische Verbesserungen innerhalb der Betriebe dürfen nicht nur der finanziellen Besserstellung des Betriebes dienen, sondern der gesamten Belegschaft."

"Mister Brandt, Sie werden bei diesen Gedankengängen selbst festgestellt haben, daß sie sich nicht auf internationaler Basis durchführen lassen, nicht wahr?"

"Selbstverständlich kann man das alles nur in einem begrenzten Bereich abwickeln. Wenn man damit gleich die ganze Welt beglücken wollte, käme man so ins Schleudern, daß die Mühe von vornherein umsonst war. Gut, ich will mich von meinem früher so verhaßten Begriff 'National' befreien. Richtiger ist, ich will in einem kleineren Rahmen denken, wobei man dann unweigerlich beim 'Nationalen' hängenbleibt. Also ich wäre dafür, zuerst im eigenen Land für einen besseren Ablauf des Wirtschaftsgeschehens zu sorgen. Später können ja andere Nationen prüfen, ob sie für ihr Volk dergleichen Ideen übernehmen wollen. Aber ob man unsere Beton-Köpfe von der Gewerkschaft zum Umdenken wird bewegen können? Ich sagte schon: es dürfte Generationen dauern."

"Mister Brandt, Sie haben in Ihrer Jugend in Lübeck gelebt. Ich habe einiges über Ihre damalige Zeit gelesen. Man munkelte, Sie seien am Mord eines jungen Nazi beteiligt gewesen. Was ist dran an dieser Geschichte?"

"Wollen Sie das wirklich wissen? Wer weiß denn heute überhaupt noch von dieser Sache? Aber gut, ich will's Ihnen sagen. Ich habe diesen Mord an dem jungen Mann nicht begangen. Bitte, stellen Sie keine weiteren Fragen dazu! Ich will Ihnen aber gestehen, daß wir die Nazis oft verprügelt haben. Wenn heute allerdings in der Welt alle Kinos und das Fernsehen und die Geschichtenschreiber


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davon berichten, daß ausschließlich die Nazis die Raufbolde waren, so ist das ganz einfach gelogen. Ich vergebe mir nichts dabei, wenn ich das eingestehe. Wir hatten damals gemerkt, daß durch die Not der Menschen die Bereitschaft der Massen vorhanden war, auf die Argumente der Nazis einzugehen, weil sie logisch waren. Das hat uns natürlich überhaupt nicht geschmeckt. Da haben wir lieber auf Diskussionen verzichtet und dreingeschlagen. Aber Sie dürfen nicht übersehen, daß sich die Kerle ja gewehrt und ebenfalls zurückgedroschen haben."

"Ich habe mir sagen lassen, daß damals in Lübeck in kurzer Zeit, als Sie ein aktiver Schläger waren, mehrere Nazis ermordet wurden, aber es gab keinen Toten bei den Linken. Ist das so?"

" - Sie mögen recht haben. - "

"Erlauben Sie, Herr Hearst, daß ich ein paar Fragen stelle. Ich habe nämlich den Eindruck, als wenn hier versucht wird, an der Wahrheit vorbeizureden?"

"Aber bitte, Mister Schulz, übernehmen Sie!"

"Herr Brandt, zwar wollen Sie nichts weiter über den Mord an dem Lübecker SA-Mann Willi Meinen im Jahre 1932 sagen, und Sie bestreiten auch, der Mörder zu sein. Wie stehen Sie aber zu der Frage, ob es auch eine geistige Urheberschaft zu einem Mord geben kann?"

"Ja, Herr Schulz, da schneiden Sie eine Frage an, die man ganz allgemein wohl mit 'ja' beantworten kann. Aber ich muß schon sagen, ich sehe keinen Zusammenhang mit dem Tod dieses Nazis in Lübeck im Jahre 1932. Was soll also Ihre Frage?"

"Nun, Herr Brandt, Sie werden von Ihren eigenen Genossen als besonders scharfer Hetzer geschildert. Vielleicht haben Sie uns mehr zu sagen, wenn Sie darüber nachdenken?"


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"Da brauche ich gar nicht weiter nachzudenken. Sie wollen mir etwas anhängen, was nicht auf mein Schuldkonto gehört. Was soll also der ganze Quatsch?"

"Herr Brandt, machen Sie es uns und sich selbst nicht so schwer. Sie wissen doch, hier kommt man nicht um die Wahrheit herum. Haben Sie nicht sogar in einem literarischen Werk Ihre persönliche Neigung zu Grausamkeiten dokumentiert?"

"Lassen Sie mich mit diesem Unsinn in Ruhe. Wo soll es denn ein solches Werk von mir geben?"

"Der Titel Ihres Buches lautet "Verbrecher und andere Deutsche". Können Sie nicht, oder wollen Sie sich daran nicht mehr erinnern? Sagen Sie es uns klipp und klar, und zitieren Sie auch ruhig ein paar Stellen, die Ihren Charakter spiegeln!"

" - Meine Herren, ich war der Meinung, dieses Buch sei aus allen Bibliotheken verschwunden. Ich konnte nicht ahnen, daß Sie über den Inhalt informiert sind. - Heute schäme ich mich, so etwas geschrieben zu haben. Ersparen Sie mir, die von Ihnen gewünschten Zitate zu bringen."

"Ist denn der Text so schlimm, Mister Brandt?"

"Mister Hearst, er ist schlimm! Sollte Herr Schulz in der Lage sein, etwas daraus vorzutragen, so soll er es tun, damit ich es hinter mich bringe!"

"Herr Brandt, Sie haben geschrieben: 'Ich habe niemals eine Begeisterungfür Todesurteile aufarbeiten können. Aber so, wie die Welt, in der wir nun einmal leben, war, rechnete ich damit, daß es notwendig werden würde, eine ganz große Anzahl wertloser nationalsozialistischer Leben auszumerzen.'"

"Aber Mister Brandt, das ist ja ungeheuerlich! Damit stehen Sie ja auf der Stufe von Stalin und Ulbricht! Das haben wir in den USA nicht für möglich gehalten."


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"Darf ich Sie unterbrechen, Mister Hearst. Da Sie Stalin und Ubricht erwähnen: Herr Brandt lag genau auf ihrer Linie! Er lobte den völkerrechtswidrigen Partisanenkampf gegen deutsche Soldaten und sagte wörtlich: 'Die 35 Jahre alten Völkerrechtsregeln bieten keinen haltbaren Boden mehr für die Beurteilung der Kriegsfuhrung unserer Tage.'

"Herr Brandt wollen Sie jetzt hoch bestreiten, der geistige Vater solcher Morde zu sein, wie sie zu Ihrer Zeit in Lübeck geschehen sind?"

*

"Sagen Sie mal, Mister Schulz, ist dieser Brandt eigentlich normal?

Wenn ich darüber nachdenke, dann paßt er doch genau in die Erden-Zeit! Catch as catch can! Wie im richtigen Leben!"

"Ich hätte ihn noch mehr fragen können, aber er hat mich mit seiner arroganten Art angewidert. Suchen wir uns lieber einen anderen Gesprächspartner, Mister Hearst! Was halten Sie von Dr. Goebbels, den früheren Reichspropagandaminister?"

"Ausgezeichnet! Aber es gibt einen Haken. Mister Ford hat mich gebeten, bei diesem Interview dabeizusein. Er hält diesen Mann für einen der interessantesten, die es je gegeben hat."

"Das freut mich! Gehen wir morgen also zu dritt an die Arbeit!"

***


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