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8. Knut Hamsun (1859 - 1952) und sein Biograph.

Knut Hamsun

"Herr Hamsun, Sie sind ein weltberühmter Schriftsteller, von dem, anders als bei vielen politischen Größen, ... Ich sehe Sie winken ab. Warum?"

"Ich glaube, Sie übertreiben. Der Ruhm ist vergänglich, wie alles in der Welt. Und das meine ich wirklich so. Irgendwie mag diese Erkenntnis uns traurig machen. Ich meine, man sollte nicht allzuviel darüber nachdenken. Wenn die Menschen doch nur in der Lage wären, aus ihrem irdischen Dasein das zu machen, was ihnen die Natur an Möglichkeiten bietet: Bescheiden bei der Wirklichkeit bleiben und nicht versuchen, künstlich erzeugte Vorteile herauszuschinden. Das wäre, meine ich, die Aufgabe, die jedem einzelnen Erdenbürger zukommt. Das wäre Natur in Reinheit! Sie, wie ich, haben hier die Erkenntnis gewonnen, daß die Lüge das größte Übel auf der Erde ist. Zwar glauben viele Menschen, wenn


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sie ausgiebig von den Vorteilen der Lüge Gebrauch machen, ihr eigenes Leben besser gestalten zu können. Aber sie werden dann um so mehr die Enttäuschung wahrnehmen, ihr Leben verpfuscht zu haben. Wann aber werden die irdischen Bewohner dies begreifen? Soll man Optimist sein?

Entschuldigen Sie, meine Herren, wenn ich mir etwas von der Seele geredet habe. Ich will Ihre Absicht nicht durchkreuzen. Stellen Sie bitte Ihre Fragen!"

"Herr Hamsun, wir hatten uns Ihnen vorgestellt. Ich als Deutscher habe eine besondere Verbindung zu Ihren Werken und Ihrem Leben. Sie wissen, daß Sie einen Biographen haben. Er ist Engländer. Was er zu Ihren literarischen Arbeiten sagt, ist einwandfrei und sehr positiv. Erst im letzten Teil, wo es um Ihre politischen Ansichten geht, kommt er zu Schlüssen, die, na ja, sagen wir mal, eine besondere Note aufzeigen. Eine genauere Stellungnahme durch mich möchte ich vermeiden. Wir sind sehr daran interessiert zu hören, was Sie dazu sagen."

"Für mich ist dieser Teil der Biographie sehr amüsant. Meine lieben Norweger wußten nicht so recht, was sie nach 1945 mit mir machen wollten und vielleicht auch sollten. Auf der einen Seite war ich ihnen als literarisches Aushängeschild willkommen, auf der anderen Seite aber paßten ihnen meine politischen Ansichten nicht. Übrigens ist das eine häufige Methode derjenigen, die das Wort 'demokratisch' zu ihrer Waffe mißbrauchen, um gegenteilige Meinungen zu unterdrücken.

Also, meine lieben Landsleute bestellten erst einmal ein paar Psychiater, die feststellen sollten, daß ich einerseits ein ganz passabler Schriftsteller gewesen sei, den man auch auf der nationalen Ebene vorzeigen konnte, daß ich aber andererseits so ein bißchen meschugge geworden war, besonders in Fragen der Politik. Diesen Braten konnte man meilenweit gegen den Wind


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riechen. Was blieb mir also übrig? Ich spielte mit und brachte die beiden Herren so manches Mal zum Schwitzen. Hätte ich etwa versuchen sollen, diese Herren, und damit ihre Auftraggeber, von meinen Ansichten zu überzeugen? In Fragen der Politik ist es doch oft genug so, wie mit dem Glauben an eine Religion. Ich bin mir heute noch nicht sicher, ob sie ihre Arbeit an und mit mir wirklich ernstgenommen haben.

Aber lassen wir diese Gelehrten beiseite. Bald kommt bei meinem freundlichen Biographen das zum Vorschein, was er bei mir bemängelt, nur mit anderem Vorzeichen. Während ich meine Abneigung gegenüber den Engländern, was ihre Weltpolitik betrifft, begründe, läßt Mister F., als Engländer, seiner Abneigung gegen meine politischen Erkenntnisse freien Lauf. Nun, das ist sein gutes Recht. Leider geht er aber nicht auf meine Gründe ein. Warum nicht? Weil er eben Engländer ist, wie ich sie, die politisch Maßgeblichen, geschildert habe: Herrisch, arrogant, mit angeblichen Vorrechten ausgestattet, anmaßend, wenn andere ihre Interessen vertreten, imperialistisch und brutal gegen Unterlegene; siehe Indien!

Zurück zu meinem Mister F. Er spricht von mir, vom Faschismus und von Hitler. Ja, meine Herren, das sollte doch ein Autor wissen, wenn er sich auf solches Glatteis begibt: In Deutschland gab es keinen Faschismus, sondern den Nationalsozialismus. Alle, die sich gar nicht darum bemühen wollen, klar zu analysieren, die werfen alles in einen Topf und bleiben bei Schlagworten. Nur ist es dann eine Frage, ob man mit diesen Leuten ernsthaft über die Probleme reden kann, wenn die Voraussetzungen nicht stimmen. 'Hamsuns Faschismus', wenn ich das schon höre! Lohnt es überhaupt, Ihre Fragen zu beantworten, meine Herren?"

"Herr Hamsun, lassen Sie uns doch noch dabei verweilen. Was hat Sie außerdem gestört oder amüsiert?"


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Da zitiert Mr. F. Thomas Mann, um damit wohl zu beweisen, daß ich mit meinen Ansichten auf dem Holzweg war: Mann hat geschrieben: ' ... wird 1933 zu einer sehr politischen Position und wirft einen dunklen, unglücklichen Schatten über Hamsuns Ansehen als Dichter und Schriftsteller'. Kann man nicht folgerichtig den Spieß umdrehen und von der NS-deutschen Seite das gleiche von Thomas Mann sagen? Also, wieder einmal macht sich ein Mensch lächerlich, wenn er sich aufs politische Parkett begibt, um Elemente zu vermischen, die nicht mischbar sind. Mr. F. bemängelt meine Sympathien gegenüber Deutschland, obgleich' ... im Januar 1933 die mißbilligende Aufmerksamkeit gewisser Kreise der internationalen Gemeinschaft zu erregen begannen ... '. Ja, meine Herren, er nennt aber die 'gewissen Kreise' nicht! Ein ehrlicher Mensch müßte Roß und Reiter beim Namen nennen. Das tut er nicht. Und das ist die typisch englische Art: unfair!

Er erwähnt dann den Fall Carl von Ossietzky. Dieser Mann wird als politisches Objekt benutzt, um dem Deutschen Reich Schaden zuzufügen. Wer war Ossietzky? Herausgeber einer kommunistischen Zeitschrift. Er wollte Pazifist sein, ein Mann also, der gegen jede Gewalt, gegen Waffen und gegen Krieg eintrat. Die Frage zwingt sich auf: War er es unbedingt? Nein! Das war er eben nicht! Er war nur für die Abrüstung, soweit es Deutschland betraf. Deutschlands Feinde dagegen sollten weiterhin aufrüsten und notfalls auch einen Krieg führen. Daß sich bei einer solchen Lage der gesunde Menschenverstand meldet und deutlich sagt: hier stimmt etwas nicht! das ist doch klar! Mein besorgter Biograph scheint blind gewesen zu sein. Oder war es die bereits erwähnte Arroganz des Engländers, solche Tatsachen erst gar nicht zur Kenntnis zu nehmen? Ja, meine Herren, wie soll man mit einem Blinden über Farben streiten?


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"Was hat Ossietzky nun speziell mit Ihnen zu tun?"

"Nur indirekt. Ossietzky sollte nämlich mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet werden. Und die Basis war allein die antideutsche Einstellung dieses Literaten, die vom Ausland ausgenutzt wurde, um es dem Deutschen Reich vor aller Öffentlichkeit wieder einmal zu geben. Allein aus meinem Rechtsempfinden heraus, habe ich mich dagegen gewehrt. Ich kann es Ihnen auswendig hersagen, was ich damals schrieb: Wenn nun Herr Ossietzky statt dessen versuchte, in dieser bedeutungsvollen Übergangsphase mit anzufassen, in der die ganze Welt den Verantwortlichen dieses großen Volkes, dem er angehört, die Zähne fletscht? Was will er überhaupt? Ist es die deutsche Wiederbewaffnung, gegen die er als Friedensfreund zu demonstrieren versucht? Möchte dieser Deutsche lieber, daß sein Land in der Gemeinschaft der Nationen unterdrückt und gedemütigt bleibt, dank der Gnade Frankreichs und Englands?"

"Wo schreibt Mr. F. noch etwas gegen Ihre politische Haltung?"

"Es ging um das Saargebiet. Es wurde von den Franzosen gegen jedes Völkerrecht und gegen das Versprechen Wilsons besetzt, während das Deutsche Reich das ganze Saarland unter seiner Hoheit haben wollte. Ich trat für das Recht Deutschlands ein und schrieb etwa dies: 'Wenn das deutsche Saarland mit dem Mutterland wieder ganz vereint ist, dann wird eine Irritation zwischen den Völkern beseitigt sein. Eine neuerliche Irritation wird sich ergeben, wenn die französische Politik - mit Billigung Englands - erneut versucht, Deutschland in fast dauernder Demütigung zu fesseln.'

Nun, meine Herren, was soll daran zu beanstanden sein? Ja, richtig, England hatte da andere Maßstäbe. Wenn es um seine Interessen ging, beanspruchte man sogar Indien mit einer völlig fremden Bevölkerung! Wenn es aber um ethnische Rechte eines anderen


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Volkes ging, in diesem Falle Deutschlands, spielte man in der Welt den Entrüsteten. Da sehen Sie, meine Herren, von wieviel Raffinesse die Welt beherrscht und von wieviel Dummheit dies toleriert wird!

Ich möchte Ihnen noch eine ganz kleine Kostprobe britischer Art vermitteln. Da schreibt Mr. F., die Engländer hätten sich Hitler freundlicherweise entgegenkommend gezeigt, als sie das Flottenabkommen zwischen beiden Ländern angeboten haben. Merken Sie da einen ganz kleinen falschen Zungenschlag? Der aufmerksame Beobachter von damals weiß nämlich, daß die Anregung zu diesem Flottenabkommen von Hitler ausging. Sein Entgegenkommen sah so aus, daß er mit einem Verhältnis von 100 zu 35 einverstanden war. Damit bot Deutschland seine Unterlegenheit auf den Weltmeeren an.

Noch etwas ist deutlich, wie weit die Ansichten des Mr. F. und meine auseinandergehen. Ich habe erkannt, daß die Norweger bereit waren, sich den Vorrechten der Engländer, soweit dies die Nordsee betraf, zu beugen. Sie waren bereit, sich im Ernstfalle für Englands Interessen zu opfern. Mit welchem Recht, frage ich Sie, soll das geschehen? Mit dem Recht des Stärkeren? Wo bleibt da das sonst hinausposaunte Völkerrecht? Ja, England spielte auf allen Instrumenten der politischen Heuchelei. Und wir, die Norweger, sollten uns das gefallen lassen? Nie und nimmer! Also bin ich dagegen sturmgelaufen. Das kreidet man mir an! Und dieser Mr. F. vermutlich auch. Aber im Gegensatz zu ihm, nehme ich ihm seine Haltung nicht übel. Ich bin über Jahrzehnte trainiert, britische Weltanschauung zu verdauen. Im übrigen waren wir ja Zeugen, als das britische Weltreich unterging. Sie könnten es heute noch haben, wenn sie in ihrer Verbohrtheit nicht das falsche Schwein geschlachtet hätten.


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Meine Herren, verzeihen Sie, wenn ich um Beendigung dieses Interviews ersuche. Sie sehen, daß mir das Sprechen schwerfällt."

"Aber selbstverständlich, Herr Hamsun. Sie werden beobachtet haben, mit - welch großem Interesse wir Ihren Ausführungen folgten. Gerade als Deutscher möchte ich Ihnen für Ihre aufrechte Haltung danken! Ich schließe mich Ihren nordischen Gefühlen ganz und gar an. Wir danken Ihnen für dieses Gespräch, Herr Hamsun!"

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