Kapitel III
Lebensbedingungen

1. Der ›provisorische Charakter‹ des Lagers
und dessen Auswirkungen für die Häftlinge

Wie wir im ersten Kapitel dargelegt haben, verlief die Geschichte des Konzentrationslagers Majdanek ungemein chaotisch. Von einer klaren und konsequent betriebenen Entwicklung konnte überhaupt nicht die Rede sein, da sich die Funktion des Lagers immer wieder änderte. Majdanek blieb bis zuletzt ein Provisorium.

Dieser Umstand war aufmerksamen Beobachtern nicht verborgen geblieben. In einem aus dem Jahre 1943 stammenden Bericht der polnischen Widerstandsbewegung, den wir später zitieren werden, hieß es, das fehlende Interesse seitens der deutschen Behörde zeige, daß die Situation in Majdanek provisorischer Natur sei. Für die Häftlinge hatte dieser Umstand höchst konkrete Folgen - die eine oder andere positive, aber bedeutend mehr negative.

Positiv konnte sich für sie auswirken, daß es streckenweise in Majdanek nicht genug Arbeit für alle Häftlinge gab. Wie wir im letzten Kapitel gesehen haben, war beispielsweise am 9. Dezember 1943 von 4.466 Häftlingen des »Schutzhaftlagers« 537 zwar gesund, jedoch unbeschäftigt.

Ein weiterer Vorteil, den das »fehlende Interesse seitens der deutschen Behörden« - um den Ausdruck der Widerstandsbewegung zu gebrauchen - für die Internierten mit sich brachte, war die Leichtigkeit, mit der Botschaften mit der Außenwelt ausgetauscht werden konnten.

Zumindest zeitweise bestand für die Inhaftierten die Möglichkeit der legalen - selbstverständlich einer Zensur durch die Lagerbehörden unterworfenen - Korrespondenz mit ihren Angehörigen[140]. Abgesehen von dieser florierte der Austausch von Briefen und Kassibern auf illegalem Weg, wobei die Lagerbehörden ganz offensichtlich keine ernsthaften Versuche unternahmen, ihn zu unterbinden; allem Anschein nach ließ die Sache sie herzlich gleichgültig. Józef Marszałek schreibt dazu:

»Beim Ausbau Majdaneks, der im Frühling 1942 begann, erschienen auf seinem Terrain gegen zwanzig [ungefähre Wiedergabe des polnischen »kilkanaście«] Baufirmen, die aus der Stadt kommende Zivilarbeiter beschäftigten. Im Leben des Lagers spielten sie eine so ungewöhnlich bedeutsame Rolle wie in keinem anderen Lager außer Auschwitz. Sie wurden nämlich zur geheimen Brücke zwischen den Häftlingen und deren Familien, Untergrundorganisationen, hilfsbereiten Mitbürgern und karitativen Organisationen. Sie teilten den Familien einzelner Häftlinge mit, daß diese im Lager weilten, und überbrachten von den Familien Lebensmittel, Medikamente und - das wichtigste von allem - Kassiber [...]. Mit der Vermittlung von Informationen von der Außenwelt ins Lager und umgekehrt befaßten sich die Mitarbeiter des Polnischen Roten Kreuzes [...]. Als ›Lagerbriefträger‹ waltete der junge, außergewöhnlich schneidige Ludwik Jurek, der die Pakete vom Roten Kreuz überbrachte. Er übernahm Kassiber und leitete sie diskret weiter. Janina Suchodolska, die über die Lieferung von Suppe [...] wachte, schmuggelte die Untergrundpresse, politische Informationen, Kassiber und Geld ins Lager. Während sie in Gegenwart von SS-Männern die mitgebrachte Suppe sowie klug verborgenes Geheimmaterial verteilte, gelang es ihr, auf den einzelnen Feldern mit einem Flüstern die Häftlinge zu fragen, was sie auf dringendsten benötigten, ob sie jemandem etwas ausrichten solle [...], sogar politische Informationen gelang es ihr weiterzugeben«[141].

Hier strapaziert Marszałek die Gutgläubigkeit seiner Leser allzu arg: Die SS-Leute waren gewiß keine Blinden, in deren Gegenwart man »klug verborgenes Geheimmaterial verteilen« konnte, ohne daß sie etwas merkten. Der einzig mögliche Schluß ist, daß ihnen die Verbreitung des »Geheimmaterials« egal war.

Diese offensichtliche Gleichgültigkeit der Verwaltung gegenüber dem Treiben im Lager hatte jedoch eine fatale Kehrseite: Sie verhielt sich auch gegenüber rohen Übergriffen der Wachmannschaft gegenüber den Gefangenen indifferent.

Wie ein roter Faden ziehen sich die Schilderungen grausamer Mißhandlungen der Häftlinge bis hin zum willkürlichen Mord durch die offizielle Majdanek-Literatur. Grundlage dafür bilden Aussagen ehemaliger Insassen des Lagers.

Nun gibt es gute Gründe zur Annahme, daß diese Berichte zumindest teilweise stark übertrieben sind. Wer Majdanek hinter sich gebracht hatte, empfand selbstverständlich tiefen Haß auf die SS, die ihn unter unwürdigsten Umständen seiner Freiheit beraubt hatte, und neigte deshalb fast zwangsläufig dazu, deren Brutalität in den schaurigsten Farben zu schildern. Zudem ist der Hang zur Dramatisierung schlimmer Erlebnisse ein allgemein menschlicher Zug.

Der französische Widerstandskämpfer und Sozialist Paul Rassinier, Häftling der Lager Buchenwald und Dora-Mittelbau, gab einem Buch über seine Lagerzeit, in dem er sich kritisch mit den Erzählungen seiner früheren Mithäftlinge auseinandersetzte, denn auch den Titel Le Mensonge d'Ulysse - Die Lüge des Odysseus - und spielte damit auf den ›frommen Lügner‹ Odysseus an, der zu den hundert tatsächlich erlittenen Qualen noch tausend andere dazuerfand.

Den Behauptungen der Augenzeugen muß deswegen zunächst einmal mit Vorbehalt begegnet werden. Wenn beispielsweise ehemalige Majdanek-Insassen berichten, der SS-Mann Arthur Gossberg habe in betrunkenem Zustand ›Wilhelm Tell‹ gespielt, Häftlingen Äpfel auf den Kopf gelegt und dann mit der Pistole darauf geschossen, oder der SS-Mann Anton Thumann sowie der Arzt Heinrich Schmidt hätten zum Spaß durch die Fenster ins Frauenkrankenhaus gefeuert[142], so dürfte es sich zweifellos um reine Greuelpropaganda handeln. Die Wilhelm-Tell-Legende ist auch über den in Auschwitz stationierten Deutschen Gottfried Weise verbreitet worden[143], und die Mär von den zum Ulk in ein Krankenhaus schießenden SS-Leuten erinnert fatal an jene Szene in Steven Spielbergs Hollywood-Schnulze Schindlers Liste, wo der Regisseur den Kommandanten des Arbeitslagers Płaszów, Ammon Göth, zum Zeitvertreib vom Balkon seiner Villa aus Häftlinge abknallen läßt. Mit seriöser Geschichtsschreibung haben dergleichen morbide Phantastereien freilich nichts zu tun.

Im Prinzip war die Mißhandlung von Gefangenen den SS-Leuten aufs strengste untersagt. In Auschwitz mußten alle SS-Angehörigen eine Verpflichtung unterschreiben, jede körperliche Schädigung von Häftlingen unter Androhung schwerster Strafen zu unterlassen[144]. Obschon uns aus Majdanek keine entsprechenden Dokumente bekannt sind, vermuten wir, daß die Reglement dort dieselben waren.

Doch oft genug stehen Regeln nur auf dem Papier. Wir hegen keinen Zweifel daran, daß Mißhandlungen in Majdanek tatsächlich weitverbreitet waren. Ein Indiz unter vielen dafür liefern die im Gegensatz zu anderen, ganz unglaubwürdigen Zeugenaussagen wohltuend sachlich und objektiv wirkenden Erinnerungen des Norwegers Erling Bauck, der in einem Außenkommando Majdaneks arbeitete. Wenn ein durchwegs nüchtern und ohne Hang zur Dramatisierung berichtender Zeuge wie Bauck, der Gerüchte stets ausdrücklich als solche bezeichnet, schreibt, ein Rapportführer habe die Häftlinge ständig mit der Peitsche geschlagen[145], so sehen wir wirklich keinen Grund, dies für eine Ausgeburt dichterischer Phantasie zu halten.

Es besteht also Anlaß zur Vermutung, daß Grausamkeiten gegenüber Häftlingen in Majdanek als Folge der Gleichgültigkeit der Lagerverwaltung häufig vorkamen, aber nicht das behauptete Ausmaß erreichten. Mehr läßt sich mangels Dokumenten zu diesem Thema kaum sagen.

Auch über die Anzahl der im Lubliner Lager durch Erschießen oder Erhängen vollzogenen Hinrichtungen können wir in Ermangelung jeglichen dokumentarischen Quellenmaterials nicht mehr festhalten, als daß sie sicherlich hoch war, zumal nicht nur Häftlinge, die wegen wirklicher oder angeblicher Vergehen im Lager selbst zum Tode verurteilt worden waren, dort hingerichtet wurden, sondern auch außerhalb des Lagers zum Tode verurteilte Widerstandskämpfer zur Exekution nach Majdanek (oder in den nahegelegenen Wald von Krepiec) geschickt wurden.

Ausschlaggebend dafür, daß es sich bei Majdanek zumindest zeitweise um das übelste aller NS-Konzentrationslager handelte, waren wohl weder die Häftlingsmißhandlungen - deren Umfang sich nicht feststellen läßt - noch die Hinrichtungen, die es natürlich auch in anderen Lagern gab, sondern die bis Anfang 1943 fürchterlichen und von jenem Zeitpunkt bis zum Herbst desselben Jahres immer noch schlechten hygienischen Verhältnisse, die unvermeidlicherweise Epidemien auslösten und so die ungeheuer hohe Sterblichkeit im Lubliner Lager bewirkten. Auch dies war eine Folge des ›provisorischen Charakters‹ dieses Lagers: Wie wir gesehen haben, wurde der Anschluß Majdaneks an die städtische Kanalisation durch Kompetenzgeplänkel zwischen verschiedenen Instanzen lange verzögert und, als er glücklich beschlossen war, in langsamem Tempo betrieben.

2. Hygienische Verhältnisse und Krankheiten

Wo Menschen auf engem Raum zusammenleben, wächst die Seuchengefahr. Epidemien, vor allem der von der Laus übertragene Flecktyphus (auch Fleckfieber genannt), waren der Hauptgrund für die streckenweise enorm hohe Sterblichkeit in den NS- Konzentrationslagern.

Freilich bestanden zwischen den einzelnen Lagern in bezug auf Hygiene und ärztliche Versorgung große Unterschiede. Davon zeugen allein schon die oft für denselben Zeitraum extrem differierenden Sterblichkeitsraten.

Aufschluß über diese vermittelt besonders der vom 30. September 1943 stammende Rapport des SS-Obergruppenführers und WVHA-Chefs Oswald Pohl an Heinrich Himmler[146], in dem es um zur Verringerung der Sterblichkeit in den Konzentrationslagern getroffene Maßnahmen und deren Auswirkungen ging. Pohl vermeldete seinem Vorgesetzten, durch Verbesserung der hygienischen Verhältnisse sowie der Ernährung und Bekleidung der Gefangenen sei es gelungen, die monatliche Sterblichkeit in den Lagern von 10% (!) im Dezember 1942 auf 2,09 Prozent im August 1943 zu senken.

Wie aus dem Dokument PS-1469 ersichtlich ist[147], starb im August 1943 im niederländischen KL Hertogenbosch kein einziger von 2.500 Häftlingen, im KL Riga nur einer von 3.000, in Dachau fanden von 17.500 Internierten 40 den Tod (was einer Sterberate von 0,25% entspricht). Die mit Abstand höchsten Todesquoten hatte das KL Lublin zu verzeichnen: 7,67% bei den Männern sowie 4,41% bei den Frauen. (Zum Vergleich: In Auschwitz betrug die Sterblichkeit bei den Männern in jenem Monat 3% und bei den Frauen 3,61%.)

Der Hauptgrund für die abnorm hohen Todesraten im Lubliner Lager waren, wie bereits angetönt, die katastrophalen sanitären Bedingungen.

Im Sammelband Majdanek 1941-1944 widmet Zofia Murawska den sanitären Zuständen im Lager mehrere Seiten[148]. Das von ihr skizzierte Bild sieht wie folgt aus:

Obgleich sich diese Aussagen vor allem auf Augenzeugenberichte stützen, dürften sie durchaus der Realität entsprechen; sie werden auch durch deutsche Dokumente bestätigt. Zwei dieser Dokumente wollen wir nun zitieren, das erste auszugsweise, das zweite vollständig.

Am 20. Januar 1943 schrieb der SS-Hauptsturmführer Krone in Anschluß an eine Dienstreise nach Lublin einen Rapport, in dem er folgendes festhielt:

»1. Wasserversorgung

Der Anschluß an das Leitungsnetz der Stadt Lublin ist fertiggestellt. Ebenso sind sämtliche wasserverbrauchenden Einrichtungen wie Küche, Bad, Wäscherei und das Krematorium angeschlossen. Zur Zeit bestehen daher im KGL keine Wasserschwierigkeiten. An den Anschlüssen für die Wasch- und Abortbaracken wird gearbeitet.

Der auf Drängen des Lagerkommandanten aus Sicherheitsgründen verlangte Einbau von Wasch- und Abortanlagen in sämtlichen Wohnbaracken ist durchführbar. Die Materialbeschaffung ist bereits in die Wege geleitet.

Die Anschlüsse für die Unterkünfte der Kommandantur und Waschbataillons sind ebenfalls fertiggestellt und [es] wird an den Inneneinrichtungen gearbeitet [...]

5. Hygienische Anlage

Die zur Zeit vorhandene Entlausungs-, Desinfektions- und Badeanlagen reichen für die augenblickliche Belegung von rund 5.000 Häftlingen aus. Nach Angaben des Lagerkommandanten ist jedoch in Kürze mit einer stärkeren Belegung zu rechnen. Dem Amt C III stehen zur Zeit einige Dampfdesinfektionsapparate [zur Ungeziefervernichtung] zur Verfügung und [es] ist veranlaßt, daß sofort 3 größere Anlagen zum Versand kommen.

Die Trennung der Entlausungsanlage in eine reine und unreine Seite ist durchgeführt.

6. Wäschereianlagen

Im KGL besteht zur Zeit nur eine Handwäscherei. Diese Anlage ist für eine hygienisch einwandfreie Reinigung der Wäsche und Bekleidungsstücke als unzureichend anzusehen.

Der Kommandant des KGL Lublin wies besonders auf diesen Zustand hin und betonte, daß eine Bekämpfung des Fleckfiebers, das besonders in letzter Zeit bei den SS-Angehörigen in verstärktem Maße aufgetreten ist, zur Zeit sind etwa 40 SS-Angehörige an Fleckfieber erkrankt, nur durch eine einwandfreie Reinigung der Wäsche möglich ist. [...]

In den nächsten Wochen werden bei der Firma Poensgen, Düsseldorf, 4 Klein-Wäschereien, bestehend aus je 1 Maschine, 1 Zentrifuge, 1 Mangel, die für Polizeistützpunkte im Osten vorgesehen waren, bereitgestellt werden. Diese Kleinanlagen sollen dann nur für die Wäsche der Angehörigen der Kommandantur [und] des Wachbataillons verwendet werden«[149].

Zwei Monate später, am 20. März 1943, verfaßte der SS-Untersturmführer Birkigt im Anschluß an eine am 23. und 24. Februar vorgenommene Inspektion einen Rapport über die sanitäre Verhältnisse in Majdanek, in dem er schrieb:

»A) Jetziger Zustand (Belegschaft rund 7.000 Häftlinge)

1. Der Krankheitszustand beträgt zur Zeit knapp 10%. Für die über 600 Kranken, davon rund 200 chirurgische Fälle (Erfrierungen, usw.) stehen 3 Krankenbaracken im Feld I zur Verfügung. Dieses Feld wird als Musterfeld bezeichnet. Die Krankenbaracken sind von den Wohnbaracken des Feldes I lediglich durch einfachen Stacheldrahtzaun getrennt. Die Krankenbaracken werden in Bezug auf Wäsche, Essen usw. von den Einrichtungen des Feldes I versorgt, haben also keine eigene Küche, Wäscherei, Desinfektionsanstalt usw. Jede der Krankenbaracken ist zur Zeit mit über 200 Kranken belegt. Durch die dreistöckige Belegung sind die Baracken übervoll ohne ordnungsgemäße Lüftungsmöglichkeit.

2. Bisher waren nur Trockenaborte und zwar in jedem Feld in einer besonderen Baracke am Ostende untergebracht. Der Kot wurde auf die westlich gelegenen Felder gefahren. Seit Herbst vor. Js. ist eine Schleusenanlage verlegt, die durch einen 60Ør Kanal in die städtische Kanalisation mündet. Von dieser Schleuse fehlen noch 2 Strang für Feld V, die wegen eintretenden Frostes nicht mehr verlegt werden konnten.

Durch Bauleitung und Kommandantur wurden an den verschiedenen Stellen über den Schleusensträngen Abortgruben mit 1-2 Sitzen gebaut, um die Schleuse noch vor Fertigstellung der geplanten Wasseraborte benutzen zu können. Die endgültige Planung sieht im Ende jeder Unterkunftsbaracke je 8 Standklosetts mit Ringspülung vor [... es folgt eine unleserliche Stelle].

3. Waschgelegenheiten in den Baracken oder Waschbaracken sind bisher nicht vorhanden. Die Häftlinge sollen sich in Waschschüsseln oder Eimern mit vom Brunnen geholtem Wasser waschen. Eine neuverlegte Wasserleitung ist fertiggestellt und an das städt. Netz angeschlossen. Der Druck ist sehr schwach, da das städt. Wasserwerk mit der einen in Gang befindlichen Pumpe täglich nur 8.000 Kubik schaffen soll. Eine Reservepumpe ist vorhanden, aber nicht in Ordnung.

Geplant ist im Endteil jeder Unterkunft eine Waschanlage mit 2 Waschbaracken (ca. 20-24 Waschplätze) oder mit Waschrinnen (ca. 40-50 Waschplätze). Für die Übergangszeit ist am Ostende jedes Barackenfeldes zur Zeit in der Kotbaracke eine Waschanlage mit Holzrinnen erstellt, die aber auch für den Übergang keine ausreichende Lebensdauer besitzen dürfte. Die Fertigstellung dieser provisorischen Waschräume ist bis 3.3. 1943 befohlen. Die Arbeiten dürften in ihrer Gesamtheit jedoch nicht vor Ende März fertiggestellt sein, da es anscheinend an Montagewerkzeug und an Facharbeitern mangelt.

4. Zur Zeit geschieht die einzige wirksame Körperreinigung für Häftlinge durch abteilungsweises Baden (Brausen) in Verbindung mit der Körperdesinfektion mit Aquazitbad in den beiden Desinfektionsbaracken. Jede Desinfektionsbaracke hat 40 Duschen. Nach Auskunft des Lagerarztes und SDG [Sanitätsdienstgehilfen] sollen täglich 240-520 Häftlinge durch die Desinfektion geschleust werden können.

B) Das KL soll auf 25.000 Mann vergrößert werden

1. Das Krankenrevier muß genügende Größe erhalten und für den Seuchenfall elastisch ausdehnungsfähig sein. Es muß weiterhin durch Quarantänestreifen von dem übrigen Lager getrennt sein und eigene Versorgungsanlagen (Küche, Wäscherei, Desinfektion usw.) erhalten.

Rechnet man im Normalfalle mit einer Krankenzahl von 3 v.H., so müssen Krankenbaracken als dauerndes Revier für rund 750 Häftlinge vorhanden sein. Im Seuchenfall müßten zu diesem festen Krankenrevier so viel Baracken zugeschlagen werden können, daß 10% der Häftlinge in Kranken- bezw. Quarantänebaracken untergebracht werden können, also 2.500 Mann Fassungsvermögen.

Um die zusätzlichen Krankenbaracken im Normalfall als Unterkunft verwenden zu können, müßten diese einzeln oder zu zweit durch Quarantänestreifen voneinander getrennt sein, so daß sie von Fall zu Fall dem Revier zugeschlagen werden können.

2. Die Waschgelegenheit für die Häftlinge und die Abortanlagen müssen vordringlich, so wie sie geplant sind, gebaut werden.

3. Die Desinfektionsanstalt muß auf die Größe des zukünftigen Lagers vergrößert werden und muß ordnungsgemäß ausgebaut werden. Sie muß so groß sein, daß sie

a) einen größeren, stoßweisen Betrieb aushält,

b) reine Menschen mit unreiner Wäsche nicht in Berührung kommen,

c) die die Desinfektion vornehmenden Häftlinge zwangsläufig selbst durch die Reinigung gehen müssen.

Wichtig erscheint es, daß das Revier eine eigene Desinfektionsanstalt erhält und daß nach Möglichkeit auch das Krematorium in den Bereich des Lagerreviers versetzt wird.

Birkigt

SS-Untersturmführer (F)« [150].

Diese beiden Dokumente belegen klar, daß die sanitären Verhältnisse auch nach erfolgtem Anschluß an das städtische Wassernetz noch unannehmbar schlecht waren, daß die verantwortlichen SS-Stellen aber ernsthafte Anstrengungen zu ihrer Verbesserung unternahmen. Ohne Zweifel war dies eine Auswirkung des im Dezember 1942 erlassenen Pohl-Befehls zur Verbesserung der Lebensbedingungen der KL-Häftlinge[151].

Die geschilderten hygienischen Zustände zogen zwangsläufig allerlei Krankheiten nach sich. Zu diesem Thema hat die polnische Historikerin Jolanta Gajowniczek eine Abhandlung geschrieben, in welcher sie folgendes festhält[152]:

  1. Das schlimmste gesundheitliche Problem stellte in Majdanek der Flecktyphus dar. (In Anbetracht der kapitalen Bedeutung dieser Frage werden wir das Unterkapitel über den Flecktyphus in Majdanek später fast vollständig zitieren.)
  2. Eine sehr hohe Zahl von Opfern forderte die Tuberkulose. In den ersten Monaten 1944 wurden zusätzlich zu den in Lager selbst vorhandenen Fällen zahlreiche Tuberkulosekranke aus dem Reich nach Majdanek gebracht.
  3. Die schlechte Ernährung führte zum massenhaften Auftreten von Ruhr.
  4. Als Folge der durch den Wassermangel erzwungenen fehlenden Körperpflege war die Krätze sehr verbreitet.

Bei ihrer Besprechung des Männer- und Frauenreviers (»Revier« war der im Lagerjargon gängige Ausdruck für die Krankenbaracke) stellt die Autorin die medizinische Betreuung der Häftlinge ab Ende 1941 wie folgt dar[153] :

Einen Hinweis auf die nationale Zusammensetzung des Ärzteteams liefert die Verfasserin für Oktober 1943. Damals waren im Revier neben den Ärzten 120 Helfer beschäftigt. Von den Ärzten waren die meisten polnische Polithäftlinge, während es sich bei den allermeisten Angehörigen des Hilfspersonals um Juden handelte.

Zwischen dem 12. Dezember 1943 und dem 22. März 1944 trafen in Majdanek Transporte von Kranken aus verschiedenen Lagern des Reichs ein. J. Gajowniczek schreibt, es gebe keine dokumentarischen Hinweise darauf, ob man die Kranken zur Vernichtung oder zur Behandlung ins Lubliner Lager geschickt habe, hält aber ersteres für wahrscheinlich. Andererseits erwähnt sie auch einen am 13. April 1944 abgegangenen Transport von Kranken, aber auch von Ärzten und Hilfspersonal, von Majdanek nach Auschwitz.

Als das Lager am 22. Juli 1944 aufgegeben wurde, ließ man die marschunfähigen Kranken frei und schickte die anderen nach Auschwitz.

In der Frauenabteilung des Lagers scheinen die medizinischen Verhältnisse besser gewesen zu sein als bei den Männern; dort wurde verhältnismäßig rasch ein ärztlicher Dienst aufgebaut, der auch über eine gewisse Anzahl der notwendigen Geräte verfügte.

Der Zwang, das orthodoxe Bild von Majdanek als »Vernichtungslager« zu respektieren, veranlaßt die Verfasserin zu allerlei Bemerkungen über »Selektionen für die Gaskammer« und dergleichen. So schreibt sie:

»Das Bewußtsein der unmittelbaren Bedrohung durch eine Selektion für das Gas oder der Tötung durch eine Phenolspritze bewirkte, daß die meisten Kranken sich bemühten, der Pflege im Krankenhaus zu entgehen. Für das Revier meldeten sich bloß die bereits Abgestumpften, jene mit hohem Fieber (z.B. bei Typhus), die Ausgepumpten und jene, die sich mit dem Gedanken an den Tod abgefunden hatten. Für die Mehrzahl von ihnen wurde das Revier zur Vorhalle des Todes. Zweifellos stellte das Revier für die Hitlerschen Lagerbehörden einen wichtigen Punkt der Selektion der Häftlinge für die Gaskammer dar, aber für viele kranken Gefangenen bedeutete es die Rettung vor dem Tod. Ins Revier wurden Kranke aufgenommen, um sie vor der Selektion in der Baracke auf dem Häftlingsfeld zu bewahren, und die Häftlingsärzte gaben sich die größte Mühe, um die Rekonvaleszenten vor der Selektion zu schützen und sie ins ›leichteste‹ Arbeitskommando zu schicken, wo sie wieder zu Kräften kommen konnten. Das Ambulatorium und das Revier waren auch die einzige Rettung für die Verkrüppelten sowie jene, die verschiedene Verletzungen am Körper aufwiesen, weil man sie während der Arbeit geschlagen hatte. Nach Ansicht des ehemaligen Häftlings Dr. Romuald Sztab bestand die Rolle des Reviers für die polnischen Ärzte in der Rettung vor dem Tod. Und genau diese Rolle spielte es auch im Rahmen des Möglichen, wovon die große Zahl von Häftlingen zeugt, welche den Flecktyphus überlebten und nach der Behandlung im Revier genasen. Eine gewisse Anzahl von Gefangenen konnten die polnischen Ärzte dank der geheimen Beschaffung von Impfstoff gegen Typhus retten, den sie vom polnischen Untergrund erhalten hatten«[154].

Dies alles wirkt heillos verquast. Wenn das Revier für die Deutschen ein »wichtiger Punkt der Selektion der Häftlinge für die Gaskammer« war, konnte man dort ganz unmöglich Zuflucht vor den Selektionen in den Baracken finden. Wenn die Arbeitsunfähigen bei solchen Selektionen für die Gaskammer ausgesucht wurden, konnten sich die »Verkrüppelten«, also die Arbeitsunfähigen schlechthin, im Revier schwerlich vor dem Tod schützen. Und Patienten »mit hohem Fieber, z.B. bei Typhus« wären die letzten gewesen, die sich ins Revier gemeldet hätten, wenn dort eine »unmittelbare Bedrohung durch eine Selektion für das Gas« vorlag.

Die Widersprüchlichkeit ihrer Aussagen konnte der Autorin natürlich nicht verborgen bleiben. Sie versucht diese Ungereimtheiten mit folgender Erklärung aus der Welt zu schaffen:

»Es könnte der Anschein entstehen, daß die Selektion der Häftlinge, der Wunsch nach möglichst vielen Arbeitskräften einerseits und nach der möglichst gründlichen Lösung der Judenfrage (worunter die Ausrottung der Juden zu verstehen ist) andererseits unmöglich zu vereinbaren waren. Einen Ausweg aus dieser Situation konnte das Überwiegen des einen dieser beiden Ziele darstellen. Im Fall Majdaneks vom Beginn seiner Existenz bis zum Herbst 1943 dominierte unzweifelhaft der Ausrottungswunsch. Erst Ende 1943 begann man, die Häftlinge als in den Rüstungsbetrieben des Reichs notwendige Arbeitskräfte zu behandeln«[155].

J. Gajowniczek erwähnt die aus dem Reich eingetroffenen Transporte kranker Häftlinge zwischen Dezember 1943 und März 1944. Auskunft über bereits früher angelangte Transporte dieser Art erteilt uns Danuta Czechs Auschwitz-Kalendarium.

Für den 3. Juni 1943 vermeldet dieses:

»Aus dem KL Auschwitz werden 542 männliche Häftlinge und 302 weibliche Häftlinge, die an Malaria erkrankt sind, in das KL Lublin (Majdanek) überstellt«[156].

Am 25. November 1943, so das Kalendarium

»[...] wird befohlen, daß im Häftlingskrankenbau und in den Schonungsblöcken alle malariakranken Häftlinge registriert werden sollen. Die malariakranken Häftlinge werden in das KL Lublin (Majdanek) überstellt«[157].

Andererseits sind für das Jahr 1943 auch zwei Krankentransporte von Majdanek nach Auschwitz nachgewiesen. Laut dem Kalendarium trafen am 8. Juli jenes Jahres 750 Juden und 750 Jüdinnen in Auschwitz ein. Von diesen wurden nach Beschluß der Auschwitzer Ärzte 49 Männer wegen erheblicher Erschöpfung, Phlegmon und schweren Leistenbrüchen in den Häftlingskrankenbau oder den Rekonvaleszenzblock eingewiesen und 80 Frauen für arbeitsunfähig erklärt. Darüber hinaus wurde »festgestellt, daß der allgemeine Zustand der überstellten Häftlinge es nicht erlaubt, ihre Arbeitskraft im KL Auschwitz voll auszunutzen«. Und für den 11. Juli 1943 vermerkt das Kalendarium das Eintreffen von 763 männlichen und 568 weiblichen Häftlingen aus Majdanek, die großenteils krank und nicht oder nur bedingt arbeitsfähig waren. [158]

Wenn wir nun die durch keinerlei Dokumente abgestützten Ausrottungsgeschichten ignorieren, ergibt sich folgendes Bild der sanitären Zustände in Majdanek:

Die Lagerleitung - welche zweifellos die Hauptschuld an den skandalösen hygienischen Verhältnissen trug -, unternahm, wenn auch mit Verspätung, eine Reihe von Anstrengungen, die medizinische Versorgung im Lager zu verbessern und somit die Sterblichkeitsrate zu senken. Zur Erreichung dieses Ziels ließ sie Ärzte aus anderen Lagern nach Majdanek kommen, richtete sie Krankenbaracken ein, installierte sie Desinfektionsanlagen. Aus diesem Grund ließ sie karitative Organisationen Impfstoff gegen Typhus verteilen. (Daß dieser von der Widerstandsbewegung eingeschmuggelt werden mußte, ist nämlich ein weiteres von der Verfasserin aufgetischtes Ammenmärchen, welches übrigens in völligem Widerspruch zu ihren vorherigen Ausführungen steht: Der Impfstoff wurde, wie sie einige Seiten zuvor im Unterkapitel »Flecktyphus« vermerkt, völlig legal vom Polnischen Roten Kreuz und anderen humanitären Organisationen ins Lager gebracht.)

J. Gajowniczeks Ausführungen über die Fleckfieberseuche scheinen uns so bedeutsam, daß wir sie hier mit nur geringfügigen Kürzungen wiedergeben:

»Eine der Folgen der hungerbedingten Erkrankungen war das fast völlige Verschwinden der Resistenzkraft des Organismus, was die Verbreitung ansteckender Krankheiten begünstigte. In Majdanek wie auch in vielen anderen Lagern war die häufigste Seuche der Flecktyphus. Die ersten Fälle dieser Krankheit stellten die Häftlingsärzte in Majdanek im Dezember 1941 bei einer Kontrolle des Gesundheitszustands der sowjetischen Kriegsgefangenen fest. Es zeigte sich, daß die Hälfte der Untersuchten an dieser Krankheit litt oder sie überstanden hatte und noch ganz erschöpft war. Der anstrengende Einsatz der Kranken in den Häftlingskommandos hätte zu einem weiteren Ansteigen von Erkrankungen geführt. Andererseits wäre es auch gefährlich gewesen, die Kranken in den Baracken zu belassen; deshalb ermordeten die Deutschen Typhusverdächtige grundsätzlich. Die Ausmerzung der den Typhus übertragenden Läuse zugleich mit den von ihnen Befallenen war allerdings kein Mittel zur Überwindung der Epidemie. Das Eintreffen neuer Transporte verursachte eine weitere Zunahme der Erkrankungen. Im Juni 1942 litten bereits 2.000 Häftlinge an Typhus. Da sie dieser Situation nicht Herr wurden, führten die Lagerbehörden eine erste Selektion durch, der 200 Häftlinge zum Opfer fielen. Man führte sie in den Krepiecki-Wald und erschoß sie dort. Ende Juli jenes selben Jahres ordnete man eine allgemeine Selektion unter allen Gefangenen an, in deren Rahmen 2.500 Typhuskranke im Krepiecki-Wald ermordet wurden. Über diese Selektion schrieb der Häftlingsarzt Dr. Jan Nowak in einem im Juli 1942 aus dem Lager geschmuggelten Kasiber:

›Der Revierkapo (Benden) führte auf dem gesamten Feld I eine Selektion der Fleckfieberkranken durch - man fuhr über 1.500 Kanke mit Autos und Bauernwagen in den Krepiecki-Wald, und wie ich am Abend erfuhr, wurden sie in diesem Wald ermordet und begraben. So bekämpft man in Majdanek die Fleckfieberepidemie, welche einen Transport von 12.000 slowakischen Juden vernichtet; von ihnen sind nur noch ein paar tausend übrig. In unserem Pseudokrankenhaus ist es nicht erlaubt, bei dieser Aktion Fleckfieber festzustellen - wir müssen als Tarnwort ›Lungenentzündung‹ angeben. Der erste, der bei dieser ›epidemologischen Aktion‹ an Flecktyphus erkrankte, war der Revierkapo; er liegt isoliert auf Block I, und das ganze Lager wünscht ihm den Tod.‹

Die Typhusseuche wütete jedoch weiterhin nicht nur unter den Inhaftierten, sondern auch unter den SS-Männern, welche die Lagermannschaft bildeten. Beunruhigt durch diesen Stand der Dinge, führten die Lagerbehörden alle 14 Tage regelmäßige Selektionen durch und verpflichteten die Blockleiter zum Heraussuchen der Typhuskranken und deren anschließendem Überstellen an das bereits organisierte Lagerrevier, wo noch Öfter Selektionen stattfanden.

Im Herbst 1942 ordneten die Behörden eine allgemeine Desinfizierung des Felds I an, bei welcher sämtliche Häftlinge auf Feld II verlegt wurden. Es scheint, daß diese Verschiebung durch eine nicht näher bekannte Anordnung höherer Stellen diktiert worden ist, denn eine ähnliche Entlausungsaktion in Verbindung mit der Ermordung der Kranken fand am 28. August in Auschwitz statt. Sowohl in Auschwitz als auch in Majdanek verringerte das Überstellen der Menschen von einem Feld aufs andere die Zahl der Erkrankungen nicht. Es gelangten nämlich immer neue Transporte an; die sanitären Zustände verbesserten sich nicht, und die Möglichkeiten zur Heilung des Typhus wurden auch nicht besser. So scheiterte die Eindämmung der Seuche.

Es ist schwierig, auch nur annähernd anzugeben, wieviele Gefangene in Majdanek in den Jahren 1941-1942 dem Typhus erlagen. Bei der Feststellung der Opferzahl der Seuche muß man neben den indirekt an der Seuche Gestorbenen auch die Zahl der in diesem Zeitraum im Krepiecki-Wald erschossenen gesunden Juden [sic!] sowie die der in der Gaskammer Ermordeten berücksichtigen.

1943 trat bezüglich der Epidemien keine Veränderung ein, auch wenn die Lagerbehörden in größerem Ausmaß zur Isolierung der Typhuskranken griffen. Im Februar 1943 wurden anstelle von zwei Baracken auf Feld I für sie Baracke Nr. 8 auf Feld II, ferner Nr. 12 und während einiger Tage zusätzlich Nr. 13 auf Feld III sowie schließlich Nr. 7 und 9 auf Feld IV bestimmt. Nach dem Bad erhielten die Inhaftierten eine schwefelhaltige Salbe, mit der sie sich einreiben mußten. In den Blöcken wurde nach dem Abendappell oftmals eine Läusekontrolle durchgeführt, und bei wem Läuse entdeckt wurden, der wurde bestraft. Doch schlugen all diese Maßnahmen fehl, da Wohnbaracken, Decken und Strohsäcke verlaust waren, und das Baden wurde auf eine Weise durchgeführt, daß es nur eine zusätzliche Schikane war und zur Erkrankung vieler Häftlinge führte. Am 3. Februar 1943 wurde eine zeitweilige Lagersperre angeordnet, weil die Zahl der Typhusfälle wieder hochgeschnellt war.

Im Frühling 1943 wurden für die an Typhus Erkrankten nur zwei Baracken auf Feld I bereitgestellt, was - wie aus den Erinnerungen ehemaliger Häftlinge hervorgeht - der Grund für die Ermordung der meisten Schwerkranken, darunter einer erheblichen Zahl von Typhuskranken, in den Gaskammern war. Außerdem wurden Kranke von Feld III und IV auf Feld I verlegt; dies führte in Verbindung mit Schikanen dazu, daß viele Patienten innert kurzer Zeit starben, obgleich die Wohnbaracken auf Feld I erheblich sauberer waren als die auf Feld III und IV. Die Typhusepidemie verschonte auch die Ärzte der Baracken für Seuchenkranke nicht: Józef Jakowski, Marian Jastrzebski, Edward Nowak und Johann Øiha starben im Jahre 1943.

Im Sommer und Herbst 1943 klang die Typhusseuche nicht ab, besonders auf Feld III, was nach der Desinfektion des Felds eine vom 25. Oktober bis zum 25. November dauernde Lagersperre zur Folge hatte. Damals wurden die Baracken 20, 21 und 22 für die Kranken reserviert. Das medizinische Personal stellten polnische Häftlinge. Die ›Typhusblöcke‹ funktionierten aber immer noch. Erst am 26. Dezember führte man die übriggebliebenen Kranken zusammen mit dem Personal auf Feld V. Bald darauf brachte man dort ohne vorherige Desinfektion Kranke unter, die aus Lagern im Reich nach Majdanek überstellt worden waren. Man teilte den Revierbaracken fast keine Medikamente und keinen Brennstoff zu, und von den Neuankömmlingen starben tagtäglich einige Dutzend.

Nach der Evakuierung der dortigen Häftlinge im April 1944 verschwand der Typhus immer noch nicht. Da Häftlinge, die zum mit dem Aufräumen der nicht desinfizierten Baracken beauftragten Kommando gehörten, sich mit Typhus ansteckten, sahen sich die Lagerbehörden genötigt, in Baracke 15 auf Feld I eine provisorische Isolierungsstation für die Kranken einzurichten. In den Lagerbaracken war die Ausrottung der Läuse nicht möglich, was zu einer unaufhörlichen Verbreitung des Fleckfiebers führte.

Die Typhusepidemie machte vor dem Frauenfeld nicht Halt [...]. Die höchste Zahl von Erkrankungen unter den Frauen wurde im Frühling und Sommer 1943 registriert, als zahlreiche Transporte von Jüdinnen aus dem Warschauer Ghetto sowie ausgesiedelte Frauen aus ukrainischen und weißrussischen Territorien eintrafen [...].

Nur eine radikale Veränderung der sanitären Verhältnisse sowie die konsequente Isolierung der Kranken und eine bessere Versorgung des Reviers mit Medikamenten hätte Ergebnisse zeitigen können. Ohne Erfüllung dieser Bedingungen konnten nur jene Häftlinge den Typhus überleben, die einen kräftigen Organismus hatten oder die während der Rekonvaleszenzzeit im Revier angemessene Pflege erhielten.

Häftlinge polnischer Nationalität befanden sich im Verhältnis zu den anderen in einer besseren Situation, denn ab Oktober 1943, d.h. in der Endphase des Lagers, wurden sie von karitativen Organisationen aus Lublin betreut, die das Revier mit Arzneien und medizinischen Geräten versorgten. Große Bedeutung kam dem zweimal an die Polen verteilten Impfstoff gegen Typhus zu. Schon im Mai 1943 waren dem Lager 1000 Einheiten Antityphusimpfstoff zur Verfügung gestellt worden, und am 20. Oktober desselben Jahres erfolgte seitens des Polnischen Roten Kreuzes eine zweite Lieferung solchen Impfstoffs. Aus verständlichen Gründen konnte aber nur eine geringe Zahl von Gefangenen in dessen Genuß kommen«[159].

Auf die Beweislage für die von J. Gajowniczek - und ganz allgemein von den orthodoxen Historikern - behauptete Ausrottung der Kranken in Majdanek werden wir im kommenden Kapitel näher eingehen.

Wir begnügen uns zunächst mit einem simplen, logischen Einwand: Falls in Majdanek zumindest bis Herbst 1943 »der Ausrottungswunsch dominierte«, war es gänzlich abwegig, überhaupt ein Krankenhaus zu errichten. Es war abwegig, Häftlingsärzte aus Sachsenhausen, Buchenwald, Dachau und Auschwitz nach Majdanek abzukommandieren. Es war abwegig, Desinfektionsanlagen einzurichten und dadurch die Auszurottenden vor dem Fleckfiebertod zu schützen. Es war abwegig, Inspektoren nach Majdanek zu schicken und sie lange Rapporte über die hygienischen Zustände und über die zu treffenden Maßnahmen zu deren Verbesserung schreiben zu lassen. Schließlich war es abwegig, das Rote Kreuz Impfstoff gegen Typhus verteilen zu lassen.


Anmerkungen

  1. Über die Korrespondenz der Häftlinge mit ihren Angehörigen sowie die Briefzensur berichtet z.B. der Norweger Erling Bauck in Norwegische Facharbeiter, in: Tomasz Kranz (Hg.), Unser Schicksal - eine Mahnung für Euch... Berichte und Erinnerungen der Häftlinge von Majdanek. Panstwowe Muzeum na Majdanku, Lublin 1994, S. 182-184.
  2. Józef Marszałek, »Konspiracja w obozie«, in: Tadeusz Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 346, 349.
  3. Zofia Murawska, »Warunki egzystencji wiezniów. Szykani i kary« (Die Existenzbedingungen der Häftlinge. Schikanen und Strafen), in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 167.
  4. Claus Jordan, »Politik und Rechtssprechung - ein Fallbeispiel«, in: Ernst Gauss (Hg.), aaO. (Anm. 16), S. 111-139.
  5. Die von den SS-Männern zu unterzeichnende Verpflichtung lautete wie folgt:
    »Mir ist bekannt, daß nur der Führer allein über Leben und Tod eines Staatsfeinds entscheidet. Ich darf keinen Staatsgegner (Häftling) körperlich schädigen oder zu Tode bringen. Jede Tötung eines Häftlings in einem Konzentrationslager bedarf der persönlichen Genehmigung des Reichsführers-SS. Ich bin mir bewußt, daß ich bei Zuwiderhandlung gegen diese Verpflichtung unnachsichtlich zur Rechenschaft gezogen werde.« GARF, 7021- 107- 11, Blatt 130.
  6. E. Bauck, aaO. (Anm. 140), S. 180.
  7. PS-1469.
  8. Siehe Dokument 11.
  9. Zofia Murawska, »Warunki egzystencji wiezniów. Warunki sanitarne«, in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 134-140.
  10. APMM, mikr. Nr. 816, S. 9,10.
  11. Ebenda, S. 12-14.
  12. Siehe Kapitel I.
  13. Jolanta Gajowniczek, »Choroby i epidemie. Rewir« [Krankheiten und Epidemien. Das Revier], in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 196-225.
  14. Ebenda, S. 203 ff.
  15. Ebenda, S. 207.
  16. Ebenda, S. 219.
  17. Danuta Czech, aaO. (Anm. 124), S. 511.
  18. Ebenda, S. 663.
  19. Näheres dazu wir in Kapitel IV ausgeführt.
  20. J. Gajowniczek, aaO. (Anm. 152), S. 197-200.

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