Kapitel IV
Die Sterblichkeit

1. Die ›natürliche‹ Sterblichkeit.
Ermittlung der Opferzahl anhand der dokumentarischen Quellen.

Die deutschen dokumentarischen Quellen sind zwar nur fragmentarisch erhalten, gestatten es aber dennoch, die Zahl der eines ›natürlichen‹ Todes (d.h. an Krankheiten, Entkräftung etc.) gestorbenen Majdanek-Häftlinge wenigstens annähernd zu bestimmen. Es handelt sich dabei um folgende Dokumente:

Über das erste »Totenbuch«[160] existiert eine von Janina Kiełboń, der gegenwärtigen Direktorin der Gedenkstätte Majdanek, verfaßte statistische Analyse[161], die wir im folgenden wiedergeben und anhand einer direkten Untersuchung des Dokuments ergänzen.

Dieses enthält die Namen von 6.716 Häftlingen, die (mit einer einzigen Ausnahme) nach dem jeweiligen Todesdatum chronologisch geordnet sind. Jedem Namen ist eine Registraturnummer zugeordnet[162]. Die erste, am 8. Juni 1942 zugeteilte Nummer, lautet 328, die letzte, am 29. September desselben Jahres zugewiesene, 7.044. Von den insgesamt 6.716 registrierten Namen[163] sind 123 unleserlich, so daß Janina Kiełboń die Namen von 6.593 Häftlingen statistisch analysieren konnte. Im Juni-Register sind die Namen von 92 zwischen dem 18. und dem 27. Mai verstorbenen Häftlingen eingefügt[164], die den Nummern 662-754 entsprechen. Aus der statistischen Analyse der polnischen Historikerin ergeben sich folgende Daten:

Monat

Anzahl der Toten

Mai

92

Juni

638

Juli

1.469

August

1.863

September

2.531

Insgesamt

6.593

Von diesen 6.593 Toten waren 5.842 (= 88,6%) Juden und 136 Nichtjuden; auf die restlichen 615 vermittelt das Totenbuch keinerlei Hinweise.

Die oben angeführten statistischen Daten stimmen freilich nicht ganz mit dem Dokument überein, auf das sie sich beziehen. Wir fassen dieses in den beiden folgenden Tabellen zusammen:

Tote des KL Majdanek Mai - September 1942[160]

Datum

Registrationsnummer

Anzahl der registrierten Namen

/

327

327

8-21/5

328 - 661

334

18-27/5

662 - 754

92 [164]

22-30/6

755 - 1.083

329

1-31/7

1.084 - 2.583

1.500

1-31/8

2.584 - 4.595

2.012

1-29/9

4.596 - 7.026

2.431

 

Insgesamt

7.025

Tote des KL Majdanek Mai - September 1942[160]

Datum

Anzahl der registrierten Namen

Tagesdurchschnitt

/

327

/

18-27/5

92

9,2

8-30/6

663

28,8

1-31/7

1.500

48,3

1-31/8

2.012

64,9

1-29/9

2.431

83,8

Insgesamt

7.025

 

Zu klären bleibt noch, auf welchen Zeitraum sich die ersten 327 Todesfälle beziehen. Bedenkt man, daß die durchschnittliche Sterblichkeit in den ersten zehn Maitagen bei 9,2 lag und dann kontinuierlich stieg, kann man logischerweise davon ausgehen, daß sie im April noch unter dieser Zahl lag und daß das Totenbuch mit dem 1. April begann.

Die 327 anfangs vermerkten Todesfälle entsprechen demnach der Periode vom 1. April bis zum 17. Mai, wobei die durchschnittliche Todeszahl pro Tag bei 6,9 lag. Dies paßt sehr gut zu den Erklärungen des SS-Oberscharführers Erich Mußfeldt, der einzigen Quelle für die Sterbeziffern in der Anfangsphase des Lagers, der von täglich 5 bis 10 Toten gegen Ende März 1942 sprach[165].

Für die im Totenbuch nicht erfaßten vier Mai- sowie die ersten sieben Junitage kann man anhand der durchschnittlichen täglichen Sterberate im Monat Juni dementsprechend eine Maximalziffer von ungefähr 300 Toten ansetzen.

In den ersten drei Monaten des Jahres 1942 belief sich die durchschnittliche Lagerstärke auf rund 2.000 Gefangene[166], so daß die Anzahl der Todesfälle für diesen Zeitraum einige hundert betragen haben dürfte. Für 1941 sprechen die polnischen Quellen von ca. 2.300 Toten bei einer Stärke von durchschnittlich 3.000 Mann[167]; andererseits ergibt sich aus den Aussagen Mußfeldts, daß zwischen Mitte November und Ende März 1942 ungefähr 1.400 Insassen des Lagers den Tod gefunden haben[168]. Diese Ziffer scheint uns der Größenordnung nach durchaus glaubhaft. Mußfeldt berichtet, im November 1941 habe im Lager der Typhus gewütet, und tagtäglich seien zwischen 10 und 20 Häftlinge gestorben[168]. Ende Dezember war die Seuche keineswegs unter Kontrolle gebracht, denn die Verwaltung plante »eine Vergasung« des Lagers[169]. Man kann also annehmen[170], daß vielleicht die Hälfte der angenommenen 1.400 Todesfälle noch im Jahre 1941 registriert wurden, während die anderen 700 in die ersten drei Monate des Jahres 1942 fielen; dies entspricht durchschnittlich 5 bis 10 Toten pro Tag und stimmt recht gut mit den Angaben Mußfeldts überein.

In der »Totenmeldung für die Effektenkammer«[171] wurden Tag für Tag die Namen (jeweils mit Häftlingsnummer) der abgegangenen (d.h. verstorbenen oder geflüchteten) Häftlinge - größtenteils jener aus den verschiedenen Sektoren des Lagers Majdanek - registriert[172]. Die folgende Tabelle spiegelt die in den acht erhaltenen Listen figurierenden Daten wider:

Datum

1942

Zahl der Toten

Summe

entlassen

abgegangen

 

Feld I

Feld II

Feld III

     

20.10.

37

109

5

151

6

11

29.11.

11

122

/

133

/

20

30.11.

9

81

28

118

1

/

1.12.

14

51

118

183

/

/

2.12.

21

60

23

104

1

4

3.12.

15

67

32

114

/

/

4.12.

25

63

63

151

2

/

5.12.

17

55

/

72

/

/

Insgesamt

149

608

269

1.026

10

35

Die »Liste der im Lager Majdanek verstorbenen Häftlinge«[173] ist die Transkription eines deutschen Originaldokuments - nämlich eines Totenbuchfragments -, die im Jahre 1946 auf Geheiß des Vorsitzenden der »Bezirkskommission zur Untersuchung der deutschen Verbrechen in Lublin« angefertigt wurde. Das Dokument bezieht sich auf den Zeitraum vom 20. November bis zum 31. Dezember des Jahres 1942 und verzeichnet den Tod von 6.009 Häftlingen. Die Blätter der Liste sind in sieben Spalten untergliedert, in denen folgende Daten figurieren:

Laufende Nummer, Name, Vorname, Geburtstag, Haftart, Todestag, Todesursache[174]. In der Spalte »Haftart« ist die Nationalität des Verstorbenen vermerkt. Die erste laufende Nummer ist 12.005 und stammt vom 20. November. Die letzte ist 13.740 und stammt vom 31. Dezember. Ende November erscheint folgende Anmerkung:

»Monat November 1942

 

Todesfälle von Juden im Kzl. Lublin

2.190

diverse Schutzhäftlinge

 

/Polen, Griechen, Civilrussen

890

insgesamt

2.999

vorher

10.236

 

13.235«.

Ende Dezember erscheint folgende Meldung:

»Monat Dezember 1942

letzte Nummer Nov 1942 13.235

 

" " Dez. 1942 13.713

 

Tote Sch.

 

478

Todesfälle von Juden im Kzl. Lublin

2.505

diverse Schutzhäftlinge

478

/Polen, Griechen, Civilrussen etc/

 
 

----

insgesamt

2.983 Tote im Dezember 1942«[175].

Anschließend an diesen Vermerk werden jedoch weitere 27 Namen registriert, so daß die letzte Nummer 13.740 ist. Die Zahl der in der Liste erfaßten Nummern beträgt also 1.736, die 1.735 Todesfällen entsprechen[176].

Da die letzte Nummer des Monats Oktober 10.236 und die letzte Nummer des 29. September 7.026 war, heißt dies, daß vom 30. September bis zum 31. Oktober 1942 insgesamt 3.210 Gefangene gestorben sind.

In den letzten drei Monaten des Jahres 1942 bietet die Todesstatistik demnach folgendes Bild:

Monat

Anzahl Todesfälle

Tagesdurchschnitt

Oktober[177]

3.210

100

November

2.999

100

Dezember

3.010

97

Die Namen der 2.505 im Dezember 1942 verstorbenen Juden stehen nicht auf dieser Liste, zweifellos weil sie in das dafür vorgesehene Register eingetragen wurden.

Wir kommen also zum Schluß, daß 1942 ca. 17.200 Todesfälle eingetreten sind, die sich wie folgt verteilten:

1. Januar bis 31. Märzca. 700

18. Mai bis 29. September[178]

7.025

28. Mai bis 7. Juni

ca. 300

30. September bis 31. Oktober

3.210

November

2.999

Dezember

3.010   

 

17.244

Diese Zahl entspricht der Größenordnung nach dem im März 1943 von Dr. Richard Korherr, dem Inspekteur für Statistik des Reichsführers SS, erstellten Bericht »Die Endlösung der europäischen Judenfrage«. Ein Abschnitt des Dokuments trägt den Titel »Juden in den Konzentrationslagern« und präsentiert eine Statistik über die bis zum 31. Dezember 1942 in die deutschen Konzentrationslager deportierten Juden. Hinsichtlich des Lubliner Lagers werden dort folgende Daten angeführt[179]:

 

Einlie-
ferungen

Entlas-
sungen

Todesfälle

Bestand
vom 31.12.1942

Lublin/Männer

23.409

4.509

14.217

4.683

Lublin/Frauen

2.849

59

131

2.659

Insgesamt

26.258

4.568

14.348

7.342

Zu dieser Statistik präzisiert Korherr:

»Nicht enthalten sind die im Zug der Evakuierungsaktion in den Konzentrationslagern Auschwitz und Lublin untergebrachten Juden«[180].

Im Fall Majdaneks fällt dies allerdings kaum ins Gewicht. Aus dem Totenbuch ergibt sich nämlich, daß der Prozentsatz der Juden unter den Verstorbenen 88,6% betrug, und in den Totenmeldungen für die Effektenkammer belief sich der jüdische Anteil an den Toten auf 85%. Unter den auf der zuvor analysierten Liste figurierenden Todesfällen machen die Juden 78% aus (4.695 von 6.009 Verstorbenen). Man kann also mit Fug davon ausgehen, daß der Prozentsatz für das ganze Jahr 1942 in derselben Größenordnung lag. In der Tat entsprechen die im Korherr-Bericht genannten 14.348 in jenem Jahr in Majdanek gestorbenen Juden ([14.348 : 17.644] × 100 =) 83,2% der von uns errechneten Opfergesamtzahl.

Für 1943 sind nur die Sterbezahlen für August und Oktober dokumentiert. Der Bericht des SS-Obergruppenführer Oswald Pohl an Heinrich Himmler, in dem es um die »Todesfälle in den Konz.lagern« geht, enthält eine »Gegenüberstellung der Todesfälle in den Konzentrationslagern von Juli 1942 bis Juni 1943«, wobei für jedes Lager die mittlere Stärke, die Todesfälle und der jeweilige Prozentsatz an der Gesamtzahl der Todesfälle in allen Lagern vermerkt werden. Der Bericht vermeldet überdies für jedes einzelne KL die Anzahl der im August 1943 Verstorbenen, wiederum mit gleichzeitiger Angabe der Lagerstärke sowie des Prozentsatzes an Verstorbenen. Schließlich wird der Prozentsatz der Umgekommenen auch für den Juli registriert. Für Majdanek sehen die Zahlen so aus[181]:

Sterblichkeitsquoten des KL Majdanek im August 1943

Konz.-Lager

durchschnittl.

Belegstärke

Todesfälle

%

% (Juli)

Lublin-Männer

11.500

882

7,67

4,62

Lublin-Frauen

3.900

172

4,41

2,01

Insgesamt

15.400

1.054

6,84

 

Für den Juli kann man die Opferzahl annähernd exakt berechnen, da aus dem Pohl-Bericht der Prozentsatz der Verstorbenen bekannt ist und wir auch die mittlere Lagerstärke kennen[182]. Es ergeben sich folgende Ziffern:

Sterblichkeitsquoten des KL Majdanek im Juli 1943

 

durchschnittl.

Belegstärke

% Todesfälle

Todesfälle

Lublin-Männer

12.300

4,62

568

Lublin-Frauen

10.000

2,01

201

Insgesamt

22.300

3,44

769

Für die ersten sechs Monate des Jahres 1943 ist die Berechnung der Sterbefälle in Majdanek komplizierter, doch kommen wir auch hier auf der Größenordnung nach gesicherte Zahlen. Im Pohl-Bericht werden die in allen Konzentrationslagern zusammen erfolgten Todesfälle verzeichnet, die folgendes Bild ergeben:

Monat

Todesfälle

Januar

9.839

Februar

11.650

März

12.112

April

8.358

Mai

5.700

Juni

5.650

Insgesamt

53.309

Für dieses Halbjahr ist die Sterbezahl für die folgenden Lager bekannt:

Dachau[183]

815

Sachsenhausen[184]

2.754

Mauthausen/Gusen[185]

5.550

Auschwitz[186]

ca. 23.600

Stutthof[187]

2.376 (bis zum 1. Juni 1943)

Für Buchenwald kennen wir lediglich die Zahl für das Gesamtjahr; sie beträgt 3.516[188]. Für das erste Halbjahr nehmen wir die Hälfte dieser Ziffer an, also ca. 1.750 Tote. Für Stutthof kann man in Anbetracht der Durchschnittssterblichkeit im Mai (15 Tote pro Tag) eine Opferzahl von ca. 450 für den Monat Juni ansetzen. Dementsprechend starben in den oben genannten Lagern in der ersten Hälfte des Jahres 1943 ungefähr 37.300 Häftlinge.

Zieht man diese Zahl von der Gesamtzahl aller laut dem Pohl-Bericht zwischen Anfang Januar und Ende Juni 1943 in den Lagern verstorbenen Gefangenen ab, verbleiben (53.309 - 37.300 =) ca. 16.000 Todesfälle, von denen die Mehrzahl auf Majdanek und der Rest auf insgesamt acht kleine Lager entfällt (Flossenbürg, Neuengamme, Groß-Rosen, Natzweiler, Bergen-Belsen, Ravensbrück, Riga und Herzogenbosch). Diese acht Konzentrationslager beinhalteten im August 1943 zusammen 21,34% der Gesamthäftlingszahl. In ihnen ereigneten sich 10,44% der insgesamt in den KLs verzeichneten Todesfälle[189]. Anhand dieser Daten läßt sich berechnen, daß bis zu 90% der oben für die insgesamt neun Lager (Majdanek plus die acht kleinen) errechneten Sterbefälle auf das Lubliner Lager entfielen. Demnach kamen in diesem in der ersten Hälfte des Jahres 1943 rund (16.000 × 0.9 =) 14.400 Internierte um; mit den Opfern für den Juli und August ergibt sich eine Gesamtzahl von ca. (14.400 + 1.054 + 769 =) 16.200 Toten.

Für den Oktober 1943 existiert ein Register, in dem »Datum, Name, Nummer, Geld, Wertsachen« der verstorbenen Häftlinge verzeichnet sind. Es umfaßt 750 Namen[190].

Im Dezember war die Sterblichkeit sehr niedrig, wozu einerseits die Verminderung der Häftlingszahl und andererseits die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse beitrug. Die fragmentarischen Stärkemeldungen für jenen Monat weisen folgende Todeszahlen aus[191]:

Datum

Anzahl der
Verstorbenen

9/12

3

11/12

7

12/12

5

13/12

9

16/12

9

? (unleserlich)/12

7

22/12

1

Extrapoliert man diese Ziffern, kommt man für den Dezember 1943 auf ungefähr 180 Verstorbene.

Das zweite Totenbuch[192] bezieht sich auf den März und April 1944 und enthält 1.940 Namen, welche sich wie folgt verteilen:

fortlaufende
Numerierung

Zeitraum

Anzahl der Todesfälle

20.686 - 22.339

1.-31. März

1.654[193]

22.340 - 22.625

1.-6. April

286

 

Insgesamt

1.940

Die Anzahl der Toten im März entsprach 12,72% der durchschnittlichen Lagerstärke von 13.000 Häftlingen. Daß die Sterblichkeit in diesem Zeitraum so extrem hoch war, läßt sich sicherlich damit erklären, daß Majdanek zu jenem Zeitpunkt teilweise zum Krankenlager umgewandelt worden war[194].

Die Registrierungen beginnen mit der Nummer 20.686 (1. März) und enden mit der Nummer 22.625 (6. April). Hält man sich vor Augen, daß vom 1. Januar bis zum 31. August 1943 im Lubliner Lager maximal 16.200 Menschen den Tod fanden und daß die Sterblichkeit im Dezember 1943 sehr niedrig war, drängt sich der Schluß auf, daß dieses Totenbuch mit dem 1. Januar 1943 begonnen hat. Demnach sind vom 1. Januar 1943 bis zum 6. April 1944 in Majdanek 22.625 Gefangene umgekommen.

Im April 1944 sank die mittlere Lagerstärke, die im Vormonat noch bei 13.000 gelegen hatte, auf 4.350 ab, da die Evakuierung damals bereits voll eingesetzt hatte. Nimmt man den gleichen Prozentsatz an Verstorbenen wie im März an, kommt man auf ca. (4.350 × 0,1272 =) 550 Tote, doch da allein in den ersten sechs Apriltagen 286 Sterbefälle registriert wurden, scheint diese Zahl zu tief. Man wird daher gut daran tun, den für den März gültigen Prozentsatz nur auf die letzten 24 Apriltage anzusetzen, so daß man für den April auf rund 900 Tote kommt. Im Mai betrug die mittlere Lagerstärke ca. 2.500, im Juni ca. 4.500 (ungeachtet der im Gang befindlichen Evakuierung wurden weiterhin Häftlinge eingeliefert). Die Anzahl der im Mai, Juni und den ersten 22 Julitagen Gestorbenen dürfte unter diesen Umständen nicht über 1.000 gelegen haben[195].

Die Gesamtzahl der in Majdanek vom Zeitpunkt seiner Gründung bis zu seiner Befreiung am 23. Juli 1944 ums Leben Gekommenen liegt nach dem Gesagten bei ungefähr (700 + 17.244 + 22.339 + 900 + 1.000) = 42.200.

2. Die sowjetischen und polnischen Behauptungen:
Propaganda, Geschichtsschreibung und Revision

a) Die Propaganda

In ihrem Abschlußbericht[196] behauptete die bald nach der Befreiung des Lagers gebildete polnisch-sowjetische Untersuchungskommission, in Majdanek seien im gesamten Zeitraum seines Bestehens 1.500.000 Menschen umgekommen. Die Leichen der Opfer seien wie folgt verbrannt worden:

600.000

im neuen Krematorium

400.000

auf Scheiterhaufen beim neuen Krematorium

300.000

im Wald von Krepiec

80.000

im alten Krematorium

1.380.000[197].

 

Die Kommission erklärt nicht, was mit den restlichen 120.000 Leichen geschehen sei; da sie nicht unter den Verbrannten figurierten, ging man wohl davon aus, daß sie begraben worden seien.

Diese - selbstverständlich rein propagandistischen - Ziffern stehen in grellstem Widerspruch zu den materiellen Untersuchungen, die sie hätten erhärten sollen: In Tat und Wahrheit fand die polnisch-sowjetische Kommission auf dem Lagergelände und im Wald von Krepiec 467 Leichen und 266 Schädel vor, die einer forensischen Untersuchung unterzogen wurden. Außerdem fand sie 4,5 m3 Asche und Knochen[198], was nicht mehr als 3.000 verbrannten Leichen entsprochen haben kann. Das Mißverhältnis zwischen tatsächlichen Funden und propagandistischen Behauptungen ist also schreiend: (467 + 266 =) 733 begrabene Leichen im Verhältnis zu angeblich 120.000 und maximal 3.000 verbrannte Leichen im Verhältnis zu angeblich 1.380.000!

In der am 2. Dezember 1944 abgegebenen Urteilsbegründung beim Lubliner Prozeß gegen Hermann Vogel et alii wurde eine noch höhere Opferzahl genannt: 1.700.000[199] (38). Diese Ziffer wurde in der Anklage aufgegriffen, welche die polnische Regierung für den Nürnberger Prozeß erstellt hatte; dort hieß es :

»Es wurde bewiesen, daß 1.700.000 Menschen in Majdanek ermordet worden waren, daß Majdanek im vollen Sinn dieses Wortes ein Hinrichtungslager gewesen war«[200].

b) Die Geschichtsschreibung

Die polnische »Kommission zur Untersuchung der deutschen Verbrechen in Polen« (später in »Kommission zur Untersuchung der Hitlerverbrechen in Polen« und nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft in »Kommission zur Untersuchung der Verbrechen gegen das polnische Volk« umbenannt, da nun auch bolschewistische Verbrechen untersucht werden) reduzierte die oben angeführten, propagandistischen Ziffern massiv. 1948 erschien über Majdanek ein Artikel aus der Feder von Zdzislaw £ukaszkiewicz[201], einem Mitglied besagter Kommission, in dem die Ergebnisse der von letzterer durchgeführten Untersuchung über das Lager dargelegt wurden. Es handelt sich also um eine offizielle Schrift, die trotz ihrer schwerwiegenden Mängel gewissermaßen den Übergang von der reinen Propaganda zur Geschichtsschreibung darstellt, wenn auch nur in dem Sinn, daß sich der Verfasser die Mühe nimmt, die Opferzahl des Lagers zu berechnen statt einfach zu postulieren. Seine Methode trägt freilich immer noch ganz unverkennbar den Stempel der Propaganda - was angesichts des politischen Klimas jener Zeit auch nicht überrascht - und besitzt nicht den geringsten wissenschaftlichen Wert. Z. £ukaszkiewicz stützt sich nämlich fast ausschließlich auf Zeugenaussagen und gibt den Sinn der wenigen von ihm verwendeten Dokumente verzerrt wieder. Wir beschränken uns hier auf die Diskussion der von ihm genannten Zahlen. Er unterteilt die Zeit, während welcher Majdanek bestanden hat, in vier Perioden[202].

In der ersten Periode, die von der Gründung des Lagers bis Ende 1942 reicht, nennt er die folgenden Opferzahlen:

Für diese erste Periode gibt £ukaszkiewicz eine Gesamtzahl von »ca. 100.000« Opfern an[203]; addiert man freilich die obengenannten Ziffern, so kommt man auf 113.000.

Die zweite Periode reicht von Anfang 1943 bis Juni desselben Jahres; laut dem Verfasser starben in dieser Zeit:

Die Gesamtopferzahl beläuft sich somit auf 146.000.

Die dritte Periode umfaßt die Zeit von Juli 1943 bis April 1944; während dieses Zeitraums starben:

Dies ergibt für diese Zeit 113.000 Opfer.

Die vierte und letzte Periode erstreckt sich vom April bis zum 22. Juli 1944. Es starben damals:

Somit kommt Z. £ukaszkiewicz auf zusammen 360.000 Tote[204] und schließt wie folgt:

»Anhand einer Analyse der Beweise kann man mit ziemlicher Genauigkeit feststellen, daß von den 360.000 Opfern ungefähr 60% den Lagertod starben[205], rund 25% vergast und die restlichen erschossen oder auf andere Weise (durch Erhängen, Vergiften mit Spritzen) zu Tode gebracht wurden«[206].

Wie man sieht, liegt die Zahl der eines ›natürlichen‹ Todes Gestorbenen laut dem Autor hoch über derjenigen der Ermordeten: Erstere beträgt 216.000, letztere 144.000 (wovon 90.000 Vergaste). Aus den Teilziffern der Statistik ergibt sich, daß 215.000 registrierte und 159.000 nichtregistrierte Häftlinge den Tod gefunden haben sollen.

Die von Z. £ukaszkiewicz angewandte Methode ist ausgesprochen plump und fußt auf zwei Prinzipien: Den Augenzeugenberichten und den Extrapolationen. Die Teil- und Gesamtziffern der angeblich unregistriert ausgerotteten Gefangenen beruhen ausschließlich auf Zeugenaussagen, was ihnen jeden Wert nimmt. Die Gesamtzahl der eines ›natürlichen‹ Todes Gestorbenen basiert hingegen auf völlig willkürlichen Extrapolationen zweier deutscher Dokumente: Von 9.216 in diesen verzeichneten Todesfällen schließt £ukaszkiewicz auf insgesamt 215.000! Nehmen wir seine Methode unter die Lupe.

Der Autor geht davon aus, daß im April 1942 10.000 tschechische und slowakische Juden nach Majdanek deportiert worden sind. Da im Totenbuch, das den Zeitraum vom 1. Juni bis zum 28. September 1942 abdeckt und das 7.026 Namen enthält, 90% der Toten tschechische und slowakische Juden waren, nimmt er für April bis September (10.000 × 0,9 =) 9.000 Tote an, was nicht allzu hoch über der tatsächlichen Zahl liegt. Um die Opferzahl für Oktober, November und Dezember zu errechnen, stützt er sich auf ein Fragment der vom 20. November bis zum 5. Dezember reichendne »Liste der im Lager Majdanek verstorbenen Häftlinge« und folgende Anmerkung enthält: »Monat November 1942 Todesfälle von Juden im Kzl Lublin - 2.190«[207]. Er setzt dieselbe Zahl für Oktober und Dezember an und kommt für diese drei Monate somit auf (2.190 × 2 + 2.190 =) 6.570 Tote, die er auf 7.000 aufrundet. Diese Zahl ist sogar noch zu niedrig gegriffen. Dazu rechnet er jedoch weitere 12.000 Toten hinzu, auf die er wie folgt kommt: Aufgrund von Augenzeugenberichten nimmt er an, daß 15.000 polnische Juden nach Majdanek gelangten, von denen im November 3.000 noch gelebt haben sollen; die anderen seien gestorben.

Z. £ukaszkiewiczs Vorgehen ist äußerst wirr, denn seinen eigenen Worten nach setzten sich die 3.000 im November noch lebenden unter diesen Eingelieferten aus 1.000 ausländischen und 1.500 polnischen Juden sowie 500 Häftlingen anderer Nationalität zusammen, so daß er eigentlich von (15.000 - 1.500 =) 13.500 und nicht von 12.000 verstorbenen polnischen Juden ausgehen müßte. Zudem umfassen die unterstellten 12.000 Todesfälle bereits die Oktoberziffer, zu welcher der Verfasser aber noch weitere 2.190 Tote hinzuzählt.

Nebenbei sei darauf verwiesen, daß £ukaszkiewicz aus der Zahl verstorbener registrierter Juden weitere 57.000 Todesfälle nichtregistrierter Juden ableitet, indem er anhand von Zeugenaussagen annimmt, daß die (12.000 + 7.000 =) 19.000 umgekommenen registrierten Gefangenen 25% der Gesamtzahl Deportierter entsprächen. Diese betrüge somit 76.000, von denen 75%, d.h. 57.000, unregistriert ermordet worden wären.

Die errechnete Zahl von 116.000 während der zweiten Periode gestorbenen registrierten Häftlinge ist fürwahr verblüffend. Z. £ukaszkiewicz geht für den September 1942, als die Lagerstärke bei 11.000 lag, von 180 Sterbefällen pro Tag aus, was hieße, daß täglich 1,6% der Häftlinge gestorben wären. Gestützt auf Zeugenberichte errechnet er ferner für die ersten sechs Monate des Jahres 1943 eine mittlere Lagerstärke von 36.000, wobei er aufgrund der Überfüllung des Lagers eine tägliche Sterblichkeit von 1,8% ansetzt. Somit ergibt sich folgendes Kalkül: 36.000 × 0,018 × 180 = 116.640 oder abgerundet 116.000.

In Wirklichkeit betrug die durchschnittliche Sterbeziffer im September 1942 pro Tag 84 und nicht 180; auch wenn man eine mittlere Lagerstärke von 11.000 ansetzt, liegt die Sterblichkeit dann bei 0,08% pro Tag. Überdies ist die genannte mittlere Lagerstärke von 36.000 für die erste Hälfte 1943 reine Phantasie; gemäß der im zweiten Kapitel besprochenen Statistik Z. Leszczyñskas betrug sie damals ungefähr 15.300[208]. Eine tägliche Durchschnittssterblichkeit von 1,8% bei einer Lagerstärke von 36.000 entspräche 648 Toten pro Tag oder 19.940 pro Monat, womit man auf eine monatliche Sterblichkeit von 54% käme! Auch ist die Hypothese, wonach die Sterblichkeit sechs Monate lang unverändert hoch blieb, willkürlich und unfundiert.

Nach dem gleichen System berechnet Z. £ukaszkiewicz die Zahl der verstorbenen registrierten Häftlinge während der dritten Periode. Er geht von einer mittleren Lagerstärke von 22.000 sowie einer Sterblichkeit von 1,2% pro Tag aus, wodurch er für die betreffenden neun Monate auf (22.000 × 0,012 × 270 =) 71.280 oder abgerundet 71.000 Tote gelangt. Auch hier ist sein Vorgehen vollkommen willkürlich und entbehrt jeder seriösen Grundlage. Wir verweisen darauf, daß die monatliche Sterblichkeit nach £ukaszkiewicz bei ca. 7.900 oder fast 36% lag, während wir aus dem Pohl-Bericht an Himmler vom 30. September 1943 wissen, daß im Juli 1943 in Majdanek weniger als 800 Menschen starben und im August 1.054. Der Pohl-Bericht widerlegt auch die von £ukaszkiewicz angenommene Sterblichkeitsrate; in Wirklichkeit betrug sie im Juli 3,4% (oder etwas über 0,1% pro Tag), im August 8,84% (d.h. etwas über 0,2% täglich) - was immer noch sehr hoch ist.

Die polnische Geschichtsschreibung hat die Statistik Z. £ukaszkiewiczs im folgenden zur unantastbaren Wahrheit verklärt, so daß die »Hauptkommission zur Untersuchung der Hitlerverbrechen in Polen« noch Ende der siebziger Jahre in ihrer wichtigsten offiziellen Publikation einen Artikel über Majdanek veröffentlichte, in dem an der Zahl von 360.000 Opfern des Lagers festgehalten wurde[209].

Nach Z. £ukaszkiewicz, der von Beruf Richter war, befaßte sich J. Marszałek, der damalige Direktor der Gedenkstätte Majdanek, als erster Historiker eingehend mit der Opferzahl des Lubliner Lagers. In seinem Buch über die Geschichte Majdaneks[210] widmete er der ›natürlichen‹ Sterblichkeit einen Abschnitt, in dem er schrieb:

»Im Fall Majdaneks ist es unmöglich, diese Form der Ausrottung[211] zahlenmäßig zu erfassen, denn wir verfügen über keine vollständigen Unterlagen über die im Lager Zugrundegegangenen«[212].

Trotz dieser ›Unmöglichkeit‹ setzt er für die eines ›natürlichen‹ Todes Verstorbenen die Zahl von 160.000 fest. Untersuchen wir, wie er darauf kommt.

Marszałek erwähnt zunächst die beiden Totenbücher und hält richtig fest :

»Aufgrund der Fragmente dieser beiden Bücher kann man die Zahl der in der zweiten Hälfte 1942 Gestorbenen auf 15.000 schätzen«[213].

Unter Bezugnahme auf das Jahr 1943 schreibt J. Marszałek:

»1943, vor allem in den ersten neun Monaten, als die durchschnittliche Häftlingszahl auf 20.000 anstieg und eine Typhusepidemie wütete, stieg die Sterblichkeitsrate erheblich [...] Gemäß einem geheimen Brief Oswald Pohls an Himmler vom 30. September 1943 war die Todesrate in Majdanek die höchste von allen Lagern und betrug im August bei den Männern 7,47% und bei den Frauen 4,41%. Man kann also annehmen, daß in den ersten neun Monaten des Jahres 1943 im Schnitt tagtäglich 300 Menschen den Tod gefunden haben, was für diese Periode eine Gesamtopferzahl von 90.000 ergibt«[214].

Sowohl die Berechnungsmethode als auch das Ergebnis sind statistisch gänzlich haltlos, und zwar aus folgenden Gründen:

1) Selbst wenn die durchschnittliche Sterblichkeit pro Tag bei 300 gelegen hätte, wären von Anfang Januar bis Ende September (273 Tage) insgesamt (300 × 273 =) 81.900 Häftlinge gestorben und nicht 90.000;

2) Selbst wenn man die extrem hohen Ziffern Marszałeks akzeptiert, also eine mittlere Lagerstärke von 20.000 sowie eine durchschnittliche Sterblichkeit von 7,47%[215], wären von Januar bis September (9 Monate) insgesamt (20.000 × 0,0747 × 9 =) 13.446 Menschen gestorben und keinesfalls 90.000;

3) Wie wir im vorhergehenden Abschnitt gesehen haben, betrug die tatsächliche Sterblichkeitsrate für das Gesamtlager laut dem Pohl-Bericht 6,84%; dementsprechend läge die Zahl der Toten bei (20.000 × 0,0684 × 9 =) 12.312.

4) Die mittlere Lagerstärke belief sich während dieses Zeitraums auf 16.700[216], so daß die Zahl der Umgekommenen (16.700 × 0,0684 × 9 =) 10.280 betrüge.

5) Die Zahl von 300 Toten pro Tag (d.h. 9.000 pro Monat) enspräche ([9.000 : 20.000] ×100 =) 45% der von J. Marszałek angegebenen mittleren monatlichen Lagerstärke und wäre somit sechsmal höher als die von Pohl genannte Höchstrate von 7,47%. Hält man sich die tatsächliche mittlere Lagerstärke vor Augen, wären nach Marszałek jeden Monat ([9.000 : 16.700] × 100 =) 53,89% der Häftlinge gestorben!

6) Aus dem Pohl-Bericht resultiert für den August eine Zahl von 1.054 Toten, was eine tägliche Sterbeziffer von (1.054 : 31 =) 34 Häftlingen ergibt und nicht von 300!

Das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte ist jedoch, daß Marzsalek dem Lager Majdanek in den ersten sechs Monaten des Jahres 1943 eine höhere Zahl von Toten zuschreibt, als laut dem Pohl-Bericht während jener Zeit in allen deutschen Konzentrationslagern zusammen umkamen! Marszałek errechnet nämlich für die Zeit von Januar bis Juni jenes Jahres eine Zahl von (300 × 180 =) 54.000 Todesopfern, doch aus dem Pohl-Bericht, den der polnische Historiker ja zitiert und folglich kennt, geht hervor, daß während des entsprechenden Zeitraums in allen Konzentrationslagern (es gab deren 17) 53.309 Häftlinge starben.

Für die anschließenden drei Monate ergeben sich folgende Ziffern: Im Juli starben ca. 4.700 Internierte[217]; im August 4.699; für den September kann man in Anbetracht der Tatsache, daß die Sterblichkeit sank und die Lagerstärke wuchs, eine Höchstzahl von 5.000 Toten annehmen, so daß in diesen drei Monaten gesamthaft etwa 14.400 Gefangene umgekommen sein mögen. Demgegenüber kommt Marszałek allein für Majdanek auf (300 × 90 =) 27.000 Toten, ganz zu schweigen von den zusätzlichen 9.000, die er freigebig hinzudichtet.

Hinsichtlich der anschließenden Periode schreibt J. Marszałek:

»Im letzten Viertel des Jahres 1943 sank die Sterblichkeit als Folge der schrumpfenden Häftlingszahl wie auch einer gewissen Verbesserung der Lebensbedingungen. Doch stieg sie in den beiden ersten Monaten des Jahres 1944 wieder an, da damals in Majdanek Tausende von kranken Häftlingen aus anderen Konzentrationslagern eintrafen. Während dieser beiden Monate starben zwischen 6.000 und 8.000 Gefangene. Laut den beiden erhaltenen Totenbüchern für den März 1944 fanden in jenem Monat 1.502 Menschen im Lager den Tod, darunter 128 Frauen«[218].

Wie wir bereits hervorgehoben haben, starben vom September 1943 bis zum Februar 1944 in Majdanek rund (20.686 - 16.200 =) ca. 4.500 Häftlinge, so daß Marszałeks Ziffern für den Januar und Februar 1944 maßlos aufgebauscht sind. Hingegen hat er die Zahl für den März etwas zu tief angesetzt; sie betrug nämlich 1.654 und nicht 1.502.

Aus den obenstehenden Daten zieht J. Marszałek folgenden Schluß:

»Insgesamt starben während der gesamten Zeit des Bestehens des Lagers ungefähr 160.000 Gefangene als Ergebnis der indirekten Ausrottung«[218].

Addiert man freilich die von ihm angeführten Ziffern, so gelangt man auf eine Höchstsumme von (15.000 + 90.000 + 8.000 + 1.500 =) 114.500 Toten. Die restlichen (160.000 - 114.500 =) 45.500 fügt er per Dekret hinzu, ohne auch nur den Versuch zu einer Begründung zu unternehmen! Für zusätzliche Verwirrung sorgt noch, daß diese 45.500 in den letzten drei Monaten des Jahres 1943, als sich laut Marszałeks eigenem Eingeständnis die Lebensverhältnisse im Lager gebessert und die Häftlingszahlen verringert hatten, sowie den letzten vier Monaten der Existenz des Lagers, als die Evakuierungen die Lagerstärke weiter massiv verminderten und die Sterblichkeit somit nochmals sank, den Tod gefunden haben müssen!

Die von Marszałek behauptete Zahl von 160.000 eines ›natürlichen‹ Todes Gestorbenen stellt zwar eine Revision der 33 Jahre zuvor von £ukaszkiewicz genannten Ziffer von 216.000 dar, doch da Ersterer die von Letzterem errechnete Gesamtopferzahl von 360.000 vorbehaltlos übernimmt[219], läuft das Ganze lediglich auf eine Neuverteilung der »indirekt Ausgerotteten« (so der Ausdruck Marszałeks) und der »direkt Ausgerotteten«, also der angeblich unregistriert Ermordeten, hinaus. £ukaszkiewicz hatte die Zahl der Letzgenannten mit 144.000 angegeben, Marszałek setzt sie mit 200.000 an.

c) Die Revision

Die dogmatische Festlegung der Opferzahl durch Z. £ukaszkiewicz war selbstredend von gewichtigen politischen Erwägungen diktiert worden, welchen sich die Historiker wohl oder übel unterwerfen mußten. Erst zu Beginn der neunziger Jahre hat die polnische Geschichtsschreibung einen ersten schüchternen Versuch unternommen, die ihr vom inzwischen untergegangenen kommunistischen Regime angelegten Ketten abzstreifen, und die Zahl der im Lubliner Lager Umgekommenen einer Revision unterzogen. Dieser mühsame Prozeß wurde 1992 von Czesław Rajca in einem Artikel eingeleitet, dessen Titel in deutscher Übersetzung »Das Problem der Opferzahl des Lagers Majdanek« lautet. Rajca schrieb:

»Die Menschenverluste in den Hitler-Lagern, darunter auch Majdanek, waren bis zum Ende der achtziger Jahre ein Tabuthema. Eine Modifizierung der Nachkriegsbehauptungen, die sich bei fehlenden historischen Analysen dieses Themas auf eine höchst dürftige Quellenlage stützten, war praktisch unmöglich. Dem widersetzten sich sowohl die Hauptkommission zur Untersuchung der Hitlerverbrechen in Polen als auch die ehemaligen Häftlinge der Hitlerschen Lager. Aus diesem Grunde habe ich in der Monographie ›Majdanek 1941-1944‹, deren Mitautor ich bin, diskussionslos die im Jahre 1948 von Z. £ukaszkiewicz errechnete Zahl übernommen; laut ihm fanden im Lubliner Konzentrationslager ungefähr 360.000 Menschen den Tod. Heute, wo die obengenannten, nicht von wissenschaftlichen Erwägungen diktierten Einschränkungen dahingefallen sind, ist eine Überprüfung der Opferzahl des Lubliner Lagers möglich«[220].

C. Rajca prangert die maßlos übertriebene, von der Polnisch-Sowjetischen Außerordentlichen Kommission im September 1944 verkündete Ziffer von rund 1,5 Millionen Majdanek-Opfern an; die Kommission habe nur über »eine geringe Zahl von Dokumenten der Lagerbürokratie sowie über wenige Aussagen ehemaliger Häftlinge« verfügt. Auch seien von ihr Expertisen über die Gaskammern und das Krematorium angefertigt worden, die aber falsch gewesen seien, da man deren Kapazität überhöht und unterstellt habe, sie hätten vom Zeitpunkt ihrer Inbetriebnahme bis zur Liquidierung des Lagers ununterbrochen im gleichen Rhythmus funktioniert. Schließlich habe man auch über 800.000 Paar Schuhe vorgefunden und angenommen, sie stammten von Ermordeten, während aus später ans Licht gekommenen Dokumenten hervorgehe, daß sich in Majdanek ein Magazin befand, in welches Schuhe aus anderen Lagern geschicht wurde. (Zu ergänzen wäre, daß, wie wir im 1. Kapitel gesehen haben, kaputte Schuhe von der Ostfront zur Reparatur nach Majdanek gesandt wurden.)

Den erwähnten Artikel Z. £ukaszkiewiczs kritisiert C. Rajca zwar summarisch, aber doch ziemlich unverblümt. Er anerkennt zu Recht, daß £ukaszkiewicz im Vergleich zur Arbeit der Polnisch-Sowjetischen Kommission Pionierwerk geleistet habe, unterstreicht gleichzeitig jedoch die Brüchigkeit der Quellenlage, auf die er sich abstützt und die seine gesamte Argumentation höchst fragwürdig erscheinen läßt: Fast alle Zahlen sind aufgebläht; jene der nach Majdanek Deportierten, die Lagerstärke in der ersten Hälfte 1943 sowie in den ersten drei Monaten 1944, die Sterblichkeit von 1,8% pro Tag, die Zahl der ins Lager eingelieferten Juden.

Nachdem sich C. Rajca auf diese Weise anheischig gemacht hat, die Gespenster der Vergangenheit zu verbannen, legt er seine eigene Methode dar, auf der seine Berechnungen fußen:

»In Ermangelung dokumentarischen Materials, welches sich direkt auf die Dimensionen des in Majdanek verübten Verbrechens bezieht, besteht das einzige rationale Vorgehen bei der Berechnung der Opferzahl darin, von der Gesamtzahl der Eingelieferten jene der in andere Lager Überstellten, der Freigelassenen sowie der Geflüchteten abzuziehen«[221].

Die Zahlen, mit denen der Verfasser operiert, sind die von Z. Leszczyñska in ihren Studien über die Transporte nach und aus Majdanek angegebenen[222]. Laut Z. Leszczyñska sind nach gesicherter Erkenntnis ca. 275.000 Häftlinge nach Majdanek deportiert und 45.000 in andere Lager überstellt worden. Da sie aber behauptet, erstere Ziffer sei lückenhaft, erhöht C. Rajca sie (willkürlich) auf 300.000. Weil sich die Gesamtzahl der Überstellten, Freigelassenen und Entflohenen laut ihm auf rund 65.000 beläuft, kommt er auf eine Opferzahl von ungefähr 235.000. Von den 300.000 nach Majdanek gebrachten Häftlingen seien ca. 120.000 Juden, ca. 100.000 Polen, ca. 40.000 Sowjetbürger und ca. 30.000 Westeuropäer gewesen. Unter den Opfern hätten sich etwa 110.000 Juden befunden[221].

Da, wie wir im zweiten Kapitel gesehen haben, die von Z. Leszczyñska genannten Zahlen nach Majdanek deportierter Häftlinge völlig irreal sind, fehlt den Berechnungen C. Rajcas, die auf eben diesen Ziffern fußen, jeder rationale Ansatz.

Rajca beendet seinen Artikel mit einem Blick in die Zukunft:

»Die oben präsentierte Bilanz der Menschenopfer im Lager Majdanek spiegelt den jüngsten Stand der Forschung wider. Es ist nicht ausgeschlossen, daß mit dem Auftauchen neuer Quellen (man darf auf die Zugänglichmachung der 1944 in die UdSSR geschafften Dokumente hoffen) eine Korrektur dieser Bilanz erforderlich sein wird, doch macht es nicht den Anschein, als seien allzu einschneidende Änderungen zu erwarten«[223].

In einer vom Majdanek-Museum veröffentlichten Broschüre wird der Sachverhalt wie folgt dargestellt:

»Von den ca. 300.000 nach Majdanek geschickten Häftlingen starben etwa 235.000 im Lager, 45.000 wurden in andere Lager transferiert, 20.000 freigelassen, 500 konnten flüchten, und 1.500 wurden [von der Roten Armee] befreit«[224].

Die beiden Verfasser schweigen sich über die Quellengrundlage dieser Statistik aus.

Z. Leszczyñska berichtet unter Berufung auf einen Ex-Häftling namens Andrzej Stanislawski, in der Lagerkartei Majdanek, in der jener beschäftigt war, seien insgesamt 240.000 Gefangene registriert gewesen[225]. Träfe diese Behauptung zu, sähe die Unterteilung der ins Lager Eingelieferten wie folgt aus:

Insgesamt Eingelieferte: 300.000

Registrierte: 240.000

Nichtregistrierte: 60.000

Tote: 235.000 - davon 175.000 Registrierte.

Die Anzahl der eines ›natürlichen‹ Todes Gestorbenen wäre in diesem Fall mehr als viermal höher als die tatsächlich dokumentierte, was alles über die Glaubwürdigkeit der von A. Stanislawski gelieferten ›Informationen‹ sagt.

Zu diesem Zeitpunkt können wir auch unsere eigene Schätzung der Zahl zeit seiner Existenz in Majdanek eingelieferter Häftlinge vorbringen. Akzeptiert man die von der polnischen Geschichtsschreibung genannten Zahlen von 20.000 Freigelassenen und 45.000 Überstellten - was wir tun -, so ergibt sich folgende Bilanz:

Freigelassene 20.000

Überstellte 45.000

Verstorbene 42.200

am 23.7. 1944 Befreite 1.500

insgesamt Eingelieferte ca. 109.000

d) Die Zahlen der westlichen Historiker

Wie wir in der Einleitung festgehalten haben, gibt es im Westen überhaupt keine wissenschaftliche Literatur über Majdanek. Die westlichen Geschichtsforscher haben das Problem der Opferzahl des Lagers niemals untersucht, und die von ihnen aufgetischten, wild divergierenden Ziffern hängen ausschließlich davon ab, auf welche Quelle sie sich bezogen haben. In manchen Fällen haben sie diese Quellen noch nach ihrem persönlichen Gusto ›korrigiert‹. Dazu kommt noch, daß sich manche dieser Historiker ausschließlich für die Juden, die angeblichen Opfer der »Endlösung«, interessieren, als seien die an Krankheiten, Erschöpfung usw. zugrunde gegangenen nichtjüdischen Häftlinge überhaupt keiner Aufmerksamkeit wert. Die im folgenden angeführten Beispiele führen einem anschaulich vor Augen, in welch trübem Morast die westliche Geschichtsschreibung hier watet.

Die erbärmlichste Figur unter den westlichen Historikern macht zweifellos Lucy Dawidowicz, die sich noch im Jahre 1979 nicht entblödete, von 1.380.000 in Majdanek Ermordeten zu schreiben[226]; ganz offenbar hat sie die von der polnisch-sowjetischen Kommission verkündete Propagandaziffer von 1,5 Millionen Opfern übernommen[227] und davon willkürlich 120.000 eines ›natürlichen‹ Todes Verstorbene abgezogen. Andere, wie Lea Rosh und Eberhard Jäckel, haben Z. £ukaszkiewiczs Zahl von 360.000 Toten aufgegriffen[228]. Wolfgang Scheffler, dem die Statistik £ukaszkiewiczs aus irgendwelchen Gründen nicht behagt, bietet eine Gesamtopferzahl von 250.000 feil[229]. Dieselbe Zahl taucht im Artikel »Majdanek« in der Enzyklopädie des Holocaust auf[230]; beim Verfasser dürfte es sich allerdings aller Wahrscheinlichkeit nach um den polnischen Historiker Czesław Madajczyk handeln. Das Landgericht Düsseldorf, das sich beim Majdanek-Prozeß auf eine ›Expertise‹ W. Schefflers sowie auf diverse Zeugenaussagen berief, setzte die Opferzahl abermals herab und sprach von »mindestens 200.000 Opfern, darunter wenigstens 60.000 jüdischen Menschen«[231].

Gewisse Autoren befinden überhaupt nur die jüdischen Opfer einer Erwähnung für würdig. Aharon Weiss schätzt diese auf 120.000 bis 200.000[232], Martin Gilbert spricht von 125.000[233], Raul Hilberg von 50.000[234]. Schließlich begnügt sich Adam Rutkowski, Autor des Beitrags über Majdanek in dem bekannten Sammelband Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas, mit der lapidaren Feststellung, über die Zahl der Opfer in den Gaskammern lägen »nur Schätzungen vor«[235]; Rutkowski ist vorsichtig genug, auch hinsichtlich der eines ›natürlichen‹ Todes Gestorbenen keinerlei Zahlen anzuführen.

3. Die ›nicht-natürliche‹ Sterblichkeit

In der polnischen Geschichtsschreibung bezieht sich der Ausdruck ›nicht-natürliche Sterblickeit‹ auf verschiedene Opfergruppen, die aber in zwei Hauptkategorien zerfallen: Die registrierten und die unregistrierten Opfer.

Der ersten Gruppe gehören die arbeitsunfähig gewordenen registrierten Gefangenen an, insbesondere die Typhuskranken, die angeblich im Lager »selektioniert« und getötet wurden.

Die zweite Gruppe umfaßt zwei Kategorien von Opfern: Wegen Aktivitäten gegen die Besatzungsmacht verhaftete und aufgrund des Urteils eines Sondergerichts erschossene Polen sowie nach Majdanek deportierte, doch gleich nach ihrer Ankunft als arbeitsuntauglich eingestufte Juden (Greise, Kinder und Frauen).

Während die ›natürliche‹ Sterblichkeit großenteils dokumentierbar ist und auch eine Anzahl von Hinrichtungen registrierter Majdanek-Häftlinge dokumentarisch nachgewiesen weden können, beruhen (möglicherweise abgesehen von Erschießungen im Wald von Krepiec, auf die wir später zu sprechen kommen) alle Angaben über ohne individuellen Prozeß und ohne Gerichtsurteil erfolgte Massentötungen von Menschen auf Zeugenaussagen.

Die von der orthodoxen Geschichtsschreibung behauptete Massenausrottung von Zehntausenden oder gar Hunderttausenden von Menschen in Majdanek ist nicht nur in keiner Hinsicht dokumentarisch erhärtet, sondern wird auch durch verschiedene, nachprüfbare Fakten widerlegt.

a) Die behauptete Massenvernichtung registrierter Häftlinge.

Wie wir bereits früher festgehalten haben[236], wird von der polnischen Geschichtsschreibung selbst anhand zahlreicher Beispiele aufgezeigt, daß man die Kranken in Majdanek nicht ausrottete. Wir erinnern an das auch im Brief des Standortarztes SS- und Polizie Lublin vom 3. Juli 1944[237] erwähnte imJahre 1943 angelegte Lager für sowjetische Kriegsversehrte, von denen am 7. Juli 1944 1.250 nach Mauthausen überstellt und 500 bei der Befreiung des Lagers von der Roten Armee vorgefunden wurden. Auch auf die am 3. Juni 1943 auf Anordnung des WVHA erfolgte Überstellung von Malariakranken aus Auschwitz nach Majdanek haben wir bereits hingewiesen. Den Grund für diese Überstellung erklärte der Lagerarzt des KL Auschwitz I in der »Vierteljahresmeldung über des San.-Dienst im K.L. Auschwitz« vom 16. Dezember 1943:

»Um eine Verbreitung von Malariaerkrankungen zu unterbinden, wurde eine Fliegen- und Mückenbekämpfung mit dem Mückenbekämpfungspräparat GIGS durchgeführt. Die an Malaria Erkrankten, bezw. Häftlinge, welche eine Malariakur überstanden haben, wurden zum Schluß des Berichtsvierteljahres nach dem K.L. Lublin, das als anophelesfreier gilt, überstellt«[238].

Es besteht kein Zweifel an der Richtigkeit dieser Erklärung, denn es wäre unsinnig gewesen, diese Kranken Häftlinge den Gaskammern von Birkenau zu entziehen, um sie in die Gaskammern von Majdanek zu senden!

Gegen Ende seines Bestehens wurde Majdanek teilweise zu einem regelrechten Krankenlager. Ab Anfang 1944 trafen dort viele erkrankte Gefangene aus anderen Lagern ein:

2.993 aus Dachau (8. und 17. Januar, 6. Februar); ca. 3.000 aus Buchenwald (Januar und Februar); ca. 800 aus Ravensbrück (Januar und Februar); ca. 2.500 aus Neuengamme (26. Januar, 13. März); 2.700 - 3.000 aus Sachsenhausen (26. Januar, 16. März); 300 aus Flossenbürg (11. März) [239]. Dies erklärt die extrem hohe Sterblickheit, die im März 1944 in Majdanek herrschte. Die überlebenden Kranken wurden dann im Verlauf der Evakuierung nach Auschwitz überstellt: Am 9. April 1944 trafen dort 1.980 kranke Häftlinge ein, von denen unterwegs 99 starben[240]; am16. April wurden 988 kranke Frauen mit 38 Kindern dem Krankenlager im Sektor BIIa von Birkenau zugewiesen[241]. Die letzten transportfähigen Kranken wurden am 22. Juli zusammen mit 30 Frauen und Kindern per Autobus aus Majdanek weggebracht[242]. Diese Fakten widerlegen die Behauptung von der Tötung der Kranken.

Außerdem gab es in Majdanek viele kleine Kinder, die zum Arbeiten selbstverständlich nicht zu gebrauchen waren. Anfang 1943 planten die höheren SS-Stellen dort sogar die Schaffung eines recht eigentlichen Kinderlagers. In den Westzonen der UdSSR waren aufgrund des erbitterten Partisanenkrieges viele Kinder zu Waisen geworden, und das Kommando der Heeresgruppe Süd wandte sich an den Reichsführer SS mit dem Gesuch, über deren Schicksal zu entscheiden. Am 6. Januar 1943 beschloß Himmler, daß »rassisch wertlose« Kinder den Wirtschaftsbetrieben in den Konzentrationslagern übergeben werden sollten, wo man sie zur Arbeit anhalten und zum Gehorsam sowie zur Disziplin erziehen solle. Himmler vertraute Pohl die Aufgabe an, ein Sammellager für Kinder und Minderjährige aus den besetzten sowjetischen Gebieten aufzubauen. Zu diesem Zweck wählte Pohl das Feld V von Majdanek aus und teilte Himmler seinen Entscheid am 25. Januar mit. Doch wurde das Projekt niemals verwirklicht, sei es aus bautechnischen Gründen, sei es wegen eines Kompetenzengerangels zwischen verschiedenen Stellen[243].

Ab 1943 trafen in Majdanek zahlreiche Transporte weißrussischer Frauen und Kinder ein. Zofia Murawska hat die betreffenden Geschehnisse teilweise rekonstruiert. Ihr zufolge gelangte der erste Transport am 13. Juni 1943 im Lubliner Lager an. Die nächste, 61 Frauen und Kinder umfassende Gruppe wurde am 9. Oktober eingewiesen. Am 31. Oktober wurden ca. 200 Kinder zwischen 2 und 10 Jahren eingeliefert, zwei Monate später ungefähr 2.000 Frauen und Kinder verschiedenen Alters[244].

Zwischen dem 19. Juli und dem 20. September 1943 wurden auf Intervention des Polnischen Roten Kreuzes 2.167 Menschen (957 Kinder und 1.210 Frauen) aus dem Lager entlassen. Die gesundheitlich schwer angeschlagenen Kinder wurden darauf in die Lubliner Krankenhäuser eingeliefert, wo vor allem unter den jüngsten von ihnen eine hohe Todesrate zu beklagen war: Von 134 Kindern bis zu zwei Jahren starben 44, von 173 Kindern zwischen drei und fünf Jahren 35, von 75 Kindern zwischen sechs und zehn Jahren 4[245].

Da auch die Krankenhäuser von Lublin wie die gesamte Stadt der Kontrolle der SS unterstanden, liegt die Vermutung nahe, daß man diese freiließ, damit sie in den zivilen Krankenhäusern wieder zu Kräften kommen sollten.

b) Die behauptete Massenvernichtung nichtregistrierter Häftlinge: Die Juden.

Auch bei den nach Majdanek deportierten Juden soll Arbeitsuntauglichkeit ein Grund zur Vernichtung gewesen sein. Dies setzt voraus, daß die Neuankömmlinge einer Selektion unterzogen wurden, nach der nur die Arbeitsfähigen ins Lager aufgenommen und registriert wurden. Die Realität dieser Annahme wird freilich durch kein einziges Dokument abgestützt. Dagegen spricht auch der Umstand, daß zumindest ein Teil der zwischen Mai und August aus dem Warschauer Ghetto nach Majdanek gebrachten Juden ohne jegliche Selektion geschlossen aufgenommen worden sind[246]. Das Düsseldorfer Gericht, dem die Aufgabe zufiel, diese der Ausrottungsthese kraß widersprechende Tatsache zu deuten, sog sich folgende Erklärung aus den Fingern:

»Als im Frühjahr 1943 die Massentransporte mit jüdischen Menschen vor allem aus dem Warschauer Ghetto im Lager eintrafen und sich unter ihnen im Gegensatz zur vorangegangenen Zeit neben vielen älteren Menschen auch zahlreiche Mütter mit Kindern befanden, war die sofortige Liquidierung all dieser als ›Arbeitskräfte nicht brauchbaren Menschen‹ wegen der ›beschränkten‹ Kapazität der Gaskammern und der Leichenverbrennungs-Anlagen teilsweise nicht mehr möglich. Die Lagerleitung sah sich hierdurch von Zeit zu Zeit veranlaßt, jüdische Mütter und Kinder vorübergehend in das Frauenfeld aufzunehmen und die Kinder erst später bei ›passender Gelegenheit‹ in die Gaskammern zu verbringen«[247].

Dieser Erklärungsversuch ist ausgesprochen jämmerlich. Die vom Gericht als Menschentötungsgaskammern eingestuften Räumlichkeiten wiesen nämlich insgesamt ein Fassungsvermögen von 600 Menschen auf[248], und die restlichen Todgeweihten hätte man ja ohne weiteres im Wald von Krepiec erschießen können.

Da die ohne Selektion ins Lager aufgenommenen Juden regulär registriert wurden, hätte sich deren ›verspätete‹ Ermordung einschneidend auf die ›natürliche‹ Sterblichkeit im Lager ausgewirkt, doch dies war nicht der Fall.

Noch für den November 1943 stellte das Düsseldorfer Gericht fest :

»In den Baracken auf der rechten Seite waren jüdische Handwerker vermutlich aus der Tschechoslowakei [sic!] mit ihren Familien untergebracht, zu denen auch Kinder und Kleinkinder gehörten«[249].

Auch dies verträgt sich keineswegs mit der These von der Selektion und der Ausrottung von Arbeitsunfähigen und Kindern!

Auf Feld V gab es zwei Baracken, die der Aufnahme schwangerer Jüdinnen sowie kleiner Kinder dienten, was ein weiteres Argument gegen die Vernichtungsthese darstellt. Um diesen Widerspruch wegzuerklären, behaupteten die Augenzeugen, in diesen Baracken hätten unbeschreibliche hygienische Zustände geherrscht, und binnen dreier Wochen seien ihre Insassen alle vergast worden[250]; wäre dies wahr, so bestünde für die Existenz der beiden Baracken keinerlei Erklärung, denn es konnte keinen Grund dafür geben, die todgeweihten Frauen und Kinder zu registrieren, statt sie gleich nach ihrer Auskunft zu »selektionieren« und umzubringen.

c) Die behauptete Massenvernichtung nichtregistrierter Häftlinge: Die Polen.

In diese Kategorie fielen laut der polnischen Geschichtsschreibung in erster Linie Partisanen, Geiseln und wegen Widerstands gegen die Besatzungsmacht von Sondergerichten zum Tode verurteilte Bürger. Obgleich diese Erschießungen nicht dokumentiert sind, hegen wir in Anbetracht des damals herrschenden politischen Klimas nicht den geringsten Zweifel an ihrer Realität.

Übrigens ging aus den von der Polnisch-Sowjetischen Kommission durchgeführten Autopsien der 733 im Wald von Krepiec vorgefundenen Leichen hervor, daß bei 349 der Toten Schußwunden vorhanden waren[251]. In diesem spezifischen Fall stellen wir die Glaubwürdigkeit der von der Kommission aufgestellten Behauptungen nicht in Frage. Ob es sich bei den Erschossenen teilweise um wegen Verstößen gegen die Lagerordnung zum Tode verurteilte Majdanek-Häftlinge handelt, wissen wir nicht.

Wieviele Polen auf diese Weise getötet worden sind, läßt sich nicht feststellen. J. Marszałek spricht von ca. 10.000[252], doch dürfte diese (nur auf Zeugenaussagen beruhende) Ziffer propagandistisch überhöht sein. Das Düsseldorfer Gericht erwähnte 10 Transporte mit jeweils 30 bis 50 zur Erschießung bestimmten Personen[253]. Die tatsächliche Zahl mag sehr wohl höher gelegen haben.


Anmerkungen

  1. APMM, sygn. I, d-19.
  2. »Ksiêga wieznów zmarłych na Majdanku w 1942 r.«, in: ZM, XV, 1993, S. 111-115.
  3. Vgl. Dokument 12.
  4. Der Nummer 706 ist kein Name zugeordnet, so daß die Gesamtzahl der registrierten Namen (7.044-327-1 =) 6.716 beträgt.
  5. Vermutlich existierte ein früheres Register, aus dem die Namen ins Totenbuch übertragen wurden.
  6. Anna Zmijewska- Winiewska, »Zeznania szefa krematorium Ericha Muhsfeldta na temat byłego obozu koncentracyjnego w Lublinie (Majdanek)« [Erklärungen des Chefs des Krematoriums Erich Muhsfeldt zum Thema des ehemaligen Konzentrationslagers in Lublin (Majdanek)], in: ZM, I, 1965, S. 139.
  7. Siehe Dokument 9 und 10.
  8. Tadeusz Mencel, aaO. (Anm. 128), S. 500.
  9. Am 15. November 1941 gab es laut den in polnischer Gefangenschaft abgegebenen Erklärungen Erich Mußfeldts im Lager 1.200 sowjetische Kriegsgefangene; 300 waren Mußfeldt zufolge damals bereits gestorben. Ferner hätten sich zu jenem Zeitpunkt dort 100 bis 200 Juden befunden. Ende März 1942 seien nur noch 300 sowjetische Kriegsgefangene übriggeblieben. Anna Zmijewska- Winiewska, aaO. (Anm. 165), S. 138, 139.
  10. Siehe Kapitel VIII.
  11. Unter Annahme einer täglichen Durchschnittszahl von 15 Toten.
  12. GARF, 7021-107-3.
  13. Siehe Dokument 13.
  14. AGKBZS 626 z/OL3, Wykaz wiezniów zmarłych w obozie na Majdanku.
  15. Siehe Dokument 14.
  16. Siehe Dokument 15.
  17. Der Tod eines Häftlings - Otto Winternitz, Nr. 13.233 ist zweimal registriert worden.
  18. Einschließlich des 30. Septembers.
  19. Nicht inbegriffen ist der Zeitraum vom 28. Mai bis zum 7. Juni.
  20. NO-5194, S. 12.
  21. Ebenda, S. 11.
  22. PS-1469, S. 4.
  23. Siehe Kapitel II.
  24. Johann Neuhäusler, Wie war das im KZ Dachau? Kuratorium für Sühnemal KZ Dachau. Dachau 1981, S. 27.
  25. GARF, 7021-104-4, S. 58 (Veränderungsmeldung für 1942).
  26. Hans Maršálek, Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation. Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen, Wien 1980, S. 157.
  27. Sterbebücher von Auschwitz. Herausgegeben vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. K.G. Saur. München-New-Providence-London-Paris 1995, Band 1, S. 236-237.
  28. PMS, sygn. Z-V-10/14 (Sterbebücher).
  29. Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. Im Verlag Karl Alber, München 1946, S. 120.
  30. PS-1469, S. 4.
  31. APMM sygn. I. d. 19a.
  32. APMM, sygn. I-c-2, Band 1. Siehe Dokument 16(1) und 16(2).
  33. GARF, 7021-107-9.
  34. Siehe Dokument 16(1) und 16(2).
  35. Vgl. Kapitel II.
  36. Dies entspräche ca. 14% der Gesamtlagerstärke.
  37. Der Rapport wurde auch als Broschüre gedruckt: Communiqué of the Polish-Soviet Extraordinary Commission for investigating the crimes committed by the Germans in the Majdanek extermination camp in Lublin, Foreign Languages Publishing House, Moscow 1944. Später wurde der Rapport von den Sowjets als Dokument URSS-29 beim Nürnberger Prozeß vorgelegt, vgl. IMT VII, S. 649.
  38. Ebenda, S. 21.
  39. Ebenda, S. 13, sowie Protokoll Nr. 1 der gerichtsmedizinischen Untersuchung des Krematoriums vom 4. bis 23. August 1944, GARF, 7021-107-9, S. 258. Der Haufen von angeblich 1.350 m3 »Kompost aus Erde, der Asche verbrannter Leichen und kleinen Menschenknochen«, von dem die Kommission auf S. 20 des obenerwähnten Kommuniqués spricht und der sich heute im Lagermausoleum unweit des neuen Krematoriums befindet, besteht zum allergrößten Teil aus Sand.
  40. »Na samym Majdanku wymordowano 1.700.000 ludzi« (Allein in Majdanek wurden 1,7 Millionen Menschen ermordet). Sentencja wyroku. Specjalny Sad Karny w Lublinie, 2. Dezember 1944 (Urteilsbegründung im Prozeß gegen Hermann Vogel u.a.). APMM, sygn. XX-1, S. 100.
  41. Die Republik Polen in der Sache gegen: 1. Deutsche Kriegsverbrecher. 2. Deren Körperschaften und Organisationen, bezeichnet unter Anklage 1 vor dem Internationalen Kriegsgericht, S. 44. Dieser Rapport wurde beim Nürnberger Prozeß als Dokument URSS-93 vorgelegt. Vgl. IMT VII, S. 241 ff.
  42. Zdzislaw £ukaszkiewicz, aaO. (Anm. 10), S. 63-105.
  43. Ebenda, S. 86-91.
  44. Ebenda, S. 88.
  45. Ebenda, S. 91. Addiert man die Teilziffern, kommt man auf 374.000 Tote.
  46. Gemeint sind die eines ›natürlichen‹ Todes Gestorbenen.
  47. Z. £ukaszkiewicz, aaO. (Anm. 10), S. 91.
  48. Ebenda, S. 87.
  49. Z. Leszczyñska, aaO. (Anm. 131), S. 13-16.
  50. Glowna Komisja Badania Zbrodni Hitlerowskich w Polsce, Obozy hitlerowskie na ziemiach polskich 1939-1945. Informator encyklopedyczny. Panstwowe Wydawnictwo Naukowe, Warschau 1979, S. 309.
  51. Józef Marszałek, Majdanek. Das polnische Original erschien unter Majdanek. Obóz koncentracyjny w Lublinie im Jahre 1981. Wir zitieren aus der englischen Übersetzung: Majdanek. The Concentration Camp in Lublin. Interpress, Warsaw 1986.
  52. J. Marszałek betrachtet die ›natürliche‹ Sterblichkeit als indirekte Ausrottung.
  53. J. Marszałek, aaO. (Anm. 210), S. 124.
  54. Ebenda.
  55. Ebenda.
  56. Die durchschnittliche Sterblichkeit belief sich auf 6,84%.
  57. Siehe Dokument 9 und 10.
  58. Berechnet anhand der mittleren Lagerstärke und der tatsächlichen Sterblichkeit, die im Juli 2,23% betrug.
  59. J. Marszałek, aaO. (Anm. 210), S. 125.
  60. Ebenda, S. 142.
  61. Czesław Rajca, aaO. (Anm. 9), S. 127.
  62. Ebenda, S. 129.
  63. Siehe Kapitel II.
  64. Czesław Rajca, aaO. (Anm. 9), S. 129, 130.
  65. Anna Winiewska/ Czesław Rajca, aaO. (Anm. 2), S. 32.
  66. Z. Leszczyñska, aaO. (Anm. 138), S. 37.
  67. Lucy Dawidowicz, The War against the Jews 1933-1945, Pelican Books, 1979, S. 191.
  68. Der einschlägige Bericht figuriert in seiner deutschen Fassung unter den von L. Dawidowicz, ebenda, verwerteten Quellen (S. 528).
  69. Lea Rosh, - Eberhard Jäckel, Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, Hoffmann und Campe 1991, S. 217.
  70. Wolfgang Scheffler, Judenverfolgung im Dritten Reich, Colloquium Verlag, Berlin 1964, S. 40.
  71. Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. 7), Band II, S. 918.
  72. Landgericht Düsseldorf, aaO. (Anm. 56), Band I, S. 90.
  73. Aharon Weiss, »Categories of camps - Their character and role in the execution of the ›final solution of the Jewish question‹«, in: The Nazi concentration camps. Proceedings of the fourth Yad Vashem International Historical Conference, Jerusalem, January 1980, Yad Vashem, Jerusalem 1984, S. 132.
  74. Martin Gilbert, Auschwitz und die Alliierten, C.H. Beck, München 1982, S. 437.
  75. Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1990, Band II, S. 956.
  76. E. Kogon u.a. (Hg), aaO. (Anm. 6), S. 244.
  77. Siehe Kaptel III.
  78. Brief des Standortarztes SS- und Polizei Lublin an das WVHA, Amt III, vom 3.7.1944. APMM, sygn. I.d.2, Bd.1, S. 1. Siehe Kapitel VIII.
  79. GARF, 7121-108-32, p.97.
  80. Zofia Leszczyñska, aaO. (Anm. 114), S. 116. Siehe Kapitel III.
  81. Danuta Czech, aaO. (Anm. 124), S. 752.
  82. Ebenda, p.757.
  83. Zofia Leszczyñska, aaO. (Anm. 113), S. 127.
  84. Zofia Murawska, »Dzieci w obozie koncentracyjnym na Majdanku« [Die Kinder im Konzentrationslager Majdanek], in: ZM, X, 1980, S. 141, 142.
  85. Ebenda, S. 145.
  86. Ebenda, S. 148, 149.
  87. In anderen Fällen wurde die Selektion in Treblinka durchgeführt, das doch laut der offiziellen »Holocaust«-Literatur ein »reines Vernichtungslager« gewesen sein soll! Hierzu schreiben T. Berenstein und A. Rutkowski (aaO., Anm. 117): »Ein paar Transporte aus Warschau gelangten via Treblinka nach Lublin; in Treblinka hatte man eine Selektion unter den Deportierten durchgeführt.« Die Autoren erwähnen auch, daß im Februar 1943 aus Treblinka 104 Jüdinnen und im März desselben Jahres 35 holländische Juden aus Sobibór (einem weiteren »reinen Vernichtungslager«!) nach Majdanek gesandt wurden (aaO., Anm 117, S. 16). Schließlich berichtet Z. Leszczynka, daß 1.700 Jüdinnen aus Bełżec (dem dritten »reinen Vernichtungslager«!!) nach Majdanek gelangt seien (aaO., Anm. 112, S. 189]. Ein Transport slowakischer Juden, der am 16. Juni 1942 in Majdanek eingetroffen war, wurde laut den Ausführungen Rudolf Vrbas am Lubliner Bahnhof einer Selektion unterworfen; nur die Arbeitstauglichen seien ins Lager aufgenommen worden [APMO, RO, t.XXa, S. 37-38].
  88. Landgericht Düsseldorf, aaO. (Anm. 56), Band II, S. 405.
  89. Ebenda, Band I, S. 80.
  90. Ebenda, Band II, S. 463.
  91. Zofia Murawska, aaO. (Anm. 243), S. 144.
  92. Communiqué..., aaO., (Anm. 196), p.13.
  93. J. Marszałek, aaO. (Anm. 210), S. 135.
  94. Landgericht Düsseldorf, aaO. (Anm. 56), Band II, S. 505.

Zum nächsten Kapitel
Zum vorherigen Kapitel
Zurück zum Majdanek-Inhaltsverzeichnis