Kapitel I
Eine kurze Übersicht über die Geschichte des Lagers Majdanek im historischen Kontext

1. Die Funktion der Konzentrationslager im Dritten Reich

In den sechs Friedensjahren, die dem Dritten Reich beschieden waren, kam den Konzentrationslagern keine wirtschaftliche Bedeutung zu. Ihr Zweck bestand darin, die als unverbesserlich geltenden Systemgegner (aber auch Gewohnheitsverbrecher) von der Bevölkerung zu isolieren und die als umerziehbar betrachteten zu guten Staatsbürgern im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie umzuformen. Die Zahl der KL-Insassen war in der Vorkriegszeit verhältnismäßig gering; so saßen im Sommer 1937 in allen Konzentrationslagern einschließlich der Kriminellen und der »Asozialen« (Landstreicher, Bettler usw.) zusammen 7.500 Häftlinge ein[17].

Nach Kriegsbeginn schossen immer neue Konzentrationslager aus dem Boden, und die Zahl der Häftlinge schnellte in die Höhe. Der Krieg brachte eine Internationalisierung der Lager mit sich; neben Widerstandskämpfern aus den von Deutschland besetzten Staaten wurden in immer stärkerem Maße auch Kriegsgefangene eingeliefert, und dazu kamen ab 1941 zahlreiche Juden.

Weil immer mehr Deutsche an die Front mußten, wurde der Mangel an Arbeitskräften für die Wirtschaft des Dritten Reiches mit dem Fortgang des Krieges zu einem Problem ersten Ranges. Dies bedeutete, daß sich die Funktion der Konzentrationslager änderte. Das Umerziehungsprinzip trat in den Hintergrund; maßgeblicher war nun der wirtschaftliche Aspekt.

Am 30. April 1942 schrieb SS-Obergruppenführer Oswald Pohl, Leiter des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes (WVHA) der SS, an den Reichsführer SS Heinrich Himmler:

»Der Krieg hat eine sichtbare Strukturänderung der Konzentrationslager gebracht und ihre Aufgaben hinsichtlich des Häftlingseinsatzes grundlegend geändert. Die Vermehrung von Häftlingen nur aus Sicherheits-, erzieherischen oder vorbeugenden Gründen allein steht nicht mehr im Vordergrund. Das Schwergewicht hat sich nach der wirtschaftlichen Seite hin verlagert. Die Mobilisierung aller Häftlingsarbeitskräfte zunächst für Kriegsaufgaben (Rüstungssteigerung) und später für Friedensaufgaben schiebt sich immer mehr in den Vordergrund.

Aus dieser Erkenntnis ergeben sich notwendige Maßnahmen, welche eine allmähliche Überführung der Konzentrationslager aus ihrer früheren einseitig politischen Form in eine den wirtschaftlichen Aufgaben entsprechende Organisation erfordern«[18].

Zum Arbeitseinsatz in den Lagern abkommandiert wurden namentlich Juden. In einem Schreiben an SS-Gruppenführer Richard Glücks, den Inspektor der Konzentrationslager, gab Himmler Ende Januar 1942 folgendes bekannt:

»Richten Sie sich darauf ein, in den nächsten vier Wochen 100.000 männliche Juden und bis zu 50.000 Jüdinnen in die KL aufzunehmen. Große wirtschaftliche Aufträge und Aufgaben werden in den nächsten Wochen an die Konzentrationslager herantreten«[19].

Eine wahre Flut von Dokumenten belegt die Beschäftigung von Juden in der NS-Kriegswirtschaft[20]. Beispielsweise ordnete Adolf Hitler persönlich am 11. Mai 1944 den Einsatz von 200.000 Juden im Rahmen des Jäger-Bauprogramms an[21].

Die vor allem auf Seuchen, aber auch auf schlechte Verpflegung und Bekleidung sowie auf Überarbeitung zurückzuführenden extrem hohen Todesraten in den Konzentrationslagern beeinträchtigten selbstverständlich deren wirtschaftliche Effizienz aufs schwerste. Deshalb sandte Richard Glücks am 28. Dezember 1942 ein Rundschreiben an alle KL-Kommandanten, in denen er diese persönlich für die Erhaltung der Arbeitskraft der Häftlinge verantwortlich machte. Glücks schrieb:

»Die 1. Lagerärzte haben sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln dafür einzusetzen, daß die Sterblichkeitsziffern in den einzelnen Lagern wesentlich herabgehen [...]. Die Lagerärzte haben mehr als bisher die Ernährung der Häftlinge zu überwachen und in Übereinstimmung mit den Verwaltungen dem Lagerkommandanten Verbesserungsvorschläge einzureichen. Diese dürfen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern sind von den Lagerärzten regelmäßig nachzukontrollieren. Ferner haben sich die Lagerärzte darum zu kümmern, daß die Arbeitsbedingungen auf den einzelnen Arbeitsplätzen nach Möglichkeit verbessert werden [...]. Der Reichsführer SS hat befohlen, daß die Sterblichkeit unbedingt geringer werden muß« [22].

In der Tat verbesserten sich die Zustände in den meisten Lagern als Folge dieser Anordnung ganz erheblich, und die Sterblichkeit sank innerhalb von acht Monaten um fast 80%[23].

Nächst der wirtschaftlichen Bedeutung der Häftlingsarbeit für das Dritte Reich stellten Sicherheitserwägungen den zweitwichtigsten Grund für den Ausbau des KL-Systems dar. In vielen besetzten Ländern sahen sich die Deutschen wachsenden und immer aktiveren Widerstandsbewegungen gegenüber, auf deren Tätigkeit sie zum Schutz ihrer Truppen und Einrichtungen wie jede Besatzungsmacht vor und nach ihnen mit zunehmender Repression reagierten. Ein Hauptinstrument der Repression war das Lager.

Besonders schlagkräftig war die bewaffnete Widerstandsbewegung in Polen und dort vor allem in der Umgebung der Stadt Lublin. Eine polnische Quelle vermeldet dazu:

»Ab Anfang 1942 begann sich auch eine Partisanenbewegung zu entwickeln, in deren Rahmen im Jahre 1944 dann in mehreren Dutzend Partisanenabteilungen ungefähr 20.000 bewaffnete Soldaten verschiedener Untergrundformationen fochten: AK [Armija Krajowa, Heimatarmee], [...], AL [Armija Ludowa, Volksarmee]. Unter ihnen gab es auch sowjetische Partisaneneinheiten, die überfallartig von jenseits des Bug kamen oder sich aus Kriegsgefangenen rekrutierten, welche aus Hitlerlagern geflohen waren [...]. In Zusammenwirken mit Luftabteilungen (sie operierten in unbewaldeten Zonen) sowie Garnisonen banden sie große Kräfte des Feindes und fügten ihm schwere Verluste zu. Dies zwang den Okkupanten zum Einsatz besonders zahlreicher Polizei- und Armeeeinheiten auf dem Gebiet der Wojwodenschaft. Obgleich der Okkupant bei der Bekämpfung der Widerstandsbewegung die drastischsten Mittel anwandte (Befriedungsaktionen, Niederbrennen von Dörfern, Hinrichtungen, Deportationen u.s.w.), gelang es ihm nicht, die Lage in den Griff zu bekommen. Wir begnügen uns hier mit dem Hinweis darauf, daß laut deutschen Unterlagen im Zeitraum vom Juli 1942 bis zum Dezember 1943 auf dem Territorium des [Lubliner] Distrikts nicht weniger als 27.250 ›Überfälle‹ verschiedener Art begangen wurden, daß dort mehrere große Partisanenschlachten ausgefochten wurden [...], daß allein im Verlauf der ersten Monate des Jahres 1944 254 Züge zum Entgleisen gebracht oder gesprengt, 116 Bahnhöfe und Eisenbahneinrichtungen angegriffen sowie 19 Transporte angehalten oder beschossen wurden«[24].

Für den Zeitraum zwischen dem 1. Januar 1941 und dem 30. Juni 1944 listet der US-Historiker Richard C. Lucas die den Deutschen vom polnischen Widerstand zugefügten Verluste wie folgt auf[25]:

Beschädigte Lokomotiven 6.930

Lokomotiven, deren Reparatur verzögert wurde 803

Zum Entgleisen gebrachte Züge 732

Zerstörte Eisenbahnwagen 979

Beschädigte Eisenbahnwagen 19.058

In Brand gesteckte Eisenbahnwagen 443

Unterbrechungen der Elektrizitätsversorgung in Warschau 638

Zerstörte oder beschädigte Militärfahrzeuge 4.623

Gesprengte Eisenbahnbrücken 38

Beschädigte Flugzeuge 28

Zerstörte Flugzeuge 68

Vernichtetes Benzin in Tonnen 4.674

Lahmgelegte Ölraffinierien 3

Verbrannte Wagenladungen Holz 150

Niedergebrannte Warenlager 122

Niedergebrannte Lager mit Militärverpflegung 8

Lahmgelegte Fabriken 7

Niedergebrannte Fabriken 15

Produzierte defekte Flugzeugteile 4.710

Produzierte defekte Kanonen 203

Produzierte defekte Artilleriegeschosse 92.000

Produzierte defekte Flugzeuge 107

Produzierte defekte Teile von Elektrogeräten 570.000

Beschädigte wichtige Industrieanlagen 2.872

Verschiedene Sabotageakte 25.125

Anschläge auf Deutsche 5.733

General Eduard Bor-Komorowski, Führer des Warschauer Aufstandes von 1944 (der nach seiner Gefangennahme auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers gut behandelt wurde und den Krieg überlebte), kommentierte diese Liste wie folgt:

»Diese Übersicht zeigt nur die wichtigeren Sabotageakte und gibt lediglich das halbe Bild unserer Aktivitäten wieder«[26].

Diese Aktivitäten des bewaffneten Widerstands führten nach dem altbekannten Strickmuster von Terror und Gegenterror zu immer härteren und umfassenderen Repressalien gegen die Zivilbevölkerung: Nicht nur der Zusammenarbeit mit den Partisanen Verdächtige, sondern auch Geiseln wurden massenhaft festgenommen und in die Konzentrationslager eingeliefert.

2. Das Lubliner Gebiet in der NS-Polenpolitik

Vor diesem Hintergrund ist auch die Entstehung und Geschichte des Lagers Majdanek bei Lublin zu sehen. Doch zunächst einige Worte zur nationalsozialistischen Polenpolitik für die Gegend, in der sich die Stadt Lublin befindet.

1939 war Lublin nach dem militärischen Zusammenbruch und der Teilung Polens in deutsche Hand gefallen. In der NS-Polenpolitik waren dem Lubliner Gebiet zeitweilig zwei einander diametral entgegengesetzte Aufgaben zugedacht, von denen keine über das Anfangsstadium hinaus gedieh.

Einerseits sollte diese Gegend zum deutschen Siedlungsgebiet werden. Die Nationalsozialisten planten eine schrittweise Germanisierung der Region, wobei sie sich darauf beriefen, daß Lublin ursprünglich einen stark deutschen Charakter getragen habe. Ernst Zörner, Gouverneur des Lubliner Distrikts, schrieb 1942 in seinem Vorwort zu einem Buch über die Stadt Lublin:

»Schon vor sechs Jahrhunderten begann hier die Aufbauarbeit deutscher Handwerker und Kaufleute. Noch um die Mitte des 15. Jahrhundert hatte das alte Lublin eine überwiegend deutsche Mehrheit, einen deutschen Rat an der Spitze der Stadt und lebte nach deutschem Recht«[27].

Als Ausgangspunkt für die Eindeutschung der Lubliner Gegend sollten dort mächtige SS-Siedlungen entstehen, die nicht nur für die SS-Angehörigen selbst, sondern auch für deren Familien gedacht waren. Ferner wurde die Ansiedlung Volksdeutscher aus Bulgarien, Jugoslawien und Rumänien ins Auge gefaßt[28]. Schließlich sollte auch die Suche nach deutschstämmigen Polen vorangetrieben werden, die man dem deutsche Volkstum einzuverleiben trachtete. In einer Schrift vom 21. Juli 1942, die wir im folgenden zitieren werden, verwendete Himmler dafür die Bezeichnung »Fahndung nach deutschem Blut«.

Andererseits sollte das Lubliner Gebiet auch zum Auffangbecken für Juden werden. Im Juli 1942 ordnete Himmler die Beschleunigung der damals bereits im Gang begriffenen Umsiedlung der jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements in einige wenige Sammelzonen an:

»Lublin, den 19. Juli 1942

An den

Höheren SS- und Polizeiführer Ost

SS-Obergruppenführer Krüger

Krakau.

Ich ordne an, daß die Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements bis zum 31. Dezember 1942 beendet ist.

Mit dem 31. Dezember dürfen sich keinerlei Personen jüdischer Herkunft mehr im Generalgouvernement aufhalten. Es sei denn, daß sie sich in den Sammellagern Warschau, Krakau, Tschenstochau, Radom, Lublin aufhalten. Alle anderen Arbeitsvorkommen, die jüdische Arbeitskräfte beschäftigen, haben bis dorthin beendet zu sein, oder, falls ihre Beendigung nicht möglich ist, in eines der Sammellager verlegt zu sein.

Diese Maßnahmen sind zu der im Sinne der Neuordnung Europas notwendigen ethnischen Scheidung von Rassen und Völkern sowie im Interesse der Sicherheit des deutschen Reiches und seiner Interessengebiete erforderlich. Jede Durchbrechung dieser Regelung bedeutet eine Gefahr für Ruhe und Ordnung des deutschen Gesamtinteressengebietes, einen Ansatzpunkt für die Widerstandsbewegung und einen moralischen und physischen Seuchenherd.

Aus all diesen Gründen ist eine totale Bereinigung notwendig und daher durchzuführen. Voraussichtliche Terminüberschreitungen sind mir rechtzeitig zu melden, sodaß ich früh genug für Abhilfe sorgen kann. Alle Gesuche anderer Dienststellen um Absonderung sowie Ausnahmegenehmigung sind mir persönlich vorzulegen.

Heil Hitler!

gez. H. Himmler«[29].

Zusätzlich zu polnischen Juden hätte der Lubliner Distrikt ursprünglich Juden aus ganz Europa aufnehmen sollen. Dieser Plan war schon 1939 entstanden. Unter Berufung auf Adolf Hitler verkündete Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherhauptamtes (RSHA), am 21. September 1939, der Östlich von Krakau und nördlich der slowakischen Grenze gelegene Teil Galiziens solle »ein jüdischer Staat unter deutscher Verwaltung« werden.

Im Oktober desselben Jahres organisierte Adolf Eichmann, Leiter des Umsiedlungsreferats der Gestapo, der in Prag eine Stelle für die Auswanderung der Juden aus dem Protektorat Böhmen und Mähren gegründet hatte, erste kleinere Judendeportationen aus dem Protektorat nach Nisko, eine Ortschaft im Distrikt Lublin. Nisko sollte als Durchgangslager für die Verteilung der eingetroffenen Juden dienen. Auf Befehl Friedrich Wilhelm Krügers, des Höheren SS- und Polizeiführers im Generalgouvernement, wurden die Abschiebungen gestoppt, und im April 1940 wurde Nisko geschlossen.

Die Pläne für ein Judenreservat Lublin wurden von Himmler im April 1940 in einem Treffen mit Hans Frank, Hermann Göring sowie Arthur Greiser, dem Reichsstatthalter im Warthegau, nochmals aufs Tapet gebracht, und es wurden Deportationen für den August desselben Jahres geplant. Nachdem Hitler Zweifel an der Tauglichkeit dieses Projekts geäußert hatte, wurde es fallen gelassen, und man suchte nach weiter entfernten Gebieten für die Aufnahme der aus West- und Mitteleuropa zu verbannenden jüdischen Massen[30]. Es war in der Tat nicht zu erkennen, wie ein und dasselbe Gebiet gleichzeitig germanisiert und in ein Reservat für die europäische Judenheit hätte umgewandelt werden können!

3. Die Entstehung des Lagers Majdanek

Das in der nationalsozialistischen Lublin-Politik herrschende Chaos ist ein Beweis unter vielen dafür, wie wenig die Klischeevorstellung vom Dritten Reich als einem straff zentralistisch geführten und perfekt organisierten Staatswesen mit der Wirklichkeit gemein hat. Nicht minder chaotisch als die NS-Politik für das Lubliner Gebiet war auch die Geschichte des Lagers, das den Gegenstand unserer Studie bildet. Von einer klaren, konsequent durchgezogenen Planung konnte da keine Rede sein: Rivalitäten zwischen verschiedenen Institutionen sowie die sich ständig verändernde Kriegslage führten dazu, daß dem Konzentrationslager Majdanek niemals eine eindeutige Funktion zufiel. Es blieb bis zuletzt ein Provisorium.

Bei unseren Darlegungen über die Genese des Lubliner Lagers stützen wir uns zunächst auf im Majdanek-Museum sowie dem Archiv der Stadt Lublin vorgefundene deutsche Dokumente der Kriegszeit, dann aber in noch höherem Ausmaß auf einen wichtigen Artikel, den Józef Marszałek, langjähriger Leiter der Gedenkstätte Majdanek, zu diesem Thema verfaßt hat[31]. Völlig unberücksichtigt bleiben dabei allerdings Marszałeks penetrante Auslassungen über die Rolle Majdaneks als »Vernichtungslager«; weshalb wir diese schlicht und einfach ignorieren, wird sich später mit voller Klarheit zeigen.

Den Ausgangspunkt für die Entstehung des Lubliner Lagers scheint, soweit man dies anhand der lückenhaften Quellengrundlage beurteilen kann, ein Besuch Heinrich Himmlers in Lublin im Juli 1941 gebildet zu haben. In einem Vermerk vom 21. jenes Monats wurden folgende Anweisungen Himmlers festgehalten:

»Der Reichsführer SS hat bei seiner Besichtigung am 20. Juli 1941 in Lublin und Zamo¶æ folgendes befohlen:

1 Der Beauftragte des RFSS errichtet ein KL von 25.000 - 50.000 Häftlingen zum Einsatz für Werkstätten und Bauten der SS und Polizei. Aus den KL werden Nebenlager je nach Standort gebildet. Soll KL vom Inspekteur der KLs reichtet werden?

2. Deutsche Ausrüstungswerke.

Das bisherige Lager soll ausschließlich für Autoreparaturen und Tischlereibetriebe ausgebaut werden.

Ein neues Arbeitslager mit den erforderlichen Werkstätten für Bekleidung, Schlosserei, Gerberei, Schusterei, Stallmacherei (Schlittenherstellung) soll im Osten von Lublin neu errichtet werden.

3. Aus den Werkstätten Lublin für Bekleidungsgegenstände aller Art soll die Kleiderkasse der Waffen-SS ihren Bedarf decken. Die Kleiderkasse Berlin errichtet in Lublin eine Nebenstelle, die den gesamten Bezug zu regeln hat.

4. Die Neubauten des SS- und Polizeiviertels werden nach vorgeschlagenem Plan endgültig auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes von Lublin errichtet. Die alte deutsche Stadt ist in den Gesamtbebauungsplan des SS- und Polizeiviertels einzubeziehen. Mit der Sanierung der Altgebäude, so weit technisch und wirtschaftlich vertretbar, und mit dem Bau der Erschließung für das neue Viertel, ist im Rahmen des Generalbebauungsplanes sofort zu beginnen. Amt II stellt hierfür die erforderlichen technischen Kräfte mit Polizeireservisten zur Verfügung. Die SS-Mannschaftshäuser sind hierbei zu beteiligen. [...]

8. Die Ausrüstungswerke haben die Ausbildung von Maurern, Zimmerern usw. (Baufacharbeiter) für den Einsatz im Osten durchzuführen. Ferner sind große Schneiderwerkstätten mit Jüdinnen zu schaffen. [...]

11. Die Aktion ›Fahndung nach deutschem Blut‹ wird für das gesamte Generalgouvernement erweitert und ein Großsiedlungsgebiet in den deutschen Kolonien bei Zamo¶æ geschaffen. [...]

13. Der Beauftragte des Reichsführers hat bis zum Herbst des Jahres für die Errichtung der SS- und Polizeistützpunkte im neuen Ostraum in erster Linie Befehlsmaßnahmen durchzuführen. Besonderer Bedacht ist zu nehmen auf die Schaffung der erforderlichen Familienwohnungen für die Angehörigen der SS und Polizei. [...]«[32].

Beim »Beauftragten des RFSS« handelte es sich um den SS-Brigadeführer Odilo Globocnik, einen engen Vertrauten Himmlers, den dieser am 17. Juli 1941 zu seinem Bevollmächtigten für die Errichtung der SS- und Polizeistützpunkte im »neuen Ostraum« ernannt hatte. Globocnik hatte im Frühling 1941 in Lublin eine SS-Sondereinheit aufgebaut, die sich aus jungen Architekten, Demographen usw. rekrutierte und die Neugestaltung der Stadt sowie ihrer Umgebung planen sollte[33].

Mit dem »bisherigen Lager« war das sogenannte »Judenlager« gemeint, das sich an der Lipowa-Straße inmitten der Stadt Lublin befand und unter dem man sich wohl eine Art Gefängnis mit anliegenden Werkstätten vorzustellen hat. Dort arbeiteten in Kriegsgefangenschaft geratene jüdische Soldaten der polnischen Armee in Betrieben der DAW (Deutschen Ausrüstungswerke). - Auf dem von Himmler erwähnten Gelände des ehemaligen Flugplatzes, wo »nach bisherigem Plan« (d.h. vermutlich nach einem von Globocniks Mannschaft entworfenen Projekt) Neubauten des SS- und Polizeiviertels errichtet werden sollten, entstand später das sogenannte »Flughafenlager«, eine Filiale von Majdanek.

Das für die Errichtung der neuen Gebäude auf dem Territorium des alten Flughafens zuständige Amt II (Bauten) gehörte zum Hauptamt Haushalt und Bauten der SS. Sein Chef war der SS-Oberführer Ingenieur Heinz Kammler. Diesem Amt unterstand die lokale Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Lublin.

Aufschlußreich ist die von Himmler aufgeworfene Frage: »Soll KL vom Inspekteur der KLs errichtet werden?« Dies wäre der normale Weg gewesen. Himmler erwog offenbar, seinem Bevollmächtigten und persönlichen Freund Globocnik den Aufbau des Lagers in eigener Regie anzuvertrauen. Damit geriet er zwangsläufig in Gegensatz zu Hans Frank sowie der zivilen Verwaltung der Stadt Lublin, die kein Interesse daran haben konnten, Himmler und dessen Mann Globocnik nach freiem Belieben schalten und walten zu lassen.

Der Lubliner Gouverneur Zörner zeigte sich über Globocniks Eigenmächtigkeit verärgert. In einem Schreiben vom 30. August 1941 verwahrte er sich bei diesem dagegen, daß offenbar ohne seine Genehmigung anstelle des in der Stadt Lublin selbst liegenden »Judenlagers« ein Konzentrationslager entstehen solle[34].

Das Lager, mit dessen Bau in den ersten Oktobertagen 1941 begonnen wurde, erhielt zunächst die Bezeichnung »Kriegsgefangenenlager der Waffen SS Lublin« (Kurzform: KGL); sie taucht erstmals in einem Dokument vom 7. Oktober auf. [35] Der Ausdruck »Konzentrationslager« (KL) wurde also vermieden. J. Marszałek stellt die Hypothese auf, Globocnik habe Zörner durch diesen Namenswechsel besänftigen wollen, da der Bau eines Kriegsgefangenenlagers angesichts der Massen in deutsche Gefangenschaft geratener Sowjetsoldaten nichts Ungewöhnliches war; zu jenem Zeitpunkt waren im Lubliner Distrikt denn auch bereits mehrere Stalags entstanden[36].

Da die gefangenen Rotarmisten in den Stalags nicht oder nur in begrenztem Maße zur Arbeit eingesetzt werden konnten, lag der Gedanke nahe, einen Teil davon zum Aufbau des Lubliner Lagers abzukommandieren und später dort in den geplanten, für die Kriegswirtschaft bedeutsamen Industrien einzusetzen. In der Tat gehörten zu den ersten Häftlingen Majdaneks aus den Örtlichen Stalags herbeigeführte sowjetische Kriegsgefangene. Z. £ukaszkiewicz gibt ihre Zahl mit ca. 5.000 an[37], was vermutlich zu hoch gegriffen ist. Neben den Rotarmisten mußten jüdische Gefangene aus dem Lager an der Lipowa-Straße beim Aufbau des Lagers mitwirken.

Die Doppelfunktion des Lagers bestätigte Himmler nachträglich am 14. April 1942 in einem Brief an das Reichsverkehrsministerium, in dem er festhielt, das Kriegsgefangenenlager diene gleichzeitig als Konzentrationslager[38]. Erst im April 1943, als Kriegsgefangene längst nur noch eine Minderheit unter seinen Insassen bildeten, wurde es offiziell in »KL Lublin« umbenannt.

Wie erinnerlich, hatte Himmler ursprünglich ein Lager für 25.000 bis 50.000 Häftlinge vorgesehen. Als der Befehl zur Errichtung des »Kriegsgefangenenlagers« formell erteilt wurde, war aber schon von 125.000 Insassen die Rede. Am 1. November 1941, also bereits nach dem Eintreffen der ersten Gefangenen auf dem Territorium des zu schaffenden Lagers, schrieb SS-Oberführer Heinz Kammler, Chef des Amts II (Bauten) des Hauptamts Haushalt und Bauten im WVHA der SS, an die Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Lublin:

»Der Baubefehl für die Errichtung eines Kriegsgefangenenlagers in Lublin zur Unterbringung von 125.000 Kriegsgefangenen wird hiermit erteilt. Als erste Baurate wird der Betrag in Höhe von 5.000.000.- RM bei Kap. 21/7 zur Verfügung gestellt. Die Gesamtkosten sind unter Vorlage ordnungsgemäßer Unterlagen unverzüglich beim Amt II zu beantragen«[39].

Fünf Wochen später, in einem vom 8. Dezember 1941 stammenden Nachtrag zu diesem Schreiben, sprach Kammler nun von »150.000 Kriegsgefangenen« und ordnete an, die für das Lager erforderlichen Versorgungs-, Wirtschafts- und Werkstattanlagen mit vorzusehen, z.B. »Großwäschereien, Entlausungsanlage, Verbrennungsanlage, Großwerkstätten usw.«[39].

In seinem Vermerk vom 21. Juli 1941 hatte sich Himmler hinsichtlich des Standorts des zu schaffenden Lagers nicht festgelegt. Dieses entstand dann südöstlich von Lublin, rund 5 km vom Stadtzentrum entfernt, auf einer nach Süden und Westen leicht abfallenden Ebene, die im Süden von den Dörfern Abramowic und Dziesiata begrenzt wurde[40].

Den Ausschlag für die Wahl dieses Orts dürften praktische Erwägungen gegeben haben. Aufgrund der geringen Entfernung des Lagergeländes vom Lubliner Bahnhof konnten Häftlingstransporte zu Fuß herbeigeführt werden, so daß sich der Bau einer Eisenbahnlinie zum Lager erübrigte. Ferner lag das Gelände des ausrangierten Flugplatzes, auf dem eine große SS-Siedlung sowie Werkstätten der DAW entstehen sollten, nur einige hundert Meter von der Lagergrenze entfernt, also in nächster Nähe zu den Unterkünften jener Häftlinge, denen die Errichtung der Bauwerke obliegen würde.

Selbst den Augen des oberflächlichsten Beobachters konnte die Existenz dieses Lagers natürlich keine Minute lang verborgen bleiben. J. Marszałek hält denn auch unmißverständlich fest:

»Dieses ganze Gebiet ist vollkommen offen. Es bestehen dort keine natürlichen Hindernisse in Gestalt von größeren Flüssen oder Wäldern. Hinsichtlich seiner Lage war das Lager beinahe von allen Seiten her einsehbar. Seine nördliche Grenze lag an der vielbefahrenen Straße Lublin - Chełm - Zamo¶æ - Lwów; die südliche verlief längs des Nordteils der Siedlungen Dzesiąta und Abramowic; die westliche stieß beinahe an die ersten Gebäude des Stadtteils Kosminek; nur die Östliche durchschnitt die Äcker des Dorfes Kalinowka. Man hat nicht definitiv feststellen können, warum beschlossen wurde, das Lager ausgerechnet an diesem Ort zu errichten. Mit Sicherheit spielte die Absicht keine Rolle, es vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen«[41].

Der erste erhaltene Plan von Majdanek stammt vom 7. Oktober 1941[42], wobei das Lager darauf erstaunlicherweise nicht etwa als »Kriegsgefangenenlager«, sondern als »Schutzhaftlager« bezeichnet wurde[43]. Es sah die Errichtung von 10 eine Gesamtfläche von 62,9 ha einnehmenden Feldern für Häftlingsbaracken vor, wobei die westlichen fünf Felder eine rechteckige, die Östlichen fünf eine irreguläre, trapezartige Form aufwiesen. Ein doppelter Stacheldrahtverhau sowie 25 jeweils 110 bis 140 m voneinander entfernte Wachtürme sollten Ausbrüche verhindern.

Vorgesehen waren insgesamt 236 Baracken, darunter 207 Wohnbaracken[44]. Nimmt man pro Baracke eine Belegung mit 250 Insassen an, so ergibt sich eine Lagerstärke von etwas über 50.000 Häftlingen, was dem Himmler-Vermerk vom 21. Juli, nicht aber dem Kammler-Befehl vom 1. November 1941 entspricht; in diesem war ja von 125.000 Gefangenen die Rede gewesen. Trotzdem galt der Plan vom 7. Oktober 1941 zumindest bis zum März 1942 als verbindlich. Dies ist daraus ersichtlich, daß die Projekte für den Anschluß des Lagers an das städtische Kanalisationsnetz, die vom Februar und März 1942 stammen, auf der Grundlage eben dieses ersten Plans beruhen[45].

Unterdessen war der Aufbau des Lagers in vollem Gange. Den ersten Häftlingstransporten, die sich wie erwähnt aus sowjetischen sowie polnisch-jüdischen Kriegsgefangenen rekrutierten, fiel die Aufgabe zu, das Terrain zu nivellieren sowie die Baracken auf dem ersten Feld zu errichten. Als Ende November die ersten polnischen Funktionshäftlinge[46] aus im Reich gelegenen Lagern wie Dachau, Buchenwald, Auschwitz und Gusen (einem Nebenlager von Mauthausen) eintrafen, waren die südliche Barackenreihe sowie ein Teil der Baracken der nördlichen Reihe auf Feld I bereits erstellt[47]. Die Arbeitsbedingungen waren für die dabei eingesetzten Gefangenen äußerst unmenschlich, da sie, ehe die ersten Baracken fertiggebaut waren, unter freiem Himmel übernachten mußten und der herbstlichen Kälte sowie dem Regen ausgesetzt waren.

Die Zentralbauleitung pflegte die Aufträge für die zu verrichtenden Arbeiten an private Firmen zu vergeben. Im allgemeinen erhielt jene Firma einen Auftrag, die das günstigste Kostenangebot unterbreitete. Von den Privatfirmen wurden üblicherweise nur die Facharbeiter gestellt; einfache manuelle Arbeiten, die keiner besonderen Schulung bedurften, wurden oftmals von Häftlingen verrichtet. Die Zuteilung des Baumaterials an die Firmen oblag der Zentralbauleitung.

In einer vom September 1941 stammenden Zusammenstellung der Zentralbauleitung über die in jenem Monat aufgekommenen Baurechnungen werden nicht weniger als 22 solcher Privatfirmen aufgelistet, und zwar mehrheitlich polnische[48]. Ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis ging die Zentralbauleitung u.a. mit dem polnischen Zimmermeister und Bauunternehmer Michał Ochnik ein. Ochnik, Mitglied der Vereinigten Innungen der Bauhandwerker in Lublin, bewarb sich am 13. Oktober 1941 um Aufträge:

»Hiermit erlaube ich mir, Ihnen meine Dienste bei der Ausführung von Bauarbeiten anzubieten und bitte höflichst bei der Vergebung dieser Aufträge auch meine Firma zu berücksichtigen. Ich habe bis jetzt schon zahlreiche Arbeiten für die hiesigen Behörden ausgeführt: Im vorigen Jahre war ich mit verschiedenen Arbeiten für den SS- und Polizeiführer Herrn Generalmajor der Polizei Globocnik beschäftigt. [...] Ich verfüge über eine Gefolgschaft von 20 Mann und kann Ihnen eine solide, pünktliche und terminmäßige Ausführung Ihrer Bauaufträge zusichern«[49].

Ein Großteil der polnischen Zivilbevölkerung hatte sich offenbar mit der Besatzungsmacht arrangiert.

Mehrere polnische Firmen wurden mit Bauarbeiten innerhalb des Lagers Majdaneks beauftragt. Dazu gehörte die Firma Michał Ochniks; wie wir später sehen werden, war diese beim Bau der Entlausungskammern beteiligt, welche der offiziellen Majdanek-Version zufolge auch zum Massenmord an Menschen dienten[50].

Die betreffenden Firmen mußten eine Verpflichtung zur Geheimhaltung unterzeichnen, die wie folgt lautete:

»Die Firma verpflichtet sich, alle ihr bekanntwerdenden Nachrichten, auch geringfügiger Art, die die Ausführung ihr übertragener geheimer Bauvorhaben schädigen oder gefährden könnten, unverzüglich der den geheimen Bauauftrag erteilenden militärischen Dienststelle mitzuteilen«[51].

Dergleichen war in Anbetracht der Umstände - Kriegszustand sowie Aktivitäten der Widerstandsbewegung - gewiß nichts Außergewöhnliches und gestattet keinerlei Rückschluß auf eine Funktion Majdaneks als Ausrottungszentrum. Noch mehr als die Nähe des Lagers zur Stadt Lublin schloß die ständige Anwesenheit polnischer Zivilisten auf dem Lagergelände jede Geheimhaltung von Massenmorden kategorisch aus.

Wichtige Hinweise auf die wirklichen Aufgaben Majdaneks finden sich in einem Brief, den der stellvertretende Reichsverkehrsminister Kleinmann am 7. März 1942 an Himmler schrieb. Zu diesem Schreiben gaben praktische Schwierigkeiten den Anlaß, die sich aus der Überlastung der Ostbahn sowie des Lubliner Bahnhofs ergaben.

Aus Kleinmanns Brief ging hervor, daß in Lublin ein Lager für 150.000 Insassen im Entstehen begriffen sei. Zurzeit sei es noch ein Kriegsgefangenenlager, werde aber in Zukunft zum Konzentrationslager umgestaltet werden. Die Häftlinge sollten mit der Herstellung von Kleidern, Schuhen etc. beschäftigt werden, die für die SS in den Ostgebieten gedacht seien.

Die SS-Formation in Lublin, so Kleinmann, habe einen so großen Bedarf an Baumaterial, so daß bereits seit Ende November 1941 immer wieder Staus beim Entladen der Waggons eingetreten seien. Gespräche mit Vertretern der SS hätten den Hinweis auf dermaßen ausgedehnte Bauvorhaben der SS für Lublin ergeben, daß gegenwärtig weder die Kapazität der Ostbahn noch die des Lubliner Bahnhofs ausreiche, um das erforderliche Material herbeizuführen. Himmler möge deshalb mit dem Beginn dieser Bauarbeiten zuwarten.

Seinen Informationen nach, so Kleinmann, solle Lublin zum Knotenpunkt in einem Netz von SS-Stützpunkten im Osten werden. Es sei eine regelrechte Stadt mit Kasernen für drei Regimenter der Waffen-SS sowie mit Wohnungen für deren Familien vorgesehen. Diese SS-Stadt solle eine eigene Kanalisation und ein eigenes Elektrizitätswerk erhalten und zahlreiche große Magazine aufweisen.

Am 14. April antwortete Himmler auf diesen Brief. Er schrieb, infolge des Rohstoffmangels sowie der Transportprobleme werde die Kapazität des Lagers verringert, und hielt außerdem fest, daß die geplanten Stützpunkte der Waffen-SS sowie der Polizei in Lublin für die Nachkriegszeit gedacht seien. Aus diesem Grunde habe er die Vorbereitungen für deren Errichtung gestoppt und ihre Verschiebung angeordnet[52].

Wann dieser Himmler-Befehl zur Einstellung der Vorbereitungen für den Bau der SS-Stadt ergangen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls war dieses Projekt noch im Januar 1942 auf einer Konferenz in Berlin erörtert worden, an welcher neben Vertretern des WVHA auch solche der Lubliner Stadtregierung sowie der Lubliner Zentralbauleitung teilnahmen. Der Leiter der letztgenannten Organisation, Naumann, gab dabei bekannt, daß die künftige SS-Stadt 60.000 Bewohner zählen werde[53].

Während diese SS-Stadt ein Luftschloß blieb, trieb man den Bau eines Nachschublagers für den Raum Rußland-Süd in Lublin zielstrebig voran. Am 24. April 1942 ging seitens der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei ein Erläuterungsbericht an den höheren SS- und Polizeiführer Rußland-Süd in Lublin, in dem es hieß:

»Laut Baubefehl vom 26.11. 1941 wurde die Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Lublin durch den Beauftragten für die Errichtung der SS- und Polizeistützpunkte im neuen Ostraum, SS-Brigadeführer Globocnik, mit der Errichtung eines Durchgangsnachschublagers für den Höheren SS- und Polizeiführer Rußland-Süd in Lublin beauftragt. Dieses Lager umfaßt insgesamt 11 Lager- und eine Verwaltungs- und Unterkunftsbaracke. [...] Das Nachschublager ist, außer der Be- und Entwässerung, zu 75% fertig, die restlichen Arbeiten werden, da bereits der größte Teil der Materialien angeliefert ist, in ca. 6 Wochen beendet sein«.[54]

Fassen wir zusammen: Die erhaltenen und auch in der offiziellen polnischen Literatur stets korrekt wiedergegebenen deutschen Dokumente belegen ohne den geringsten Zweifel, daß dem Lubliner Lager wirtschaftliche - insbesondere kriegswirtschaftliche - Aufgaben zugedacht waren. Es sollte einerseits die im Osten, namentlich in Südrußland, stationierten und kämpfenden SS-Einheiten mit einem steten Nachschub an Kleidern, Schuhen, Kriegsmaterial etc. versorgen und andererseits beim Aufbau der geplanten SS-Stadt in der Nähe Lublins mitwirken.

Nicht ein einziges Dokument vermittelt auch nur den allergeringsten Hinweis auf eine Funktion Majdaneks als »Vernichtungslager«. Für ein solches war es auch denkbar ungeeignet, da sowohl die unmittelbare Nähe zur Stadt Lublin als auch die Anwesenheit polnischer Zivilarbeiter auf dem Lagergelände jegliche Geheimhaltung einer Ausrottungspolitik radikal verunmöglichten.

4. Die Struktur des Lubliner Lagers

Im September 1941 wurde der SS-Hauptsturmführer Hermann Heinrich Hackmann zusammen mit zwei anderen SS-Offizieren aus Buchenwald nach Lublin abberufen, um die Organisation des dort entstehenden Lagers zu übernehmen. Ihnen folgten SS-Männer aus anderen Konzentrationslagern; aus ihnen sollte sich die Besatzung Majdaneks rekrutieren. Dieses wurde nach den seitens des Inspektorats der Konzentrationslager aufgestellten Richtlinien strukturiert. Die Organisation bestand aus sechs Abteilungen sowie einigen Hilfsabteilungen[55].

Abteilung I: Kommandantur

Die Leitung eines Konzentrationslagers oblag dem Kommandanten, der vom Chef des Inspektorats der KL ernannt wurde. Er war für die Besetzung der administrativen Positionen innerhalb des Lagers sowie für den Arbeitseinsatz der Häftlinge verantwortlich.

In seiner kaum drei Jahre langen Geschichte hatte Majdanek nicht weniger als fünf Kommandanten[56]. Beim ersten handelte es sich um den SS-Standartenführer Karl Otto Koch, der in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft in Esterwegen und von 1937 bis 1940 in Buchenwald Dienst getan hatte. Im August 1942 wurde er wegen in Buchenwald begangener Verbrechen (Korruption und Mord) von der SS verhaftet und als Kommandant von Majdanek durch den SS-Obersturmbannführer Max August Koegel abgelöst. Dieser war zuvor in Ravensbrück tätig gewesen und wurde nach einem kurzen Intermezzo im Lubliner Lager im Oktober 1942 nach Flossenbürg versetzt. Sein Nachfolger in Majdanek war der aus Sachsenhausen herbeigeholte SS-Hauptsturmführer Hermann Florstedt - bis zum September 1943, als er wegen Unterschlagung von der SS festgenommen wurde. Seine Stelle übernahm provisorisch der SS-Hauptsturmführer Markus Melzer, der jedoch offiziell nie den Titel eines Lagerkommandanten innehatte[57]. Im November 1943 trat der vierte Lagerleiter seinen Posten an, der SS-Obersturmbannführer Martin Weiss, zuvor Kommandant von Neuengamme und Dachau. Im April 1944 wurde er abberufen und durch den SS-Obersturmbannführer Arthur Liebehenschel ersetzt, der vorher als Nachfolger von Rudolf Höß an der Spitze des Lagers Auschwitz gestanden hatte. Liebehenschel befehligte Majdanek bis zu dessen Ende im Juli 1944.

Keinem der fünf aufeinanderfolgenden Majdanek-Kommandanten war ein frohes Ende beschieden. Karl Otto Koch wurde 1945 wegen seiner Missetaten in Buchenwald von einem SS-Gericht zum Tode verurteilt und an die Wand gestellt. Gegen Max August Koegel wurde von einem britischen Militärgericht im Ravensbrück-Prozeß die Todesstrafe verhängt. Im Urteil des Düsseldorfer Gerichts beim Majdanek-Prozeß heißt es, Koegel habe im Juni 1946 Selbstmord begangen[58]; laut dem polnischen Historiker Czesław Pilichowski wurde das Todesurteil hingegen in jenem Monat vollstreckt[59]. Gleich drei Versionen haben wir in der Literatur über das Geschick des dritten Kommandanten Hermann Florstedt vorgefunden. Das Düsseldorfer Gericht gab an, er sei kurz vor Kriegsende von der SS exekutiert worden[60]. J.G. Burg berichtet, man habe Florstedt in Majdanek vor den versammelten Häftlingen aufgehängt[61]. Falls diese Variante zutrifft, muß die Hinrichtung wesentlich früher als »kurz vor Kriegsende« erfolgt sein. Schließlich behauptet Pilichowski, Florstedt habe den Krieg überlebt und in der BRD gewohnt, wo die Staatsanwalt Köln gegen ihn ermittelt habe, ohne daß es zu einem Prozeß gekommen sei[62]. Diese Version scheint uns die unwahrscheinlichste.

Martin Weiss wurde von den Amerikanern im Dachau-Prozeß zum Tode verurteilt und im Mai 1946 exekutiert. Arthur Liebehenschel schließlich wurde 1946 in Krakau wegen seiner Tätigkeit in Auschwitz vor Gericht gestellt und im Januar 1947 durch Erhängen hingerichtet.

Abteilung II: Politische Abteilung

Diese Abteilung umfaßte die Sicherheitspolizei; ihr gehörten Funktionäre der Gestapo und der Kripo an. Sie ahndete Vergehen seitens der Häftlinge[63] wie auch seitens der Lagermannschaft und war zum Verhängen von Todesurteilen befugt. Politische Gefangene wurden durch die Gestapo-Funktionäre verhört. Von Abteilung II wurde auch die Häftlingskartothek erstellt, in der die persönlichen Daten der Internierten angeführt waren[64].

Abteilung III: Schutzhaftlager

Die dritte Abteilung war für Unterbringung, Bekleidung und Ernährung der Häftlinge verantwortlich. In Zusammenarbeit mit dem Lagerarzt entschied sie über die Arbeitstauglichkeit der Gefangenen und überwachte die Arbeit. Sie beaufsichtigte auch im Lager angestellte Zivilisten. Hierarchisch abgestufte Schreibstuben (Lagerschreibstube, Feldstube, Blockstube) registrierten den Häftlingsbestand. Der für die Lagerschreibstube zuständige Rapportführer hatte täglich Veränderungen in der Lagerstärke zu melden.

In Majdanek besaß jedes Feld einen vom Kommandanten ernannten »Lagerältesten«. Bei den Lagerältesten handelte es sich anfangs meist um deutsche Häftlinge, die man als vertrauenswürdig einstufte und deren Aufgabe in der Aufrechterhaltung der Disziplin unter ihren Mitgefangenen auf ihrem jeweiligen Feld bestand. Eine Stufe weiter unten standen die »Blockältesten«, die für Ordnung in ihren jeweiligen Blöcken zu sorgen hatten. Jedem Arbeitskommando stand ein Kapo vor. Als Kapos wurden anfangs überwiegend deutsche kriminelle Häftlinge, später auch slowakische Juden eingesetzt; sie wurden durch Vorarbeiter unterstützt. [65]

Abteilung IV: Verwaltung

Diese Abteilung hatte die Versorgung des Lagers mit Lebensmitteln, Kleidung und Heizmaterial zu gewährleisten. Ihr unterstanden die Magazine, und sie war für die Verwahrung der den eingelieferten Häftlingen abgenommenen Wertgegenstände und Geldbeträge zuständig. Auch die Bestellung des Insektizids Zyklon B fiel in ihren Aufgabenbereich. Schließlich hatte sie für die Instandhaltung der im Lager befindlichen technischen Ausrüstung zu sorgen. [66]

Abteilung V: Lagerarzt

Oberster Arzt war der SS-Standortarzt, welchem der Truppenarzt, der Lagerarzt, der Zahnarzt und der Lagerapotheker unterstellt waren. Er war für die hygienischen und sanitären Zustände im Lager verantwortlich und mußte bei Hinrichtungen sowie beim Vollzug der Prügelstrafe anwesend sein. [67]

Abteilung VI: Weltanschauliches Studium

Die sechste und letzte Abteilung organisierte weltanschauliche Schulungskurse, gesellschaftliche Treffen, künstlerische Darbietungen sowie den Besuch von Kinos und Theatern durch die Angehörigen der Lagermannschaft; sie unterhielt ferner die - ebenfalls nur der Lagermannschaft zugängliche - Bibliothek[68].

Hilfsabteilungen

Zu den Hilfsabteilungen gehörten die Post, das Gericht, die Fahrbereitschaft (d.h. der Fahrzeugpark) sowie der SS-Totenkopf Sturmbann. Letztere Abteilung sorgte für die Organisierung der Wachmannschaft. Diese zählte Mitte 1943 130 und im Herbst desselben Jahres 240 Angehörige, darunter auch Nichtdeutsche (Litauer, Ukrainer, Rumänen). Insgesamt taten in Majdanek in den knapp drei Jahren seines Bestehens 1.160 Aufseher und Aufseherinnen Dienst[69].

Die Zentralbauleitung

Eine gesonderte Erwähnung verdient die »Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Lublin«, die am 9. August 1941 bereits 22 Mitglieder zählte. [70] Im Februar 1942 war sie wie folgt unterteilt.

Abteilung I. Allgemein

Abteilung II. Allgemeine Bauangelegenheiten

Abteilung III. Bauverwaltung

Abteilung IV. Hochbau

Abteilung V. Tiefbau

Abteilung VI. Maschinenwesen

Abteilung VII. Übergeordnete Dienststellen, Schriftwechsel

Abteilung VIII. SS-Bauleitungen

Abteilung IX. SS-V-Bauleitungen

Abteilung X. Pol. Bauleitungen[71].

Hauptaufgabe der Bauleitung war der Aufbau des KL Lublin, doch ihre Kompetenzen erstreckten sich noch auf vier weitere Gebiete:

1. Arbeiten für SS und Polizei in den SS-Liegenschaften der Distrikte Zamo¶æ und Lublin;

2. Arbeiten für die SS-Forschungsstelle für Ostunterkünfte in den südlichen Zonen der Lubliner Gegend;

3. Bauarbeiten für das Nachschublager des Höheren SS- und Polizeiführers Rußland Süd und Kaukasien;

4. Bau vor Arbeitslagern im Lubliner Distrikt sowie von SS geleiteten Fabriken, darunter den Pelz- und Bekleidungswerken in der Stadt Lublin.

Vom Oktober 1941 bis September 1943 beschäftigte die Zentralbauleitung im Schnitt täglich 5.000 Häftlinge bei Bauarbeiten. Ab Oktober 1943 sank die Zahl auf 1.000; ferner stützte sie sich auf wenigstens 35 Zivilfirmen mit rund 1.000 Mitarbeitern und stand mit mindestens 78 Zivillieferanten in Verbindung. [72]

5. Der Ausbau Majdaneks in den Jahren 1942-1944

Als Karl Otto Koch im Herbst 1941 seine Stelle als erster Kommandant des Lubliner Lagers antrat, fand er neben dessen Aufbau noch andere Aufgaben vor. So hatte er die Bekleidungswerke der Waffen-SS Außenstelle Lublin auszubauen, das Nachschublager Rußland-Süd zu organisieren und das sogenannte »V-Lager« auf dem Gelände des alten Flughafens 500 m nordwestlich des Lagers zu übernehmen. Worum es sich bei letzterem handelte, wissen wir in Ermangelung von Dokumenten nicht. Während V-Lager und Nachschublager dem KL Majdanek einverleibt wurde, führten die Bekleidungswerke zunächst ein Eigendasein. Im Februar 1942 trafen dort Transporte polnischer Jüdinnen ein, die bei der Kleiderherstellung eingesetzt wurden. [73]

Der zivilen Stadtverwaltung Lublins war das Entstehen eines so mächtigen Lagers ein Dorn im Auge. Am 16. Januar 1942 wurde bei einer Besprechung, an der Vertreter der Zentralbauleitung sowie der stellvertretende Bürgermeister von Lublin Dr. Steinbach teilnahmen, der Entscheid gefällt, daß die Stadt während der ersten Phase der Bauprojekte für diese täglich 1.500 m3 Wasser zur Verfügung stellen müsse; für die Errichtung der Wasserleitungen werde die Zentralbauleitung sorgen. Steinbach hieß den Anschluß des Lagers an das städtische Kanalisationsnetz zunächst gut. Bei einer Folgekonferenz am 12. Februar 1942 erklärte er dann aber, die Stadtverwaltung mache ihre Zustimmung zum Projekt von dessen Genehmigung durch den Generalgouverneur abhängig[74].

Diese Bedingung scheint im Zusammenhang mit einem Zwist zwischen Globocnik und dem Lubliner Gouverneur gestanden zu haben. Josef Bühler, Staatssekretär in der Regierung des Generalgouvernements, sagte im Februar 1946 als Zeuge beim Nürnberger Prozeß aus, Zörner sei gegen ein Lager mit 150.000 Häftlingen eingetreten, weil dieses soviel Kohle, Elektrizität und Gas benötige, daß die Versorgung der Stadt dadurch in Mitleidenschaft gezogen werde. Außerdem liege Seuchengefahr vor.

Inwieweit diese Aussage Bühlers zutrifft, sei dahingestellt. Jedenfalls teilte die Stadtverwaltung der Bauleitung am 3. März mit, solange der Plan für die Erweiterung des Lagers nicht dem Gouverneur Hans Frank vorgelegt und von diesem gebilligt worden sei, könne die Bauleitung auf keinerlei Unterstützung seitens der Stadtbehörden rechnen. Gleichzeitig verbot Steinbach der Bauleitung jegliche Arbeiten auf dem Gebiet der Stadt zum Anschluß Majdaneks an deren Kanalisation[75].

Für die Häftlinge hatten diese Streitigkeiten unheilvolle Folgen: Die hygienischen Zustände in Majdanek spotteten jeder Beschreibung und zogen eine enorm hohe Sterblichkeitsrate nach sich[76].

Ob die Baupläne dem Gouverneur je vorgelegt worden sind, wissen wir nicht.

Himmlers Vertrauensmann Globocnik, mit dem sowohl Frank als auch Zörner auf gespanntem Fuß standen, wurde am 31. März 1942 von seinem Posten abberufen und mit der Leitung der Operation Reinhard beauftragt[77].

Inzwischen wuchs die Zahl der Majdanek-Häftlinge stetig an. Neben polnischen Häftlingen trafen ab Ende März zahlreiche tschechische und slowakische Juden dort ein[78]. Am 23. März 1942 wurde ein neuer Lagerplan eingereicht, der diesmal den von Kammler am 8. Dezember des Vorjahres anvisierten Dimensionen entsprach[79]. Er sah eine Untergliederung des Lagerkomplexes in drei Teile vor:

1) Das »Kriegsgefangenenlager«. Auf einer Fläche von 120 ha sollten in vier Abschnitten 16 rechteckige Felder - 14 größere und 2 kleinere - entstehen. Abschnitt eins und zwei sollten je fünf, Abschnitt zwei und drei je drei Felder umfassen. Auf den größeren Feldern sollten jeweils 24 Baracken (22 Wohnbaracken, eine Küche und eine Wasch- und Abortbaracke) entstehen. Für die beiden kleineren Felder waren 16 Baracken (14 Wohnbaracken, eine Küche sowie eine Wasch- und Abortbaracke) vorgesehen.

Bei einer Belegung jeder der 336 Wohnbaracken mit rund 250 Häftlingen belief sich die Kapazität des KGL auf ca. 85.000 Insassen. In der Mitte des Lagers sollten große Werkstätten, ein Lebensmittelmagazin, ein Lazarett, eine Großwäscherei usw. errichtet werden.

2) Die »Erweiterung KGL«. Dabei handelte es sich um einen Komplex von Gebäuden Östlich des Kriegsgefangenenlagers. Die »Erweiterung« sollte seinerseits in drei Teile zerfallen, von denen der erste und der dritte Werkstätten und andere der Wirtschaft dienende Gebäude umfaßte; der zweite bestand aus acht Reihen mit je 16 Wohnbaracken für ca. 350 Häftlinge, was einer Gesamtkapazität von knapp 45.000 Insassen entsprach.

3) Die Bekleidungswerke der Waffen-SS Dachau, Außenstelle Lublin. Hier waren 102 Baracken, davon 80 Wohnbaracken für jeweils 250 Gefangene, vorgesehen, was eine Kapazität von 20.000 Insassen ergab. Von der »Erweiterung KGL« waren die Bekleidungswerke durch die Bahnlinie nach Chełm getrennt.

Insgesamt hätte das Lager also ungefähr 150.000 Häftlingen Platz bieten können, so wie es Kammler am 8. Dezember 1941 vorgesehen hatte. (Marszałek spricht an mehreren Stellen von 250.000, doch liegt dieser Ziffer kein Dokument zugrunde, sondern lediglich die theoretische Maximalkapazität des Lagers bei extremer Überbelegung der Baracken.) Allerdings wurde diese Zahl niemals auch nur annähernd erreicht, denn der Plan vom 23. März blieb auf dem Papier stehen. Bereits am 14. Mai wurde entschieden, daß nur die Felder I bis VIII gebaut werden sollten, die ersten fünf in einer ersten und die letzten drei in einer zweiten Phase[80]. Neben Rohstoffmangel und Transportproblemen dürfte auch die unsichere Lage an der Ostfront zu diesem Entscheid beigetragen haben.

Unterdessen wurden die Bemühungen um den Anschluß des Lagers an das Kanalisationsnetz der Stadt endlich vorwärtsgetrieben. Am 15. Mai 1942 reichte die Zentralbauleitung an die Bauinspektion Ost der Waffen-SS und Polizei in Krakau einen entsprechenden Bauantrag ein. Die Kosten wurden unter Zugrundelegung der polnischen Preise auf eine Million Reichsmark geschätzt. Die Zentralbauleitung hielt fest:

»Falls sich ein großzügiger Einsatz von Häftlingen und Gefangenen [d.h. Kriegsgefangenen] bei den Erdarbeiten für Rohrgräben in den Straßen der Stadt ermöglichen läßt, werden die Baukosten wesentlich geringer. Der erforderliche Häftlingsbedarf wäre bis zu 500 Mann pro Tag, die jedoch nur in Truppen von 50 - 100 Mann Stärke getrennt eingesetzt werden können«[81].

Die unhaltbaren sanitären Zustände im Lager waren von einer Expertengruppe gegeißelt worden, die das Berliner Hygiene-Institut der SS nach Majdanek entsandt hatte. In einem der Zentralbauleitung am 29. Mai 1942 zugestellten Bericht hielten die Hygieniker fest, der Brunnen beim Revier (Krankenblock) auf Feld I sei denkbar ungünstig gelegen, da die Ausscheidungen der Kranken in diesen hineingelangen könnten. Der zweite, bei der Unterkunft des Lagerarztes gelegene Brunnen müsse unverzüglich geschlossen werden, da er von Kolibakterien wimmle. Dem Lager drohe akute Seuchengefahr. Das einzige wirksame Mittel zur Behebung dieser Bedrohung sei der Anschluß an das städtische Kanalisationsnetz, der mit aller Kraft zu beschleunigen sei[82].

Das am 15. Mai eingereichte Bauvorhaben wurde erst am 27. Juli genehmigt[83]; die Verantwortlichen hatten sich also nochmals zweieinhalb Monate Zeit gelassen. Zwecks Ausführung des Projekts wandte sich die Zentralbauleitung an mehrere Privatfirmen, u.a. die Kontinentale Gesellschaft für Handel und Industrie in Krakau und das Technische Ingenieurbüro für Zentralheizungen und sanitäre Anlagen in Warschau. Von diesen Firmen erwarb man auch das Baumaterial[84], während sämtliche keine besondere Ausbildung erheischenden Bauarbeiten von Häftlingen verrichtet wurden, welche die Zentralbauleitung für 60 Pfennig pro Tag an die Firmen vermietete.

Durch den steten Mangel an Transportmaterial wurde die Fertigstellung der Arbeiten endlos verzögert: Züge und Lastwagen wurden für die Ostfront benötigt, und es fehlte an Waggons, welche das erforderliche Baumaterial nach Lublin brachten. Erst im Januar 1943 war der Anschluß an das städtische Kanalisationsnetz glücklich bewerkstelligt[85]. Es dauerte dann noch bis zum Herbst jenes Jahres, ehe jede Baracke endlich fließendes Wasser hatte.

Neben der Knappheit an Rohstoffen und Fahrzeugen stellte der Mangel an Arbeitskräften für die SS ein weiteres Dauerproblem dar, so daß man sich um einen rationaleren Einsatz der Häftlingsarbeit bemühte. In einem Rundschreiben an sämtliche Zentralbauleitungen und Bauinspektoren der Waffen-SS und Polizei erteilte Himmler am 20. Mai 1942 folgende Anweisung:

»Gemäß Befehl des Hauptamtschefs wird der gesamte Häftlingsbestand mit sofortiger Wirkung zentral gesteuert. Demzufolge ist es unbedingt erforderlich, daß sämtliche Dienststellen bis zum 30.5. 1942 melden, welchen Einsatz von Häftlingen bzw. Kriegsgefangenen sie für die laufenden Bauwerke benötigen. Die Arbeitskräfte sind nach Fachrichtung, für jedes Bauwerk getrennt, genau aufzuführen. Im ureigensten Interesse der Bauleitungen ist dieser Termin innezuhalten, da sonst mit dem Abzug der Häftlinge gerechnet werden muß. In Zukunft ist jedem Bauantrag mit dem Rohstoffauszug auch der erforderliche Häftlingsbedarf im obigen Sinne anzufordern«[86].

Oberste Instanz zum Entscheid über den Arbeitseinsatz der KL-Häftlinge war das AMT DII des WVHA unter dem SS-Standartenführer Georg Maurer. Zu dessen Kompetenzen gehörte die Befugnis, die Überstellung von Gefangenen aus einem Lager in ein anderes oder in Anlagen der zivilen und Kriegsindustrie anzuordnen. Beispielsweise erteilte Maurer am 2. März 1943 den Befehl, 2.000 arbeitstaugliche polnische Häftlinge aus Majdanek ins Reich zu verschicken[87]. Im Lubliner Lager selbst fiel der Arbeitseinsatz der Internierten wie bereits erwähnt in den Aufgabenbereich der Abteilung III (Schutzhaftlager). Dessen Leiter war von April 1942 bis April 1944 der SS-Hauptscharführer Troll; seine Nachfolge trat der SS-Oberscharführer Herbert Abraham an[88].

Wie auch in anderen Konzentrationslagern zerfielen die zur Arbeit eingesetzten Häftlinge in zwei Hauptgruppen, die »Innerhalbkommandos« und die »Außerhalbkommandos«. Erstere mußten das Lager selbst aufbauen und erweitern; sie wurden zu Erdarbeiten, Bauarbeiten sowie zum Transport abkommandiert. Insgesamt wurden in Majdanek 280 Bauwerke erstellt[89]. Andere Kommandos hatten für die Aufrechterhaltung des Lagerbetriebs zu sorgen (Reinigungsarbeiten, Gärtnerei, Küche, Wäscherei, Entlausungskammern usw.). Es gab sogar ein Kommando, das von SS-Obersturmführers Anton Thumann mit der künstlerischen Verschönerung des Lagers beauftragt wurde; sein Leiter war der polnische Bildhauer A.M. Boniecki[90].

Die »Außerhalbkommandos« arbeiteten für verschiedene Firmen. Diese unterhielten manchmal Werkstätten auf dem Lagergelände. Befanden sich die Werkstätten in größerer Entfernung vom Lager, so wurden die Häftlinge auf dem Firmengelände einquartiert; ansonsten kehrten sie nach Arbeitsschluß ins Lager zurück.

Im folgenden wollen wir die verschiedenen Etappen der Bauarbeiten in Majdanek kurz skizzieren, wobei wir uns in erster Linie auf einen im Jahre 1969 erschienenen Artikel J. Marszałeks stützen[82].

Der vom 14. Mai 1942 stammende Bauplan, der die Errichtung von Baracken auf acht Feldern vorsah, wurde schon im Juli desselben Jahres modifiziert. Laut dem neuen Plan - es war bereits der vierte! - waren nur auf den ersten fünf Feldern Bauarbeiten vorgesehen. Zwischen den Felder IV und V wurden zwei Zwischenfelder neu geplant, auf deren ersteren das Krematorium sowie die Wäscherei gebaut werden sollten. Der wirtschaftliche Teil sollte westlich der Häftlingsfelder eingerichtet werden; dort sollten Baracken zur Aufbewahrung des den Internierten abgenommenen Besitzes, Bäder, sowie vier große Wirtschafts- und Verwaltungsbaracken entstehen, ferner Schuppen zur Lagerung von Kartoffeln, eine Reitbahn und ein Schießstand sowie schließlich der Bauhof, ein Komplex von mehreren Gebäuden, in denen das Baumaterial aufbewahrt werden sollte[91].

Ein auf der Grundlage dieses Plans errichtetes Lager konnte rund 50.000 Häftlinge fassen können, wobei man wieder bei der ein Jahr zuvor von Himmler genannten Zahl angelangt war. Doch ist nicht einmal diese Lagerstärke je erreicht worden: Wie wir im folgenden Kapitel sehen werden, waren in Majdanek niemals mehr als ca. 22.500 Häftlinge zugleich interniert.

Die Bauarbeiten auf den verschiedenen Feldern verliefen wie folgt:

- Feld I wurde im Oktober 1941 von den ersten in Majdanek eingetroffenen Häftlingstransporten in Angriff genommen und war Anfang 1942 fertiggestellt. Auf ihm befanden sich zwei Reihen von je 10 Baracken. Die Felder II bis V wiesen je 22 Baracken auf. Feld II war Anfang 1942 fertiggestellt, die Felder III und IV im Frühling bzw. Sommer, Feld V im September 1942. Insgesamt gab es also zum letztgenannten Zeitpunkt auf den Häftlingsfeldern 108 Baracken[92].

Auf dem - im Plan vom Juli 1942 unberücksichtigten - Feld VI entstanden viel später, von Herbst 1943 bis Anfang 1944, Baracken, während die Felder VII und VIII niemals realisiert wurden[93].

Jedes Feld bildete eine eigene administrative Einheit. Nach diesem Konzept war nur das Lager Majdanek strukturiert; in keinem anderen NS-Konzentrationslager fand sich ein vergleichbares Feldersystem. Der für ein Feld zuständige SS-Offizier hatte den Titel eines »Feldführers« inne; ihm oblagen die Aufrechterhaltung der Ordnung, die Durchführung der Appelle sowie die Führung der Schreibstube auf seinem Feld. Ihm stand, wie bereits erwähnt, ein »Lagerältester«, d.h. ein Vertrauenshäftling, zur Seite. Die nächstunterste Stufe bildeten die »Blockführer«, denen jeweils die Obhut über einen Block anvertraut war und die ihrerseits von Vertrauenshäftlingen niedrigerer Charge (Blockältester, Blockschreiber, Kapos) unterstützt wurden[94].

Hier ein knapper Überblick über die Belegung der Felder.

Feld I.

Auf Feld I wurden zunächst jene sowjetischen Kriegsgefangenen untergebracht, die neben den polnisch-jüdischen Kriegsgefangenen aus dem »Judenlager« an der Lipowa-Straße die ersten Bauarbeiten auf dem Gelände des Lubliner Lagers verrichteten. Später kamen zivile Häftlinge dazu. Schon im November 1941 wurde dort ein »Revier« (Krankenblock) eingerichtet, der immer mehr wuchs und schließlich die ganze, 10 Baracken umfassende nördliche Seite des Felds einnahm; die südliche Reihe blieb weiterhin von arbeitsfähigen Häftlingen bewohnt. - Im September 1943 wurde das Revier auf Feld V verlagert, und die arbeitstauglichen männlichen Gefangenen kamen auf die Felder III und IV. Feld I war fortan für weibliche Häftlinge reserviert; auch das zunächst aus 6, später aus 11 Baracken bestehende Frauenkrankenhaus entstand hier[95].

Hier sind einige Bemerkungen über die weiblichen Häftlinge im Lubliner Lager notwendig. War Majdanek anfangs ausschließlich für Männer gedacht, so wurde im Juli 1942 die Einrichtung eines separaten Frauenlagers ins Auge gefaßt. Das Projekt wurde von Glücks genehmigt. Am 29. Oktober 1942 schrieb Kammler an Krüger:

»Durch o.a. Schreiben übersendet mir der Chef der Amtsgruppe D, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS Glücks, den Antrag des Kommandanten des KGL.-Lublin vom 6.10.1942 zur Errichtung eines neuen FKL im Gelände des Bekleidungswerkes der Waffen-SS in Lublin.

In Anbetracht der Dringlichkeit ist die zuständige Baudienststelle anzuweisen, im Einvernehmen mit dem Kommandanten des Kriegsgefangenenlagers Lublin, SS-Obersturmbannführer Koegel, umgehend den erforderlichen Bauantrag anzufertigen und vorzulegen. Der mit dem o.a. Antrag vorgelegte Lagerplan ist diesem Schreiben beigefügt«[96].

Schon am 1. Oktober, also noch ehe der Befehl zur Errichtung des FKL förmlich erging, waren die ersten weiblichen Häftlinge in Majdanek eingetroffen. Sie wurden zunächst auf Feld V untergebracht. Als Standort für das FKL sah Koegel, wie aus dem Schreiben Kammlers an Krüger hervorgeht, die Bekleidungswerke auf dem alten Flughafen vor. Neben den Werkstätten sollte das Lager 22 Wohnbaracken erhalten, was einem Fassungsvermögen von etwa 5.000 Häftlingen entsprach. Im November 1942 wurden die im Vormonat eingetroffenen, in Majdanek befindlichen Frauen auf das Gelände der Bekleidungswerke überstellt.

Kennzeichnend für das im Lubliner Lager herrschende heillose Chaos ist, daß dieser Beschluß schon bald darauf, Anfang Januar 1943, wieder rückgängig gemacht wurde. Ab dem 8. jenes Monats wurden neu eingetroffene Frauentransporte (bei den Häftlingen handelte es sich zunächst um polnische politische Gefangene, später auch um Jüdinnen sowie um Bürgerinnen der UdSSR) wiederum auf dem Feld V in Majdanek untergebracht, so daß es nun abermals zwei Frauenkonzentrationslager gab. - Im September desselben Jahres verlagerte man die Frauenabteilung in Majdanek dann auf Feld I.

Die - insgesamt 25 - Aufseherinnen wurden großenteils aus dem FKL Ravensbrück herbeigeschafft. An ihrer Spitze stand die Oberaufseherin Elsa Ehrlich[97].

Feld II.

Auf Feld II kamen in großem Umfang jüdische Häftlinge. Später entstand dort ein besonderes »Lazarett für sowjetrussische Kriegsversehrte«. Bei diesen handelte sich um Sowjetsoldaten, die zu den Deutschen übergegangen und dann an der Front zu Krüppeln geschossen worden waren. Den Entscheid zur Gründung dieses Lazaretts fällte Himmler persönlich am 6. Januar 1943. Er legte fest, die Baracken sollten ähnlich wie Krankenhäuser eingerichtet werden, wobei als Pflegepersonal ausschließlich russische Ärzte und Sanitäter einzusetzen seien. Die humane Behandlung der russischen Kriegsversehrten sei in der Propaganda gebührend hervorzuheben[98].

Feld III.

Auch auf Feld III bestand ein großer Teil der Häftlinge aus Juden. Dazu kamen bereits im Frühling 1942 die ersten »Geiseln«. (Wie wir gesehen haben, führten die Aktivitäten des bewaffneten polnischen Widerstands gegen die Besatzungsmacht dazu, daß als Repressalie auch Zivilisten, denen man keine Unterstützung des Widerstands nachweisen konnte, in die Lager eingeliefert wurden. In vielen Fällen kamen diese Geiseln schon nach kurzer Zeit wieder frei.)

Ferner wurde auf Feld III der sogenannte »Gammelblock« eingerichtet. Als »Gammler« oder »Muselmänner« bezeichnete man im Lagerjargon Kranke im letzten Stadium der Auszehrung, bei denen nur noch geringe Hoffnung auf Genesung bestand. Schließlich wurden auf diesem Feld zeitweise einige Baracken für Typhuskranke bestimmt.

Feld IV.

Auf Feld IV wurden zunächst politische Häftlinge und sowjetische Kriegsgefangene untergebracht. Ab Herbst 1942 wurde dort eine spezielle Sektion zur Unterbringung von Geiseln eingerichtet. Man nannte sie das »Auffanglager«[99].

Feld V.

Feld V diente, wie bereits erwähnt, anfangs zur Aufnahme von Frauen (und Kindern). Nachdem diese im September 1943 auf Feld I überstellt worden waren, entstand auf Feld V ein Männerkrankenhaus mit zuletzt 22 Baracken, darunter solchen für Chirurgie, Tuberkulosekranke, an offener Tuberkulose leidende Patienten sowie Rekonvaleszenten.

Die Kommandantur war anfangs in der Stadt Lublin untergebracht, an der Ogrodowa-Straße 12, in einem Haus, das sich früher in kirchlichem Besitz befunden hatte. Auch die Wachmannschaft wohnte anfänglich in Lublin. Im Plan vom März 1942 waren für Lagerleitung und -personal noch keine eigenen Unterkünfte auf dem Gelände Majdaneks vorgesehen. Solche entstanden erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1942, und zwar südöstlich von Feld I. Insgesamt 12 Baracken dienten zur Unterbringung der Lagerführung, während in einem separaten, westlich davon gelegenen Block 14 Baracken für die Wachmannschaft, drei Baracken für SS-Offiziere, SS-Unteroffiziere sowie in der Verwaltung tätige SS-Männer errichtet wurden; dazu kam noch eine Baracke für die Aufseherinnen[100].

Der Bau all dieser Gebäude wurde also von den Häftlingen durchgeführt. Neben den insgesamt 280 Bauwerken, die auf dem Lagergelände entstanden, legten diese auch die Kanalisation an und errichteten die Straßen innerhalb des Lagerkomplexes. Die erste verband den von der Lagerführung bewohnten Block mit der Straße Lublin-Zamo¶æ, die zweite führte von eben diesem Block zu den Häftlingsfeldern, die dritte von den Häftlingsfeldern zur Straße Lublin-Zamo¶æ. Alles in allem wurden 4.500 m Straße angelegt[101].

Die polnische Historikerin Anna Winiewska hat anhand der erhaltenen Dokumente untersucht, ein wie großer Prozentsatz der Majdanek-Häftlinge mit dem Bau und Unterhalt des Lagers selbst beschäftigt war. Im September 1942 waren 42% der Gefangenen bei Bauarbeiten eingesetzt, während 18% als Putzkräfte, Gärtner, Köche, Wäscher etc. für die Funktion des Lagerbetriebs zu sorgen hatten. Im September 1943, als nur noch auf Feld VI Baracken errichtet wurden, war der Anteil der mit Bauarbeiten Beauftragten auf 18% geschrumpft, während nun bereits 42% mit der Aufrechterhaltung des Lagerbetriebs beschäftigt waren; das Verhältnis hatte sich also genau umgekehrt. Für März 1944 lauteten die Ziffern 10% bzw. 65(!)%[102]. Im Dienst von Firmen arbeiteten im September 1942 und im September 1943 je 40% der Gefangenen, im März 1944 nur noch 25%. Da man davon ausgehen darf, daß in der Anfangsphase die allermeisten Häftlinge zu Bauarbeiten abkommandiert wurden, ergibt sich aus diesen Zahlen, daß nur gerade rund ein Drittel aller in Majdanek geleisteten Arbeitsstunden der Wirtschaft zugute kamen. In der Praxis war das Lager also weitgehend zum Selbstzweck geworden. Dies war gewiß nicht das, was Himmler im Juli 1941 vorgeschwebt hatte, als er den Baubefehl erteilte!

Die bedeutendsten der Firmen, die von der Häftlingsarbeit profitierten, waren die Pelz- und Bekleidungswerke, die DAW sowie die von der SS erst im März 1943 gegründete Ostindustrie. Die Bekleidungswerke stellten Kleider und Schuhe für die Soldaten an der Ostfront her; die DAW unterhielten die Werkstätten des Judenlagers in der Stadt Lublin sowie Einrichtungen auf dem Gelände des alten Flugplatzes; die Ostindustrie besaß auf dem alten Flugplatz Werkstätten, in denen Waffen repariert wurden. Außerdem wurden in ihren Betrieben Bürsten, Munitionskörbe etc. hergestellt. Bei diesen Arbeiten mußten neben Frauen auch Kinder mitwirken.

Diese drei Firmen waren auch auf dem Gelände des Lagers Majdanek vertreten. Im Jahre 1943 wurde fast die Hälfte aller Baracken auf dem Feld IV zu wirtschaftlichen Zwecken genutzt. Auf Feld VI wurden von den DAW mehrere Baracken in Schusterwerkstätten umgewandelt, wo man von der Front eingetroffene kaputte Schuhe reparierte[103].

Eine ausgesprochen wichtige Rolle spielten während der ganzen Geschichte des Lagers jüdische Arbeiter aus verschiedenen Ländern, vor allem aus Polen selbst. Im Frühling 1943 wurden jüdische Arbeitskräfte aus Warschau aus sicherheitspolitischen Gründen nach Majdanek sowie in dessen Nebenlager überstellt. Am 31. März 1943 schrieb ein Vertreter der Ostindustrie an die Lubliner Zentralbauleitung:

»Aufgrund des Befehls des Reichsführers SS müssen die die im Warschauer Ghetto befindlichen rüstungswichtigen Betriebe, die mit jüdischen Kräften arbeiten, aus polizeilichen Gründen und im Interesse der Steigerung des jüdischen Arbeitseinsatzes raschestens verlagert werden. Die Verlagerung erfolgt nach Poniatowa, Trawniki und Lublin in bereits vorhandene Bauten«[104].

Zuletzt noch einige Worte über die Nebenlager Majdaneks.

Die Angaben über deren Zahl schwanken, da die Grenzen zwischen einem »Nebenlager« und einem »Außenkommando« fließend sind. Der polnische Historiker Czesław Rajca geht von insgesamt 13 »Filialen« Majdaneks aus[105].

In Pulawy, Radom und Blizyn arbeiteten die Häftlinge in Werkstätten der DAW. In der Stadt Lublin wurden Gefangene in der Örtlichen DAW-Filiale sowie in mehreren kleineren Arbeitskommandos eingesetzt. In Budyn befanden sich die Heinkel-Werke, wo hauptsächlich jüdische Häftlinge Flugzeugteile herstellten. In Trawniki, das zugleich als Arbeitslager sowie als Schulungslager für SS-Männer diente, mußten Bau- und Grabarbeiten ausgeführt werden. In Piaski bei Lublin arbeiteten die dorthin Abkommandierten in einer Sägerei. Schließlich wurde im April 1944 das im Mai 1943 gegründete Konzentrationslager Warschau dem Lubliner Lager unterordnet. Dort waren größtenteils nichtpolnische Gefangene interniert, denen u.a. der Abriß der Hausruinen auf dem Gelände des zerstörten jüdischen Ghettos und die Suche nach noch verwertbarem Material, z.B. Ziegeln, oblag.

Allzu flink werden die Häftlinge ihren Einsatz weder im Stammlager noch in den Außenkommandos verrichtet haben. Als der polnische Bildhauer Boniecki und seine Künstlergruppe den Auftrag erhielten, das Lagergelände plastisch zu verschönern, errichteten sie u.a. eine Säule mit drei Adlern sowie eine Eidechse und eine Schildkröte aus Beton[106]. Die Adler symbolisierten die Idee der Freiheit, die Eidechse jene des Untertauchens und der Konspiration, während die Schildkröte das Prinzip »Arbeite langsam und schlecht« verkörperte. Die Majdanek-Häftlinge werden sich diesen Grundsatz bestimmt zu eigen gemacht haben, wo es nur ging.

Zum Zeitpunkt, wo ihm das KL Warschau unterstellt wurde, ging Majdanek bereits seiner Auflösung entgegen. Die Ostfront rückte unerbittlich näher, und die Evakuierung war in vollem Gange: ein Häftlingstransport nach dem anderen ging Richtung Westen ab. Am 23. Juli 1944 läutete dann die einrückende Rote Armee das Finale ein.

Die Geschichte der nationalsozialistischen Politik für die Lubliner Gegend sowie das Lager Majdanek ist die Geschichte einer langen Reihe von ehrgeizigen Projekten, von denen kaum eines verwirklicht werden konnte. Die Region um Lublin sollte germanisiert werden, es sollte eine SS-Stadt mit 60.000 Einwohnern entstehen - beide Pläne blieben ein Wunschtraum. Anderen Plänen nach sollte die Gegend zum Auffangbecken für das europäische Judentum werden, doch auch dieses Vorhaben blieb in den ersten Ansätzen stecken. In Majdanek sollten 150.000 Häftlinge ein dynamisches Wirtschaftszentrum aus dem Boden stampfen, das während des Krieges die deutschen Heere und nach dessen siegreichem Abschluß die deutsche Zivilindustrie mit einem nie versiegenden Fluß von Produkten versorgen sollte, doch die angestrebte Häftlingszahl wurde niemals auch nur im entferntesten erreicht, und der größte Teil des von den Zwangsarbeitern vergossenen Schweißes floß für den Ausbau und die Aufrechterhaltung des Lagers selbst - eines Lagers, das schließlich als riesenhafte Bauruine stehen blieb und das eine sehr große Zahl von Menschen das Leben gekostet hat.

Grund für die hohe Opferzahl, die der Torso am Rand von Lublin gefordert hat, waren weniger Brutalität und Sadismus (obwohl es dergleichen bei den niedrigen SS-Chargen und erst recht den Kapos sicher auch gab), als vielmehr Planlosigkeit - etwa der ständige Wechsel der Kommandanten, der eine zielstrebige und langfristig konzipierte Führungspolitik für das Lager verunmöglichte - sowie Rivalitäten zwischen verschiedenen Instanzen, die beispielsweise den dringend erforderlichen Anschluß an die städtische Kanalisation immer wieder hinausschoben. Schließlich trugen auch Umstände zu den schlimmen Lebensbedingungen und damit zu der hohen Sterblichkeit bei, für die man die Lagerführung und die Zentralbauleitung billigerweise nicht verantwortlich machen kann, etwa der durch die Entwicklung an der Ostfront bedingte Mangel an Transportmitteln, welcher das Heranschaffen des Baumaterials für die Kanalisation zusätzlich verzögerte.


Anmerkungen

  1. Arno Mayer, Der Krieg als Kreuzzug, Rowohlt, Hamburg 1986, S. 245.
  2. R-129.
  3. NO-500.
  4. Zahlreiche entsprechende Dokumente erwähnt Carlo Mattogno in Il mito dello sterminio ebraico, Sentinella d'Italia, Monfalcone 1987.
  5. NO-5689.
  6. NO-1523.
  7. PS-1469.
  8. Zygmunt Mankowski, »Obozy hitlerowskie - Majdanek - Lubelszczyna. Ruch oporu« [Hitlerlager - Majdanek - Lubliner Gegend. Die Widerstandsbewegung], in: Tadeusz Mencel (Hg.), Majdanek 1941 - 1944, Wydanwnicto Lubelskie, Lublin 1991, S. 35.
  9. Richard C. Lukas, The forgotten holocaust. The Poles under German occupation. The University Press of Kentucky, Lexington, Kentucky/USA, 1986 S. 57 ff.
  10. Ebenda, S. 68.
  11. Fritz SchÖller und Max-Otto Vandrey, Führer durch die Stadt Lublin, Krakau 1942, S. 5. Zitiert nach J. Marszałek, »Geneza i początki budowy obozu koncentracyjnego na Majdanku« [Genese und Anfänge des Baus des Konzentrationslagers Majdanek], in: ZM, I, 1965, S. 22.
  12. Die Heranführung von Volksdeutschen aus diesen Ländern wurde Mitte Juli 1941 auf einer Konferenz der NSDAP in Zamo¶æ beschlossen (Krakauer Zeitung vom 17. Juli 1941, zitiert nach Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 25).
  13. NO-5574.
  14. Zum Lublin-Plan siehe Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. 7), S. 1011 - 1013.
  15. J. Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 15-59.
  16. NO-3031.
  17. Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 21.
  18. Ebenda, S. 28.
  19. WAPL, Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Lublin (fortan Zentralbauleitung), sygn. 58.
  20. Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 28, 29.
  21. Z. £ukaszkiewicz, aaO. (Anm. 10), S. 64.
  22. Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 27.
  23. APMM, Zentralbauleitung, 120.
  24. Siehe Dokument 1 und Fotografien I, II.
  25. Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 32
  26. Ebenda, S. 33.
  27. Siehe Dokument 2.
  28. Es gab drei Arten von Baracken: Die »Schneider-Baracken«, die 30 × 10 × 2,60 m maßen, die »Schönbrunn-Baracken«, deren Größe 32,50 × 12,50 × 2,70 m betrug, sowie schließlich die »Werner-Baracken«, die 32,05 × 12,50 × 2,60 m groß waren. Der Grund dafür lag im Mangel an Fertigteilen ein und desselben Barackentyps; man mußte mit dem Material bauen, das gerade verfügbar war. Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 37, 38.
  29. Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 35.
  30. Unter Funktionshäftlingen verstand man Häftlinge, die das Verbindungsglied zwischen ihren Mitgefangenen und der Lagerverwaltung bildeten, beispielsweise Dolmetscher. Daß Ende 1941 polnische Häftlinge aus weiter westlich gelegenen Lagern nach Majdanek geschickt wurden, lag sicher vor allem daran, daß man sie zum Übersetzen benötigte. Ferner befanden sich unter ihnen mehrere Ärzte (vgl. Kapitel III).
  31. Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 36, 37.
  32. WAPL, Zentralbauleitung, 30, S. 3
  33. Ebenda, 9, S. 27.
  34. Siehe Kapitel VI.
  35. WAPL, Zentralbauleitung, 14, S. 266.
  36. Der Briefwechsel zwischen Kleinmann und Himmler ist wiedergegeben nach Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 39 ff.; S. 50, 51.
  37. Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 40.
  38. WAPL, Zentralbauleitung, 168, S. 10.
  39. Józef Kasperek, »Organizacja. Komendatura« (Kommandatur), in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 59, 60.
  40. Zu den verschiedenen Kommandanten von Majdanek sowie deren Schicksal siehe Józef Kasperek, »Oddział I - Komendatura (Komandatur). Komendant obozu« (Lagerkommandant), in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 60 ff., sowie Landgericht Düsseldorf, Urteil Hackmann u.a., XVII 1/75, Bd.I, S. 65, 66.
  41. J. Kasperek, aaO. (Anm. 56), S. 62.
  42. Landgericht Düsseldorf, aaO. (Anm. 56), Bd.I, S. 66.
  43. Czesław Pilichowksi, »Zbrodniarze z Majdanka przed sądem« (Die Majdanek-Verbrecher vor Gericht), in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 428.
  44. Landgericht Düsseldorf, aaO. (Anm. 56), Bd.I, S. 65.
  45. J.G. Burg, Majdanek in alle Ewigkeit?, S. 28.
  46. Pilichowski, »Zbrodniarze z Majdanka przed sąadem«, in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 428.
  47. Beziehungsweise eine von der SS als »Vergehen« betrachtete Handlung.
  48. Zu Abteilung II vgl. Zofia Leszczyñska, »Oddział II - Polityczny«, in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 64-66.
  49. Zu Abt. III siehe diess., »Oddział III - Obóz wiê1/4niarski«, ebenda, S. 66-70.
  50. Zu Abt. IV siehe Józef Kasperek, »Oddział IV - Administracja«, ebenda, S. 70-72.
  51. Zu Abt. V siehe Zofia Leszczyñska, »Oddział V - Lekarz obozowy«, ebenda, S. 72-74.
  52. Zu Abt. VI siehe Józef Kasperek, »Oddział VI - Propaganda«, ebenda, S. 74, 75.
  53. Zu den Hilfsabteilungen siehe die Beiträge von Józef Kasperek, Zofia Murawska sowie Henryka Telesz, ebenda, S. 75-83, 91.
  54. WAPL, Zentralbauleitung, 4, S. 3.
  55. Ebenda, 6, S. 1-5, Aktenplan der Zentralbauleitung der Waffen-SS u. Polizei Lublin vom 12.2.1942.
  56. Man lese dazu die beiden eingehenden Studien J. Marszałeks »Centralny Zarząd Budowalny SS i Policji w Lublinie«, in: ZM, VI, 1972, S. 5-41, und »Rola Centralnego Zarządu Budowalnego SS i Policji w Lublinie w budowanie obozu na Majdanku«, in: ZM, VII, 1973, S51-89.
  57. Marszałek, aaO. (Anm. 27), S. 45.
  58. Ebenda, S. 46, 47.
  59. Ebenda, S. 47, 48.
  60. Siehe Kapitel II.
  61. Soweit man den lückenhaften Quellen entnehmen kann, scheint die »Operation Reinhard« in der Beschlagnahme jüdischen Eigentums bestanden zu haben.
  62. Siehe Kapitel II.
  63. WAPL, Zentralbauleitung, 63. Siehe Dokument 3.
  64. Marszałek, , aaO. (Anm. 27), S. 54.
  65. APMM, Zentralbauleitung, sygn. 120.
  66. Józef Marszałek, »Budowa obozu na Majdanku w latach 1942-1944« [Der Bau des Lagers Majdanek in den Jahren 1942-1944], in: ZM, IV, 1969, S. 70, 71.
  67. APM, Zentralbauleitung, sygn. 120.
  68. BenÖtigt wurden 495 Tonnen Rohre, 50.000 Ziegel, 230 Tonnen Zement, 50 m3 Mörtel, 30 Tonnen Kalk, 160 m3 Holz sowie 17 Tonnen Eisen und Stahl.
  69. Vgl. den in Kapitel III zitierten Bericht des SS-Untersturmführers Krone.
  70. WAPL, Zentralbauleitung, 54, S. 12.
  71. Anna Winiewska, »Praca wiê1/4niów« [Die Arbeit der Häftlinge]; in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 172.
  72. Ebenda, S. 173.
  73. Marszałek, aaO. (Anm. 82), S. 82.
  74. A. Winiewska, aaO. (Anm. 87), S. 178.
  75. Marszałek, aaO. (Anm. 82), S. 22.
  76. Siehe Dokument 4.
  77. Zur Entstehung der einzelnen Felder siehe Marszałek, aaO. (Anm. 82), S. 32 ff.
  78. Ebenda, S. 38.
  79. Ebenda, S. 40 ff.
  80. WAPL, Zentralbauleitung, 95.
  81. Zofia Murawska, »Obóz kobiecy« [Das Frauenlager], in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 84-86.
  82. Henryka Telesz, »Lazaret dla inwalidów - byłych jeñców radzieckich« [Das Lazarett für invalide ehemalige sowjetische Kriegsgefangene], in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 88-91.
  83. Henryka Telesz, »Obóz dla zakładników« (Auffanglager der Ordnungspolizei - Sicherheitsauffangslager), in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 91, 92
  84. Marszałek, aaO. (Anm. 82), S. 59 ff.
  85. Ebenda, S. 79, 80.
  86. A. Winiewska, aaO. (Anm. 87), S. 186.
  87. Marzsalek, aaO. (Anm. 82), S. 48.
  88. WAPL, Zentralbauleitung, 268, S. 1.
  89. Czesław Rajca, »Podobozy Majdanka« [Die Nebenlager von Majdanek], in: T. Mencel, aaO. (Anm. 24), S. 379-398.
  90. Marszałek, aaO. (Anm. 82), S. 40.

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