Bücherschau

Monoperzeptose - ein fixe Idee

Wolfgang de Boor, Wahn und Wirklichkeit. Psychiatrische Grenzfälle vor Gericht, Verlag C. H. Beck, München 1997, 86 S., DM 29,80, erhältlich bei VdF-Buchdienst, Postfach 35 02 64, D-10211 Berlin.

Wolfgang der Boor hat alle Aussichten, neben Guillotin in die Geschichte einzugehen: als Erfinder eines von ihm "Monoperceptose" genannten Gerüstes, einer Konstruktion, die - obwohl es sich nicht um die Beschreibung einer Krankheit im engeren Sinne handelt, wie er selbst einräumt -, es der politischen Justiz ermöglichen solle, Oppositionelle hinter das Panzerglas geschlossener psychiatrischer Anstalten zu bringen, unter Umständen lebenslang:

»Bei "verminderter Schuldfähigkeit" (§ 21 StGB) kann die Strafe zwar gemildert werden, die Unterbringung in ein psychiatrisches Krankenhaus erfolgt nur, wenn die "Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, daß von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deswegen für die Allgemeinheit gefährlich ist" (§ 63 StGB). Jeder Gutachter wäre in der Lage, in der Psyche des Angeklagten, der von Monoperceptose befallen ist, Material für den § 63 StGB (geschlossene Unterbringung) zu finden. Günter Deckert wäre dann in den Maßregelvollzug gekommen, wo er bis zur "Heilung" in psychiatrischer Obhut bleiben würde. Bei dem "charakterstarken" Mann dürfte das sehr, sehr lange dauern.« (S. 6)

De Boor meint, »kriminogene Ideen« zu untersuchen, hat aber einen höchst verwaschenen Begriff von einer Tat, von den Begriffen Täter und Opfer. Er spricht vom »sozialpathologischen Gehalt« eines Phänomens und hält es für möglich, daß die Übersetzung des Vortrages eines von einem kanadischen Gericht gehörten Gutachters eine Straftat begründen könnte. Auf den weitaus näher liegenden, geradezu ins Auge fallenden Schluß, daß die Straftat nicht in der Übersetzung dieses Vortrages, sondern vielmehr in der Kriminalisierung dieser Übersetzung liegen müsse, kommt er nicht. Hat er keine Kenntnis vom Wortlaut des Paragraphen 130 StGB, der mit Abs. V u.a. Ausführungen, die zum Bereich der Geschichte gehören, von der Strafverfolgung ausnimmt?

Kein Zufall, daß de Boor, wenn es dazu kommt, das von ihm beschriebene Krankheitsbild zu definieren, sich auf einen 1892 erschienenen Aufsatz bezieht (C. Wernicke: »Über fixe Ideen«, Deutsche Medizinische Wochenschrift, 1892, S. 581 ff., bei de Boor S. 4). Bei der Denkart des 19. Jahrhunderts ist man mit der Lawine der politischen Verfahren tatsächlich angekommen. Wir erleben neuzeitliche Prozesse nach dem Muster antiker Anklagen wegen Majestätsbeleidigung. Die Frage aber stellt sich, wer ist diese Majestät, wer ist dieser Souverän, der dem Volk - und nicht nur diesem - den Mund verbieten darf?

Täter und Opfer zu unterscheiden, sollte einem vor Gericht als Gutachter auftretenden Psychiater möglich sein. Der Rezensent will einräumen, daß es nicht einfach ist, den Täter zu bezeichnen, wenn er in der Robe des Staatsanwaltes oder des Richters auftritt. Wie die menschliche Geschichte lehrt, ziehen Amtsstellen Kriminelle an; und vor jedem Gemeinwesen steht die Aufgabe, Regelungen zu ersinnen, wie diesen zu begegnen, diese zum Verlassen ihrer Machtstellung zu zwingen wären, bevor sie größeren Schaden anrichten können. Die demokratische Staatslehre führt hier aus, daß es Aufgabe einer freien Presse sei, die Öffentlichkeit zu unterrichten, Alarm zu schlagen usw. Was aber, wenn die kriminellen Gruppierungen gerade bei der Presse und den Medien ansetzen, Verlage und Redaktionen ihrer Ausrüstung berauben und diese ob ihrer Berichterstattung gar selbst vor Gericht stellen? Was, wenn Rechtsanwälte auf entsprechende Protestschreiben nicht einmal eine Antwort bekommen? Was, wenn die Verfolger sich einen Denunziationsdienst in Gestalt amtlicher Verlautbarungen schaffen und die verbleibende Presse zwingen, deren Verkündungen zu übernehmen?

De Boor läuft Gefahr, den Kriterien der von ihm beschriebenen Abnormität selbst zu genügen, so dem der Wissenschaftsfeindlichkeit. Bei der pauschalen Abneigung gegen Zahlen, wie de Boor sie durchblicken läßt - »Der Streit um Zahlen ist von makabrer Obszönität« (S. 78)- wären weder Mathematik, noch Physik und Chemie in Deutschland zukünftig noch zu treiben. Daß der Bannstrahl politischer Justiz mit dem ehemaligen Doktoranden der Max-Planck-Gesellschaft, Germar Rudolf, einen der begabtesten Naturwissenschaftler dieses Landes getroffen hat, ist kein Zufall. Auch der ehemalige Präsident der österreichischen Ingenieurskammer ist nicht zufällig unter den Opfern.

Das Buch ist ein erschütterndes Dokument der Naivität - denn Bösartigkeit kann de Boor bei diesem Umfang und der Art selbsttätiger Entblößung nicht unterstellt werden. Eine Naivität, die de Boor vermutlich mit vielen, mit allzu vielen Mitbürgern teilt - hier sieht man Generationen mit der Nachtmütze paradieren. Offenkundig in der Meinung, einen der Psychiatrie nachempfunden Test durchzuführen, hat de Boor verschiedenen Personen historische Dokumente vorgelegt und sie zu Kommentaren veranlaßt. Die Antworten wiederum meint de Boor offenkundig als wahr oder falsch interpretieren zu können - in vollkommener Ignoranz der zu jedem einzelnen Thema vorliegender Literatur. Daß die Geschichtsschreibung als Ganzes im Fluß ist und nicht etwa nur von den sogenannten Revisionisten in Bewegung gehalten wird, scheint ihm vollkommen unbekannt zu sein. Von den jeweils den einen oder anderen Artikel relativierenden Arbeiten Arno Mayers, Yehuda Bauers, Dan Diners, Daniel Goldhagens oder Ernst Noltes kennt er vermutlich nichts. Er ist Vorstellungen von einem "Reich des Bösen" aus Reaganscher Frühzeit aufgesessen, in welchem sich sein Gegenüber - der Kriminelle - bewegt; zwischen Mördern und Menschen, denen nichts als unwillkommene Publizistik vorgeworfen wird, springt er hin und her, als ob die Materie nicht zu unterscheiden wäre. »Gewalt zur Erreichung politischer Ziele lehnt Deckert strikt ab«, schreibt de Boor, ohne selbst das geringste Unrechtsbewußtsein zu entwickeln, ohne sich die Frage zu stellen, weswegen Deckert dann zu über 4 Jahren Haft verurteilt wurde.

In den letzten Jahren ist von den Medien der Eindruck verbreitet worden, an der Sinnhaftigkeit von Formulierungen wie dem "gezielten, planmäßigen, systematischen und millionenfachen Holocaust mittels Gaskammern in Auschwitz" auch nur einen Buchstaben abzustreichen, sei in der Bundesrepublik verboten. Tatsächlich wird, wer im geltenden Strafgesetzbuch nachliest, keines dieser Worte finden. Die Formulierungen des § 130 des Strafgesetzbuches sind vollkommen allgemein - um nicht zu sagen: nebulös - gehalten, so daß jeder Richter darunter verstehen kann, was er für angezeigt hält. Und Abs. V. desselben will diesen auf historische Betrachtungen ausdrücklich nicht angewendet wissen. Die auf dieser Basis gegen Historiker wie Udo Walendy gefällten Urteile sind bereits dem Buchstaben des geltenden Gesetzes nach Rechtsbeugung - ganz unabhängig davon, ob die Verfassungsmäßigkeit des § 130 überhaupt gegeben ist, bzw. dieser übergreifende Vorschriften, wie die UN-Menschenrechtskonvention verletzt.

Diese Staatsanwälte und Richter, die hier meinen, mittels des staatlichen Gewaltmonopols ihrer Meinung nach unrichtige Äußerungen unterbinden zu sollen, haben nicht einmal die alliierten Lektionen der ersten Stunde verstanden. Die Auseinandersetzungen tragen Züge eines Kirchenkampfes. Das Problem besteht darin, daß es einer dieser Kirchen gelungen ist, weite Teile des Staatsapparats ihren Zwecken dienstbar zu machen, um zu einer rigorosen globalen Staatskirche zu werden. Damit droht eine weltweite Bartholomäusnacht, und eine weitere Stunde Null - wenn auch vielleicht erst in elf Jahren, elf Monaten und 364 Tagen.

De Boors Buch macht insgesamt einen unsteten, hastig geschriebenen, unentschlossenen Eindruck. Der Text auf dem Buchrücken steht im Widerspruch zu den Ausführungen im Innern, weist den Gebrauch der de Boor'schen Formel zum Zweck der Internierung politischer Gegner ausdrücklich zurück. De Boor zitiert den als Mitglied der Frankfurter Schule oft gescholtenen Theodor W. Adorno, der meinte, »das Recht zur freien Meinungsäußerung - auch wenn der Inhalt der Meinung 'falsch, irr und verhängnisvoll' ist -, dürfe nicht beschnitten werden«. (Eingriffe - Meinung - Gesellschaft, Frankfurt 1963, S. 147ff. u. 167, bei de Boor S. 80)

Streckenweise liest sich de Boors Buch wie eine Initiationsschrift für den Revisionismus, trägt es Züge der Persiflage, der Ironisierung seiner selbst: man mag einfach nicht glauben, daß de Boor es ernst meint. Beispielsweise wenn er in die Diskussion der Historiker eingreift und als seiner Ansicht nach verläßliche Quelle aus der Fülle der überwältigenden, unwiderleglichen und altgedienten und langbewährten Beweise für die Existenz der umstrittenen Objekte in Auschwitz das Zeugnis von Jean Heinemann (Auschwitz. Ein Bericht, Berlin 1995) anpreist (S. 68, Fußnote 2). Warum erwähnt er keinen aus der Vielfalt der im Auschwitz-Prozeß gehörten Zeugen? Warum kommt er nicht auf den geprüften Grund der Klassiker Gerstein, Vrba oder Höß zurück?

De Boor tut so, als verstehe er nicht. Dabei ist es sehr einfach: Es ist die nämliche Logik, die den Übersetzer Günter Deckert ins Gefängnis werfen ließ, die de Boor selbst den Vorwurf einbringt, ein Nazi zu sein. Monoperceptose? - Rassenwahn!

De Boor hat sich am 8.5.1995 in einem Leserbrief an die FAZ einem größeren Publikum bekannt gemacht und zugleich seinen Ruf ruiniert. Er schrieb seinerzeit:

»Die Karlsruher 2. Strafkammer hat am 21. April 1995 mit feinem Gespür für hierarchische Strukturen das Strafmaß für Deckert neu berechnet:

Zwei Jahre Gefängnis ohne Bewährung [...]. Die weltweit empörte Menschheit kann beruhigt aufatmen. Zwei Jahre lang wird der ehemalige Oberstudienrat seine verworrenen Ideen zum Holocaust nur noch im Knast promulgieren können, aber eben nur zwei Jahre. Die Karlsruher Richter haben zwei strafrechtliche Normen nicht angewendet, die das Gesetz in den §§ 21 und 63 des Strafgesetzbuches zur Verfügung stellt, um hartnäckige, unbelehrbare und psychisch abnorme Rechtsbrecher zur Räson zu bringen.«

Vielleicht ist das nun vorgelegte Buch als Versuch einer Aufarbeitung einer von ihm selbst als unwürdig empfundenen Äußerung zu verstehen. Daß Wolfgang de Boor - als möglicherweise unwissender Mittäter - eine Dokumentation des eigenen Versagens vorgelegt hat, ehrt ihn im Rahmen des Möglichen. Sein Werk birgt eine Vielzahl gedanklicher Querströmungen, Strudel und Zwischentöne - es dürfte interessant werden, seine weiteren Schritte zu verfolgen.

Andreas Röhler


Kommentierte Auszüge aus W. de Boor, Wahn und Wirklichkeit.

Der Fall Günter Deckert (1991-1996)

Bei den Untersuchungen des jetzt 56-jährigen Oberstudienrates a.D. und früheren NPD-Vorsitzenden ging es um die Klärung zweier Fragenkomplexe:

I. Besteht eine erkennbare Versuchbarkeit mit Schwerpunkt in einem der 3 anthropologischen Essentiale "Stern", "Haben", "Gelten".

- Versuchung qua Körper. (Orale und sexuelle Begierden; Suchtprobleme.)
- Versuchung durch Geld und Materielles.
- Versuchungen durch Macht.

II. Trifft das Monoperceptose-Konzept auf Günter Deckert zu?

Zu I:

Die Analyse der Biographie unter Einbeziehung autobiographischer Notizen und Publikationen über Deckert ergab, daß deliktkausale Versuchungen im Bereich der 3 Essentiale fehlen. Das Sozialverhalten war, kriminologisch gesehen, bis 1991 unauffällig. In seiner Lebensführung war D. ohne übertriebene Ansprüche. Er gehört daher zu der zahlenmäßig sehr kleinen Gruppe von Personen, deren Straftaten durch ihre ideologische Versuchbarkeit charakterisiert wird. Materielle Motive oder Machtstreben scheiden als causa für rechtswidriges Handeln aus. Leitendes Motiv für den Pädagogen Deckert war die Schaffung einer Nationalen Volkspädagogik. Er wollte einen Beitrag zur Aufklärung der Bevölkerung über die Jahre 1933 bis 1945 leisten. Für diese Aufgabe hat er schwerwiegende materielle Nachteile in Kauf genommen:

Realisierbare Machtziele, z.B. die Bildung einer nationalen Regierung ohne Fremdbestimmung durch überstaatliche Mächte strebt er nicht an. Aus dem Ausschluß der für banale Alltagskriminalität typischen Versuchbarkeit im Bereich der drei Essentiale ergibt sich, daß D. nicht als Krimineller im üblichen Sprachgebrauch zu bezeichnen ist. Kriminologisch gesehen gehört er in die Kategorie der ideologisch motivierten Überzeugungstäter.

Zu II. Untersuchungen zum Thema Monoperceptose.

[...Es folgt eine geraffte Darstellung über die Vorgänge, die zu Deckerts Verurteilung führten, sowie eine Auflistung der Antworten, die Deckert auf verschiedene von de Boor gestellte Fragen gab. Diese Passagen sind auch nachzulesen bei http://www.nationaljournal.org]

Das Gespräch verlief in ruhiger Atmosphäre. D. machte nicht den Eindruck von der Haft sonderlich beeindruckt zu sein. Er lese viel, pflege - so wie zulässig - die Kontakte nach draußen. So habe er sich als Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart beworben. Beim Justizminister habe er einen Antrag auf eine Umerziehungstherapie gestellt, über den noch nicht entschieden ist.

1. Omnipotenzgefühle

D. fühlt sich nicht allmächtig, nicht Herr über Leben und Tod. Er verurteilt Gewaltakte zur Erreichung politischer Ziele. Der Verlust der Führungsposition in der NPD hat ihn nicht gekränkt, im Gegenteil, er fühlt sich von einer schweren Bürde entlastet. D. ist kein Machtmensch, sondern ein von seiner Mission "Volksaufklärung" überzeugter Idealist.

2. Realitätsverlust

Die deutsche Vergangenheit, die Jahre 1933, besonders die Zeit ab 1941 wird einseitig aus der Perspektive der Revisionisten gesehen. Zweifel an der eigenen Person gibt es nicht.

[Die trifft anscheinend für die meisten Vertreter der orthodoxen Geschichtsauffassung zu.]

Seine Zweifel beziehen sich nur auf die von Staat und Gesellschaft vertretene Auffassung von den Verbrechen der NS-Zeit. Die Realität strafrechtlicher Normen mit hohen Strafandrohungen (§ 130 StGB) ist für D. kein Hindernis, für seine Ziele zu kämpfen. Ein realitätsorientierter, zu vernünftiger Güterabwägung befähigter Akademiker mit guten beruflichen Chancen - in den Personalakten wird ihm eine hohe pädagogische Qualifikation bescheinigt - hätte seine Existenz als Beamter nicht für utopische Ziele aufs Spiel gesetzt und letztlich ruiniert.

[Nach den gleichen Kriterien zu urteilen wären alle Männer des Widerstandes gegen Hitler psychisch krank gewesen, denn sie alle hatten utopische, rechtswidrige Ziele, für die sie ihr Leben aufs Spiel setzten. Der vorsätzliche Verstoß gegen menschenrechtswidrige Gesetze oder Regierungen kann jedenfalls kein Indiz für eine psychische Deformierung sein. Es käme darauf an zu prüfen, ob in diesem Fall der §130 StGB menschenrechtswidrig ist. Diese Frage läßt de Boor aber ungeklärt, weshalb seine ganze Analyse auf falschen bzw. ungeklärten Voraussetzungen fußt.]

3. Aggressionspotentiale

Bei den Untersuchungen ergaben sich keine Hinweise auf besonders hohe Aggressivität. Verbale Ausfälle (Haßtiraden, Wutausbrüche) wurden auch bei heiklen Themen nicht beobachtet. Gewalt zur Erreichung politischer Ziele lehnt Deckert ab.

4. Identitätskrisen

Schon in der Jugend hat sich bei Deckert eine feste nationale Identität gebildet, die durch die Disziplinar- und Strafverfahren nicht erschüttert wurde. Der Glaube an seine Mission ist fest verankert.

5. Narzißmus und Egozentrizität

Die eigenen Möglichkeiten zur Realisierung politischer Ziele werden überschätzt. Von der Bedeutung seiner Person im politischen Kampf ist er überzeugt. Stolz sagt er, daß im Internet schon mehrfach über seine Verfahren berichtet worden sei. Er sei »politischer Gefangener der BRD« und es erfülle ihn mit Genugtuung, daß er als Märtyrer zwischen »Kriminellen und Rauschgifthändlern« seine Strafe verbüße.

6. Das internalisierte Wertesystem

Mit Ausnahme der für alle geltenden, von ihm aber im Bereich des § 130 StGB mißachteten Pflicht, die staatlichen Gesetze zu befolgen, ließen sich Wertedefizite nicht erkennen

[Auch hier weicht de Boor einer kritischen Auseinandersetzung mit der menschenrechtlichen Problematik des §130 StGB aus.]

7. Einstellung zur Wissenschaft

Wissenschaftlich - wie die RAF-Terroristen - ist D. nicht. Er hat sich ohne Vorbedingung für die psychiatrische Untersuchung zur Verfügung gestellt. Angst, als pathologischer Fall in eine Institution eingewiesen zu werden, hat er nicht. Den etablierten Historikern wirft er ihre unwissenschaftliche Einseitigkeit bei der Holocaust-Forschung vor. Hier sind einige Bemerkungen zum Thema Wissenschaft erforderlich, das bei der Argumentation der Revisionisten eine große Rolle spielt. Sie nehmen Wissenschaftlichkeit für ihre Aufklärungskampagnen in Anspruch, sprechen sie aber ihren Kritikern ab

[Dies ist falsch. Sobald jemand die Revisionisten kritisiert, d.h. ihre Sachargumente sachlich aufgreift, prüft und fundiert verwirft, wird derartigen Kritikern die Wissenschaftlichkeit durch die Revisionisten nicht abgesprochen. Tatsache ist aber, daß meistens nur über die vermeintlichen politischen Motive der Revisionisten gesprochen bzw. geschimpft wird; daß man sie totschweigt oder verunglimpft; daß man ihre Argumente nicht oder nur verzerrt thematisiert; daß man ihre Publikationen verschweigt. Dies alles sind untrügliche Zeichen der Unwissenschaftlichkeit].

Der Gedanke, daß die anderen Zeitgeschichtsforscher, von ihnen abwertend Holocaust-Gläubige genannt, vielleicht doch recht haben könnten, sie selbst aber falsche Befunde für wahr halten, wird vom monoperceptotisch eingegangen Bewußtsein nicht zugelassen.

[Dies ist falsch. Die Revisionisten fordern immer wieder dazu auf, ihre Thesen sollten durch entsprechende Sachgutachten und Untersuchungen widerlegt werden. Sie betonen immer wieder, daß sie bei Vorlage entsprechender Sachbeweise oder eindeutiger Dokumente zur Änderung ihrer Meinung bereit sind. Auf jeden Fall bedrohen sie niemanden mit Schaden an Hab und Gut, Leib und Leben, der ihre Auffassung nicht vertritt. Tatsache ist hingegen, daß ein Unfehlbarkeitsanspruch nicht von den Revisionisten propagiert wird, sondern von der Gegenseite, die diesen Anspruch zudem mit verbaler, juristischer und körperlicher Gewalt durchsetzt. Im Gegensatz zu den Revisionisten hat zudem meines Wissens noch nie ein orthodoxer Historiker öffentlich gesagt, er werde sich der Meinung der Revisionisten anschließen, wenn diese überzeugende Beweise vorlegten. Prof. de Boor stellt also die Tatsachen auf den Kopf!]

Das Phänomen der Abschottung von allen, die Selbstgewißheit störenden Einflüssen ist mit der Monoperceptose-Theorie plausibel zu erklären (Monostruktur der Denkinhalte)

[Im Gegensatz zu den Revisionisten, die alle Argumente und Publikationen der Gegenseite aufgreifen, blendet die Gegenseite die Argumente der Revisionisten fast vollständig aus, schottet sich also von allem ab, was ihre Selbstgewißheit stören könnte.]

Die Abschottung ist Symptom einer unwissenschaftlichen Einstellung

[die ausschließlich bei den orthodoxen Historikern zu finden ist].

Offenheit für Forschungsergebnisse anderer Autoren und methodischer Zweifel an der eigenen Position sind unverzichtbare Voraussetzungen für geistige Arbeit, die das Prädikat »wissenschaftlich« verdient. Revisionisten verfahren selektiv. Alles, was die eigene Person stützt, ist sakrosankt, andere Forschungsergebnisse beruhen auf Fälschungen.

[Ob etwas eine Fälschung ist oder nicht, läßt sich nur durch einen sachliche Analyse klären. Tatsächlich werden immer wieder massive Fälschungen aufgedeckt, und zwar fast immer nur von Revisionisten. In Wirklichkeit sind es die orthodoxen Historiker, die »alles, was die eigene Person stützt«, als sakrosankt ansehen und die »Forschungsergebnisse« der anderen als »Fälschungen« und Lügen bezeichnen.]

8. Partnerbeziehung

Die Ehe ist nicht gefährdet. Die Ehefrau besucht ihn regelmäßig. Sie teilt seine politischen Ansichten und betätigt sich im Sinne seiner revisionistischen Ideologie.

9. Zur Verdrängung der Realität

Die Stärke der Verdrängungspotenzen wird hoch eingeschätzt. Aus der NS-Geschichte werden die belastenden Fakten ausgeblendet (Qua Verdrängung? Qua Absicht?),

[da können sich wohl viele Vertreter beider Seiten die Hände reichen. Der eine verdrängt das Entlastende, der andere das Belastende. Tatsache ist, daß die Revisionisten nur auf die offen eingestandene Einseitigkeit des Establishments reagieren.]

die für alle politisch interessierte Bürger als historisch gesicherte Tatsachen gelten.

[Wenn für die Masse des Volkes etwas als gesicherte Tatsache gilt, etwa für die Menschen im Mittelalter, daß sich die Sonne um die Erde dreht, muß es noch lange nicht wahr sein.]

Der Zorn der Revisionisten richtet sich besonders gegen die Ablehnung ihrer Beweisanträge zur Selbstaufklärung. Die Gerichte sehen die NS-Straftaten als »offenkundige geschichtliche Tatsache« an, die keiner weiteren Beweise bedürfe.

Zu den immer wieder geforderten Beweisen für die Ermordung in den Lagern ist anzumerken: Die NS-Verbrechen sind ohne notarielle Aufsicht erfolgt; sie waren als »Geheime Reichssache« nur den unmittelbar Beteiligten bekannt. Aber selbst wenn die Tötungen amtlich beurkundet worden wären, würden die Revisionisten die Urkunden getreu ihrem Credo als Fälschungen bezeichnen. Eine Beweiserhebung im rechtstechnischen Sinne ist viele Jahrzehnte nach den inkriminierten Ereignissen unmöglichen.

[Das ist in jeder Hinsicht Unsinn. Offenbar vergißt Prof. de Boor, daß es neben Dokumenten auch Sachbeweise gibt: Spuren von Massengräbern, Gebeine, Asche etc. Wenn Kriminologie, Altertumsforschung und Paläontologe noch Jahre, Jahrzehnte, Jahrhundert, Jahrtausende, ja Jahrmillionen nach einem Ereignis materielle Spuren desselben finden können, kann man das bisherige Fehlen ebensolcher Untersuchungen nicht mit der Floskel entschuldigen, es ließe sich ja doch nichts mehr beweisen. Freilich wird es mit zunehmendem Zeitabstand immer schwieriger, die Beweise zu sichern. Es ist aber schon schlimm genug, daß man über 50 Jahre verstreichen ließ, ohne das angeblich schlimmste Menschheitsverbrechen, das bisher nur behauptet, aber noch nie bewiesen wurde, angemessenen forensischen Untersuchungen unterworfen zu haben. Es stellt bis heute kein prinzipielles Problem dar, die Spuren der Massenmordorgien der Sowjetunion nachzuweisen: Seit Katyn hat man unzählige Massengräber exhumiert. Warum versucht man nicht zumindest eines der von Deutschen angelegten Massengräber in den angeblichen Vernichtungslagern oder in den zeitweise deutsch besetzen Gebieten der Sowjetunion zu finden und zu untersuchen? Prof. de Boor weicht auch hier den zentralen Fragen aus.]

R. Kammerer

 


Der Revision eine Gasse: Reaktionen auf die Anti-Wehrmachtsausstellung

Joachim F. Weber (Hg.), Armee im Kreuzfeuer, Universitas, München 1997.

Franz. W. Seidler (Hg.), Verbrechen an der Wehrmacht, Pour le Mérite, Selent bei Kiel 1997, 383 S.

Sammelbände mit über 20 Beiträgen und umfangreichem Anhang, die sich in normalem Buchformat auf etwa 300 Seiten beschränken, bieten zwar für jeden etwas, haben aber den Nachteil, daß vieles zu kurz kommt, was der Leser gerne ausführlicher dargelegt hätte. Von Erwiderungen auf die Reemtsma/Herrsche Ausstellung würde man gerne Tiefgang und Ausführlichkeit verlangen. Das erste hier besprochene Buch kann dem jedoch nur teilweise gerecht werden, da sich die Autoren in ihren 24 Beiträgen sehr zurückhalten mußten. Weniger ist eben manchmal doch mehr.

Vom zeitgeschichtlichen Standpunkt aus betrachtet verdienen zwei Beitragskategorien besondere Aufmerksamkeit, und zwar einerseits jene, die sich mit dem Problem der Deserteure der Wehrmacht beschäftigen, und andererseits jene, die sich mit den behaupteten Verbrechen der Wehrmacht auseinandersetzen.

Unter der Hauptüberschrift »Der Deserteur als Leitbild des Staatsbürgers?« beschäftigen sich drei kompetente Autoren mit der Frage, ob eine allgemeine Rehabilitierung und Entschädigung der damaligen Fahnenflüchtigen gerechtfertigt werden kann. (Lothar Groppe: Will der Bundesrat auch Verbrecher rehabilitieren? Wider die Verallgemeinerungen;
Franz W. Seidler: Fahnenflucht. Der Soldat zwischen Eid und Gewissen. Tatsachen über das Phänomen der Desertion aus der Wehrmacht; Alfred M. de Zayas: Täter- und Opferkategorien. Deutsche Schwarzweißmalereien über Wehrmachtsjustiz und Deserteure aus der Sicht eines Amerikaners).

Interessant daran ist aus Sicht des Rezensenten vor allem die Feststellung schweizer Untersuchungskommissionen, die während des Krieges deutsche Deserteure nach ihren Motiven befragten. Danach hatten kaum mehr als 1% aller Fahnenflüchtigen politische Motive für ihre Tat. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Soldaten kann zudem in die Kategorie nicht sozialisierter Personen eingeordnet werden, die schon im Zivilleben Probleme hatten, sich den Gesetzen unterzuordnen. Daß der Deutsche Bundestag im Frühjahr 1997 diese Soldatengruppe kumulativ rehabilitierte und nun seitens der linken und liberalen Fraktionen im Bundestag sogar eine pauschale Entschädigung für alle Deserteure gezahlt werden soll, liegt wohl einerseits an mangelhafter Information über die tatsächlichen Motive der damaligen Rechtsbrecher, vor allem aber wohl an ideologischer Borniertheit. Besonders deutlich wurde diese in der ARD-Report-Sendung vom 2.2.97, in der das ergreifende, aber eben falsche Bild vom Deserteur als heldenhaften Widerständler gesungen wurde, um diejenigen CDU-Parlamentarier, die eine pauschale Entschädigung zur Zeit noch blockieren, pseudomoralisch weichzukochen.

Womöglich werden in den nächsten Jahren alle Menschen, die im Dritten Reich von ordentlichen Gerichten bestraft wurden, posthum rehabilitiert und entschädigt, selbst Mörder und Frauenschänder. Schließlich haben sich all diese Menschen gegen den NS-Staat und seine menschenverachtende Gesetze gewandt oder sind von einer faschistischen Unrechtsjustiz in Schauprozessen unrechtmäßig verurteilt worden. Alle diese tapferen "Widerständler" und "Opfer der Nazijustiz" gehörten daher rehabilitiert und entschädigt. So abwegig ist dieses Schreckenszenario leider nicht, werden doch schon heute ausnahmslos alle ehemaligen KL-Insassen entschädigt, auch wenn ein nicht unerheblicher Anteil davon gewöhnliche Schwerkriminelle waren. Wem das unwahrscheinlich erscheint, der sei daran erinnert, daß es genau diese Logik ist, die SPD, FDP, GRÜNE und den linken Flügel der CDU in Sachen Rehabilitierung der Deserteure umtreibt.

Thematisch etwas erfreulicher sind die zwei im ersten hier besprochenen Buch vorhanden Beiträge zur Frage der Verbrechen der Wehrmacht. Insbesondere die detaillierten Ausführungen von Wolf Stoecker über »Fälschung und Agitation« in der »Ausstellung "Vernichtungskrieg, Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944"« geben zu der Hoffnung Anlaß, daß sich doch noch kompetente und mutige Forscher finden, die sich dem von Heer und Konsorten präsentierten Material sachkundig zur Brust nehmen und in akribischer Kleinarbeit den Fälschungscharakter dieser Ausstellung beweisen. Stoecker bringt in seinem Beitrag 10 Beispiele solcher Fälschungen, wobei man bei einigen ein sanftes Fragezeichen anbringen darf, zumal es Stoecker manchmal nur darauf anzukommen scheint, die Verantwortung für (vermeintliche) Verbrechen von der Wehrmacht auf andere bewaffnete Einheiten abzuwälzen. Sich auf Kosten anderer zu entlasten war aber noch nie ein guter Stil.

Untersuchungen zur Faktizität behaupteter Verbrechen unternimmt Stoecker nicht. Er fordert sie noch nicht einmal ein. So kolportiert er zum Beispiel die längst auch unter Historikern zweifelhaft gewordenen Geschichten über Babij Jar.

Aber auch so ist der Beitrag Gold wert, schon allein was die Bewertung der in der Ausstellung gezeigten Bilder anbelangt:

»Wer aber der Wehrmacht unter Vorlage von Fotos Verbrechen anlasten will, muß, noch dazu, wenn er wissenschaftliche Bearbeitung vorgibt, für jedes Foto Angaben machen können über

  1. Ort und Zeit des Geschehens,
  2. beteiligte Wehrmachtseinheiten,
  3. Rechtswidrigkeit von dargestellten Maßnahmen.

Analysiert man unter diesem Aspekt die 314 Fotos, dann findet man, daß kein einziges Fotos diese Voraussetzung erfüllt:

So also sieht das Ergebnis einer objektiven Überprüfung der in tendenzloser Absicht zur Erregung emotionaler Einstellungen gegen die Wehrmacht gebrachten Unzahl von Bildern aus, die noch dazu meistens aus sowjetischen Quellen stammen. Insgesamt ist überdeutlich, daß elementare Gebote wissenschaftlichen Arbeitens wie auch moralische Wahrhaftigkeit durch die Veranstalter der Ausstellung durchgehend verletzt werden.«

Es bleibt nur zu hoffen, daß es nicht bei diesem Ansatz bleibt, sondern daß die Exponate der Anti-Wehrmachtsausstellung auch weiterhin auf ihre Authentizität untersucht werden.

Einen gänzlich anderen Ansatz verfolgt der bekannte Historiker Walter Post in seinem Beitrag »Die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Armee zwischen Regime und totalem Krieg«. Post berichtet, daß ein nicht unerheblicher Teil von Archivmaterial, daß SS und Waffen-SS belastet, vom KGB gefälscht wurde (Anm. 1):

»Siehe dazu Ladislav Bittmann, Geheimwaffe D, Bern 1973, insbes. S. 59 ff; danach sind das »Kriegstagebuch des Kommandostabes Reichsführer-SS« und die »Tätigkeitsberichte« verschiedener SS-Einheiten wahrscheinlich vom KGB gefälscht oder manipuliert worden. Diese angeblich in einem See gefundenen Dokumente wurden 1964 von der tschechoslowakischen Regierung der Öffentlichkeit präsentiert und ein Jahr später unter dem Titel "Unsere Ehre heißt Treue" im Europa-Verlag, Wien, publiziert.«

Er berichtet über die Methoden, mit denen die "Rote Zelle" am Militärgeschichtlichen Forschungsamt die Geschichtsschreibung verfälscht:

»In den siebziger Jahren bildete sich im Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MOFA) der Bundeswehr in Freiburg um Manfred Messerschmidt, Wilhelm Deist, Hans Erich Volkmann und Wolfram Wette eine Gruppe von linksgerichteten Historikern, die es als ihre Aufgabe ansahen, die Wehrmacht als verbrecherische Organisation zu entlarven.[2] Mit ihren Auffassungen gerieten sie natürlich schnell in Konflikt mit konservativen Mitarbeitern des MGFA. Die Streitigkeiten gipfelten 1984 in einem Prozeß, den Wilhelm Deist gegen Joachim Hoffmann anstrengte. Deist war mit einem Beitrag Hoffmanns zu dem offiziösen Werk »Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg: Der Angriff auf die Sowjetunion« nicht einverstanden gewesen und hatte vor Erscheinen des Buches versucht, »im Einklang mit der Grundthese, die Sowjetunion sei ein friedlicher, kein aggressiver Staat gewesen, auf seine (Hoffmanns) Darstellung des sowjetischen Offensivaufmarsches Einfluß zu nehmen, und ihm nahegelegt, seine Ausführungen so zu verdrehen, daß der sowjetische Aufmarsch ab 1940 nur eine Reaktion auf einen angeblichen deutschen Aufmarsch gewesen sei«. Weiter wurde Hoffmann angetragen, seine Darstellung der Komplizenschaft der Sowjetunion bei dem Angriff auf Polen und bei der Liquidierung dieses Staates zu streichen oder zu verschleiern. Ebenso sollte verschwiegen werden, daß Stalin in seiner Erklärung vom 29. November 1939 England und Frankreich offiziell als die Schuldigen an der Ausweitung und Fortdauer des Krieges bezeichnet hatte.« Weggelassen werden sollte »ein Zitat des sowjetischen Verteidigungsministers und Marschalls der Sowjetunion Gretschko ..., daß allein die Fronttruppen, keinesfalls aber die Regierung und die höheren Führungsstellen der Armee von dem deutschen Angriff überrascht worden seien«. Schließlich wurde von Hoffmann verlangt »ein Breittreten der Untaten auf deutscher Seite, restloses Verschweigen der Untaten auf sowjetischer Seite«.

Deist hatte Hoffmann vor dem Landgericht Freiburg verklagt (die Zitate stammen aus dem Urteil), diese Behauptungen zu unterlassen, aber das Gericht hat die Klage kostenpflichtig abgewiesen.«

Zum Beweiswert von Fotos ohne Herkunftsnachweis bzw. in den Akten sowjetischer Schauprozesse führt er aus:

»Die Ausstellung präsentiert in erster Linie Fotos, aber Fotos sind häufig ein fragwürdiges Beweismittel; man kann unter jedes Foto jede beliebige Unterschrift setzen. Außerdem hat ein Großteil der präsentierten Fotos keinerlei Herkunftsnachweis, so daß sie als Beweismittel wertlos sind. In diesem Zusammenhang erklärte der gegenwärtige Chef des MGFA, Kapitän zur See Werner Rahn, am 28. Juni 1996 in einem Vortrag: »Wenn in einer Ausstellung ein Viertel der Bilder, mit denen der verbrecherische Charakter der Wehrmacht bewiesen werden soll, aus einem stalinistischen Schauprozeß stammt, dann sollte der Zuschauer nachdenklich werden.«

Damit ist der Minsker Prozeß angesprochen, der 1946 in der Sowjetunion gegen 18 angebliche deutsche Kriegsverbrecher abgehalten wurde. Insgesamt wurden zwischen Dezember 1943 und Dezember 1946 mindestens zehn derartige Prozesse in sowjetischen Städten durchgeführt. Messerschmidt bezeichnet in dem gleichnamigen Begleitband zu der Ausstellung »Vernichtungskrieg« diese Prozesse als prinzipiell rechtsstaatlich; aber die sowjetische Justiz der Stalin-Ära hat einen Ruf, der schlechter gar nicht vorstellbar ist.«

Post berichtet - neben den von ihm erwähnten Greueln der Bombardements und der sowjetischen "Befreiung" - über unglaubliche Kriegsgreuel der Amerikaner (Tischgarnituren aus den Knochen ermordeter Japaner, ausgebrochene Zähne, abgeschnittene Ohren...), die sonst immer in abgewandelter Form ohne Beweis den Deutschen in die Schuhe geschoben werden (Stichwort Schrumpfkopf und Menschenhaut). Er beschreibt den völkerrechtswidrigen Partisanenkampf sowjetischer Verbände mit seinen Grausamkeiten und weist in diesem Zusammenhang auf die damalige Rechtmäßigkeit von Repressalhinrichtungen hin.

Post erklärt, daß die Intention für einen Krieg zur Gewinnung von "Lebensraum im Osten" nicht durch Dokumente gestützt werden könne. Alle damaligen kriegsnahen Dokumente stützen die These vom Präventivkrieg als Notwehrhandlung. Auch die Begriffe »Vernichtungskampf« und »Untermensch« kann Post anhand von Dokumenten klären: vernichtet werden sollte der Kommunismus, und als Untermensch galt nur der Bolschewik, nicht aber der Slawe, was sich allein schon deshalb verbot, weil viele slawische Völker auf deutscher Seite kämpften.

Post weist darauf hin, daß die hohe Opferzahl unter den sowjetischen Gefangenen im Winter 1941/42 - die, wie er nachweist, niedriger liegt als so manche Propagandaziffer - nicht auf eine vorsätzliche Vernachlässigung zurückzuführen gewesen sei, sondern auf den Zusammenbruch des deutschen Nachschubs in diesem harten Winter.

Die deutsche Besatzungspolitik werde heute, so Post, »einseitig, wenn nicht falsch dargestellt«. Die deutsche Besatzungsmacht sei in Rußland nicht als Unterwerfer und Ausbeuter aufgetreten. Schon allein der Umfang der Kollaboration und die Stärker der Freiwilligenverbände slawischer Völker beweise den Befreiungscharakter des Ostfeldzuges. Auch weist er nach, daß das Dritte Reich einige Milliarden Reichsmark in das von den Sowjets verwüstete Land investierte, ohne davon je profitieren zu können.

Als Fazit kommt Post zu folgender Beurteilung der Wehrmacht:

»In einem Aufsatz im Begleitband zu der Ausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht« erklärte Streim [Oberstaatsanwalt bei der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg,], daß seit Einrichtung der Zentralen Stelle im Jahre 1958 in der Bundesrepublik Deutschland etwa 3000 Ermittlungsverfahren gegen Angehörige der Wehrmacht eingeleitet worden sind, d. h. 3000 Wehrmachtssoldaten wurden verdächtigt, an Kriegsverbrechen oder NS-Verbrechen beteiligt gewesen zu sein.

Rechnet man, daß der Wehrmacht etwa 18 Millionen Männer und Frauen angehört haben, so machen 3000 Verdächtige 0,017 Prozent des gesamten Personalbestandes aus. Selbst wenn man völlig hypothetisch eine sehr hohe Dunkelziffer von 90 Prozent und damit 30.000 Verdächtige annimmt, so bewegt man sich erst bei 0,17 Prozent. Von den 3000 Ermittlungsverfahren in der Bundesrepublik Deutschland führten übrigens nur zwei (!) zu einer Verurteilung. In der DDR gab es insgesamt acht Urteile gegen Wehrmachtsangehörige.

Auch die quantitativen Überlegungen zeigen, daß die Legende von der »sauberen Wehrmacht« nicht unbedingt eine Legende ist. «

Dr. Walter Post (Jahrgang 1954) ist offenbar ein Mann, mit dem man auch in Zukunft rechnen muß. Allein sein Beitrag ist es wert, das besprochene Buch zu erwerben.

Verbrechen gegen die Wehrmacht

Das zweite hier besprochene Buch ist eine Erwiderung auf die Anti-Wehrmachtsausstellung auf einer ganz anderen Ebene:

»Dieses Buch ist eine Antwort auf die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1945 [...].

Diese Dokumentation sowjetischer Kriegsgreuel läßt im Unterschied zur Anti-Wehrmachtsausstellung keinen Raum für Fälschungen, textliche Irreführungen und willkürliche Behauptungen. - Alle Vorfälle sind belegt. - Die Orts- und Zeitangaben sind zweifelsfrei. - Die näheren Umstände der grausamen Ereignisse werden durch Zeugenaussagen gestützt. - Die Bilder sind keine Privatfotos, sondern juristisches und medizinisches Beweismaterial. - Es wurden keine Eingriffe in die Schriftstücke vorgenommen. - Zu den meisten Dokumenten gibt es zusätzliches Beweismaterial, das von Wissenschaftlern eingesehen werden kann. - Der Wortlaut der Texte kann im Bundesarchiv/Militärarchiv Freiburg unter der Signatur RW 2/v.147-v.152 nachgeprüft werden.«

Prof. Franz W. Seidler war schon öfters durch seine unkonventionellen Publikationen aufgefallen, so auch in dem ersten hier beschriebenen Band über die Deserteure oder auch im Sammelband Die Schatten der Vergangenheit mit seinem in jeder Hinsicht revisionistischen Beitrag »Lebensborn e.V. der SS. Vom Gerücht zur Legende« (U. Backes u.a. (Hg.), Ullstein, FFM 1990, S. 291-318). Bereits mit seinen Veröffentlichungen über die Organisation Todt (Bernard & Graefe, Koblenz 1987) und seinen Gründer Fritz Todt (1986), über den Deutschen Volkssturm (1989), Die Militärgerichtsbarkeit der Deutschen Wehrmacht 1939-1945 (1991), Fahnenflucht (1993) und neuerdings über Die Kollaboration 1939-1945 (1995, alle Herbig, München) - um nur einige zu nennen - hat er Zeugnisse seiner historischen Wahrheitsliebe abgelegt. Mit seinem neuen Werk scheint er nun vollends auf eine geschichtsrevisionistische Linie eingeschwenkt zu sein. Offenbar ist ihm angesichts der Einseitigkeiten à la Reemtsma und Heer der Kragen geplatzt.

Das hier vorgestellt Buch wurde bereits im Focus besprochen, weshalb man wohl zu recht von einer Art Durchbruch sprechen kann. Seidler schneidet in seinem Band das heiße Eisen tatsächlicher oder nur angeblicher "deutscher" Verbrechen zwar an - auch er zeigt einige Fälle von Falschdarstellungen in Reemtsmas Ausstellung auf -, jedoch widmet er sich vor allem den Verbrechen, die an der deutschen Wehrmacht begangen wurden. Bisher gab es zu diesem Thema neben Seidlers Band über die Militärgerichtsbarkeit und das Buch Die Wehrmachtsuntersuchungsstelle von A. de Zayas (Ullstein, FFM/Berlin 41984), worin das beeindruckende Material allerdings nur zögerlich präsentiert und in einer Unmenge juristischer Darstellungen quasi versteckt wurde.

Sowjetischer Kannibalismus an gefangenen deutschen Soldaten

Russischer Kannibalismus an gefangenen deutschen Sodalten im Herbst 1941: »Ausgeweidete Leichen im Lager 2 des Stalag 305«. Bilddokument zum Fall 304, F. W. Seidler, aaO., S. 363.

Prof. Seidler hat vor einiger Zeit die Originalunterlagen der Wehrmachtsuntersuchungsstelle ausfindig machen können, auf denen sich seine Dokumentation abstützt. Anhand dieser Unterlagen präsentiert uns Seidler die an deutschen Soldaten vergangenen Verbrechen in einer Detailfülle und in einem Umfang, daß es einem den Appetit verschlägt. Dies gilt ganz besonders für die vielen Fotos von Fällen russischen Kannibalismus an deutschen Soldaten. Dem Leser sei daher empfohlen, daß Buch nicht kurz vor einer Mahlzeit oder vor dem Einschlafen zu lesen. Das könnte ansonsten unangenehme Folgen haben. Aus dem gleichen Grund verzichten wir hier eine nähere Beschreibungen.

Zu hoffen ist, daß dieses Buch nicht das Ende der Beschäftigung Seidlers mit diesem Thema darstellt. Schon in seiner Einleitung zu diesem Buch zeigt Seidler Ursachen- und Wirkungszusammenhänge zwischen den Verbrechen der jeweiligen Seite auf, anhand derer die Eskalationen im Ostkrieg verständlich werden. Eine zukünftige Vertiefung dieses Themas wäre wünschenswert. Als Gegengewicht zur Einseitigkeit von Heer und Konsorten, die sich laut Focus (Nr. 6, 1998, S. 43) wiederum einer Lüge schuldig gemacht haben und sich inzwischen genötigt, sehen, ihrer Ausstellung eine wachsende Errata-Liste beizufügen, ist dieses Buch jedenfalls ein unbedingtes Muß.

Ein weiteres hervorragendes Buch zu diesem Themenkreis wird in der nächsten Ausgabe besprochen werden: Die Wahrheit über die Wehrmacht (Klaus Sojka, FZ, München 1998).

Ernst Gauss


Inverser Verfolgungswahn: Von Beruf Nazijäger

Efraim Zuroff, Beruf: Nazijäger. Die Suche mit dem langen Atem: Die Jagd nach den Tätern des Völkermordes, Ahriman, Freiburg 1996, 338 S.

Zuroffs Buch gehört in die gleiche Kategorie wie das wahrscheinlich bekannte Werk Recht, nicht Rache, von S. Wiesenthal (Ullstein, FFM 21992). Der Titel gibt den Inhalt des Buches haargenau wieder. Zuroff lebt davon, Naziverbrecher zu jagen, es ist sein Beruf. Vieles, was wir bei Wiesenthal mit Befremden lesen, findet sich auch bei Zuroff, aber ohne diesen gewissen Charme, die Unbefangenheit und Lebhaftigkeit, mit der Wiesenthal, von seiner Mission überzeugt, sich immer wieder ins Unrecht setzt. Wo Wiesenthal menschlich, sogar ein bißchen sympathisch wirkt, ist Zuroff hart und - unheimlich. Genauer: die in Beruf: Nazijäger zutage tretende Geisteshaltung ist weniger unheimlich als unverständlich. Sie ist einem Mitteleuropäer und Christen sehr fremd.

Beruf: Nazijäger ist aus dem Amerikanischen übersetzt, ob es aber in den USA publiziert wurde, ist der deutschen Ausgabe nicht zu entnehmen. Ursprünglich sollte es in England erscheinen, die Veröffentlichung wurde aber durch eine einstweilige Verfügung, die ein litauischer Emigrant bei einem schottischen Gericht gegen das Buch erwirkt hatte, verhindert.

Das Vorwort zur deutschen Ausgabe ist mit Februar 1996 datiert, erschienen ist Beruf: Nazijäger im Sommer 1996. Die ursprüngliche Fassung sollte am 17.10.1988 herauskommen (S. 264). Spätere Ereignisse sind berücksichtigt und eingearbeitet, so das Ende des Falles Mengele 1992, das neue NS-Kriegsverbrecher-Verfolgungsgesetz in England 1991, das von der kanadischen Regierung 1994 verfügte Ende der Ermittlungen gegen Kriegsverbrecher, usf.

Daß das Buch - dankenswerterweise - erweitert und nach 1988 auf den neuesten Stand gebracht wurde, läßt sich mir den im laufenden Text erwähnten Daten der beschriebenen Ereignissen entnehmen. Der Rezensent hat aber nicht den Eindruck, daß das Manuskript vollständig überarbeitet wurde. Die einzelnen Jagden werden mit großer Genauigkeit mit allen Gesprächen und Gedanken von Anfang an chronologisch geschildert, auch wenn sie schließlich erfolglos blieben. Die eventuelle Fortführung nach 1988 ist angefügt. Dadurch gerät die Beschreibung gelegentlich recht unübersichtlich, das Gedächtnis des Lesers wird strapaziert. Jagden, die erst nach 1988 einsetzten, sind dagegen konzentriert und geschlossen dargestellt, bleiben besser im Gedächtnis. Die Übersetzung ins Deutsche ist gut.

Beruf: Nazijäger beginnt - nach Danksagungen und Einführungen - mit dem Bericht Zuroffs, wie er, ein Sohn von New Yorker Juden, zur Jagd auf überlebende, in die USA eingewanderte Nationalsozialisten kam. Er berichtet das in aller Ausführlichkeit, läßt uns wissen, wer, warum und ab wann für und gegen seine Jagdpläne war, gibt Gespräche und Begegnungen wieder und erzählt ganz unbefangen von den psychologischen Tricks, mit denen er und seine Gesinnungsfreunde ihre Ziele erreichten oder auch einmal nicht erreichten.

Für Zuroff ist der Gedanke unerträglich, daß irgendein mutmaßlicher Judenmörder frei und in Frieden seit Kriegsende im westlichen Ausland leben darf (S. 17 u.ä.). Es gibt keinen Anlaß, die Echtheit dieses Motivs anzuzweifeln.

Neu ist allerdings die Zielrichtung: Zuroffs Jagd gilt osteuropäischen mutmaßlichen "Nazi"-Kriegsverbrechern - Weißrussen, Ukrainern, Kroaten, Esten, Letten und Litauern -, von denen er annimmt, daß sie mit den Deutschen - meistens unterschiedslos "Nazis" genannt - zusammenarbeiteten und von denen er ferner annimmt, daß sie zumeist aus freien Stücken und aus Antisemitismus handelten und Massaker unter den ortsansässigen Juden anrichteten.

Daß er keine deutschen "Nazi"-Kriegsverbrecher verfolgt, erklärt er damit, daß diese mehr oder weniger ausnahmslos bereits von der westdeutschen Justiz verfolgt und verurteilt wurden.

In Kap. 2 (»Nazis in den USA: Wer sind sie? Wie kamen sie ins Land?«) folgt eine Darstellung der Geschichte des Holocaust. Die Nazis, so erfahren wir, kamen ganz legal als Einwanderer in die USA. Wie nicht anders zu erwarten, ist die Holocaust-Geschichte stark vergröbert und vereinfacht und im übrigen so allgemein, daß eine Stellungnahme dazu sich erübrigt. Und doch lohnt sich die Lektüre wegen einiger überraschender Bemerkungen Zuroffs.

Die Leser erfahren, daß »die Nazis sechs Todeslager errichteten, alle in Polen« - »Juden aus ganz Europa wurden in diese "Todesfabriken" geschickt, wo mehr als die Hälfte der etwa sechs Millionen Juden, die die Nazis und ihre Kollaborateure ermordeten, getötet wurden.« (S. 48) Demnach wäre also davon auszugehen, daß annähernd drei Millionen Juden im übrigen Osteuropa umgebracht wurden. Ihre Mörder: Balten, Ukrainer, Weißrussen, Kroaten. Zuroff spricht von einem »verzerrten Bild des Holocaust«, denn »diejenigen [Juden], denen die Einzelheiten der Judenvernichtung nicht genau bekannt waren, glaubten, diese Taten seien fast ausschließlich von Deutschen und Österreichern begangen worden.« (S. 43) - Ob ein Deutscher über diese Art der Entlastung erfreut sein soll, bleibe dahingestellt.

Entschieden wichtiger ist Zuroffs lapidare Feststellung, Mauthausen sei kein »Todeslager an sich« gewesen, während noch 1995 die österreichische Zeitschrift Zeitgeschichte detailliert das Gegenteil bewies. (Einzelheiten s. unten, Rezension von Freund/Perz/Stuhlpfarrer: Historische Überreste von Tötungseinrichtungen im KZ Mauthausen). Zuroff zeigt sich gut unterrichtet, wenn er das Wannsee-Protokoll vom Januar 1942 nicht erwähnt. Entgegen der landläufigen Meinung fehlt dort der Hinweis auf einen Plan zur Endlösung als Vernichtung der Juden. Wenn er anstatt dessen den Beginn der Aktion vorverlegt, fühlt er sich durchaus im Einklang mit der neuerlich geltenden Lesart: »Man ist im allgemeinen der Auffassung, daß ihre [der Endlösung] praktische Durchführung im Massenmaßstab mit dem Einfall der Nazis in die Sowjetunion am 22. Juli 1941 einsetzte.« (S. 43, soll wahrscheinlich heißen: Juni, d. V.)

Zurück zu Kapitel 2. Auf S. 44 findet sich eine Erwähnung der Einsatzgruppen, die wiederum stutzig macht. Es seien 3.000 Mann (Deutsche) »mobile Mordeinheiten, deren Aufgabe es war, alle Juden und kommunistischen Funktionäre in dem von der Wehrmacht besetzten Gebiet zu ermorden.« Und zwar in dem riesigen Gebiet »von den Vorstädten Leningrads im Norden bis zum Asowschen Meer im Süden.« Dazu die kryptische Bemerkung: »Ihre Kampfmittel waren konventionelle Schußwaffen. Trotzdem gelang es, in 15 Monaten 900.000 Juden zu ermorden.« Zuroff wundert sich, zweifelt aber nicht. Er findet folgende Lösung: Dies Ergebnis sei ermöglicht worden nur durch die »fanatische Mithilfe der einheimischen Bevölkerung.« (S. 47) Daß es im rückwärtigen Frontgebiet ein ungeheures Partisanenproblem gab, weiß Zuroff nicht oder es interessiert ihn nicht.

Erst der Täter, dann die Tat.

In Kap. 3 »Der Untersuchungsvorgang. Drei Fälle« spricht Zuroff das Verfahren an, nach dem er und seine Mitarbeiter vorgehen, um Täter dingfest zu machen. Das gleiche Verfahren benutzte auch Wiesenthal in seinem Buch Recht, nicht Rache, ohne daß die Implikationen eines solchen Vorgehens sehr deutlich würden.

Anders bei Zuroff. Er nennt seine Tätigkeit "Nazi"-Jagd. Das trifft aber nicht den Kern der Sache. Denn Zuroff kennt die Namen, was ihm fehlt, ist die Tat. Das ist unglaublich, wird aber von Zuroff selbst völlig offen und unbefangen so beschrieben:

»Die Arbeit von Forschern über Nazikriegsverbrechen ist auf den ersten Blick der von Kriminalisten sehr ähnlich. Beide versuchen, Beweismaterial bezüglich bestimmter Verbrechen aufzufinden, um den Schuldigen vor Gericht zu bringen [...]. Es gibt jedoch einige wichtige Unterschiede. Einer liegt darin, daß der Kriminalbeamte sich auf ein Verbrechen konzentriert, das er aufklären will, indem er den Täter findet, die Erforscher von Nazikriegsverbrechen aber meist in entgegengesetzter Richtung arbeiten. In den meisten Fällen beginnen diese nicht mit einem Verbrechen und suchen dann den Täter, sondern sie haben einen Verdächtigen und eine Beschuldigung, die sie dann zu beweisen versuchen.« (S. 67)

So beginnen denn auch durch das ganze Buch hindurch viele der Jagden mit Verdächtigenlisten, die die Zuroff-Gruppe an die Regierungen von Australien, Kanada, England übergab, um diese zum Handeln zu zwingen. Er erzählt z.B.: »Mitte des Sommers besaßen die britischen Behörden schon die Namen von 250 Personen, die als Nazikriegsverbrecher verdächtigt wurden, und die Untersuchungskommission hatte ihre Arbeit aufgenommen. Obwohl viele der Namen, über die die Kommission verfügte, in der Tat auf nicht mehr als Ahnungen und Vermutungen beruhten, war die Anzahl eine grundlegende Voraussetzung für unsere Kampagne.« (S. 263) Auch an Kanada waren Listen geliefert worden. Die auf enormen Druck hin errichtete Untersuchungskommission bezeichnete Zuroff und einen in Kanada ansässigen Zuroff-Helfer als die Hauptquellen für Verdächtigenlisten: der Letztere habe 707 Namen mitgeteilt, von denen es im Bericht hieß, sie seien »von Yad Vashem aufs Geratewohl geliefert worden.« (S. 288) Das erzählt Zuroff!

Wie erfährt Zuroff die Namen der Täter (die er fast nie als "mutmaßlich" bezeichnet)? Ganz einfach: Westdeutschland, die USA und die Sowjetunion (ob auch andere Länder, geht aus dem Buch nicht hervor) stellten den Ermittelnden eine unbegrenzte Zahl von Personalunterlagen zur Verfügung, die sie nur durchzuforsten brauchten. »Die USA verfügen über umfangreiche Sammlungen beschlagnahmter deutscher Dokumente sowie die Einwanderungsakten.« »Auch verschiedene Archive in Westdeutschland sind eingehend konsultiert worden«, heißt es weiter. Aber es waren nicht nur die auch Deutschen zugänglichen Archive, vielmehr spricht Zuroff von dem »Material, das die westdeutschen Justizbehörden geliefert haben« und das sich als besonders wertvoll erwiesen habe. Ebenfalls nicht für deutsche Forscher zugänglich war bis vor wenigen Jahren das Berlin Document Center, das sich »in zahlreichen Fällen mit seinen umfangreichen Akten über Mitglieder der Nazipartei und der SS als außerordentlich wichtige Quelle« erwiesen habe (ibid.). Dabei wird die Zentrale Stelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg besonders gelobt, was allerdings nicht verwundert.

Schließlich ist noch die ehemalige Sowjetunion als Lieferant von Dokumenten erwähnt. Doch Zuroff schränkt überraschenderweise ein:

»Die Tatsache, daß sie aus einem Land kamen, dessen Archive für westliche Forscher verschlossen waren und von dessen Justizwesen man wußte, daß es Angeklagte aus politischen Gründen verurteilt hatte, warf verschiedene rechtliche, technische und moralische Probleme auf.« (S. 69)

Die Forschung in all diesen Archiven ist aber mühselig. Zuroff läßt den Leser denn auch nicht in dem Glauben, die Archive durchforscht zu haben, zumal wichtige Dokumente und Listen in deutscher Sprache abgefaßt sind. Wer sich in dem Buch, das quälend, aber keineswegs langweilig ist, bis zu Kapitel sechs vorgearbeitet hat (»Die Fahndung wird ausgedehnt«), findet auf S. 157 das höchst überraschende, völlig unemotional vorgebrachte Geständnis, von einem Fund wahrlich besonderer Art in hohem Maße profitiert zu haben. Die Rede ist vom Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes mit Sitz in Arolsen, im Buch Internationaler Suchdienst ITS genannt. Dieser Suchdienst sei von der Alliierten Hohen Kommission gegründet worden und sammle Daten von Displaced Persons. Eigentlich sind die Akten für Forscher verschlossen. Die Akten des ITS befinden sich aber - in Form von Mikrofilmaufnahmen - seit 1957 im Archiv von Yad Vashem. Zuroff war, wie er schreibt, der Meinung gewesen, die Akten beträfen nur Juden, und war erstaunt, auch »Einträge zu Millionen Nichtjuden« zu finden.

»Diese Entdeckung war deshalb so bedeutsam, weil viele der Akten im Falle der Auswanderung exakte Daten wie Ankunftsort, Datum und das verwendete Transportmittel enthielten. Bei denjenigen, die in die Vereinigten Staaten eingewandert waren, war meistens auch eine genaue Adresse angegeben. Schnell erkannte ich, welch unglaubliche Möglichkeiten das Material des Suchdienstes bot, Nazikriegsverbrecher ausfindig zu machen.« (S. 157)

Wie Zuroff berichtet, seien die zufällig entdeckten Arolsen-Akten ein Werkzeug, das die

»Suche nach Nazikriegsverbrechern revolutionieren konnte.«
»Um nun weitere Nazikriegsverbrecher aufzuspüren, die in den USA und anderswo im Westen lebten, stellten wir Nazikriegsverbrecherlisten zusammen, die wir dann gegen die ITS-Dokumente abglichen. Die ITS-Akten waren in Yad Vashem auf Mikrofilm (auf 3.915 Mikrofilmen mit 16.268.921 Bildern, um genau zu sein) vorhanden, die Einträge waren nach dem phonetischen Alphabet geordnet, das der Suchdienst verwendet hatte.« (S. 158)

Mit Stolz und totaler Unbefangenheit berichtet Zuroff von einer anderen leicht zu entschlüsselnden Namensquelle: einem litauischen Telefonbuch von 1939, »das die Namen und Berufe aller Personen mit Telefonanschluß in ganz Litauen aufführte. [...] Das Telefonbuch lieferte uns mögliche Antworten zu zahlreichen Fragen auf unserer Liste litauischer Verbrecher.« (S. 152) Man darf wohl davon ausgehen, daß Namen "mutmaßlicher Verbrecher" dem Telefonbuch auch direkt entnommen wurden, ohne vorherigen Verdacht. Daß die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Organisation, die Herkunft aus einem bestimmten Ort im allgemeinen genügten, um einen Unglücklichen auf die Nazikriegsverbrecherlisten zu praktizieren, geht aus den Jagdberichten hervor.

Die Taten

Die Taten sind stets grausame Massaker, bei denen eine gewisse Gleichförmigkeit auffällt. Es handelt sich entweder um einfache Behauptungen oder um Zeugenaussagen; in keinem Fall standen Dokumentenbelege - oder gar materielle Spuren im Sinne exhumierter Massengräber - zur Verfügung, denn bei derlei eindeutig belegbaren Fällen wäre die Suche nach Zeugen überflüssig. Beispiele:

S. 79: »Lysiec war jedoch nur eine fast namenlose Stadt unter Tausenden solcher Orte, die ausgelöscht worden waren ohne eine Spur zu hinterlassen.

[Ein Gedenkgottesdienst] wurde am 40. Jahrestag der ersten großangelegten Slanislawower Massaker abgehalten, in deren Verlauf ungefähr 10.000 Juden ermordet worden waren.« (Quelle: ein auf Neuhebräisch erschienenes Gedenkbuch.)

S. 83 »Am 23. Juli 1941 trieben litauische Nationalisten ungefähr 200 Juden zusammen [...]. Die Juden des Ortes erfuhren die Wahrheit über das Schicksal [ihrer Glaubensbrüder]. Sie waren in den Babenceswald, 8 km von der Stadt entfernt, verschleppt worden, wo die Litauer sie ermordet hatten. Am 15. August 1941 wurden alle Juden [3.700] zu einem Stall auf dem Pferdehof Zirginas verschleppt [...]. Am 28. August begannen die Massenmorde. Zuerst wurden alle gesunden und kräftigen Männer in Gruppen von 60 Personen [...] erschossen. Sie wurden in eine lange Grube gestoßen. Danach wurden Frauen und ältere Kinder [...], dann ältere und kranke Frauen [...] lebendig ins Grab gestoßen. Das Massaker endete mit der Ermordung von Säuglingen [...]. Die Litauer warfen die Kinder in die Luft und spießten sie mit dem Bajonett auf.« (Quelle: ein auf Neuhebräisch geschriebenes Erinnerungsbuch.)

S. 107: Es gab ein Wilnaer Sonderkommando, »eine aus Litauern bestehende Einheit, die den Massenmord an den Juden aus Wilna begangen hatte und später von Ort zu Ort geschickt worden war, um im ganzen Wilnaer Gebiet die Endlösung durchzuführen." Hierzu sucht Zuroff noch nach Berichten.

S. 106: »Zu dieser Zeit wußte ich nur, daß deutsche Soldaten, einheimische Polizisten und litauische "Freischärler" im Sommer 1941 300 männliche Juden aus Skaudville im nahegelegenen Dorf Puzai ermordet und daß eben diese Täter einige Monate später in der Nähe des Dorfes Batakiai, ein paar Kilometer südlich von Skaudville, mehr als 100 jüdische Frauen und Kinder getötet hatten.« (Keine Quellenangabe)

S. 117: Ein gewisser Misha Lubetzki besitzt eine Filmsammlung. Dazu hören wir: »Nach seiner Beschreibung sah es so aus, daß das Material, welches er besaß, wahrscheinlich wertvoll war, besonders ein Film über die Massenerschießungen durch die Einsatzgruppe A, die bei der Ermordung der Juden in Litauen und Lettland eine Hauptrolle gespielt hatte.« Dann erfährt Zuroff von Lubetzki, daß dieser während des Krieges gar nicht in Litauen, sondern in der östlichen Sowjetunion war. Seinen Film drehte er nach seiner Ankunft in Israel in den frühen siebziger Jahren...

Erstaunliche Zugeständnisse oder: Mengele und die Feme

Mit gutem Grund werden in den westlichen zivilisierten Ländern Gerichtsurteile von Richtern gesprochen und von Vollzugsinstitutionen des Staates ausgeführt. Im Falle der Verfolgung von Nationalsozialisten ist nicht nur die Reihenfolge Täter und Tat umgekehrt - was noch hingehen mag, wenn es denn zur Wahrheit führt. Vielmehr berichtet Zuroff - ohne zuzustimmen, aber mit großer Selbstverständlichkeit - von Fällen, wo es keine Gerichtsverhandlung gab, nur die Vollstreckung. In der frühen Neuzeit gab es so etwas Ähnliches in Deutschland, man nannte es Feme. Die Feme wird mehrmals erwähnt, zuerst in dem Kapitel »Der Fall Mengele - Die Geschichte eines Gerüchts«.

Als im Jahre 1985 die Fahndung nach dem »berüchtigten Auschwitz-Arzt« begann, wurde Zuroff damit beauftragt zu untersuchen, ob Mengele schon 1946 einmal von den Amerikanern verhaftet und wieder freigelassen worden war. Zuroff plant, »die Personen zu befragen, die nach dem Krieg an Racheaktionen beteiligt waren. Mengele hat wahrscheinlich sehr weit oben auf der Liste ihrer potentiellen Opfer gestanden.« (S. 127) Schon bald nach dem II. Weltkrieg, berichtet Zuroff weiter, waren in den großen Lagern für jüdische Dispaced Persons Rechtsausschüsse gegründet worden, die pointiert als Selbstjustiz-Einrichtungen bezeichnet werden können. Das Zentralkomitee befreiter Juden mit Sitz in München hatte, so berichtet Zuroff, Anfang 1947 die Rechtsausschüsse in den Lagern aufgefordert, von Überlebenden Beweismaterial und Zeugenaussagen zu sammeln. Einer der Rechtsausschüsse bekam den Auftrag, Material gegen »den in Wien verhafteten Dr. Mengele« zu sammeln. Dann findet Zuroff nach intensivster, zeitaufwendiger Suche in von Überlebenden herausgegebenen Zeitungen Mitteilungen zu Mengele: »Der Inhalt dieser Artikel war sehr überraschend, weil deutlich zu sehen war, daß der Mengele von 1985, der zum Symbol des Bösen und Personifikation der Perversion der Wissenschaft geworden war, im Jahre 1947 diesen Ruf nicht hatte.« [!!!] Vielmehr wurden Überlebende aus Auschwitz dazu aufgerufen, »Zeugenaussagen gegen Deffner von der SS und gegen Mengele - in dieser Reihenfolge - abzulegen [...]. Wer Kenntnisse über [Mengeles] Verbrechen besäße, solle an das Zentralkomitee in München schreiben.« (S. 127ff.) Zuroff stellt fest, »daß Mengele selbst damals nicht als hochrangiger Verbrecher betrachtet wurde.« Dieser Mengele war »in gewissem Sinne nicht die Person [...], die zur selben Zeit [1985] in Südamerika gesucht wurde.« (S. 129)

Wenn Mengele 1947 nicht den Ruf hatte, ein Ungeheuer zu sein, dann muß die rhetorische Frage erlaubt sein, wie dieser Ruf wohl entstanden ist. Einiges deutet darauf hin, daß er erst in den 80er Jahren zum Ungeheuer aufgebaut wurde, aufbauend womöglich auf den "Erkenntnissen" der diversen Auschwitz-Prozesse.

Zuroff nahm zunächst an (s.o.), daß Mengele Opfer einer Racheaktion geworden sein könnte. Er nennt mehrere »Rächer« (so der Fachausdruck) mit Namen: »Abba Kovner, Partisanenführer aus Wilna und Dichter, der bei den Planungen, nach dem Krieg massenhaft Rache an den Deutschen zu nehmen, eine Schlüsselrolle gespielt hatte; Asher Ben-Natan, der israelische Diplomat [...] sowie weniger bekannte Rächer.« (S. 128)

Auf S. 132 erfahren wir pikanterweise sogar den Tarnnamen Ben-Natans: In einem Brief von 1947 erkundigt sich ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Wiens, wo Mengele in Haft gehalten werde.

»Interessanterweise war eine Kopie dieses Briefes an "Mr. Arthur", d.h. Asher Ben-Natan geschickt worden, der die Zweigstelle der Jüdischen Vertretung in Wien leitete, die an einigen der Aktionen gegen Naziverbrecher beteiligt war.«

Auf S. 136 zählt Zuroff Asher Ben-Natan direkt zu den Rächern.

Asher Ben-Natan war von August 1965 bis Dezember 1969, zur Zeit der letzten großen Frankfurter Auschwitz-Prozesse, Botschafter Israels in Bonn.

Daß es in Litauen sehr entschlossene Partisanen gab, erfahren wir hier nebenbei.

Noch deutlicher wird Zuroff in Kapitel 7:

»Im Einsatz für ein verstärktes Engagement Israels

Die Soldaten der Jüdischen Brigade aus Palästina, die unter dem Befehl der Haganah standen,

»machten Nazis, die bei der Durchführung der Endlösung aktiv gewesen waren, ausfindig und richteten sie hin. Dies geschah jedoch meistens ohne die offizielle Zustimmung der politischen Führung [...]. Nur in wenigen Fällen waren die Führer der Havanah bereit, Rachetaten zu autorisieren [...]. Während mehrere Gruppen von Überlebenden Dutzende prominenter Nazis hinrichteten und energisch Pläne zur Massenrache verfolgten, hielten die jüdischen Führer in Palästina zum größten Teil an der Lösung fest, die sich streng an den Buchstaben des Gesetzes hielt.« (S. 166)

Leider, wenngleich verständlicherweise, erfährt man nicht, wann wer von welchem "Rächer" ermordet wurde, und vor allem wie.

Damit aber nicht genug. Zuroffs Offenheit macht sprachlos.

Bis zum Eichmann-Prozeß 1960 habe man keinen Versuch unternommen, Nazikriegsverbrecher nach Israel ausliefern zu lassen.

»Anzeichen sprechen dafür, daß Israel in diesem Zeitraum an geheimen Aktivitäten beteiligt war, Nazis, die nicht vor Gericht gestellt worden waren, zu liquidieren, aber Existenz und Umfang dieser Aktivitäten bleiben bis zum heutigen Tag unbewiesen und unklar.« (S. 167)

Erst in Kapitel 8: »Das Motiv der Strafverfolgung« läßt Zuroff durchblicken, daß er die Feme für keine gute Sache hält und warum: Er verweist in ebenso sachlichen wie eindringlichen Worten darauf,

»daß Gewalt ihre eigene Triebkraft besitzt und daß man zwar vielleicht weiß, wo sie anfängt, daß man aber nie sagen kann, wo sie aufhört.

Niemand stellt Berechtigungsausweise für diejenigen aus, die dabei aktiv sein wollen, und während die eine Gruppe [...] sicherstellt, daß das anvisierte Opfer tatsächlich der ihm zur Last gelegten Verbrechen schuldig ist [Hervorh. d. Rez.], besteht keine Garantie dafür, daß andere genauso handeln werden.« (S. 207)

Hier ist das einzige Mal das Problem angedeutet, daß Fememorde auch einen Unschuldigen treffen können.

Ziele und Ergebnisse der Verfolgung - die Fälle Schwammberger und Mikson

Welche Ziele konnten und sollten mit der späten Verfolgung mutmaßlicher Nazikriegsverbrecher erreicht werden? Oben sprachen wir von dem Willen Zuroffs, Täter nicht ungestraft ein friedliches Leben führen und ungestraft davonkommen zu lassen, und billigten ihm dies zu. Die Frage, »warum so spät?« ist komplex und verleitet zu Spekulationen.

Deshalb fragen wir hier nicht nur, welche Ziele erreicht werden sollten, sondern: welche Ergebnisse wurden erzielt.

Das Ziel, möglichst viele vermeintliche oder mutmaßliche Nazi-Kriegsverbrecher nach so langer Zeit noch verurteilt zu sehen, ist nicht erreicht worden. Die meisten der zeitaufwendigen, große Mittel verschlingenden und von Sonderkommissionen verschiedener Regierungen unternommenen Untersuchungen gingen ins Leere. Taten und Täter waren nicht in Übereinstimmung zu bringen.

Ein sehr wichtiges Ergebnis wurde voll und ganz erreicht: der Holocaust an den Juden blieb im Gespräch. Dieses Ergebnis mag auch Ziel gewesen sein, denn seit dem Eichmann-Prozeß waren viele Jahre vergangen. Dessen Wirkung schätzt Zuroff hoch ein:

»Die Anklage beschränkte das Verfahren nicht auf die Verbrechen, die Eichmann begangen hatte, sondern nutzte die Gelegenheit dieses Prozesses in Jerusalem, um der Öffentlichkeit eine umfassende Übersicht über die Endlösung zu geben [...]. Die öffentliche Darstellung dieser Geschehnisse [...] hatte eine tiefe Wirkung auf zahlreiche israelische Juden, insbesondere auf die jüngere Generation.« (S. 167)

Daß die Wirkung weltweit eine ungeheure war, sei hier ergänzend bemerkt.

Ein zweites Ergebnis der späten Nazijagd: wachsender internationaler Antigermanismus, war wohl nicht beabsichtigt, ist aber leider erreicht worden.

Diesem Antigermanismus trug die deutsche Gesetzgebung (neuer § 130 Abs. 3 StGB, der die Holocaust-Forschung unmöglich macht) und tragen auch einige deutsche Gerichte Rechnung. Das Stuttgarter Landgericht fällte ein Urteil aufgrund von Augenzeugenberichten über Vorgänge, die 40 Jahre zurücklagen. Gemeint ist der Fall Schwammberger. Ich stütze mich ganz auf das, was Zuroff berichtet. Weitergehende Forschungen sind geplant.

Josef Schwammberger ist Österreicher. Er war als Kommandant dreier Zwangsarbeitslager in Polen tätig gewesen und in dieser Eigenschaft auf der »Liste der meistgesuchten Verbrecher« der Nazijäger. Zuroff berichtet, daß Schwammberger an Deutschland ausgeliefert wurde, obwohl zwischen Argentinien, wohin Schwammberger nach dem Kriege geflohen war, und Deutschland lt. Zuroff kein Auslieferungsabkommen bestand. Das war 1987. Welche Rechtskonstruktion die Auslieferung eines Österreichers an Deutschland ermöglichte, und zwar aus einem Land, mit dem kein Auslieferungsabkommen besteht, wird nicht erklärt. Jedenfalls habe Deutschland auf Nachrichten über ihn eine hohe Belohnung ausgesetzt gehabt.

»Drei Zeugen konnten sich erinnern«, daß Schwammberger selbst gemordet hatte. 1991 begann vor dem Stuttgarter Landgericht der Prozeß wegen Beihilfe zur Ermordung von mindestens 3 000 Menschen.

»Die meisten Opfer waren Juden [...]. Nach der Anklageschrift hatte Schwammberger Häftlinge durch Genickschuß getötet, sie gehenkt oder beobachtet, wie sie langsam verbluteten, nachdem Prinz, sein geliebter Schäferhund, sie angefallen hatte [...]. Nach den Aussagen von Zeugen hatte Schwammberger eigenhändig Kinder ermordet, sie als lebende Zielscheiben benutzt und einen Rabbiner getötet [...]. Diese und andere Zeugenaussagen ebneten schließlich den Weg zu Schwammbergers Verurteilung. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.« (S. 316f.)

Der Name des Richters: Herbert Luippold.

Die Aussagen der Zeugen kann man als unglaubwürdig betrachten, und dies aus vielerlei Gründen. Das muß allerdings nicht heißen, daß Schwammberger unschuldig war.

Der Druck

Die Ziele, die wir hier vereinfachend "propagandistisch" nennen, wurden durch starken »Druck« (so die Bezeichnung) auf die Regierungen erreicht, wobei die Presse eine hervorragende Rolle spielte. Dafür finden sich in Zuroffs Buch zahlreiche, unbefangen vorgetragene Beispiele.

Für den Gebrauch wirklich aller Möglichkeiten von »Druck« kann das Beispiel des Falles Evald Mikson gelten. Der »Druck« galt der Regierung Islands, eines dünn besiedelten und gegen Kampagnen dieser Art wehrlosen Landes, das sich dem Druck nicht beugen wollte.

Evald Mikson war Este. Er war u.a. - und das kann als gesichert gelten - während des II. Weltkrieges in einem Internierungs- bzw. Konzentrationslager in Tartu als polizeilicher Ermittler tätig und war Vizechef einer örtlichen politischen Polizeieinheit gewesen und so in die Personallisten gelangt. Nach dem Krieg war Mikson nach Island geflohen. Er war jetzt ein alter Herr von über 80. Irgendwie erkannte ihn ein Israeli namens Yaakov Kaplan.

Der Druck: Bei einem Besuch in Israel soll dem isländischen Ministerpräsidenten Oddsson ein Brief und Material zu Mikson überreicht werden, kein Offizieller will das tun. Also schickte man das Paket direkt in die Suite Oddssons im King-David-Hotel und verteilte gleichzeitig Kopien wichtiger Auszüge an die einheimische und ausländische Presse. (S. 319)

Bei dem Besuch Yad Vashems wird dem Ministerpräsidenten die Sache persönlich vorgetragen, er verspricht Nachprüfung. Mikson bestreitet rundweg alle Vorwürfe. Wie bei ähnlich gelagerten Jagden gibt es auch in Island (260 000 Einwohner) Journalisten, die sich den Jägern zur Verfügung stellen. Nun geht also die öffentlichmachung in Radio und Fernsehen los.

In den nächsten Monaten werden Briefe an Ministerien von Miksons Heimatland Estland geschrieben und Dokumente gesucht. Man findet Haftbefehle und Verhörprotokolle mit Miksons Unterschrift, »die bewiesen, daß er an der Mißhandlung von Zivilisten, vor allem Juden, in Tallinn beteiligt war.« (S. 321 ) Eine Unterschrift ist zwar kein Beweis für Mißhandlungen, das stört aber nicht. Die Isländer setzten jetzt jemanden zur Untersuchung des Falles ein. Zuroffs Gruppe versucht, »Druck auf Island und Estland auszuüben« sowie Mikson auf die US-Watchlist setzen zu lassen.

Das geht so ein halbes Jahr. Dann entscheiden die juristischen Experten, daß das von der Zuroff-Gruppe vorgelegte Material nicht beweist, daß Mikson sich des Mordes schuldig gemacht hatte, und raten von einer öffentlichen Untersuchung ab. (S. 322)

Zuroff ist entrüstet. Die isländische Regierung sei »nicht gerade redlich« vorgegangen. Der Bericht enthalte »Mißtrauensäußerungen gegenüber unseren Ermittlungen«. In einem Brief Zuroffs, den er S. 322-324 zitiert, wirft er dem isländischen Ministerpräsidenten vor, »indem die isländische Regierung in dieser Angelegenheit eine Entscheidung fällte, ohne eine vollständige historische und kritische Untersuchung der Ereignisse durchgeführt zu haben, hat sie sich ihrer Pflicht entzogen.« Die Regierung habe einen skandalösen Beschluß ermöglicht, »der als Schandfleck an Islands Namen haften bleiben wird.« - eine eigenartige Sichtweise.

Zuroff gibt keineswegs auf. Nach seinen eigenen Worten kam es jetzt darauf an, zu beweisen, daß Mikson sich des Mordes schuldig gemacht hatte. - Bedauerlich, daß er diesen Beweis erst jetzt sucht.

Zuroff fährt nach Estland und hat ein Gespräch mit dem estnischen Ministerpräsidenten Laar. Er will Zugang zu KGB-Akten über Mikson haben. Dieser wird ihm bereitwillig ermöglicht, Laar äußert aber »seine Skepsis gegenüber dem Wert der Ermittlungen, die der KGB in Estland gegen Kriegsverbrecher durchgeführt hatte.« Daraus schließt Zuroff, daß er mit einem Verfahren gegen Mikson in Estland nicht rechnen kann. Aber er macht sich unverdrossen an die Arbeit und findet Dutzende von (höchst dubiosen) Zeugenaussagen: »Mikson habe eigenhändig 30 Personen ermordet [...], ein Zeuge sah, wie Mikson einen jungen Mann umbrachte und den Befehl gab, jeden dritten männlichen Gefangenen zu erschießen. Ein anderer bestätigt, daß Mikson in jener Nacht zahlreiche Männer ermordete.« »Besonders entsetzlich war die Aussage von Hilka Mootse, die beschrieb, wie Mikson eine jüdische Mutter und ihre Tochter vergewaltigt hatte« - sie sah das alles aus einem Kellerfenster, in allen Einzelheiten. Hier sei auch der Einwand gestattet, daß man nicht sehen kann, welche Befehle jemand erteilt. Die offiziell als unglaubwürdig erklärten Zeugenberichte gibt Zuroff nun an die isländische Presse.

Im Frühjahr 1993 beginnen Protestbriefe aller möglichen Absender den Ministerpräsidenten Oddsson zu erreichen, die USA werden per Wiesenthal-Zentrum aktiviert, der Briefterror ist sehr beeindruckend: 800 Protestbriefe erreichen den örtlichen isländischen Konsul in Los Angeles.

In Israel geht die Protestbrief-Schreiberei weiter, 85 Knesset-Mitglieder unterzeichnen einen Brief an Oddsson, außerdem erhält er 6410 Protestbriefe, die das israelische Wiesenthal-Zentrum gesammelt hat.

Im August 1993 gibt Island entnervt nach und beginnt Ermittlungen gegen Mikson. Der zynische Schlußsatz Zuroffs lautet: »Leider fanden die Ermittlungen dadurch ihr Ende, daß Mikson am 27. Dezember 1993 in Island starb.« (S. 327)

Gegen die Bewertung der KGB-Akten als glaubwürdig sprechen außer den Bedenken des estnischen Ministerpräsidenten ganz eindeutige, den Betroffenen wohlbekannte Erfahrungstatsachen. Eine große Zahl Deutscher wurde in den letzten Jahren denn auch rehabilitiert. »Die russische Haupt-Militärstaatsanwaltschaft schätzt, daß zu Zeiten der kommunistischen Diktatur etwa 75.000 Deutsche von sowjetischen Gerichten willkürlich verurteilt worden sind«, berichtet am 14.5.1997 die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Zuroff sind die Einwände gegen sowjetrussische Ermittlungen und Dokumente durchaus bekannt (s.o.). Als Gegenbeweis zitiert er eigenartigerweise mehrmals den ehemaligen deutschen Justizminister Hans Engelhard. Auf S. 93 überrascht er uns zum erstenmal mit der Behauptung, daß sich noch nie ein sowjetisches Dokument als Fälschung erwiesen habe. Auf S. 214 zitiert er als Garanten hierfür einen Brief Engelhards, und auf S. 255 lüftet sich der Schleier - vielleicht durch eine präzisere Übersetzung. In dem Brief stehe, daß »es bis jetzt [1987] nie einen Nazikriegsverbrecherprozeß in Westdeutschland gegeben habe, in dem ein deutsches [!] Dokument aus einem sowjetischen Archiv sich als gefälscht erwies.« Von hier zu der Annahme, Zeugenaussagen vor dem KGB seien glaubwürdig, ist es ein sehr weiter Weg.

Eingangs betonte ich, daß aus Zuroffs Buch eine Geisteshaltung spreche, die für einen Mitteleuropäer und Christen unverständlich ist.

Wie bei Wiesenthal (Recht, nicht Rache) fällt auf, daß das Wort "Wahrheit" nicht vorkommt. Zuroff mag persönlich integer sein, und ich halte ihn für weitgehend glaubwürdig. Und trotzdem hat er zur Wahrheit als unentbehrliches Element des Lebens ganz offensichtlich kein Verhältnis. Es interessiert ihn einfach nicht, was die von ihm Gejagten wirklich verbrochen oder nicht verbrochen haben. Zweitens fällt eine Erbarmungslosigkeit auf, die zum stummen Kopfschütteln zwingt, und gegen Schluß des Buches ein wachsender Fanatismus.

Ilse Schirmer-Vowinckel

 


Nicht vorhanden: Historische Überreste von Tötungseinrichtungen im KZ Mauthausen

Florian Freund, Bertrand Perz, Karl Stuhlpfarrer, »Historische Überreste von Tötungseinrichtungen im KZ Mauthausen« und »Dokumentation. Der Bericht des US-Geheimagenten Jack H. Taylor über das Konzentrationslager Mauthausen«, Zeitgeschichte (Wien), 22.Jg., 1995, S. 297-317; 318-341.

Die obigen Beiträge basieren auf Ergebnissen des Forschungsprojekts »Tötungen durch Giftgas im KZ Mauthausen«, finanziert durch das österreichische Kultusministerium (Anm. 1, S. 313). Wenn Efraim Zuroff lapidar feststellt, daß Mauthausen »nicht ein Todeslager an sich« war (Zuroff: Beruf: Nazijäger S. 49, s.o.), so steht er damit im Gegensatz zur geltenden Meinung. Im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet heute »Todeslager« ein Konzentrationslager mit Gaskammer, die zur Vergasung von Menschen diente. Die Autoren des Zeitschriftenartikels Historische Überreste von Tötungseinrichtungen im KZ Mauthausen stellen mit der Überschrift bereits eine Behauptung auf, die sie dann nicht beweisen können.

»1940/41 wurden die Häftlinge bei der Arbeit in den Steinbrüchen zu Tode schikaniert, erschlagen, erschossen, in der Krankenstation "abgespritzt" [etc.]«. (S. 297) Ferner habe es eine »Traverse« zum Erhängen von bis zu vier Häftlingen gleichzeitig, eine »Genickschußecke« und einen Klapptisch, auch zum Erhängen, gegeben.

Dann seien diese Tötungsarten als unzureichend angesehen worden. »Die Suche nach neuen Mordmethoden führte die Mauthausener SS nach Hartheim bei Linz. In Hartheim wurden [...] angeblich unheilbar "Geisteskranke" mittels Kohlenmonoxyd in einer Gaskammer ermordet.« Quelle: ein vom österreichischen Justizministerium publiziertes Symposion.

Nach diesen Anregungen sei also in Mauthausen eine Gaskammer eingerichtet worden. »Nach Feststellung bundesdeutscher Gerichte starben mindestens 3 500 Häftlinge in der im April oder Mai 1942 fertiggestellten Gaskammer.« (Quelle: E. Kogon, H. Langbein, A. Rückerl: Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas, Fischer, Frankfurt a.M. 1983)

In den Nachkriegsprozessen sagten alle Angeklagten und Zeugen über die Gaskammer aus, »das Wissen [...] war ihnen selbstverständlich« (S. 298). Die zitierten Zeugenaussagen widersprechen einander, sind verworren. Man muß den Autoren danken, daß sie diese Aussagen trotzdem zitieren. Über den Wert dieser unter Druck, oft auf Anraten der Strafverteidiger gemachten Geständnisse, kann man nur spekulieren.

Die Autoren machten sich nun, in den neunziger Jahren, mit großer Geduld und wissenschaftlicher Sorgfalt auf die Suche nach den Überresten der Gaskammer. Doch sie fanden nichts. Mauthausen war nach der Befreiung durch die Amerikaner von Herbst 1945 bis Frühjahr 1946 von sowjetischem Militär genutzt und auf die bekannte Weise leergeplündert worden, bis hin zu Heizungsrohren und Klosettschüsseln; danach war das Lagerareal frei zugänglich. In den Notjahren nach dem Krieg demontierte und verheizte die Bevölkerung der umliegenden Ortschaften alles, was die Sowjets nicht abgeschleppt hatten. Wie sich herausstellte, hatten auch die ehemaligen Häftlinge alles nur Erdenkliche mitgehen lassen.

1947 wurde das, was von dem ehemaligen Konzentrationslager übrig war - sogar die Umzäunung existierte nicht mehr - von Mitgliedern des Bundesverbandes der ehemals politisch Verfolgten inspiziert, der drastische Bericht über die Verhältnisse entbehrt nicht der Komik. Die sich konstituierende »Lagergruppe Mauthausen« beschließt den »weitgehenden Abriß der vorhandenen Bausubstanz, um den Rest als Gedenkstätte zu erhalten.« Es wird hierfür eine Liste aufgestellt, u.a. mit folgendem Postulat:

»Zu rekonstruieren sind Gaskammern (sic!), Zellen, Hinrichtungsstätten,« (»sic!«: im Original).

Die Autoren führen mit vorbildlicher Genauigkeit den Nachweis, daß es keine Berichte über den »konkreten Zustand der ehemaligen Gaskammer« bei der Befreiung gibt, daß es in den zeitgenössischen deutschen Dokumenten keinen Bauauftrag für eine Menschen-Vergasungsanlage gibt und daß die angenommene Gaskammer eine Holztür hatte, keine Eisentür wie die "Rekonstruktion". Die Angaben über gasdichte Türen, wie sie im Krieg vor den deutschen Luftschutzkellern installiert waren, sind den Bauaufträgen für Entlausungs- und Desinfektionsanlagen entnommen.

Außer den o.g. Prozeßaussagen steht den Autoren als Quelle für Menschenvergasungen in Mauthausen nur der Bericht eines 1944 in Österreich gefangengenommenen US-Agenten zur Verfügung, der einen Monat, den letzten Kriegsmonat, in Mauthausen als Häftling verbrachte (1. April 1945 - 5. Mai 1945). Der Bericht dieses Jack H. Taylor existiere in verschiedenen, mehr oder weniger vollständigen Versionen (Dokumentation, S. 320).

»Taylors Bericht wurde zu einem der wichtigsten Beweisdokumente für die in Mauthausen begangenen Verbrechen und fand im Nürnberger Prozeß Verwendung [...]. Taylor selbst war 1946 im Dachauer Militärgerichtsverfahren beim Hauptverfahren gegen 61 SS-Angehörige des KZ Mauthausen erster Zeuge der Anklage.« (S. 320)

Der Taylor-Bericht (als Faksimile abgedruckt) weist Kenntnisse auf, die ein Häftling, erst recht nach nur einmonatiger Haftdauer, unmöglich haben konnte. Über die Gaskammer und Vergasung von Menschen weiß Taylor viel zu berichten, z.B.

»The next day, Sunday April 10 [1945] 367 new Czech prisoners, including 40 women, arrived from Czechoslovakia and were marched through the gate straight to the gas chamber and christened the ovens.« (S. 327: Am nächsten Tag, Sonntag 10. April, kamen 367 neue tschechische Gefangene, einschließlich 40 Frauen, aus der Tschechoslowakei und wurden durch das Tor geradewegs in die Gaskammer getrieben. Sie weihten die Öfen ein.)

Taylor hat seinem Bericht (S. 332) ein Foto von Gaskammer-Gerätschaften beigefügt. Man erkennt einige Gesteinsbrocken und eine Art Preßlufthammer oder Ventilator, ferner zwei Eisenstäbe. Nach diesen Überresten suchten die Autoren, konnten sie aber ebensowenig finden wie alle anderen Gaskammer-Überreste (S. 313).

Die Autoren Freund/Perz/Stuhlpfarrer bringen es fertig, lückenlos die Existenz einer Menschen-Gaskammer zu beweisen (durch Zeugenaussagen) und sie gleichzeitig zu widerlegen (durch Fakten).

Die Argumente greifen übrigens gleichermaßen hinsichtlich Hartheim, angeblich Vorbild für Mauthausen. Die Enzyklopädie des Holocaust (Argon, Berlin 1993, Bd. 2) berichtet:

»[...] In dem dritten [...] Steingebäude befanden sich der "Bunker" (das Gefängnis) und die als Duschraum getarnte Gaskammer [...]. Schätzungsweise gab es 119.000 Tote, davon 38.120 Juden, die Opfer von Schloß Hartheim in der Nähe von Linz inbegriffen. In die dortige Gaskammer hatte man [...] kranke, geschwächte und unerwünschte Gefangene, unter ihnen auch Juden, geschickt.«

Reinhard Matz: Die unsichtbaren Lager (Rowohlt, Reinbek 1993) berichtet über das Museum Mauthausen: »Außerdem existieren noch die unterirdischen Anlagen der zwei Krematoriumsöfen und die Gaskammer, Sezierraum und Exekutionsraum. 22 Häftlingsbaracken und einige Werkstätten fehlen, da sie vor 1968 durch mangelhafte Konservierung nicht erhalten wurden.« (S. 182f.) Matz und den Autoren der Enzyklopädie des Holocaust muß man zugute halten, daß sie die Forschungsergebnisse von Freund, Perz und Stuhlpfarrer noch nicht kennen konnten. Laut Auskunft von 1997 der Verwaltung der Gedenkstätte Mauthausen ist die "rekonstruierte" Gaskammer jedoch immer noch vorhanden und wird den jährlich bis zu 200.000 Besuchern gezeigt, freilich ohne den Hinweis auf die "Rekonstruktion" ohne Vorbild.

Ilse Schirmer-Vowinckel


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 2(1) (1998), S. 56-69.


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