Die Erstausgabe des Rudolf Gutachtens auf vho.org/D/rga1
Vgl. auch die revidierte Fassung dieses Abschnittes, Stand Frühjahr 1999


3.3. Sachentlausungsanlagen
Für die Sachentlausungsanlagen ist aus der Kriegs- und Vorkriegszeit eine Fülle von Veröffentlichungen zugänglich[140,152-157,170-173], auf die verwiesen wird. Daneben gibt es aus damaliger Zeit Richtlinien zur Begasung von Gütern und Räumen, die die Vorgänge bis ins Detail be- und vorschreiben[174,175]. Diese unterscheiden sich im wesentlichen nicht von den heutigen Vorschriften[176]. Auf dieser Grundlage soll die Technik und Verfahrensweise hier nur kurz erläutert werden.
Anfänglich wurden für die Sachentlausung einfache Räume (10 bis 30 m2 Grundfläche) provisorisch umgebaut, indem man Fenster und Türen möglichst gasdicht machte, für eine gute Heizung des Raumes sorgte sowie eine Lüftungsmöglichkeit vorsah. Das Zyklon B wurde von Arbeitern mit Schutzmaske gleichmäßig am Boden des mit dem Entlausungsgut versehenen Raumes verteilt. Diese Prozedur ähnelte den damals üblichen Begasungen normaler Räume zur Ungezieferbekämpfung. Noch heute sind im Stammlager Auschwitz I solche umgebauten Räume zu sehen. Das Betreiben provisorisch abgedichteter Räume zur Begasung ist nicht ohne jedes Risiko, zumal das Abdichten nur selten vollkommen gelingt.

Zur Verdeutlichung der Problematik undichter, mit Blausäure begaster Räumlichkeiten seien neben dem bereits angeführten Befehl des Lagerkommandanten Höß zur Vermeidung von Vergiftungsunfällen bei Entlausungen[38] zwei Fälle aus der Literatur zitiert:

»Fallbeispiel. J. M., 21jährige Tapeziererin. Die Frau arbeitete im Keller des Hauses, in dem gerade im 2. Stock eine Wohnung wegen Ungeziefer mit Cyangas desinfiziert wurde, wobei durch ungenügenden Abschluß Gas in den Korridor drang, dort den Desinfektor vergiftete, und dann durch einen Schacht auch in den Keller gelangte. Frau M. spürte bei der Arbeit plötzlich ein auffallendes Kratzen im Hals und bekam Kopfweh und Schwindel. Zwei Mitarbeiterinnen bemerkten ebenfalls die gleichen Erscheinungen und verließen deshalb mit ihr den Keller. Nach einer halben Stunde kehrte sie wieder in den Keller zurück und stürzte jetzt plötzlich bewußtlos zusammen. Wird zusammen mit dem bewußtlosen Desinfektor in das Spital eingeliefert. Die Patientin erwacht schon im Lift des Spitals, fühlt sich wieder vollkommen wohl und zeigt bei der Untersuchung keine Vergiftungserscheinungen mehr. Der Desinfektor dagegen stirbt im Moment der Einlieferung.«[148]

Später ging man zum Bau spezieller fensterloser, gasdichter Anlagen über, die mit leistungsfähigen Heizungen und Lüftungssystemen, später auch mit Umluftsystemen (sog. »Kreislaufverfahren«) zur schnelleren Verteilung des Gases im Raum versehen waren. Hier wurden zunehmend die Zyklon B-Dosen durch einen von außen bedienbaren Mechanismus geöffnet, so daß sich die Arbeiter keinerlei Gefahren mehr aussetzten. Dabei fiel beim automatischen Aufschneiden des Dosenbodens das Präparat in einen Korb, über den ein Heißluftstrom, vergleichbar einem Fön, geleitet wurde. Diese Anlagen mit der sogenannten Kreislaufeinrichtung hatten ein relativ kleines Volumen von wenigen m3 zur Vermeidung von nicht für das Entlausungsgut benötigtem Totraum, also zur Einsparung des recht teuren Schädlingsbekämpfungsmittels.
Die Anwendungskonzentrationen können je nach Ungezieferart und äußeren Bedingungen recht unterschiedlich sein und lagen zumeist im Bereich zwischen 5 bis 30 g Blausäure pro m3 Luft. Die Anwendungszeit variierte ebensostark von unter 2 Stunden bis zu 10 Stunden und mehr. Bei den moderneren Anlagen mit Heizung (größer als 25°C) und Kreislauf-/Umlufteinrichtung konnten mit Konzentrationen von 20 g pro m3 schon nach 1 bis 2 Stunden gute Erfolge verbucht werden.
Die längere Begasungsdauer bei Insekten und deren Eiern gegenüber Warmblütern liegt zum einen an deren größerer Resistenz gegen das Giftgas, zum großen Teil aber auch daran, daß das Gas bis in den engsten Winkel und letzten Kleidersaum des Begasungsgutes in tödlicher Konzentration eindringen muß, um z.B. auch jede versteckte Laus zu töten. Warmblüter sind dagegen nicht nur aufgrund ihrer Größe, sondern vor allem wegen ihrer Lungenatmung recht rasch den großen Konzentrationen des Gases ausgesetzt.
Wie im Abschnitt 1.4. (S. 32) angesprochen, findet sich in dem auf den Plänen als 'Gaskammer' (!) deklarierten Raum des Bauwerks 5b im Lager Birkenau keinerlei Ausrüstung mehr. Der Raum hat eine Grundfläche von ungefähr 130 m2, er ist bis zum Dachstuhl offen, hat somit einen Rauminhalt von mindestens 400 m3, wobei der gesamte Bereich ab 2 m Höhe als nicht nutzbarer Totraum angesehen werden muß. Eine Nutzung des gesamten Raumes als Entlausungskammer setzt den Einsatz einer Zyklon B-Menge mit mindestens 4 bis 5 kg (10 g pro m3) Blausäure-Gehalt voraus, egal ob der Raum nur mit wenigen Gütern beladen wird oder ob er im zugänglichen Bereich gefüllt wird.
(Die Massenangaben beziehen sich immer auf den HCN-Nettogehalt des Präparates.) Damit sind z.B. bei je 100 Begasungszyklen jährlich (alle 3 bis 4 Tage einer) allein durch diese Anlage und durch das Bauwerk 5a rund 0,8 Tonnen Zyklon B verbraucht worden entsprechend 10 % der gesamten Zyklon B-Lieferungen an das Lager Auschwitz im Jahre 1942, bei einer Gesamtlieferung von 7,5 Tonnen[177].
Zieht man in Betracht, daß es in Birkenau neben diesen Gebäuden weitere Blausäure-Entlausungsanlagen verschiedener Größen gab[18], die Lieferungen an das Lager Birkenau auch die angegliederten Arbeitslager versorgten, weit über 30 an der Zahl, sowie daß ab und zu Häftlingsbaracken mit diesem Insektizid begast wurden[20] (pro Baracke, ungefähr 40×12×3,5 m > 1500 m3, 15 kg Zyklon B, bei 100 Baracken im Lager Birkenau schon ein Bedarf von 1,5 Tonnen), erkennt man, daß die an das Lager Auschwitz gelieferten Zyklon B-Mengen tatsächlich mit normalen Entlausungsaktionen erklärt werden können.

Nach einer Aussage des ehemaligen Häftlings C.S. Brendel wurden die Baracken häufig mit Lysoform (2 bis 3%igen Formaldehydkaliseifenlösung) desinfiziert[178]. Da Lysoform nicht insektentötend ist, kann diese Aussage nicht stimmen. Nach Pressac soll diese »präparierte« Aussage als Beweis dienen, daß die Zyklon B-Lieferungen an das Lager überwiegend für Menschenvergasungen eingesetzt wurden. Dies ist nach Pressacs Meinung unhaltbar[179]. Offensichtlich war die jährliche Liefermenge sogar zu gering, um mit ihr eine gänzliche Entlausung aller Güter und Gebäude in allen Lagern des Komplexes Auschwitz durchzuführen, da die Typhus-Seuchen nie ganz unterbunden werden konnten. Daraus ergibt sich auch, daß die bei der Simulation der Entlausungskammern auf Seite 54 gemachte Annahme des oberen Grenzfalles der täglich Benutzungshäufigkeit bezüglich der Bauwerk 5a und 5b viel zu hoch ist. Die dort angenommene dreifache Benutzung täglich entspräche allein für die Bauwerke 5a und 5b einer Bedarfsmenge an Zyklon B von insgesamt 24 bis 30 kg täglich oder ca. 9 bis 11 Tonnen jährlich, also ungefähr der gesamten Liefermenge an das Lager. Eine maximal einmalige tägliche Benutzung dieser Entlausungsanlagen erscheint daher realistisch.


Anmerkungen

  1. G. Peters, »Gefahrlose Anwendung der hochgiftigen Blausäure in Entlausungskammern«, Arbeitsschutz, 1942, 5 (III), S. 167 f.
  2. F. Puntigam, »Raumlösungen von Entlausungsanlagen«, Gesundheitsingenieur, Juni 1944, 67 (6), S. 139-180.
  3. E. Wüstinger, »Vermehrter Einsatz von Blausäure-Entlausungskammern«, Gesundheitsingenieur, Juli 1944, 67 (7), S. 179.
  4. Eine Zusammenfassung zum Thema neueren Datums ist erschienen von F.P. Berg, »The German Delousing Chambers«, J. Hist. Rev., Spring 1986, 7 (1), S. 73-94.
  5. Entseuchungs- und Entwesungsvorschrift für die Wehrmacht, H. Dv. 194, M. Dv. Nr. 277, L. Dv. 416, Reichsdruckerei, Berlin 1939.
  6. Richtlinien für die Anwendung von Blausäure (Zyklon) zur Ungeziefervertilgung (Entwesung), Gesundheitsanstalt des Protektorats Böhmen und Mähren, Prag o.J.; Dokument No. NI-9912 (1) im Nürnberger Prozeß.
  7. Technische Regeln für Gefahrstoffe, TRGS 512, Begasungen, BArbBl. Nr. 10/1989, S. 72, in: Kühn, Brett, Merkblätter Gefährlicher Arbeitsstoffe, ecomed, Landsberg 1990.
  8. Office of Chief of Counsel for War Crimes, hier eidesstattliche Erklärung von A. Zaun, Hamburg 24.10.1945, Document No. NI-11 396; zitiert nach U. Walendy, Auschwitz im IG-Farben-Prozeß, Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung, Vlotho 1981, S. 62.
  9. Office of Chief of Counsel for War Crimes, Britisches Militärgericht, Verfahren gegen B. Tesch et al., hier Vernehmung von C.S. Brendel, Hamburg 2.3.1946, Document No. NI-11 953; zitiert nach U. Walendy, aaO. [177], S. 57.
  10. J.-C. Pressac, aaO., S. 471f.

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