Die Erstausgabe des Rudolf Gutachtens auf vho.org/D/rga1
Vgl. auch die revidierte Fassung dieses Abschnittes, Stand Frühjahr 1999


3.4. Menschenvergasungen
3.4.1. Zeugenaussagen

Zur Feststellung der chemisch-physikalischen und technischen Rahmenbedingungen der angeblichen Menschenvergasungen werden in diesem Kapitel einige diesbezügliche Zeugenaussagen untersucht. Eine vollständige und detaillierte Analyse der vielfältigen Zeugenaussagen in den einzelnen Gerichtsprozessen und in der Literatur wäre zu umfangreich und soll späteren Arbeiten vorbehalten bleiben. Der folgende Überblick kann daher nicht dem Anspruch auf Vollständigkeit gerecht werden.
Zur Verdeutlichung der Problematik sei ein Auszug aus dem Urteil des Frankfurter Auschwitz-Prozesses zitiert[180]:

»Denn dem Gericht fehlten fast alle in einem normalen Mordprozeß zur Verfügung stehenden Erkenntnismöglichkeiten, um sich ein getreues Bild des tatsächlichen Geschehens im Zeitpunkt des Mordes zu verschaffen. Es fehlten die Leichen der Opfer, Obduktionsprotokolle, Gutachten von Sachverständigen über die Ursache des Todes und die Todesstunde, es fehlten Spuren der Täter, Mordwaffen usw. Eine Überprüfung der Zeugenaussagen war nur in seltenen Fällen möglich. Wo geringste Zweifel bestanden oder die Möglichkeit einer Verwechselung nicht mit Sicherheit auszuschließen war, hat das Gericht Aussagen von Zeugen nicht verwertet […]
Die allgemeinen Feststellungen
[…] beruhen auf […] den glaubhaften Aussagen der Zeugen […] Böck, ferner auf den handschriftlichen Aufzeichnungen des ersten Lagerkommandanten Höss.«

Sehr viele der Zeugenaussagen waren nach Meinung des Gerichts unglaubhaft. Aber immerhin gelang es, von einigen 'glaubwürdigen' Zeugen glaubhaft erscheinende Aussagen zu bekommen. Von diesen seien hier beispielhaft zwei herausgenommen: Rudolf Höß, ehemaliger Lagerkommandant in Auschwitz, und Richard Böck, niedriger SS-Rang im Lager. Werfen wir einen Blick auf diese beiden Zeugen, um zwei Hauptprobleme der Aussagen der Belastungszeugen zu erkennen.
In den Aufzeichnungen vor [!!!-->]R. Butler[<--!!!], der seinerzeit Höß festnahm, kann man nachlesen, daß Höß nach seiner Gefangennahme gefoltert wurde[181]. Auch in seiner Autobiographie berichtet Höß diese Vorgänge[67]. Nach einem damals erstellten Bericht eines US-Senators sollen Mißhandlungen von Häftlingen häufiger vorgekommen sein[182]. Seinerzeit rührten sich in den Medien der USA einige Stimmen, die klar aussprachen, daß es sich bei dem Nürnberger Tribunal um Rachejustiz, nicht aber um Gerechtigkeit handelte[183]. Darin ist die Rede von:

Ein Blick in das Londoner Statut, das den rechtlichen Rahmen für die Nürnberger Prozesse setzte, zeigt zwei auffallende Artikel, die unvereinbar mit rechtsstaatlichen Praktiken sind. In Artikel 19 heißt es: »Der Gerichtshof ist an Beweisregeln nicht gebunden« und in Artikel 21: »Der Gerichtshof soll nicht Beweis für allgemein bekannte Tatsachen fordern, sondern soll sie von Amts wegen zur Kenntnis nehmen […]«[184]

Doch wie steht es um die inhaltliche Glaubhaftigkeit der Aussagen? Auf einige ausführliche Werke zu dieser Problematik sei hier verwiesen[185]. Nachfolgend seien die am häufigsten zititerten Zeugen näher betrachtet. In der Aussage von Höß können wir in Broszats Ausgabe folgendes lesen[67]:

S. 126: »Das Unterhalten des Feuers bei den Gruben, das Übergießen des angesammelten Fettes,[…] Beim Leichenschleppen aßen sie und rauchten […]«
S. 157ff.: »Die Leichen wurden zuerst mit Ölrückständen, später mit Methanol übergossen […] Er versuchte auch durch Sprengung die Leichen zu vernichten,[…]«
 
S. 166: »Eine halbe Stunde nach dem Einwurf des Gases wurde die Tür geöffnet und die Entlüftungsanlage eingeschaltet. Es wurde sofort mit dem Herausziehen der Leichen begonnen […]«

und woanders:

»[…]
Q Aber war es für die Insassen nicht äußerst gefährlich, in diese Kammern zu gehen und zwischen all den Leichen und den Gasschwaden zu arbeiten?
A Nein
Q Trugen sie Gasmasken?
A Sie hatten welche, aber sie brauchten sie nicht, da nie etwas passierte.
[…]«[186]

Zur Problematik des Leichenverbrennens in Gruben ist im Abschnitt 1.5. (S. 35) schon einiges ausgeführt worden.
Das Begehen der 'Gaskammer' ohne Schutzfilter, das Essen und Rauchen in ihr sowie das unmittelbare Beginnen des Leichenschleppens nach Türöffnung ist nur denkbar, wenn keine gefährlichen Mengen an Giftgas mehr im Raume sind. Die Frage, ob dies möglich war, wird Thema der nächsten Kapitel sein.
Wenn Leichen, die zu über 60% aus Wasser bestehen, verbrannt werden, muß dies mit recht großem Brennstoffaufwand und großer Hitze geschehen. Daß sich bei diesem Prozeß leicht brennendes Fett ansammelt, ist unmöglich. Schließlich werden die Leichen verbrannt und nicht gebraten. Die Darstellung des von selbst brennenden Menschen, wie sie in Hoffmanns Struwwelpeter im Märchen vom brennenden Paulinchen gemacht wird, entspricht nicht im entferntesten der Wahrheit.
Es sei hier kurz auf die Zeugenaussage von H. Tauber eingegangen. H. Tauber war nach eigenen Angaben während der Kriegszeit Mitglied des Häftlings-Sonderkommandos des Krematoriums II. J.-C. Pressac schreibt, daß diese Zeugenaussage die beste bezüglich der Krematorien und zu 95% historisch verläßlich sei. Man liest dort folgendes[187]:

»Während der Verbrennung solcher [nicht ausgemergelter] Körper verwendeten wir nur zum Anzünden der Ofenfeuerung Koks, da die fetten Körper dank der Freisetzung des Körperfettes von selber brannten. Gelegentlich legten wir bei Koksknappheit Stroh und Holz in die Aschenbehälter unter den Muffeln. Wenn die fetten Leichen erst zu brennen begannen, fingen die anderen Leichen von selbst Feuer […]
Später, als eine Verbrennung der anderen folgte, brannten die Öfen dank der durch die verbrennenden Körper entstehenden Glut von selbst. Somit wurde die Ofenfeuerung bei der Verbrennung fetter Leichen im allgemeinen gelöscht
[…]
Ein anderes Mal warf die SS einen Gefangenen, der nicht schnell genug arbeitete, in eine Grube nahe des Krematoriums V, die voll mit kochendem Menschenfett war. Zu dieser Zeit
[Sommer 1944] wurden die Leichen im Freien in Gruben verbrannt, von denen das Fett in getrennte, im Erdreich eingegrabene Reservoirs floß. Dieses Fett wurde über die Leichen gegossen, um die Verbrennung zu beschleunigen […]«

Die Brenngase in einem Krematoriumsofen strömen vom Befeuerungsraum über den Brennraum mit der Leiche durch den Aschenraum in den Fuchs, der die Abgase aus dem Brennraum zum Kamin führt[188]. Wenn man im Aschenraum ein Feuer entzündet, um darüber befindliche Leichen zu verbrennen, kehrt man den Gasstrom um: Frischluft wird über den Kamin angesaugt, die Abgase stauen sich im Brennraum, von wo sie sich einen Weg nach draußen in den Ofenraum bahnen. Die von Tauber geschilderte Verbrennung vom Aschenraum aus kann nicht funktionieren. Solche Aussagen sind, um Pressacs Worte zu verwenden, nichts als glatte Lügen und reine Erfindungen[189].
Doch zurück zur Aussage von R. Höß. Neben Holz soll als Brennstoff bei den Freiluftverbrennungen Öl und vollkommen untaugliches, weil leicht verdampfendes Methanol gedient haben. Flüssige Brennstoffe brennen immer nur neben und auf der Leiche, so daß die Hitze nach oben verloren geht. Außerdem versickern solche Brennstoffe im Freien in der Erde. Methanol verdunstet sehr leicht und hat eine sehr niedrige Flammtemperatur. Bei genügendem Vorrat an Methanol brennt der Dampf oberhalb des begossenen Festkörpers. Die Flammen erreichen den Festkörper erst, wenn das Methanol zur Neige geht, das Dampfpolster abnimmt und die langsam erlöschende Flamme sich auf den Körper setzt. Der Autor hat einen Selbstversuch mit Methanolverbrennung am linken Arm ohne größere Blessuren überstanden. Das gleiche beobachtet man bei Papier und Stoff: leichte Verkohlung nur dort, wo das Methanol zur Neige geht. Methanol-Luft-Gemische sind zudem explosiv. Dies macht Verbrennungsversuche mit Methanol praktisch unmöglich. Die Erfahrungen mit Freiluftölverbrennungen zeigen, daß damit Leichen äußerlich verkohlt (dehydratisiert), nicht aber gänzlich verbrannt werden können[190,191].
Zeugenaussagen über Versuche, Leichen durch Sprengung spurlos zu beseitigen, brauchen hier nicht kommentiert zu werden, da solch ein Verfahren offensichtlich untauglich ist.
Interessant erscheint, daß Broszat in seiner Edition der Aussagen von Rudolf Höß die letzten Seiten wegläßt, da sie »völlig abwegige Angaben über die zahlenmäßige Stärke dieser Juden« enthalten. Höß berichtet darin von 3 Mio. Juden in Ungarn, 4 Mio. in Rumänien, 2 ½ Mio. in Bulgarien. Die tatsächlichen Zahlen lagen ungefähr um den Faktor 10 darunter[192]. Daneben liest man dort aber auch folgendes Unglaubhafte[193]:

»Obwohl gut verpflegt und mit Zulagen reichlich versehen, sah man sie [die Juden-Sonderkommandos] oft mit der einen Hand Leichen schleppen, in der anderen Hand etwas Eßbares haltend und kauend.
Selbst bei der schauerlichen Arbeit des Ausgrabens und Verbrennens der Massengräber ließen sie sich nicht stören beim Essen. Selbst das Verbrennen nächster Angehöriger konnte sie nicht erschüttern
[…]«

Doch nun zu der Aussage des Zeugen R. Böck[69]:

»Eines Tages, es war im Winter 1942/43, fragte mich H., ob ich Lust hätte, einmal zu einer Vergasungsaktion mitzufahren[…]
Der angekommene Transportzug stand auf der freien Strecke
[…]
Sie wurden alle aufgeladen und zu einem ehemaligen Bauernhaus gefahren
[…]
Nachdem der gesamte Transport - es dürfte sich um ca. 1000 Menschen gehandelt haben - in dem Gebäude war, wurde das Tor geschlossen. Anschließend kam ein SS-Mann, ich glaube es war ein Rottenführer, zu unserer Sanka und holte eine Gasbüchse heraus. Mit dieser Gasbüchse ging er zu einer Leiter
[…] Dabei bemerkte ich, daß er beim Besteigen der Leiter eine Gasmaske auf hatte […] er schüttete […] den Inhalt der Büchse in die Öffnung […] Als der das Türchen wieder geschlossen hatte, setzte ein unbeschreibliches Schreien in dem Raum ein […] Das dauerte etwa 8-10 Minuten, und dann war alles still. Kurze Zeit später wurde das Tor von Häftlingen geöffnet und man konnte noch einen bläulichen Nebel über einem riesigen Knäuel Leichen schweben sehen […] Allerdings habe ich mich gewundert, daß das Häftlingskommando, das zum Wegschaffen der Leichen bestimmt war, den Raum ohne Gasmasken betrat, obwohl dieser blaue Dunst über den Leichen schwebte, von dem ich annahm, daß es sich um Gas handelte […]«

Nach dem bisherigen Studium der Materie können wir festhalten:

Zu der Aussage Böcks meint der Staatsanwalt Dreßen[194]:

»Sehr geehrter Herr xy,
die anliegenden Kopien von Zeugenaussagen ehemaliger SS-Angehöriger über Häftlingsvergasungen in Auschwitz
[…] übersende ich Ihnen zu Ihrer Information. Sie sind nur eine Auswahl - es gibt zahlreiche weitere derartige Aussagen. Im Gegensatz zu Ihnen bin ich der Meinung, daß diese Augenzeugenberichte, was die Tatsache der Vornahme der Vergasungen von Menschen angeht, durchaus geeignet sind, das Leugnen dieses Faktums zu entlarven.
Mit freundlichen Grüßen (Dreßen) Staatsanwalt«

Und noch einmal:

»Sehr geehrter Herr xy,
[…]Übrigens ist die Aussage von B ö c k nur eine unter zahlreichen gleichartigen Bekundungen […]
Mit freundlichen Grüßen (Dreßen) Staatsanwalt«

Die Aussage Böcks gehört zu den wenigen, die vom Frankfurter Gericht nach sorgfältiger Prüfung für glaubhaft befunden wurden, bei denen also im Gegensatz zu vielen anderen Aussagen die Unstimmigkeiten für den Laien so leicht nicht zu erkennen waren.
Pressac selbst urteilt in seinem Buch an etlichen Stellen sehr kritisch, was die Zuverlässigkeit und Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen anbelangt[195], auf denen immerhin alle Darstellungen der Gaskammertötungen beruhen. Er zählt die Unwahrheiten, Unmöglichkeiten und Übertreibungen der Zeugen auf und erklärt deren vermeintliches Zustandekommen. Pressac ist zudem gezwungen, die Angaben der Zeugen in vielen Fällen zu korrigieren, um Fehler und seiner Meinung nach technisch Unmögliches zu beseitigen. So liegen die von Pressac geschätzten Opferzahlen pro Vergasungsvorgang z.B. wesentlich unter denen der Zeugenaussagen, die für die Krematorien II und III häufig von mehreren tausend Opfern pro Vorgang berichten. Schon eintausend Menschen dürften nur bei Wahrung äußerster Disziplin und Kooperationsbereitschaft der Opfer in einem Keller mit 210 m2 Grundfläche unterzubringen sein. Die stellenweise von Zeugen bekundeten Menschenzahlen dagegen (2000 und mehr[196]) sind in den Leichenkellern I nicht unterzubringen. Um auf die bis vor kurzem bei 4 Mio. angesetzte Opferzahl für Auschwitz und Birkenau zu kommen, ist man in der Tat gezwungen, zu technisch unmöglichen Zahlen zu greifen, wie es die Zeugen taten. Im Frühjahr 1990, nach der Erstellung des Krakauer Gutachtens[8], wurden in Auschwitz die Gedenktafeln entfernt, auf denen von 4 Mio. Opfern die Rede war. Momentan geht man offiziell von ca. 1 bis 1½ Mio Opfern aus[197]. Auf diese Zahl hin hat Pressac die Angaben der Zeugen korrigiert, gestützt vor allem auf ein Werk von D. Czech[198]. Im folgenden sind für die einzelnen Anlagen die Verfahren der Menschenvergasungen beschrieben, wie sie Pressac nach Korrektur der Zeugenaussagen meint rekonstruieren zu können:
Krematorium I:

Sperren der näheren Krematoriumsumgebung für Dritte; zumeist Auskleiden der jeweils 500 bis 700 Opfer im Freien; Begehen der 'Gaskammer' (Leichenhalle) durch den Ofenraum; nach Schließen der Türe Einfüllen von Zyklon B durch Stutzen mit Gasmaskenschutz; nach dem Tode der Opfer (rund 5 min) Einschalten der Ventilatoren; nach 15 bis 20 min. Lüften Öffnen der Tür zum Ofenraum, Räumen der Kammer ohne Atemfilter, Kremierung der Opfer[244]. Gemäß Pressac nur wenige Vergasungen, insgesamt weniger als 10000 Opfer[42].

Krematorien II/III:

Eingang für die 800 bis 1200 Opfer über die westliche Abgangstreppe in den Leichenkeller II; dort Auskleiden; Gang durch das Treppenhaus in den Leichenkeller I ('Gaskammer'); nach Türschluß Einfüllen von Zyklon B durch Stutzen mit Gasmaskenschutz; nach dem Tode der Opfer (5 min) Einschalten der Lüftung; nach ungefähr 20 min. Öffnen der Türen; Abspritzen der mit Blut, Auswurf, Kot verschmutzten Leichen; Abtransport der Leichen ohne Atemschutz; noch im Keller Haarschnitt und Goldzahnzug; Transport mit dem Aufzug (1,5 t Nutzlast) ins Erdgeschoß; dort Transport durch wassergefüllte Rinne zu den Öfen; Kremierung[100]. Rund 400000 Opfer für Krematorium II, 350000 für Krematorium III nach Pressac[52], nach älteren Angaben das dreifache (bei Gesamtopferzahl 4 Mio.).

Krematorium IV/V:

Auskleiden von einigen hundert Opfern bei gutem Wetter im Freien, sonst in der Leichenhalle, z.T. neben dort von der letzten Vergasung gelagerten Leichen, die auf ihre Einäscherung warteten; Gang in die 'Gaskammer' an Kohlenraum und Arztzimmer vorbei; nach Türschluß Einwurf von Zyklon B durch Luken von der Leiter aus; nach 15 bis 20 min. Öffnen der Türen; Leichenabtransport in die Leichenhalle bzw. nach draußen zu den Verbrennungsgräben hinter Krematorium V durch das Sonderkommando teils mit, teils ohne Gasmasken. Nach Pressac nur schwer kalkulierbare Opferzahl, wahrscheinlich je ungefähr 100000 bzw. nach älteren Darstellungen das Dreifache davon[245]. Ähnliches gilt für die Bauernhäuser I und II (siehe Abschnitt 1.3.3.).

Bezüglich der bei den Exekutionen angewendeten Gaskonzentration geht Pressac davon aus, daß 95 bis 98% sämtlicher Zyklon B-Lieferungen an das Lager für den ursprünglichen Zweck, die Kleidungs- und Raumentlausung, verwendet wurden[201], wobei er sich auf die Feststellungen des Nürnberger Tribunals berufen kann[202]. Begründet wird dies von Pressac damit, daß das Lager Auschwitz relativ zu den dortigen Menschenmengen und den dort zweifellos betriebenen Sachentlausungsanlagen gegenüber anderen Konzentrationslagern, in denen nachweislich keine Vernichtung stattfand, keine merklich höheren Zyklon B-Mengen geliefert bekam. Den Protokollen des Internationalen Militärtribunals kann man die Lieferungen an das Lager Auschwitz entnehmen. Sie betrugen für die Jahre 1942 und '43 in Summe etwa 19000 kg[177], insgesamt also nicht über 40 Tonnen. Nach Pressac entfielen davon 800 bis 2000 kg auf die Menschenvernichtungen. Insgesamt sollen in Birkenau im Zeitraum von Sommer 1942 bis Herbst 1944 ungefähr 1 Mio. Menschen vergast worden sein, nach älteren Angaben (ab hier in Klammern) um 4 Millionen. Somit stand für eine Menge von 1000 Menschen rund 0,8 bis 2 kg (0,2 bis 0,5 kg) Blausäure bereit. Die 'Gaskammern' (Leichenkeller I) der Krematorien II und III konnten nur wenig mehr als 1000 Menschen pro Exekution aufnehmen. Mit ihrem Volumen von ungefähr 430 m3 (500 m3 minus 1000 Menschen á 70 Liter) ergäbe sich bei 1000 (250) g Blausäure eine theoretische Endkonzentration nach vollständiger Abdampfung der Blausäure vom Träger (nach mehr als einer halben Stunden) von 2,3 g pro m3 (0,19 Vol.%, bei 4 Mio. 0,05 Vol.%). (1 Vol.% sind 10000 ppm (ungefähr 12 g/m3).) J. Bailer[6], W. Wegner [203] und G. Wellers[7] gehen daher heute von einer Anwendungskonzentration von 1 g pro m3 (0,083 Vol.%) oder weniger aus. Pressac spricht in seinem Buch des öfteren von 12 g pro m3 oder 1 Vol.%, was mindestens zur fünffachen Menge dessen führt, was er als Mengenanteil für die vermeintlichen Tötungen von den Gesamtlieferungen an das Lager zugesteht[204]. Er beruft sich dabei auf viele Zeugenaussagen, denen zufolge vier bis sechs 1 kg-Dosen Zyklon B in die 'Gaskammern' (Leichenkeller) der Krematorien II und III gegeben worden sein sollen, was in der Tat einer Konzentration von 1 Vol.% entspricht [73]. Damit hätte der Verbrauch für die angeblichen Menschenvergasungen aber bei 5000 kg gelegen oder mindestens 1/8 (12,5%) der Gesamtlieferungen. Hier besteht ein offensichtlicher Widerspruch in Pressacs Ausführungen.
Als weitere indirekte und sicherste Quelle zur Feststellung der angewendeten Blausäuremengen sind die bezeugten, angeblichen Exekutionszeiten heranzuziehen. Diese liegen durchweg im Bereich weniger Minuten[205]. Auch Prof. G. Jagschitz zitiert in seinem 1992 erstellten Gutachten einen seiner Meinung nach kompetenten Zeugen[206]. Der von ihm angeführte Arzt des Lagers Auschwitz Dr. Fischer, der selber regelmäßig die Aufsicht bei 'Gaskammerexekutionen' gehabt haben will, berichtet in Übereinstimmung mit der überwiegenden Mehrzahl aller anderen Zeugen von Tötungszeiten von 2 bis 3 Minuten. Auch der ehemalige Lagerkommandant R. Höß spricht von 3 bis in Ausnahmen 15 Minuten [207]. An anderer Stelle berichtet er, daß nach einer halben Stunde die Kammertüren zur Leichenentfernung geöffnet wurden. Die Lüftungsanlage hatte nach dieser Ausage das Giftgas also schon nach 15 bis 20 min. abgesaugt[67].
Geht man von einer Exekutionszeit aus, die ungefähr der in amerikanischen Gaskammern entspricht (etwa 10 min. bei 3200 ppm HCN[151]), so muß zumindest am Ende der Hinrichtung, also nach 10 min., im hintersten Winkel der Kammer eine Konzentration von mindestens 3000 ppm (3,6g/m3) geherrscht haben. Dies entspricht bei 430 m3 in den Leichenkellern I der Krematorien II und III einer Blausäuremenge von etwa 1,5 kg. Da das Trägermaterial nach 5 bis 10 Minuten erst etwa 10% der Blausäure abgegeben hat (siehe Seite 59), mußte für eine Tötung, die in wenigen Minuten erfolgt, die zehnfache Menge, also mindestens 15 kg Zyklon B eingesetzt werden. Dies gilt freilich nur unter der Voraussetzung, daß die freigesetzte Blausäure die Opfer sofort erreicht, was in überfüllten, großen Kellern nicht erwartet werden kann. Somit ist festzuhalten, daß für die bezeugten Vergasungsvorgänge Zyklon B-Mengen von wahrscheinlich mindestens 20 kg pro Vergasung eingesetzt hätten werden müssen. Das entspräche bei 1000 Vergasungen einem Anteil von 50% an den Gesamtlieferungen von Zyklon B an das Lager.


Anmerkungen

  1. Urteil des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, Aktenzeichen 50/4 Ks 2/63, S. 108ff.
  2. R. Butler, Legions of Death, Arrows Books Ltd., London 1986, S. 236f.
  3. F. Oscar, Über Galgen wächst kein Gras, Erasmus-Verlag, Braunschweig 1950, S. 38 ff. Originalquelle der Rede: Congressional Record-Senate No. 134, 26. VII. 1949, S. 10397 ff. Siehe daneben auch: F. Utley, The High Cost of Vengeance, Chicago 1949, S. 185-200; deutsch: Kostspielige Rache, H.H. Nölke-Verlag, Hamburg, 71952.
  4. Siehe dazu besonders die Artikel in: New York Times, 23., 25., 29.2., 6.3., 30.7., 7.10.1948, 7.1., 2., 5.3., 5.5.1949; Chicago Daily Tribune, 23.-26., 28., 29.2.1948, 12.3., 13.9.1949; Our Sunday Visitor, USA, 14.6.1959, 15; Daily News, Washington, 9.1.1949; Sunday Pictorial, Großbritannien, 23.1.1949.
  5. W. Maser, Das Exempel, Blaue Aktuelle Reihe Band 9, Mut-Verlag, Asendorf 1986, besonders S. 35, 37 und 54; ders., Nürnberg - Tribunal der Sieger, Econ-Verlag, Düsseldorf 1977.
  6. E. Kern, Meineid gegen Deutschland, Schütz, Pr. Oldendorf, 2. Auflage 1971; E. Gauss, Vorlesungen über Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1993.
  7. J. Mendelsohn, The Holocaust, Vol. 12, Garland, New York 1982, S. 113, Vernehmung von R. Höß, 2.4.1946.
  8. Vernehmung des Henryk Tauber vom 25.5.1945, Anlage 18, Band 11 des Höß-Verfahrens, zitiert nach J.-C. Pressac, aaO. , S. 489f.
  9. J.-C. Pressac, aaO., S. 93ff., Kapitel über Bau- und Funktionsweise der in den damaligen deutschen Konzentrationslagern errichteten Kremierungsöfen.
  10. J.-C. Pressac, aaO., S. 469ff., über einige Aussagen der Zeugen C.S. Bendel, M. Nyiszli und H. Tauber.
  11. J. Loscher, H. Schumann (Hg.), Militärhygiene und Feldepidemologie, Militärverlag der DDR, Berlin 1987, S. 283.
  12. F.G. Krotov, Opyt Sovetskoj mediciny w Weli koj Otetschestwennoj Wojne 1941-1945, Uborka polej crasgenij (Die Erfahrungen der sowjetischen Medizin im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945, Band 33: Säuberung des Gefechtsfeldes), Moskau 1955, S. 236-242.
  13. Intensive statistische Untersuchungen dazu wurden unternommen von: W.N. Sanning, The Dissolution of the eastern european Jewry, Institute for Historical Review, Torrance, Kalifornien 1983; deutsch: Die Auflösung des osteuropäischen Judentums, Grabert, Tübingen 1983; W. Benz, Dimension des Völkermords, Oldenbourg, München 1991.
  14. J. Bezwinska, KL Auschwitz in den Augen der SS, Verlag des Staatlichen Auschwitz-Museums, Auschwitz 1973, S. 135 f.
  15. Brief des Staatsanwalt Dreßen, Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltung Baden-Württemberg, Ludwigsburg, Aktenzeichen 110 AR 916/89, 26.7.89 bzw. 11.10.89.
  16. J.-C. Pressac, aaO., S. 124f., 162, 174, 177, 181, 229, 239, 379f., 459-502. Siehe auch [21,57,66]. Für weitere Zeugenaussagen siehe auch [193] und E. Kogon, H. Langbein, A. Rückerl et al., aaO. [44], S. 194-239.
  17. 2000 nach C.S. Bendel, 3000 nach M. Niyszli, siehe [189].
  18. Siehe dazu u.a.: Jüdische Allgemeine Wochenzeitung, 26.7.1990; Hamburger Abendblatt, 25.7.1990; Hannoversche Allgemeine Zeitung, 18.7.1990; Der Spiegel, 30/91, S. 111; Süddeutsche Zeitung, 21.9.1990; Die Tageszeitung, 18. und 19.7.1990; Vorarlberger Nachrichten, 22. und 29.8.1990.
  19. D. Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Rowohl, Reinbek 1989.
  20. J.-C. Pressac, aaO., S. 125.
  21. J.-C. Pressac, aaO., S. 384-390.
  22. J.-C. Pressac, aaO., S. 15 und 188.
  23. Office of Chief of Counsel for War Crimes, Britisches Militärgericht, Verfahren gegen B. Tesch et al., Hamburg 1.-8.3.1946, Document No. NI-12 207, zitiert nach: U. Walendy, aaO. [177], S. 83. Übrigens ist kein Angehöriger der damaligen Zyklon B-Produzenten verurteilt worden, da eine Straftat nicht nachgewiesen werden konnte: Degussa AG (Hg.), Im Zeichen von Sonne und Mond, Degussa AG, Frankfurt/Main 1993, S. 148f.
  24. W. Wegner, Vortrag zum Seminar über die Revisionismus-Debatte, Thomas-Dehler-Stiftung, 20.-22.9.91, Nürnberg-Fischbach. Neuerlich ist allgemein die Tendenz zu beobachten, die angeblich angewendete Blausäure-Konzentration entgegen den Zeugenaussagen herabzusetzen.
  25. J.-C. Pressac, aaO., S. 18.
  26. Bezüglich der Tötungszeiten siehe neben den Aussagen von R. Höß und R. Böck z.B.: Schwurgericht Hagen, Urteil vom 24.7.1970, Az. 11 Ks 1/70, S. 97 (5 Minuten); Final Trial Brief of the Prosecution, nach U. Walendy, Auschwitz im IG-Farben-Prozeß, aaO., S. 47-50 (3 bis im Extremen 15 min); E. Kogon, H. Langbein, A. Rückerl et al., aaO., ubiquitär (sofort bis 10 min., seltener bis 20 min.); J. Buszko (Hg.), Auschwitz, Nazi Extermination Camp, Interpress Publishers, Warschau, 21985, in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Museum Auschwitz, S. 114 + 118 (wenige Minuten); H.G. Adler, H. Langbein, E. Lingens-Reiner (Hg.), Auschwitz, Europäische Verlagsanstalt, Köln, 31984, S. 66, 80 + 200 (wenige bis 10 Minuten); Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Die Auschwitz-Hefte, Band 1,  Beltz Verlag, Weinheim 1987, S. 261ff. +294 (augenblicklich bis 10 min.).
  27. Protokoll des Gutachtens von Prof. Dr. G. Jagschitz, 3.-5. Verhandlungstag der Strafsache Honsik, 29.4., 30.4., 4.5.1992, Az. 20e Vr 14184 und Hv 5720/90, Landgericht Wien.
  28. Dokument 3868-PS, IMT-Band 33, S. 275ff., zitiert nach L. Rosenthal, »Endlösung der Judenfrage«, Massenmord oder »Gaskammerlüge«?, Verlag Darmstädter Blätter, Darmstadt 1979.

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