Kapitel VII
Die Menschenvergasungen:
Genese und Gründe der Anklage

1. Der Ursprung der Geschichte von den Menschenvergasungen.

Nachdem wir festgestellt haben, daß sich die angeblichen Ausrottungseinrichtungen in Majdanek technisch nicht für eine Massenvernichtung von menschlichen Wesen mittels Giftgas eigneten und daß folglich eine solche Massenvernichtung niemals stattgefunden hat, heißt es die Frage klären, wie diese Geschichte entstanden ist. Zu diesem Zweck müssen wir die diesbezüglichen Quellen der Kriegszeit untersuchen.

Im bereits mehrfach zitierten Buch Il campo dello sterminio (Das Vernichtungslager) schreibt Constantino Simonov:

»Es besteht kein Zweifel daran, daß zwangsläufig Gerüchte über die Existenz des Lagers als solches, als Todeslager, unter der Bevölkerung der Umgebung kursierten, doch bereitete dies den Deutschen keinerlei Sorgen. Sie fühlten sich in Polen wie zu Hause. Das ›Generalgouvernement Polen‹ war für sie ein für immer erobertes Land. Diejenigen, die innerhalb seiner Grenzen am Leben geblieben waren, sollten vor den Deutschen vor allem Furcht empfinden, und deswegen waren die grausigen Berichte, die in ganz Polen über das Lubliner Lager die Runde machten, den Deutschen geradezu willkommen. Der Leichengestank an den Tagen, an denen Massenausrottungsaktionen geschahen, verbreitete sich in der Nähe des Lagers; er zwang auch dessen Bewohner, sich mit Taschentüchern die Nasen zu verstopfen, und erregte bei der Anwohnerschaft Furcht und Schrecken. Dies sollte in ganz Polen die Vorstellung von der Macht der deutschen Herrschaft und den Schrecken, die jeden Widerstandswilligen erwarteten, erwecken. Die Rauchsäule, welche ganze Wochen, ja Monate lang aus dem hohen Schornstein des Hauptkrematoriums stieg, war von weitem zu sehen, doch auch dies kümmerte die Deutschen nicht. Ebenso wie der Leichengeruch wurde auch dieser gräßliche Rauch ausgenutzt, um Entsetzen zu säen. Viele tausend Menschen, die das alles vor Augen hatten, marschierten der Fahrbahn nach Chełm entlang, und nachdem sie das Tor des Lubliner Lagers durchschritten hatten, kehrte sie nie wieder zurück; auch dies mußte als Demonstration der deutschen Macht wirken, die sich alles erlauben konnten, was ihnen gerade einfiel, ohne irgend jemandem darüber Rechenschaft ablegen zu müssen«[447].

Es besteht kein Zweifel daran, daß dieses düstere Propagandabild[448] notwendigerweise den Tatsachen entsprochen hätte, wäre Majdanek wirklich »das Vernichtungslager« gewesen, besonders wenn dort Massenvergasungen von Menschen stattgefunden hätten.

Wie wir bereits im ersten Kapitel hervorgehoben haben, war das gesamte Territorium des Lagers vollkommen offen, und das Lager selbst war von den Dörfern Dzesiąta, Abramowice, Kosminek, Kalinowka sowie von der Straße Lublin-Chełm-Zamo¶æ-Lww umgeben.

Allfällige Massenmorde in Majdanek hätten auch - und vor allem - aufgrund des stetigen Flusses von Informationen nicht geheimgehalten werden können, die tagtäglich auf verschiedenem Wege aus dem Lager drangen:

Alle über diese Kanäle erlangten Informationen wurden von den Örtlichen Zellen der geheimen polnischen Widerstandsbewegung gesammelt und an die »Delegatura« weitergeleitet. Zu dieser nun einige Worte:

Im September 1939 wurden Polen im Westen von deutschen, im Osten von sowjetischen Heeren überrollt und verschwand als selbständiger Staat. Die Regierung ging nach London ins Exil.

In den besetzten Gebieten entstand als im Untergrund wirkende Schattenregierung die Delegatura Rządu (Vertretung der Regierung), die der Londoner Exilregierung unterstellt war. Die Delegatura versorgte letztere mit einem ununterbrochenen Fluß von Nachrichten über die Lage in Polen. Sie arbeitete natürlich eng mit anderen illegalen Organisationen zusammen, insbesondere mit der Armija Krajowa (Landesarmee), also der bewaffneten Widerstandsbewegung. Obwohl Zehntausende von Angehörigen und Helfern des Widerstands verhaftet wurden, gelang es den Deutschen nie, dessen Aktivitäten lahmzulegen.

Es versteht sich von selbst, daß die Delegatura von Anfang an besonderes Augenmerk auf die von der Besatzungsmacht aufgebauten Konzentrationslager richtete und sich bemühte, zu erfahren, was in diesen vor sich ging.

Die auf den genannten Wegen gesammelten Nachrichten wurden von der Delegatura in offiziellen Berichten zusammengefaßt und in verschiedenen Presseorganen veröffentlicht - darunter dem Organ der Exilregierung, der vom Polish Ministry of Information herausgegebenen Polish Fortnightly Review. Dadurch wurde das Ziel verfolgt, die Politik der Alliierten zugunsten Polens zu beeinflussen. Das Leitmotiv dieser Berichte waren natürlich die - tatsächlichen und erdichteten - Gewalttaten der Deutschen gegenüber den Polen und den polnischen Juden im gesamten besetzten Gebiet sowie vor allem in den Konzentrationslagern, über welche die Delegatura sehr gut Bescheid wußte.

Die von der Delegatura erstellten Berichte sind von Krystyna Marczewska und Władysław Wa1/4niewski untersucht worden, die in einem langen Artikel die darin enthaltenen Informationen über das Lager Majdanek publiziert haben (3). Die Berichte reichen vom 30. November 1941 bis zum 7. Juli 1944, doch fällt der Hauptteil ins Jahr 1943. In seiner Einleitung zu diesem Artikel schreibt Jzef Marszałek über den Ursprung der Informationen:

»Das System der Sammlung von Informationen über das Lager Majdanek durch die polnische Widerstandsbewegung ist noch nicht ausreichend erforscht. Die Hauptschwierigkeit liegt im Mangel an verfügbaren Quellen, namentlich an sog. Primärmaterialien. Wir verfügen hauptsächlich über Berichte, die in den Zentralen der Delegatura formuliert worden waren, wobei man sich auf verschiedene Meldungen stützte, die aus konspirativen Gründen [d.h. um ihre Urheber nicht zu gefährden] vernichtet wurden. Die publizierten Dokumente erwähnen bloß indirekt, daß z.B. bei der Kreisdelegatur Lublin eine gesonderte Zelle existierte (›Lubliner Kreis‹), welche sich u.a. mit den Fragen des Lagers Majdanek beschäftigte. Eine ähnliche Zelle bestand auch beim Lubliner Kreiskommando der AK, und zwar unter der Bezeichnung Centralna Opieka Podziemna (Zentrale Untergrundfürsorge) oder ›OPUS‹. Um das Lager Majdanek zu erkunden, wurden auch aus Warschau spezielle Kuriere ausgesandt. In einigen Dokumenten heißt es, sie fußten auf Berichten von aus Majdanek Freigelassenen. Eine reale Möglichkeit, die Lücken der Quellenlage zu diesem Thema zu schließen, stellt vor allem das Gedächtnis der Teilnehmer an dieser Aktion dar«[450].

Mit der Frage, was die in London stationierte polnische Exilregierung über Majdanek wußte, befaßt sich auch Jolanta Gajowniczek. Sie untersucht die Berichterstattung zweier in Großbritannien erschienener polnischer Exilblätter über das Lubliner Lager[451].

Im Widerspruch zu den offenkundigsten Tatsachen behauptet die Verfasserin eingangs, die Existenz der Konzentrationslager sei »besonders sorgfältig vor den Augen unbefugter Zeugen geschützt« worden[452]. Anschließend schildert sie, auf welchen Wegen Nachrichten aus Polen zur Exilregierung in London gelangten. Neben den Kurieren, die eine Botschaft innerhalb von zehn Tagen aus Warschau nach Paris überbrachten, kam den illegalen Radiosendern dabei eine mit der Zeit immer wichtigere Rolle zu. Ab Anfang März 1940 funkte der Widerstand regelmäßig Meldungen ins Ausland, und ab Dezember desselben Jahres wurden solche direkt nach England übermittelt. Anders gesagt: Was man in Polen wußte, wußte man einige Tage später auch in London.

Am 12. Juli 1940 erschien in der britischen Hauptstadt die erste Nummer des von der Exilregierung herausgegebenen Blattes Dziennik Polski (Polnische Tageszeitung). Parallel dazu wurde ab Juni oder Juli desselben Jahres in Schottland ein weiteres exilpolnisches Blatt veröffentlicht, der Dziennik ¯ołnierza (Tageszeitung des Soldaten). Am 1. Januar 1944 fusionierten die beiden Zeitungen zum Dziennik Polski i Dziennik ¯ołnierza.

In ihrer Studie gibt J. Gajowniczek die im Dziennik Polski (1941-1943) sowie im Dziennik Polski i Dziennik ¯ołnierza (1944) über Majdanek erschienenen Meldungen ganz oder auszugsweise wieder. 1941 und 1942 erschienen ganze drei Kurzmeldungen über das Lager, 1943 immerhin sechzehn Berichte, darunter einige längere, 1944 weitere acht.

Somit fällt uns die Aufgabe zu, die erwähnten Quellen (in chronologischer Reihenfolge) einer näheren Untersuchung zu unterziehen.

Der erster Hinweis auf eine Gaskammer findet sich in folgender lakonischen, vom 15. Dezember 1942 stammenden Meldung der Delegatura:

»Lublin. Das Lager bei Majdanek wird mit Volldampf ausgebaut. Es kann gegenwärtig einige zehntausend Personen fassen. Außer Polen finden sich dort auch Juden (Versprengte aus Lublin), Deutsche sowie Engländer und Franzosen[453]. Eine Gaskammer sowie ein Krematorium sind in Betrieb«[454].

Bei diesem ersten Hinweis auf eine Menschentötungsgaskammer (daß es sich um eine solche handelte, ist der Tatsache zu entnehmen, daß sie zusammen mit dem Krematorium genannt wird) springt die ungewöhnliche Kürze der Meldung ins Auge: Die Einführung eines solchen Mordinstruments hätte, wäre sie wirklich erfolgt, eine schaurige Neuheit dargestellt und tiefe Erschütterung hervorgerufen; folglich hätte sie die polnischen Informanten dazu veranlassen müssen, eine solche Tragödie gebührend herauszustreichen und ihrer Beschreibung den angemessenen Umfang einzuräumen. Doch wird die Information in geschäftsmäßigem Ton geliefert, als ob es sich um ein unbedeutendes Detail handle.

In den folgenden Monaten verstummen sämtliche Hinweise auf die Gaskammer(n). Auf die Lage der Juden wird jedoch immer wieder eingegangen. So heißt es am 20. Dezember 1942:

»Das Lager zieht sich über mehrere Kilometer hin und könnte gegenwärtig ungefähr 80.000 Menschen fassen, ist aber nur zu einem geringen Teil gefüllt. Für Juden kann es nicht bestimmt sein, denn die Vernichtung des jüdischen Elements nähert sich seinem Ende und wird auf dem Gebiet der Lager in Treblinka, Bełżec, Kole[455] und Sobibr durchgeführt. Daher herrscht im Land - vor allem aber in Lublin - die Auffassung, daß der Ausbau des Lagers Majdanek mit irgendwelchen umfassenden antipolnischen Plänen der deutschen Behörden in Zusammenhang steht«[456].

Hier wird also expressis verbis ausgeschlossen, daß Majdanek als Vernichtungslager geplant war. Man beachte übrigens, daß Auschwitz bei der Aufzählung der damals angeblich bestehenden Vernichtungsstätten für Juden fehlt, obgleich die Massenmorde in jenem Lager damals laut der offiziellen Geschichtsschreibung schon seit über einem halben Jahr im Gang waren!

Am 31. Dezember wird das Eintreffen einiger tausend französischer Juden in Majdanek vermeldet. Außerdem sollen alte, gebrechliche Juden ins Lager aufgenommen worden sein. In der gleichen Meldung heißt es, zwischen dem 8. und dem 20. November seien in Majdanek unbestätigten Meldungen zufolge 5.000 Polen erschossen worden.

Über das Verhalten der Juden im Lubliner Lager äußern sich die Verfasser der Meldungen mehrmals dezidiert kritisch. So heißt es am 6. Februar 1943 unter Hinweis auf die tschechisch-jüdischen Funktionshäftlinge, deren Betragen gegenüber den Gefangenen sei besonders grausam[457]; am 25. Februar 1943 wird berichtet, daß die deutschen kriminellen Häftlinge sowie die Juden ihre Mitgefangenen unter nichtigsten Vorwänden schlügen und quälten[458], und am 31. März 1943 wird auf den »Lagerschreck« hingewiesen, einen »Judenjungen« und »Liebling des Kommandanten«, der das unbegrenzte Recht zum Prügeln besitze und dieses auch weidlich ausnutze[459]. - (Bei diesem handelt es sich um einen von vielen Zeugen erwähnten jungen jüdischen Sadisten namens Bubis.)

Am 1. April 1943 wird das Eintreffen einer großen Zahl von Juden aus Westeuropa erwähnt. Ferner sollen viele westliche Juden aus Treblinka und Bełżec angekommen sein[460]. Da Bełżec bereits laut der offiziellen Geschichtsschreibung bereits im Dezember 1942 geschlossen worden war, verwundert letztere Behauptung.

Am 5. Mai 1943 vermeldet der Informant, in Majdanek würden Kranke massenweise im Krematorium mit Spritzen ermordet und gleich anschließend verbrannt.

Insgesamt verbreitete die Delegatura zwischen dem 20. Dezember 1942 und dem 5. Mai 1943 fünfundzwanzig Berichte über Majdanek. In keinem war von Menschenvergasungen die Rede.

Einen dieser Berichte, der den Titel »Lage und Organisation des Lagers, Insassen und Wohnverhältnisse, Lagerleben, Juden und Polen im Lager, Häftlingstransporte« trägt, wollen wir trotz seiner beträchtlichen Länge fast vollständig wiedergeben; wir lassen nur den Schlußteil weg, in dem keine relevanten Informationen über Majdanek mehr geliefert werden. Der Bericht ist nicht datiert, stammt aber laut den Herausgebern von Ende Januar oder Anfang Februar 1943.

»Das Konzentrationslager in Lublin

Situation: Das Konzentrationslager in Lublin liegt in der Vorstadt Majdanek; diese ist drei bis vier Kilometer von der Altstadt entfernt, liegt an der nach Chełm führenden Chaussee und nimmt ein ausgedehntes Territorium ein, das von der Armee besetzt ist und unmittelbar an die Chaussee angrenzt. Durch das Lager führt eine Nebenstraße zum Dorf Piaska, in welches die Zivilbevölkerung lediglich mit Passierscheinen gelangen kann. Auf beiden Seiten dieser Straße sind zahlreiche Wohn- und sonstige Baracken errichtet worden (vermutlich Magazine), teils einzeln, teils in Gruppen und von Stacheldrahtverhau umgeben. Auf dem ganzen Gebiet ist der Boden nivelliert worden, und es werden weiter Baracken errichtet. Das Lager befindet sich auf der linken Seite der erwähnten Dorfstraße, dicht bei ihr und etwa 1,5 km von der Chaussee entfernt, auf einem durch die Armee besetzten Gebiet.

Aussehen des Lagers: Das Lager ist in drei getrennte, doch aneinander grenzende Felder unterteilt, die von einem doppelten, 3 m hohen Stacheldrahtzaun umrankt sind. Innerhalb der Umzäunung ist ein Stacheldrahtnetz gespannt, und die Drähte sollen unter Starkstrom stehen - so heißt es wenigstens auf den Warntafeln. Bei der Lagerumzäunung, insbesondere an den Kurven, stehen zahlreiche hölzerne Türme mit Nestern für Wärter und Maschinengewehr. Von innen ist jedes Feld parallel zur Umzäunung von einem einzelnen Draht umgeben, der die Grenze zur sich nähernden Umzäunung markiert. Die beiden ersten Felder sind mit zwei Reihen Baracken bebaut, wobei eine Reihe aus jeweils 11 Baracken besteht; der Raum zwischen den beiden Reihen mißt ca. 70 m und dient zu Versammlungen[461]. Auf Feld 3 befindet sich nur eine Reihe Baracken. Am Rand des Felds 1 liegt das Krematorium[462]. Auf jedem Feld werden zwei (Rand-)Baracken als Magazine genutzt, 1 Baracke zu Verwaltungszwecken und 1 als Küche; in den restlichen sind die Gefangenen untergebracht.

Insassen. Vom Zeitpunkt der Gründung des Lagers an - diese erfolgte schon bald nach der Einnahme Lublins durch die Deutschen - wurden im Lager Juden aus der Umgebung interniert, aber auch solche, die aus Warschau und anderen Orten herbeigeschafft worden waren. Später internierte man dort auch Polen - für eine begrenzte Zeitdauer, z.B. wegen Nichterfüllung ihrer Lieferungsverpflichtungen etc. Zu jenem Zeitpunkt wurde das Lager als Straf- und Arbeitslager geführt, und man setzte die Inhaftierten zu allerlei Arbeiten ein. Nach dem Ausbruch des Kriegs mit den Sowjets trafen bolschewistische Kriegsgefangene ein. Vor einiger Zeit gab es im Lager nur Juden, etwa 2.000 an der Zahl. Anfang Januar [1943] gelangte der erste Transport mit Polen ins Lager; es waren etwa 3.000, und sie stammten aus den Provinzgefängnissen. Weitere Transporte aus Warschau und sonstigen Städten begannen ab dem 18. Januar einzutreffen. Ende Januar befanden sich ungefähr 3.000 Juden, 2.000 Jüdinnen und ca. 5.000 Polen - davon ca. 3.000 Frauen - im Lager. Wenn dieses vollbesetzt ist, kann es bis zu 30.000 Menschen fassen.

Wohnverhältnisse. Die Baracken sind im Serienbau hergestellt; sie waren ursprünglich als Pferdeställe gedacht, und der Umbau zu Unterkünften für Menschen ist nur unvollständig durchgeführt worden. Nur in einigen davon sind 3 Stockwerke aus Brettern eingerichtet worden, welche Pritschen ersetzen. In den meisten Baracken schlafen die Häftlinge auf Strohsäcken, die auf dem Holzboden ausgebreitet sind. Die Baracken sind ziemlich winddurchlässig; zur Heizung sind 4 kleine Öfen aus Eisen installiert, doch die Brennstoffzuteilung ist so gering, daß sie höchstens reicht, um täglich drei Stunden zu heizen. Deshalb ist die Temperatur in den Baracken etwas niedriger als draußen. Die Strohsäcke sind ganz ungenügend gestopft, und Langzeithäftlinge erhalten eine Decke. Die Polen haben bisher noch keine Decken erhalten; in einigen Baracken gab es je zehn bis zwanzig freie Decken, doch waren diese dermaßen verlaust, daß sie kein Mensch haben wollte. Hingegen sind die Baracken leidlich gut beleuchtet, wobei das elektrische Licht nachts abgeschaltet wird.

Die Baracken sind alt; vor dem Eintreffen der Polen wurden sie nicht desinfiziert, und folglich sind sie unheimlich schmutzig und verlaust. Die unhygienischen Zustände werden durch die ungedeckten Kisten verschärft, die am Ende der Baracken untergebracht sind und in denen die Insassen nachts, wenn niemand die Baracken verlassen darf, ihre Notdurft verrichten. Weiter verschlimmert werden die unhygienischen Verhältnisse durch das völlige Fehlen von Wasser. Die wenigen Brunnen auf dem Lagergebiet sind geschlossen, da sie durch die unlängst wütende Flecktyphusepidemie verseucht worden sein sollen. Folglich gibt es kein Wasser zum Waschen und selbst zum Trinken; der eine Brunnen bei der Küche liefert höchstens einen bis zwei Eimer Wasser für über 400 Leute, und das ist erst noch zum Geschirrwaschen bestimmt. Wegen des Wassermangels löschen die Gefangenen, insbesondere die Neuankömmlinge, die am Ankunftstag noch nichts zu essen bekommen haben, ihren Durst mit Schnee, den sie manchmal zu Wasser schmelzen. Von Waschen kann überhaupt nicht die Rede sein; einige reiben sich mit Schnee ab, die Frauen wiederum brauchen Tee zum Waschen. Zur Einnahme der Mahlzeiten werden Blechschüsseln ausgegeben, und zwar jeweils einer für ca. 4 Häftlinge, weil es nicht nur an Wasser, sondern auch an Zeit fehlt (das Essen wird sehr rasch ausgegeben). Deshalb essen die Häftlinge gezwungenermaßen einer nach dem anderen, ohne die Schüsseln zu waschen oder auch nur mit Papier auszuwischen (denn daran fehlt es auch). Alle Mahlzeiten werden in den Baracken eingenommen; die Suppen bringt man in hermetisch abschließbaren Kesseln, so daß sie nicht kalt werden. Die Häftlinge erhalten aber weder Messer (pro Baracke gibt es nur ein Messer) noch Löffel, so daß sie sich beim Essen mit den Fingern, mit Holzstücken etc. behelfen. All das schafft besonders günstige Voraussetzungen für die Verbreitung von allerlei Krankheiten, insbesondere wenn man hinzufügt, daß es im Lager überhaupt keinen Krankenbau gibt und die Kranken zusammen mit den Gesunden in den Baracken leben. Schließlich gilt noch darauf hinzuweisen, daß in einer Baracke 400 bis 500 Menschen leben.

Lagerleben. Wecken ist um 4.30 h, doch während rund einer Stunde (bis im Lager die Lichter brennen) darf man die Baracken nicht verlassen. Täglich werden zwei Appelle durchgeführt, um 6.30 h und um 14.30 Uhr; um 19 Uhr gehen die roten Lichter an, und von diesem Zeitpunkt an ist das Verlassen der Baracken verboten. Die Schlafzeiten sind nicht genau festgelegt; ihre Einhaltung hängt von der jeweiligen Barackenordnung ab, die von den Barackenältesten bestimmt wird. Die Verpflegung war früher ziemlich mager, hat sich aber neulich verbessert und ist von höherer Qualität, als sie beispielsweise 1940 in den Kriegsgefangenenlagern war. Die Häftlinge erhalten morgens ca. um 6 Uhr einen halben Liter Graupensuppe (an zwei Tagen wöchentlich Kräutertee mit Pfefferminzgeschmack). Zum Mittagessen um 13 Uhr wird ein halber Liter recht nahrhafter Suppe ausgegeben, die sogar mit Fett oder Mehl angereichert ist. Das Abendessen findet um 17 Uhr statt und besteht aus 200 Gramm Brot mit Aufstrich (Marmelade, Käse oder Margarine, zweimal wöchentlich 300 Gramm Wurst) sowie einem halben Liter Graupensuppe oder Suppe aus dem Mehl ungeschälter Kartoffeln. Kartoffeln werden übrigens individuell ausgegeben, ein paar pro Person. Einen Lebensmittelhandel gibt es im Lager praktisch nicht, doch kann man ein wenig Mehl oder Grütze für ca. 400 Zloty pro Kilogramm kaufen; Brot treten manche für 30 bis 50 Zloty pro 100 Gramm ab. Das Rauchen im Lager ist im Prinzip verboten, besonders in den Baracken und während der Arbeit, aber ungeachtet dessen betreiben die Deutschen selbst Zigarettenhandel. Der Preis betrug anfänglich 10 Zloty pro Zigarette; später zahlte man für einen Machorkowy[463] 3 Zloty. Auch bulgarische Zigaretten wurden feilgeboten (zum Preis von 5 Zloty pro Stück).

Die Lagerorganisation liegt in den Händen der SS-Totenkopfverbände, die übrigens zahlenmäßig nicht stark sind; sie besetzen die Führungspositionen und versehen den Dienst auf den Türmen. Ihnen steht als Hilfstruppen eine Abteilung von Ukrainern und früheren bolschewistischen Kriegsgefangenen zur Verfügung, welche die deutsche Seite gewählt haben. Diese letzten werden zum Wachdienst außerhalb der Umzäunung eingesetzt, zur Begleitung eintreffender Transporte ins Lager - zumindest der polnischen -, doch betreten sie das Lager selbst nicht. Aus ihrem Umgehen mit den Waffen und insbesondere aus ihrem Verhalten kann man schließen, daß sie keine scharfen Patronen besitzen. Sie verrichten ihren Dienst gleichgültig, ihr Verhältnis gegenüber den Polen ist von keiner Feindseligkeit gekennzeichnet, doch die Juden behandeln sie sehr rücksichtslos. Die SS-Männer im Lager führen nur Appelle, Kontrollen etc. durch.

Die eigentlichen Schergen sind die sog. Kapos, von denen es in Majdanek vier gibt[464]. Es sind dies Deutsche, also auch Gefangene, die wegen kommunistischer Betätigung oder wegen krimineller Delikte verurteilt worden sind. Sie unterscheiden sich von ihren Mithäftlingen durch ihre farbige Kleidung: Lange Stiefel, rote Hosen aus Tuch (Kommunisten) bzw. grüne Hosen (Kriminelle), blaue Jacken mit den in roter Farbe aufgemalten Buchstaben ›KL‹ auf dem Rücken, auf einer Schulter ein Band mit der Aufschrift ›Kapo‹ (schwarz auf weiß), auf der Brust eine Nummer und darunter ein Dreieck von gleicher Farbe wie die Hose; sie tragen stets Lederknüppel, verhängen Strafen und halten die Ordnung im Lager aufrecht, überwachen die Arbeiten usw.; die deutschen Offiziere müssen sie durch Abnehmen der Mützen grüßen. Den Kapos steht ein für jede Baracke ernannter Stubenältester zur Verfügung, der wie alle Häftlinge gekleidet ist, doch auf der linken Seite ein Band trägt (Aufschrift St.Al. auf gelbem Grund). Ihre Aufgabe besteht im Aufrechterhalten der Ordnung in der Baracke sowie im Überwachen der Leute. Sie wohnen also in den Baracken, wo sie ebenso wie ihre Gehilfen besondere Pritschen besitzen, und sie sind zum Verhängen sofortiger Strafen berechtigt, bei denen sie sich ebenfalls der Knüppel oder dicker Stöcke bedienen.

Zwischen den Kapos und den Stubenältesten existiert noch ein Zwischengrad, dessen Rolle nicht näher umschrieben ist. In Majdanek erfüllte diese Funktion ein 15-jähriger Judenjunge, der wie ein Kapo gekleidet ist, auf dessen Band jedoch der Buchstabe ›V‹ [Vorarbeiter] steht. Er ist anscheinend der Schützling des Lagerkommandanten, der diese Funktion eigens für ihn geschaffen hat. Ein ähnliches Band hat letzthin auch einer der Polen erhalten. Die letzte von den anderen getrennte Gruppe stellen die Funktionshäftlinge, die in den Küchen, der Schreibstube etc. angestellt sind. Sie wohnen gesondert, kommen in den Genuß besserer Nahrung und Unterkunft und treten beim Appell zusammen mit den Stubenältesten an.

Zu den Lagerfremden zählen die ständigen Lebensmittellieferanten, die nach dem Vorweisen ihrer Passierscheine eingelassen werden. Sie kommen täglich mit ihren Wagen. Sie besitzen die Möglichkeit, den Gefangenen die Tagesnachrichten, Zigaretten und sogar Lebensmittel zu überbringen.

Die Juden in Majdanek werden unmenschlich und brutal behandelt. Sie tragen Häftlingskleidung mit weißen und blauen Gürteln sowie Mützen und haben auf der Brust unter der Nummer (die Nummern gehen zurzeit bis 16.000) einen aufgenähten Stern. Die aus Hanf hergestellten Kleider schützen ungenügend vor der Kälte, und wie haben fast keine warme Wäsche. Alle tragen Schuhe mit Holzsohlen. Man setzt die Juden bei allen Arbeiten ein, wobei sie von den Blockwarten und Kapos mit Schlägen und Tritten angetrieben werden. Sie müssen vor jedem Deutschen, auch vor einem Kapo, die Mütze abnehmen. Ihr Verhalten ist wunderlich passiv; sie verrichten ihre Arbeit stoisch und ertragen auch die Schläge fügsam; sie bemühen sich nicht, diesen auszuweichen, sondern legen sich auf den Boden und stellen sich tot, was gewöhnlich dazu führt, daß sie empfindlich geprügelt werden. Ebenso wie die Gesunden werden auch jene Kranken, die noch dazu imstande sind, zur Arbeit angehalten; jedenfalls müssen alle zum Appell antreten oder werden dazu aus der Baracke getragen, sogar die Toten. Die Sterblichkeit unter den Juden ist enorm hoch und war dies namentlich während der Typhusepidemie, die unlängst gewütet hat. Im Schnitt sterben 10 bis 12 pro Tag. Gegenwärtig sind alle Juden auf Feld 1 und 2 untergebracht. Seitdem die bei den Warschauer Razzien festgenommenen Polen eingetroffen sind, walten nur Juden als Funktionshäftlinge.

Die Polen. Die ersten Polentransporte trafen Anfang Januar ein. Man brachte Häftlinge aus einer Reihe von Provinzgefängnissen (Kielce, Radom, Piotrkow), insgesamt 800 Personen, und quartierte sie auf Feld 2 ein. Sie wurden registriert, gab ihnen aber keine Häftlingskleidung (ihre Nummern haben sie auf Kleidern und Mützen aufgenäht) und nahm ihnen ihren Besitz nicht ab. Sie wurden in Baracken untergebracht, wobei der Blockführer in einer ein Jude und in einer anderen ein Pole ist, der kürzlich ein eigenes Band mit den Buchstaben ›SV‹ [Sicherheitsverwahrung] erhalten hat. In letzter Zeit setzt man sie bei verschiedenen Arbeiten im Lager ein. Man behandelt sie jedoch nicht so grausam wie die Juden; sie werden nicht gequält. Unter ihnen wurden vor kurzer Zeit vielleicht 150 Fachhandwerker sowie kräftig aussehende Personen ausgewählt und auf Feld 2 überstellt, wonach man ihnen Häftlingskleidung gab, sie baden ließ und ihnen - wie es heißt - mitteilte, sie würden Lagerhandwerker werden, besseres Essen erhalten, doch wenn jemand (wer?) ihnen den Vorschlag unterbreiten sollte, zur Arbeit nach Deutschland zu fahren, sollten sie dies ablehnen, denn sie würden im Lager gebraucht.

Weitere Polentransporte begannen ab dem 18. Januar einzutreffen. Am 18. sowie am 19. kamen zwei Transporte aus Warschau an, auf die noch weitere folgten; sie umfaßten teils nur zwischen 10 und 20 Personen, hauptsächlich solche, die bei Razzien festgenommen worden waren, sowie Häftlinge der Provinzgefängnisse. Sie besetzten insgesamt 6 Baracken. Sie alle sind bislang noch nicht registriert worden; sie werden anständig behandelt und nicht zur Arbeit getrieben. Außer den Appellen besteht ihre einzige Beschäftigung in den Versammlungen, bei denen die Namen der Freigelassenen verlesen werden. Letzthin wurden sogar die Appelle, die anfangs eine Stunde dauerten, verkürzt und dauern, wenn es dunkel ist, keine halbe Stunde mehr. Anfänglich stellten sich die Deutschen anscheinend darauf ein, alle diese Transporte zu registrieren (man erstellte eine innere Liste und zählte die Handwerker auf), doch verloren sie nach und nach jedes Interesse an ihnen. Die aus Warschau eingetroffenen Transporte setzen sich aus sehr unterschiedlichen Menschen zusammen: Es sind dies frühere Insassen des Pawiak[465], Häftlinge, die sich in den Arrestzellen der Kriminalpolizei an der Koszykowa-Straße befanden (als man sie ins Lager brachte, versicherte man ihnen, sie würden gleich behandelt wie die bei den Razzien Festgenommenen), auf der Straße Aufgegriffene, solche, die man aus ihren Häusern verschleppt hat, und sogar Landstreicher und Bettler aus den Nachtasylen. Die früheren Pawiak-Häftlinge haben im Prinzip getrennte Baracken (Nr. 14, anfangs auch Nr. 10 und 11), doch gibt es in der Praxis keine strenge Trennung, und man findet sie auch in anderen Baracken. Die Stimmung unter den Häftlingen ist gut; es herrscht die optimistische Annahme vor, sie würden bald freigelassen oder zur Arbeit herausgelassen. Kennzeichnend ist, daß sich kein Antagonismus zwischen Kriminellen und Politischen beobachten läßt, ebensowenig zwischen der Intelligenz und einfachen Leuten. Statt dessen gibt es viele Zeichen der Solidarität

Die Frauen halten sich auf Feld III auf und leben unter den gleichen Verhältnissen wie die Männer. Es gibt unter ihnen viele Prostituierte und Kriminelle.

Verschiedene Anmerkungen. In zwei polnischen Baracken (darunter einer für registrierte Häftlinge) befinden sich Juden. Ihr Verhältnis zu den Polen war anfangs völlig normal, doch sie werden immer aggressiver und schlagen die Polen (am Öftesten beim Versammeln zum Appell: In Baracke 5 schlug der Jude Feder einem Polen drei Zähne aus und prügelte ihn dann mit dem Spatengriff blutig [...[466]. Die Deutschen haben unlängst die Einrichtung einer Krankenstube in einer mit Pritschen ausgestatteten Baracke in die Wege geleitet.

Die Freilassungen erfolgen durch das Verlesen von Namen, wobei die Aufgerufenen zur Seite geführt werden und man ihre Identität kontrolliert; man prüft bei jedem auf der Liste nach, ob er wirklich bei einer Razzia aufgegriffen worden ist. Man gibt den Freigelassenen keinerlei Dokumente oder Reisegeld, mahnt sie aber, unterwegs nicht umzufallen, insbesondere in Deblin. Anfänglich ließ man lediglich Leute frei, die in deutschen Institutionen arbeiteten, doch in letzter Zeit verfährt man bei Freilassungen großzügig, so daß auch Angestellte der Stadtverwaltung, des RGO [?] und sogar von Privatfirmen in deren Genuß kommen.

Schlußfolgerungen. Das fehlende Interesse seitens der deutschen Behörden zeigt, daß die Situation im Lager Majdanek provisorischer Natur ist. Laut vom Lagerkommandanten ausgehenden Gerüchten ist Majdanek ein ›Verteilungslager‹: Jene ungefähr 70%, die bei Razzien verhaftet worden sind, sollen auf freien Fuß gesetzt werden, die anderen - oft Langzeithäftlinge - sollen zur Arbeit nach Deutschland oder in den Osten geschickt werden, und wer dann nach übrigbleibt, soll in andere Lager überstellt werden. Anderen im Lager kursierenden Gerüchten zufolge soll dieses weiter ausgebaut werden, bis es 50.000 Menschen fassen kann, und zu einem neuen Auschwitz werden. Diese zweite Version scheint nicht wahrscheinlich, weil keinerlei Vorbereitungen zu einem solchen Ausbau zu sehen sind. Dem Gesamtbild ist viel eher zu entnehmen, daß es anfangs andere Pläne der Gestapo gab, die tatsächlich ein neues Auschwitz aufbauen wollte, daß aber eine verschiedene Lösung gewählt und der ursprüngliche Plan geändert wurde, was eine gewisse Verwirrung in der Lagerorganisation auslöste, ja sogar eine gewisse Unschlüssigkeit«[467].

Einige Unrichtigkeiten im Text sind von den Herausgebern verbessert worden: Im Januar 1943 gab es bereits 5 Felder und nicht nur 3; die angegebene Zahl der Baracken entsprach dem Stand vom Sommer 1942 und war bis zum Januar 1943 auf 24 in zwei Reihen angeordnete Baracken pro Feld angewachsen; die Frauen waren im Januar 1943 auf Feld 5 untergebracht.

Doch ändern solche Details nichts daran, daß hier mit großer Ausführlichkeit auf alle wichtigen Fragen bezüglich der Zustände im Lager eingegangen wird, und es ist offensichtlich, daß der Text von einem vortrefflich unterrichteten Informanten stammt.

Von überwältigender Bedeutung ist nun, daß diese lange und kenntnisreiche Schilderung der Zustände und Geschehnisse in Majdanek auch nicht den geringsten Hinweis auf Menschenvergasungen enthält. Jene sollen aber laut der offiziellen Geschichtsversion damals schon mindestens ein halbes Jahr im Gang gewesen sein. Aus bereits dargelegten Gründen war es ein Ding der Unmöglichkeit, in Majdanek Menschen massenweise zu vergasen, ohne daß die Außenwelt binnen kürzester Zeit davon erfuhr; solche Morde hätten sich nicht einmal zwei Wochen lang geheimhalten lassen, geschweige denn ein halbes Jahr oder länger.

Die einzig mögliche Schlußfolgerung aus diesen Fakten ist, daß es in Majdanek zwischen August 1942 und Januar 1943 keine Menschenvergasungen gab. Damit fällt die ganze Geschichte von den Gaskammern bereits in sich zusammen, denn die ›Beweise‹, die für Vergasungen zwischen Februar und Oktober 1943 vorgelegt werden, sind nicht besser als jene für Vergasungen zwischen August 1942 und Januar 1943.

Die Gaskammergerüchte müssen spätestens Ende 1942 in die Welt gesetzt worden sein; der kurze, völlig isoliert dastehende Hinweis auf »die Gaskammer« in der Meldung vom 15. Dezember jenes Jahres zeugt davon. Wohl wegen der offensichtlichen Unglaubwürdigkeit der Geschichte wurde diese in der Propaganda der Widerstandsbewegung zunächst wieder fallen gelassen.

Daß die Delegatura erst zu einem unmöglich späten Zeitpunkt von Vergasungen in Majdanek berichtete, wird von unverdächtiger Seite bestätigt. 1967 schrieben Ireneusz Caban und Zygmunt Mankowski:

»Darüber, daß das Lager Majdanek nicht nur zur Freiheitsberaubung, sondern auch zur Vernichtung diente, wußte die Delegatura Anfang 1943 Bescheid, wie aus ihren Dokumenten hervorgeht. Wie wir oben geschrieben haben, wurde dort nämlich das Phänomen der Massenexekutionen sowie die Tätigkeit des Krematoriums vermerkt, die größer war, als es zur Einäscherung der eines natürlichen Todes - sei es durch Unterernährung oder durch schlechte sanitäre Bedingungen - gestorbenen Menschen erforderlich gewesen wäre. Die Anstrengungen des Nachrichtendienstes gingen aber weiter. Es ging darum, herauszufinden, auf welche Art und Weise die Liquidierungen vor sich gingen, sowie die persönlichen Daten und die Anzahl der Hingerichteten in Erfahrung zu bringen. Im Mai 1943 halten die Dokumente die Liquidierung des Krankenbaus und in diesem Zusammenhang die Verbrennung von täglich ca. 80 Kranken fest. Im Juni wird die Verwendung von Gaskammern zur Vergiftung von Juden und Polen festgestellt«[468].

Die Datierung »im Juni« ist ungenau, da die Gaskammergeschichten bereits am 7. Mai 1943 einsetzten. Ab diesem Datum ist in den Delegatura-Berichten häufig von Vergasungen in Majdanek die Rede. In einer auf jenen Tag datierten Meldung heißt es, auf dem Gebiet des Lagers würden ständig Häftlinge in Gaskammern vergiftet[469]. Und in einem langen, undatierten Bericht, der die Ereignisse in den Monaten März bis Mai 1943 zusammenfaßt, also nicht vor Anfang Juni jenes Jahres entstanden sein kann, werden die Juden ausdrücklich als hauptsächliche Vergasungsopfer bezeichnet; wir zitieren:

»Ende April begann man plötzlich Juden in Gruppen von 2.000 bis 3.000 Menschen herbeizuschaffen: Frauen, Kinder und Gruppen. Es waren Warschauer Juden. Man brachte sie auf dem stacheldrahtumrankten Zwischenfeld zwischen den Feldern NN 4 und 5 unter, wo Haufen von Kohlen u.a. lagen. Dort saßen sie meist zwischen 10 und 20 Stunden nach ihrer Ankunft, z.B. einen ganzen Tag oder eine ganze Nacht, ohne Rücksicht auf Wetter, Regen usw. Anschließend unterteilte man sie in Gruppen und führte sie zum Bad. Nicht alle Transporte kehrten aus diesem ›Bad‹ zurück. Ein Teil der Männer wurde tatsächlich gebadet, frisch eingekleidet (natürlich nahm man ihnen alles ab, was sie mitgebracht hatten) und auf abgesonderten Feldern in eigenen Baracken untergebracht. Doch den Rest verschwand so, wie der Transport ins Bad gebracht worden war. Falls ein Transport nachts ins Bad geführt wurde, so kehrte er entweder überhaupt nicht mehr oder stark gelichtet zurück; war er tags dorthin geschafft worden, kehrte er in den meisten Fällen zurück. Die Baracke, in die man sie hatte eintreten lassen, wurde abgeschlossen, und nach einiger Zeit warf man nackte Leichen daraus ins Freie.

Die Fenster der polnischen Baracken, von denen aus man auf diese Baracke blicken konnte, wurden eigens so angemalt, daß man nichts sah. Die Leichen wurden auf Lastwagen verladen, mit Lumpen zugedeckt, auf Felder gebracht, die drei bis vier Kilometer vom Lager entfernt waren, und verbrannt. Die Scheiterhaufen brannten tagelang pausenlos; vom Lagergelände aus konnte man sie mit Leichtigkeit beobachten, denn sie befanden sich unterhalb des Lagers.

Aus der Baracke, in welche man die Juden geführt hatte, drang Geschrei und Gewimmer, doch wurde dieses durch den Lärm eines Traktormotors übertönt, der die ganze Zeit über lief. Hörte man im Lager diesen Motor, so wußte man, daß Juden vergiftet wurden. Jene, die trotz der übermalten Fenster beobachteten, was sich dort abspielte, schildern danteske Szenen. Die Menschen fielen auf die Knie, küßten den Deutschen die Füße und die Stiefel und flehten um ihr Leben. Man trieb sie gewaltsam, mit Tritten und Hieben, in die Baracke. Der Informantin wurde mitgeteilt - sie gibt diese Nachricht unter Vorbehalt wieder -, daß sich währenddessen auf dem Barackenkamin irgendwelche Blechbüchsen befanden. Ob von dort Gas herausgelassen wurde, oder ob man damit die Baracke abdichtete, weiß keiner. Der Tod trat, je nach Konzentration des eingesetzten Gases, nach anderthalb bis sieben Minuten ein«[470].

Die »Blechbüchsen« auf dem Dach könnten einen ersten Hinweis auf die Zyklondosen darstellen, aus denen der offiziellen Geschichtsversion zufolge tödliche Granulate ins Innere der Gaskammer geschüttet wurde. Am 31. Oktober 1943 meldet die Delegatura, im Lager seien Lieferungen »irgendeines neuen Gases« eingetroffen[471]. Die Herausgeberinnen kommentieren, damit sei das Zyklon B gemeint, von dem kurz zuvor 999 kg nach Majdanek geliefert worden waren.

Nun war jedoch das seit Juli 1942 in Majdanek benutzte Zyklon B eben kein »neues Gas« mehr.

In den nach dem 7. Mai 1943 abgefaßten Meldungen, in welchen von Vergasungen gesprochen wird, fehlt im allgemeinen jeder Hinweis auf Zyklon B, und der genaue Ablauf der Mordaktionen wird niemals beschrieben.

Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang ein vom Majdanek-Häftling Jerzy Henryk Szczê¶niewski am 14. Dezember 1943 aus dem Lager geschmuggeltes Schreiben, in dem es heißt:

»L[ublin] M[ajdanek], 14. 12. 1943, 15 Uhr.

Liebe Babunia! Ihr Lieben alle! Unerwartete Veränderungen. Man stellt das Licht ab, schon um 17 Uhr muß man zu Bett gehen, bis 5.30 Uhr schlafen und sich noch im Dunkeln anziehen, bevor es an die Arbeit geht. Erst um 7.30 Uhr morgens haben wir Licht. Bei uns gibt es innen keine Veränderungen, außerhalb der Felder legen sie Verstärkungen des Lagers an - Bunker. In der Nacht wurden Jüdinnen vergast - etwa 100 -; sie gehörten zu denen, welche in den alten Gewändern auf dem Feld 5 arbeiteten«[472].

Man beachte, daß diese Vergasung von Jüdinnen zu einem Zeitpunkt erfolgt sein soll, wo laut dem Urteil beim Düsseldorfer Majdanek-Prozeß die Gaskammermorde seit anderthalb Monaten eingestellt waren[473]! In der polnischen Literatur wird bezeichnenderweise nicht erwähnt, wann die letzten Vergasungen stattgefunden haben sollen.

* * *

Nun zu den beiden eingangs erwähnten polnischen Exilblättern. Am 28. Mai 1943[474] schrieb der Dziennik Polski:

»Im Lager Majdanek, welches gegenwärtig so ausgebaut wird, daß es 80.000 Insassen aufnehmen kann, befinden sich in großer Zahl Opfer der Massenverhaftungen und Straßenrazzien, die von den Deutschen in den ersten Monaten des laufenden Jahres durchgeführt worden sind. Unlängst anerkannten die Deutschen diese Gefangenen offiziell als ›Kriegsgefangene, die durch die Besatzungstruppen der Waffen-SS inhaftiert worden sind‹. Dies ist ein weiterer Beleg dafür, daß die Massenrazzien und -verhaftungen in den großen polnischen Städten, namentlich Warschau, Lww und Krakau, eine präventive Maßnahme darstellen und darauf abzielen, jene Polen zu ergreifen und in die Lager zu stecken, welche die Deutschen als die gefährlichsten und als fähig zur Organisation des bewaffneten Widerstands gegen die Besatzungsmacht einstufen.

Die als Kriegsgefangenen betrachteten Häftlinge werden in Majdanek besonders hart behandelt. Die Sterblichkeit im Lager nimmt als Folge des herrschenden Hungers, der sich ausbreitenden Seuchen sowie des Mangels an jedweden sanitären Einrichtungen erschreckend zu. Man quält die Gefangenen unter nichtigsten Vorwänden, und selbst standrechtliche Hinrichtungen sind an der Tagesordnung. Nachrichten aus Polen bestätigen, daß die Stimmung im Lager verzweifelt ist. In Briefen an ihre Angehörigen bestätigen Internierte, daß sie nicht mehr lange leben werden, und verabschieden sich von ihren Familien.

Wie die sog. Kriegsgefangenen behandelt werden, geht am klarsten aus der Tatsache hervor, daß es im Lager kein Wasser für die Häftlinge gibt, während die Deutschen letzthin Bäder für die Polizeihunde eingerichtet haben, die speziell darauf abgerichtet werden, die Inhaftierten zu bewachen und die Flüchtlinge totzubeißen«[475].

Bedeutsamer als die im letzten Abschnitt zutage tretende dichterische Ausschmückung der schlimmen Zustände in Majdanek ist das gänzliche Fehlen jedes Hinweises auf Gaskammern - und dies volle neun Monate nach dem angeblichen Einsetzen der Vergasungen.

Von zum Massenmord dienenden »Kammern« ist erstmals am 20. Juli 1943 die Rede. In Lublin, heißt es im betreffenden Artikel, träfen tagtäglich große Transporte ein. Ungefähr 15% davon würden nach Deutschland geschickt, der Rest ins berüchtigte Majdanek eingeliefert, wo Massaker stattfänden, bei denen die Polen in »Kammern« ermordet würden, wie zuvor die Juden[476].

Zwei Tage darauf, am 22. Juli, veröffentlichte das Blatt einen weiteren Bericht über Majdanek, in dem nichts von »Kammern« stand. Am 27. Juli hieß es dann, in letzter Zeit seien in Majdanek täglich binnen einiger Stunden über 3.000 Menschen mit Gas vergiftet worden[477].

Von Interesse ist ein längerer Bericht, der am 5. Oktober 1943 unter dem Titel »Ponad 100 obozw koncentracyjnych w Polsce« (»Über 100 Konzentrationslager in Polen«) erschien[478]. Es werden dort acht Lagertypen unterschieden: Durchgangslager, gewöhnliche Konzentrationslager, Zwangsarbeitslager für Bauern, Lager für Geistliche, Frauenlager, Judenlager, Lager zur »Verbesserung der Rasse« sowie Kinderlager.

Zu den Judenlagern zählt der Artikel Bełżec, Sobibr und »Treblinka III bei Małkinia«, ein Lager, von dem die heutige Geschichtswissenschaft nichts weiß. Dort seien die Juden mit Giftgas, elektrischem Strom und Maschinengewehren ermordet worden. Ob diese Lager zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch in Betrieb waren, geht aus dem Artikel nicht hervor.

Als Zwangsarbeitslager für Bauern wird Treblinka II eingestuft, das laut der »Holocaust«-Literatur das nächst Auschwitz größte Vernichtungslager für Juden war. Zu den gewöhnlichen Konzentrationslagern wird neben »Majdanek II« auch Auschwitz gezählt, während »Majdanek I« zu den Transitlagern gerechnet wird. Möglicherweise ist mit »Majdanek I« das Flughafenlager gemeint, aus dem Häftlinge ins eigentliche Lager Majdanek gebracht wurden. Aus der Tatsache, daß Auschwitz, der »Holocaust«-Literatur zufolge größtes »Vernichtungslager«, im Oktober 1943 von dem polnischen Exilblatt zu den »gewöhnlichen Konzentrationslagern« gerechnet wurde, obgleich die Vergasungen zu jenem Zeitpunkt dort schon anderthalb Jahre lang in Gang gewesen sein sollen, möge der Leser selbst die sich aufdrängenden Schlüsse ziehen.

Von den 1944 im Dziennik Polski i Dziennik ¯ołnierza erschienenen Beiträgen über das Lubliner Lager ist nur ein am 31. August, also kurz nach der Befreiung, publizierter von größerem Interesse. In Majdanek, hieß es, seien »ein Krematorium und eine Gaskammer« in Betrieb gewesen; dort hätten ab Frühling 1943 Massenmorde stattgefunden. Von irgendwelchen vorher verübten Vergasungen ist nicht die Rede, und die Massenerschießung vom 3. November 1943, der doch immerhin 18.000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen, wird mit keinem Wort erwähnt. Dafür heißt es:

»In den ersten Märztagen 1944 [...] beschlossen die Örtlichen Machthaber, die beste Lösung sei es, die Häftlinge nach und nach zu ermorden. Natürlich vor allem die Juden, aber als nächstes auch die übriggebliebenen Polen«[479].

Der heutigen Majdanek-Version gab es im März 1944 kaum noch Juden im Lager, da so gut wie alle im November des Vorjahres ermordet worden seien. Wiederum stimmt die zeitgenössische Version der Ereignisse in keiner Weise mit der nachträglich abgesegneten überein. Wieso dem so ist, möge auch diesmal der Leser selbst beurteilen.

* * *

Ein anderer Informationskanal bestand aus den Meldungen von Polen, die ins verbündete oder neutrale Ausland geflohen waren. Erwähnung verdient hier ein am 1. November 1943 von einem jungen polnischen Arzt in Genf veröffentlichter Bericht, in dem es heißt Majdanek:

»Nahe bei Lublin liegt das Lager Majdanek, überwacht von der Gestapo sowie uniformierten Ukrainern und Litauern. Seit Anfang 1941 sind alle Juden, die man in den verschiedenen Ortschaften des Bezirks Lublin aushob, ins Lager Majdanek geschickt worden. Dort lernten, an den Leibern der Juden, die Litauer und Ukrainer das Henkershandwerk. Die deutschen Lehrmeister brachten ihren Schülern verschiedene Methoden bei, wie man Menschen henkt, lebendig röstet oder sonstwie quält. Die Technik, mit Nadeln die Nägel zu stechen, um ›Bekenntnisse‹ zu erpressen - diese nachmals über ganz Polen verbreitete Technik ist im Lager von Majdanek erfunden worden!

Das Majdaneker Lager hatte seine Anziehungskraft: im Hochwinter zog man den Juden nichts als Papierkleider an; dann besprengte man sie mit kaltem Wasser und ließ sie in der freien Luft stehen, bis sie über und über gefroren waren!

Dann hatte der Charakter des Lagers von Majdanek gewechselt, und gegenwärtig ist es - nach Owiêcim - das zweite Konzentrationslager für politische Gefangene. Von denen, die dorthin verbrachtet werden, sterben 100%.

Lublin war das ›Reservoir‹ für die deutschen, Österreichischen, tschechischen usw. Juden. Ende 1941[480] befanden sich dort vorwiegend Juden aus der Slowakei.

Die ausländischen Juden dünkten sich den polnischen Juden überlegen, und auch die Deutschen billigten ihnen bessere Plätze sowie leichtere Arbeit zu. Ja, die Deutschen haben sich sogar des Gegensatzes zwischen diesen zwei Sorten von Juden zu bedienen gewußt und den ausländischen Juden die ›Überwachung‹ der polnischen anvertraut«[481].

Wie man sieht, fehlt es in diesem Bericht nicht an phantasievollen Beschreibungen deutscher Scheußlichkeiten, doch von Vergasungen weiß der Verfasser nichts, obgleich solche zu jenem Zeitpunkt bereits über ein Jahr lang im Gang gewesen sein sollen.

2. Die Geschichte nimmt Gestalt an

In den Quellen, die wir im vorhergehenden Abschnitt untersucht haben, entsteht die Geschichte von den Menschenvergasungen auf sprunghafte und oberflächliche Weise.

Der erste ausführliche Zeugenbericht über Vergasungen wurde im Jahre 1944 von Abraham Silberschein veröffentlicht; er schrieb:

»Über das Konzentrationslager Lublin berichtet ein Zeuge, der im Jahre 1939 von den Deutschen gefangen worden ist und zunächst in ein Lager in Berlin vorgeschickt wurde. Er wurde im Februar 1941 mit 2 500 Gefangenen nach Lublin zurückgebracht und in einem Sonderlager unter Bewachung von SS untergebracht. In diesem Lager verblieb er von Februar 1941 bis 1943, d.h., bis zu seiner Flucht. Er war, wie er schreibt, Zeuge der ganzen Tragödie, die sich in Lublin während dieser Zeit ereignet hat. Er war Zeuge der Aktionen im Ghetto und der Sprengung des Ghettos. Er war auch Zeuge der Unterbringung der Judenreste in Majdan Tatarski und der Liquidierung dieses Barackenghettos. Er hatte einige Male das Lager überwacht und ist mit verschiedenen Leuten aus der Bedienung und aus dem Lager in Kontakt gekommen«[482].

Wir geben die bedeutsamsten Auszüge des von diesem Zeugen gelieferten Berichts wieder; für das in diesem Abschnitt behandelte Thema sind sie ungemein aufschlußreich.

»Das Lager.

Das Lager trug den Namen K.Z., eine Abkürzung für Konzentrationslager. Es war eher ein Ausrottungslager, denn kein Mensch, der dorthin kam, verließ es je wieder.

Das Lager liegt an der Landstraße, die von Lublin nach dem Dorfe Piaski führt. Es wurde auf offenem Felde in 100 m Abstand von der Hauptstraße im Sommer 1941 angelegt. Den Bau besorgten 20 000 russische Gefangene und 800 Juden aus dem Ghetto in Lublin.

An der Spitze des Lagers stand der SS-Sturmbannführer Dollf, einer der ersten Gründer der Nationalsozialistischen Partei. Er war ein Trunkenbold, klein von Statur, mit einem Gesicht wie ein Affe, ein Sadist, der seinen Hund dressiert hatte, jeden in Stücke zu reißen, der als Jude bezeichnet wurde.

Sofort nach Fertigstellung des Lagers gingen dessen Erbauer sämtlich zugrunde; denn Dollf verbot, ihnen etwa zu essen zu geben.

Der für zehn Baracken vorgesehene Platz wurde von zwei Reihen Stacheldraht umgeben, zwischen denen nochmals ein Netz besonders dichten Stacheldrahtes gespannt wurde. In diesem Raume stellte man zehn deutsche Militärbaracken auf, die man in fünf Reihen anordnete. Nahe bei einer Ecke, außerhalb der Stacheldrahtecke, konstruierte man Türmen aus Panzerbeton, jeder 12 m. hoch (siehe Plan)[483]. Auf den Türmen wurden SS.-Leute postiert, die Wache hielten. Ferner gab es sehr lichtstarke Scheinwerfer, deren Lichtkegel auf die Baracken gerichtet war, und bei jedem Scheinwerfer ein Maschinengewehr und eine Kanone, mit der Mündung gegen das Lager. Aus den Türmen gingen in Barackenhöhe die Soldaten auf und ab.

Im 10 m Abstand vom ersten Felde (Plan Lager 1) baute man ein zweites ›Feld‹., das dem ersten glich. (Siehe Plan Lager 2). In einem halben Meter Abstand vom zweiten legte man das dritte und dann das vierte und fünfte an. Alle diese Baracken waren ihrerseits wiederum mit Reihen von Stacheldraht umzäunt. Seitlich der Straße war ein Zugangstor.

Gegenüber den Baracken in 20 m Entfernung lagen die Anstalten, zunächst das Bad. Es bestand aus einem Auskleideraum und einem Schuhlager. Von dem Schuhlager gelangte man ins Bad, vom Bade an die Kleiderverteilungsstelle. Zwischen dem Ankleideraum und der Kleiderverteilungsstelle lag das Kleiderdepot. An derselben Seite des Lagers befanden sich weiter die Ställe der SS und die Werkstätten für das Lager. (Siehe Plan).

Im Zwischenraum zwischen den Feldern und den letztgenannten Einrichtungen standen Pfähle, an denen man die Delinquenten aufzuhängen pflegte.

Im Raum zwischen der ersten und zweiten Baracke, der 10 m maß, lag die Baracke der Öfen. (Siehe Plan). Äußerlich ähnelte diese Baracke den übrigen. Nur hatte sie zwei mächtige Schornsteine, nach Art derer von Fabriken. Diese Baracke war in drei Teile eingeteilt, von denen jeder fast abgeschlossen war. Der erste Teil war das Entkleidungszimmer (auf dem Plane Garderobe), der zweite Teil war luftdicht abgeschlossen. Dort wurden die Gas-Experimente gemacht (auf dem Plane Vergasungsraum). Im dritten Raume standen zwei riesige Öfen. - Diese Baracke befand sich zwischen Feld 1 und 2.

Die Einlieferung.

Von der Bahnstation brachte man die Juden unter SS-Bewachung in ihren ›Staat‹. Man hielt ihnen eine Ermutigungsansprache; dann ließ man sie in das Bad treten, um sich zu waschen. Im Badezimmer wurde ihnen befehlsgemäß Kleidung, Wäsche und alles, was an Gegenständen aus Leder besaßen, weggenommen. Die Kleiderpakete wurden durchs Fenster in ein anderes Zimmer (auf dem Plane Kleiderdepot) befördert. Ins Bad ließ man Gruppen zu Hunderten eintreten, Greise gesondert, dann die Kranken, hierauf die Frauen und Kinder.

Wer Geld hatte, hatte es in den Schuhen oder in Ledertaschen versteckt. Aber vorm Eintritt ins Bad mußten alle im Eingangszimmer alles zurücklassen. Die Kleider und Schuhe wurden dann gleich von der Bewachungsmannschaft und Gestapo untersucht, Geld und alle Wertsachen wurden ganz einfach geraubt.

Nach dem Bade führte man sie durch ein anderes Zimmer in einen Saal (auf dem Plan Verteilungsraum), wo jeder Kleider und Schuhe erhielt. Man gab jedem eine Art Überzieher mit weißen und blauen Streifen. Auf der Brust war ein Davidstern angebracht, mit abwechselnd gelben und roten Dreiecken. Auf dem Rücken und den Knien figurierte eine Ziffer, - die Gefangenen-Nummer. Weiterhin empfing man Holzschuhe. Das beschriebene Kostüm trug man im Sommer und im Winter.

Die Einteilung.

Junge Leute mit Spezialkenntnissen wurden noch am selben Tag zur Arbeit gebracht.

Alte und Kranke wurden alsogleich in diejenige Baracke beordert, in der sich die Öfen befanden. In deren erstem Zimmer wurden sie angewiesen, sich zu entkleiden, im zweiten starben sie binnen zwei Minuten den Erstickungstod. Vom zweiten Zimmer aus transportierte man sie zu den Öfen. Unterirdisch brannte ein Feuer, der Ofen selbst brannte nicht. Aber er sammelte eine Heißluft von 2 000 Grad an. Man warf in ihn die entseelten Körper, dann sog ihnen die Gluthitze Saft und Feuchtigkeitsgehalt völlig aus. So blieben von jedem nur ein paar Bläschen, die vor Trockenheit knisterten. Hierauf fuhren Sondercamions die Überreste aus der Stadt zu vorbereiteten Gräben.

Das ganze Jahr 1942 über hat man täglich Tausende von Juden in der Vergasungskammer zu Tode gebracht. Allwöchentlich schaffte man neue Massen herbei, und so ging das weiter bis zum heutigen Tage.

Die Kinder wurden zur Bluttransfusion in Spitäler befördert.

Die Arbeit im Lager.

Wer einmal in die Baracke kam, konnte sie nicht mehr ohne Begleitung verlassen. Die reifen und gesunden Männer wurden zur Arbeit bestimmt. Sie schätzten sich anfangs glücklich. Niemand hatte einen Argwohn, daß das Ende nahe sei; denn man versprach - vorausgesetzt, daß man gute Arbeit leisten würde, Nahrung und Unterkunft. Trotzdem fand man Gründe, täglich Tausende von arbeitenden Juden in die Öfen zu liefern.

Schon der Gang zur Arbeit war schwierig. Wer von den Juden nicht ordentlich in Reih' und Glied marschierte, kam zwischen die Stacheldrähte und von da zum Ofen.

Das Marschieren war eine harte Angelegenheit; denn Barfußgehen war verboten, und die Holzschuhe verursachten abscheuliche Schmerzen. Da alle alte Leute und Kranken erledigt wurden, wagte niemand mehr, sich kranken zu melden. Jeden Tag suchte man unter denen, die nicht nach Wunsch arbeiteten, Kandidaten für den Ofen aus.

Sonntags wurde nicht gearbeitet; aber dafür gab es Turnübungen. Fiel einer hin, so durfte er nicht mehr aufstehen: er war zum Ofen verdammt.

Etliche Leute starben an den Höllenschmerzen, die ihnen die Holzschuhe bereiteten; denn ihre Füße waren ganz angelaufen. Mehrere Juden erkrankten infolge der Tragens der Holzschuhe, die ihre Füße zum Schwellen brachten, so daß sie nicht mehr zur Arbeit gehen konnten.[...].

So sah das Los der mitteleuropäischen Juden aus. An zwei Millionen von ihnen sind durch das Lager hindurch ihren Weg zum Ende gegangen. Und das elende Ende, das sie ihnen bereiteten, haben die Deutschen nur ersonnen, um ihre Kugeln zu sparen«[484] [Hervorhebungen von uns].

Der Bericht des Zeugen wird durch eine Skizze von Majdanek illustriert, die es uns ermöglicht, anhand unserer Kenntnisse der Geschichte - namentlich der Baugeschichte - des Lagers zu den Wurzeln der Gerüchte von den Menschenvergasungen vorzustoßen.

Die Skizze[485] zeigt eine recht genaue Wiedergabe von »Bad und Desinfektion II«, Baracke 42, mit »Auskleideraum«, »Kleiderdepot« (= Kleiderannahme), »Bäder« (= Brausen), »Verteilungsraum für Gefangenenkleider« (= Kleiderausgabe).

Laut dem Zeugen wurden alle im Lager eingetroffenen Juden, einschließlich der Greise, Kranken, Frauen und Kinder ins Bad geschickt, zogen sich dort aus, duschten und erhielten Häftlingskleidung; dann wurden die jungen gleich zur Arbeit abkommandiert, während Alte und Kranke vergast wurden. Man begreift nicht so richtig, wozu es gut gewesen sein soll, die Arbeitsuntauglichen noch duschen zu lassen, statt sie direkt in den »Vergasungsraum« zu schicken.

Noch viel überraschender ist aber folgendes: Obgleich der Bericht aus dem Jahre 1943 stammt, erwähnt er »Bad und Desinfektion I« - also Baracke 41, die angebliche Hauptmordstätte, wo sich entsprechend der polnischen Geschichtsschreibung die Menschenvergasungen bereits seit Oktober 1942 abgespielt haben sollen - mit keinem einzigen Wort!

Was die Ausrottungsanlage betrifft, hat der Zeuge eine Art Collage von Vorrichtungen erstellt, die in der Tat bestanden haben, aber weder zur gleichen Zeit noch am gleichen Orte. Der »Vergasungsraum« ist nichts anderes als die Einrichtung der Baracke 28, die sich ca. 110 m von den Öfen entfernt befand, sowie die Wäscherei, die zwischen der Baracke und den Öfen lag. War in Baracke 28, welche im Juli 1944 lediglich eine Trocknungsanlage enthielt, vorher eine Entlausungsanlage installiert worden, so konnte dies erst nach der Inbetriebnahme der angeblichen Hauptausrottungseinrichtung in Baracke 41 erfolgt sein, die aber vom Zeugen überhaupt keiner Erwähnung für würdig befunden wird.

Die vom Zeugen gelieferte Schilderung der Verbrennungsöfen wirkt zunächst rätselhaft:

»Unterirdisch brannte ein Feuer, der Ofen selbst brannte nicht. Aber er sammelte eine Heißluft von 2.000 Grad an«.

In Wirklichkeit bezieht sich diese Beschreibung gar nicht auf die Krematoriumsöfen, sondern auf den Lufterhitzer. Wie wir bereits im sechsten Kapitel dargelegt haben, handelte es sich bei diesen Apparaten um Koksöfen, bei denen die Feuerung unterhalb des Fußbodens installiert war, so daß in dieser tatsächlich »unterirdisch ein Feuer brannte«; im oberen Ofenteil fand kein Verbrennungsprozeß statt (»Der Ofen selbst brannte nicht«), sondern bloß eine Erhitzung der Luft (»Er sammelte eine Heißluft«). Die vom Zeugen genannte Temperatur von 2.000 Grad Celsius ist nicht nur für eine Heißluftkammer, sondern auch für einem Einäscherungsofen maßlos übertrieben[486].

Selbstverständlich sind die vom Zeugen aufgetischten Opferzahlen (Tausende täglich, zwei Millionen bis Ende 1943) nichts anderes als Greuelpropaganda der grobschlächtigsten Art.

Der Bericht C. Simonovs, auf den wir bereits im sechsten Kapitel zu sprechen kamen, ist von geradezu überwältigender Bedeutung, weil der Verfasser, der Majdanek unmittelbar nach seiner Befreiung besichtigte und dort einige Tage verbrachte, die Möglichkeit besaß, sich mit ehemaligen Häftlingen zu unterhalten, die ihm die Geschichte des Lagers erzählten und ihm dessen Einrichtungen erläuterten; der Bericht fußt dementsprechend auf Augenzeugenberichten und stellt von diesem Standpunkt aus die ›offizielle‹ historische Version dar, die im Juli und August 1944 unter den eben befreiten Lagerhäftlingen die Runde machte. Diese Version weicht in entscheidenden Punkten von der zuvor untersuchten ab: Sie führt eine neue Ausrottungseinrichtung ein, weiß nichts vom »Vergasungsraum« im alten Krematorium und verlegt die Menschenvergasungen in die Entlausungsanlage bei Baracke 41, wobei sie eine höchst eigenartige Technik schildert:

»Der erste Ort, wo Massenvernichtungsaktionen vorkamen, war eine hölzerne Baracke, die beim Aufbau des Lagers zwischen zwei Reihen von Drahtverhauen entstand. In dieser Baracke war an der Decke ein langer Balken angebracht, von dem ständig acht Schlingen herabhingen, um jene aufzuhängen, die Zeichen von Schwäche an den Tag legten [...].

Schon bald wurde das primitive, aus zwei Öfen bestehende Krematorium eingerichtet, von dem wir oben bereits gesprochen haben. Der Bau der Gaskammer verzögerte sich; sie war noch nicht fertig. Während dieses Zeitraums war die hauptsächlich angewandte Methode zur Ausrottung der Kranken und Erschöpften folgende: Im Krematorium wurde ein kleiner Raum mit einem sehr engen und niedrigen Eingang eingerichtet - er war so eng, daß, wer ihn betrat, notgedrungen den Kopf einziehen mußte. Zwei SS-Männer standen mit einer schweren, kurzen Eisenstange in der Hand auf beiden Seiten der Tür. Wenn das Opfer mit eingezogenem Kopf durch die Tür ging, schlug der eine SS-Mann es mit der Eisenstange auf die Halswirbel. Verfehlte der Hieb sein Ziel, so schlug der zweite SS-Mann zu. Wenn das Opfer nicht gleich starb, sondern lediglich das Bewußtsein verlor, spielte dies keine Rolle. Wer zu Boden fiel, galt als tot und wurde in den Verbrennungsofen geworfen«[487].

Somit gab es im alten Krematorium keine Menschentötungsgaskammer. Die geschilderte hausbackene Mordmethode zielte selbstverständlich darauf ab, zusätzliches Gruseln zu erzeugen, da ja manche Opfer lebend in einen Verbrennungsofen geschoben worden sein sollen.

C. Simonov liefert eine genaue Beschreibung der angeblichen Menschentötungsgaskammern der Entwesungsanlage bei Baracke 41, weiß aber nichts von Kammer IV, die damals offensichtlich von den Häftlingen noch nicht als Gaskammer zur Ermordung von Menschen betrachtet wurde. Im sechsten Kapitel haben wir den Anfang dieser Schilderung bereits zitiert; wir geben nun die Fortsetzung wieder:

»Wohin führt das Fenster? Um diese Frage zu beantworten, Öffnen wir die Tür und verlassen den Raum. Neben diesem befindet sich eine andere kleine Kammer aus Beton; in diese führt das Fenster. Hier gibt es elektrisches Licht sowie einen Stecker. Von hier aus sieht man durch das Fenster alles, was sich im ersten Raum abspielt. Auf dem Fußboden befinden sich einige runde, hermetisch versiegelte Büchsen mit der Aufschrift ›Zyklon‹; in kleinen Buchstaben wird präzisiert: ›Für besonderen Gebrauch in den Östlichen Gebieten‹ [Rückübersetzung aus dem Italienischen]. Der Inhalt der Büchsen wurde durch die Röhren in den benachbarten Raum eingelassen, wenn dieser mit Menschen vollgestopft war.

Die nackten und dicht nebeneinanderstehenden Menschen nahmen nicht viel Platz ein. Auf den 40 Quadratmeter des Raums wurden mehr als 250 Personen zusammengepfercht. Sie wurden hineingetrieben, worauf man die Stahltür schloß; man verstopfte die Ritzen mit Ton, um sie noch hermetischer abzuschließen, und eine besondere Einheit mit Gasmasken führte in der Nachbarkammer durch die Röhren das in den Büchsen enthaltene ›Zyklon‹ ein. Das ›Zyklon‹ bestand aus kleinen Kristallen von blauer Farbe, die ganz unschuldig aussahen, doch beim Kontakt mit dem Sauerstoff sofort giftige Gase abzusondern beginnen, die gleichzeitig auf sämtliche lebenswichtigen Zentren des menschlichen Körpers einwirken. Das ›Zyklon‹ wurde durch die Röhren eingeführt; der die Operation leitende SS-Mann überwachte den Erstickungsvorgang, der je nach Zeugenaussagen zwischen zwei und zehn Minuten dauerte. Durch das Fenster konnte er alles gefahrlos ansehen; die grauenvollen Gesichter der Sterbenden und die allmählich einsetzende Auswirkung des Gases; das Guckloch befand sich gerade auf der Höhe des Kopfes. Wenn die Menschen starben, brauchte der Beobachter nicht nach unten zu blicken; sie fielen im Todeskampf nicht um, war doch die Gaskammer so voll, daß die Toten in unveränderter Stellung dastanden.

Man muß u.a. darauf hinweisen, daß das ›Zyklon‹ tatsächlich ein Desinfektionsmittel war und in den benachbarten Räumen[488] wirklich zur Entwesung von Kleidung Verwendung fand. Ganz anständig, ordentlich, vorschriftsgemäß! Es handelte sich lediglich darum, zu wissen, in welcher Dosierung das ›Zyklon‹ in die Kammer eingeführt wurde« [Hervorhebungen von uns].

Diese Erzählung, in der eine technisch ganz und gar unmögliches Mordmethode dargelegt wird, beweist, daß die Ex-Häftlinge von Majdanek überhaupt nie Menschenvergasungen beigewohnt hatten. Kein Zeuge berichtete Simonov, er habe einen SS-Mann mit aufgesetzter Gasmaske und einer Zyklon B-Dose in der Hand auf dem Dach der angeblichen Menschentötungsgaskammern gesehen; kein Zeuge sagte ihm gegenüber aus, in den beiden Lokalen, wo die Röhren installiert sind, habe man die Opfer mit CO aus Flaschen vergast. Wie J.-C. Pressac unterstrichen hat, waren die von Simonov beobachteten Zyklon B-Dosen im kleinen Zimmer vor den Kammern I und III aufgestellt worden, um den Eindruck zu erwecken, ihr Inhalt hätte in die Röhren geschüttet werden können. Diese Inszenierung, die mit Sicherheit das Werk der Ex-Häftlinge war, beweist a fortiori, daß diese keinen Vergasungen von Menschen beigewohnt hatten. Es besteht kein Zweifel daran, daß Gerüchte über Menschenvergasungen im Lager kursierten, denen die Ex-Häftlinge mittels der beschriebenen Inszenierung Glaubwürdigkeit zu verleihen trachteten. Diesen Gerüchten ging jedoch jede reale Grundlage ab.

Es gab auch allerlei andere Gerüchte. Wie in jedem Konzentrationslager erhitzte ihre suggestive Macht die geschwächte Psyche der Gefangenen und beflügelte sie zu den wildesten Mutmaßungen über ihr Schicksal. Dionys Lenard, ehemaliger Majdanek-Häftling, weiß davon ein Lied zu singen:

»Ich erinnere mich, wie ich aus der Zeitung erfuhr, daß die Engländer in Bologna gelandet seien. Wir erwarteten sehr viel von diesem Ereignis. Alle hofften auf einen Umsturz. Doch die Hoffnung wollte nicht in Erfüllung gehen. Meist glaubten wir den Gerüchten nicht. Es war unmöglich, all diese unrealen Nachrichten zu prüfen. Doch vielen dienten sie als Grundlage für noch unrealistischer anmutende Schlußfolgerungen. Die Versuchung, Phantasie und Wirklichkeit zu vermischen, war ausgesprochen groß. Sie half vielen, schwere Augenblicke durchzustehen.

›Die Türkei hat den Krieg erklärt.‹ Auch dieses Gerücht bestätigte sich nicht. Einmal erzählte man, daß die Russen bereits in Lww seien. Es wurde gesagt, man könne sogar den Geschützdonner hören. Ein anderes Mal erzählten sie, daß die deutsche Front im Norden zusammengebrochen sei und die Russen schon vor Königsberg ständen. Sie erzählten auch, daß die Ungarn die Waffen niedergelegt und die Italiener sich ihnen angeschlossen hätten. Eine gewisse Zeit waren die Tschechen und Serben in Mode. Sie sollten einen so großen Aufstand begonnen haben, daß die Deutschen 40 Divisionen gegen sie einsetzen mußten. Die Japaner dagegen sollten einen Friedensvertrag mit den USA und Großbritannien abgeschlossen haben. Japan sollte in China an der Linie zurückbleiben, an der es damals (Mai 1942) war. Dafür sollten die Japaner den Engländern Hong Kong übergeben und den Deutschen den Krieg erklären [...]«[489].

Derartige Gerüchte entstanden jedoch nicht nur aus den Hoffnungen und Erwartungen der Häftlinge, sondern auch aus ihren Befürchtungen, was vollkommen verständlich ist. Wiederum andere Gerüchte wurden aus rein politischen Motiven gezielt in die Welt gesetzt und verbreitet, wobei man sich falscher Zeugenaussagen und trügerischer Beweise bediente. Wir führen zwei besonders aufschlußreiche Beispiele an.

C. Simonov schreibt:

»Zwei Ingenieure aus Lublin, Pietro Mikhailovic Denisov, Russe, und Claudio Elinski, Pole, die als Zivilisten und bezahlte Fachleute beim Bau des Lagers mitwirkten - u.a. bei der Errichtung der Kanalisation -, haben mir erzählt, Ende April oder Anfang Mai 1943 seien sie, während sie sich im Baumaterialiendepot des Lagers befanden, einem Lubliner Juden begegnet, den sie noch aus der Friedenszeit kannten. Der Häftling trug Äxte ins Depot. Er sprach sie an, zeigte auf einen gebrechlichen Greis, der ebenfalls Äxte schleppte, und sagte: ›Wißt ihr, wer dieser alte Mann ist? Er ist Léon Blum.‹ Da sie feststellen, daß keine SS-Leute in der Nähe waren, traten die beiden Ingenieure näher. Es entspann sich folgendes Gespräch: ›Sie sind Léon Blum?‹, fragte Denissov. - ›Jawohl, ich bin Léon Blum.‹ - ›Der Premierminister von Frankreich?‹ - ›Ja, der Premierminister von Frankreich.‹ - ›Und wie hat es Sie hierher verschlagen?‹ - ›Ich kam mit der letzten Gruppe französischer Häftlinge hierher.‹ - ›Warum haben sich nicht versucht, in Ihrem Land zu entkommen? Ist es denn möglich, daß Ihnen keine Mittel zur Verfügung standen, um sich zu retten?‹, bohrte Denissov. - ›Ich weiß es nicht, vielleicht hätte ich es gekonnt‹, sagte Léon Blum, ›doch ich habe beschlossen, das Geschick meines Volkes zu teilen‹, und seine Augen füllten sich mit Tränen. In diesem Augenblick erschienen mehrere SS-Männer, und Blum legte sich, genau wie der andere Mann, hastig eine schwere Axt von zehn Zentimetern Dicke auf die Schulter und trug sie weg. Er machte einige Schritte, dann stolperte er und fiel um. Einer der Gefangenen, der in der Nähe stand, half ihm aufzustehen. Er erhob sich, legte die Axt wieder auf seine Schulter und schritt weg. Eine Woche später hatten Denissov und Elinski abermals in diesem Depot zu tun. Wiederum begegneten sie dem Mann, der sie auf Léon Blum aufmerksam gemacht hatte, und fragten ihn, wo er sei. Dieser erwiderte lakonisch: ›Dort, wo auch ich bald hingehen werde‹, und er wies mit dem Finger auf den Himmel. Dies ist nur eine einzelne Begebenheit aus der Geschichte dieses Todeslagers. Sie wird in allen Einzelheiten von den beiden Zeugen bekräftigt, die heute in Lublin wohnen«[490].

Diese »in allen Einzelheiten von den beiden Zeugen bekräftigte« Begebenheit war frei erfunden: Léon Blum wurde am 31. März 1943 nach Buchenwald deportiert und später von dort aus nach Dachau überstellt, wo er am 4. Mai 1945 befreit wurde[491].

Dies hinderte die Sowjets freilich keineswegs daran, dem Gerücht vom Tod Blums in Majdanek die offizielle Weihe zu verleihen. In seiner Ausgabe 26 vom August 1944 verzeichnete das französische Kommunistenblatt Fraternité [492]:

»Radio Moskau vermeldet den in Majdanek erfolgten Tod des ehemaligen Präsidenten des Rates Léon Blum, eines siebzigjährigen Mannes, der wie so viele seiner Glaubensgenossen der rassistischen Barbarei zum Opfer gefallen ist«.

Die Falschmeldung von der Internierung Blums in Majdanek war im Mai 1943 vom Dziennik Polski, dem Organ der polnischen Exilregierung, verbreitet worden[493].

Das zweite Beispiel, das wir anführen wollen, betrifft spezifisch eine der sowjetischen Propagandatechniken. Der norwegische Ex-Häftling Erling Bauck, der mit 13 Landsleuten im Jahre 1944 als Facharbeiter von Sachsenhausen nach Majdanek verlegt worden war[494], berichtet:

»Im Herbst 1944 konnte man in amerikanischen und illegalen norwegischen Zeitungen lesen, daß auf Befehl aus Berlin 14 Norweger in Lublin hingerichtet worden waren. Daß wir 14 Hingerichtete gewesen sein sollten, beweist, daß der Befehl mindestens vier Monate vorher gekommen sein muß, als wir noch 14 Norweger waren[495]. Wir waren alle namentlich und mit Häftlingsnummer angeführt. Der Pfarrer in Notodden bekam im November einen von Ilja Ehrenburg unterschriebenen Brief, in dem der Pfarrer gebeten wurde, den Vater der Brattli-Brüder zu unterrichten, daß sich seine Söhne unter den Hingerichteten befanden. In den Papieren, die die Russen im Hauptlager fanden, stand, daß wir mit Zyklongas umgebracht und danach in ein Säurebad gelegt worden waren, so daß keine irdischen Reste zu finden waren«[496].

Die von den Sowjets sichergestellten »Papiere« waren ganz einfach die persönlichen Unterlagen der Häftlinge - Personalausweise, Arbeitsbücher, Schulzeugnisse usw. -, die schon von C. Simonov in einem Zimmer der Lagerkanzlei vorgefunden worden waren. Darunter befanden sich auch einige Unterlagen von Norwegern. In der Propaganda wurden diese flugs zum Beweis dafür, daß man ihre Inhaber ermordet hatte, auch wenn sie in Wirklichkeit noch quicklebendig waren.

Ganz offenkundig gehörte das Schüren von Gaskammergerüchten zum Arsenal der politischen Propaganda: Der ungemein detaillierte Silberschein-Bericht konnte unmöglich von einem gutgläubigen Zeugen erstellt worden sein. Dies heißt allerdings nicht, daß alle Zeugen, die von Menschenvergasungen sprachen, Lügner gewesen wären. In den meisten Fällen werden sie schlicht und einfach Geschehnisse, bei denen sie zugegen waren, in guten Treuen falsch gedeutet haben. Hierzu hob das Gericht beim Düsseldorfer Majdanek-Prozeß hervor:

»Die massenweise Selektierung von Menschen zur Tötung durch Vergasung war im KL Majdanek spätestens ab Anfang des Jahres 1943 allgemein bekannt. Das hatte zur Folge, daß eine ganze Reihe von Häftlingen auch solche, unter selektionsähnlichen Umständen durchgeführte Aussonderungen für Selektionen zur Vergasung hielt, die in Wirklichkeit anderen Zwecken, und zwar hauptsächlich der Verlegung in ein anderes Lager dienten. Dies gilt vor allem für die Auswahl der weiblichen Häftlinge für die bereits erwähnten Transporte zwischen Ende Juni und Ende August 1943 in die KL Auschwitz und Ravensbrück und in das Zwangsarbeitslager Skarcysko-Kamienna, die in der Weise erfolgte, daß sich die dafür in Betracht kommenden weiblichen Häftlinge entkleiden und in der Waschbaracke des Frauenfeldes nackt in Anwesenheit von SS-Aufseherinnen einer ›Begutachtung‹ durch einen der Lagerärzte unterziehen mußten. Anders als bei in ähnlicher Art durchgeführten ›Tötungs-Selektionen‹ ging es hierbei jedoch nicht um die Aussonderung von arbeitsunfähigen, sondern von ›besonders arbeitsfähig‹ erscheinenden Menschen«[497].

In Wirklichkeit verhielt es sich umgekehrt, als das Gericht annahm: Da die selektionierten Häftlinge, die man anderswohin überstellte, aus dem Lager verschwanden, verbreitete sich unter den Zurückgebliebenen die Überzeugung, sie seien ermordet worden. Diese Überzeugung wurde noch dadurch bekräftigt, daß die Selektionierten, ehe sie das Lager verließen, durch Dusche und Entlausung gingen, also durch Baracken 41 und 42, wo bekanntermaßen Entwesungsgaskammern bestanden. Von dieser Prozedur blieb den zurückbleibenden Häftlingen lediglich der eindrücklichste Punkt in der Erinnerung haften: Man hatte ihre Mitgefangenen in Richtung Gaskammern geschickt; von dort waren sie nicht zurückgekehrt; folglich waren sie vergast worden.

Die im Juli 1943 erfolgte Überstellung veranschaulicht in aller Deutlichkeit, wie leicht es war, diesem Mißverständnis zu verfallen. Am 24. Juni jenes Jahres begab sich ein SS-Untersturmführer von der Abteilung IIIa (Arbeitseinsatz) des KL Auschwitz nach Majdanek, um die Überstellung von 5.500 Häftlingen für das Arbeitslager Monowitz (östlich von Auschwitz I) auszuhandeln. Am 6. Juli verfaßte er folgenden Bericht:

»Bei meinem Eintreffen am 24. Juni 1943 im KL Lublin wurde mir gleich zum Anfang mitgeteilt, daß von den uns zur Verfügung stehenden 5.500 männlichen und weiblichen Häftlingen bereits 1.700 Häftlinge für das Arbeitslager in Radom ausgesucht wären. Somit blieb für uns noch nur die Zahl von 3.800 übrig. 1.000 Häftlinge standen zur Übernahme bereit, die vom Standortarzt, SS-Hauptsturmführer Dr. Blanck, ausgesucht seien sollten. Beim flüchtigen Überprüfen mit unserem Lagerarzt, SS-0bersturmführer Dr. Kitt, stellten wir gemeinsam fest, daß ca. nur 30% als arbeitsfähig für unsere Arbeitslager Buna bezw. Neu-Dachs anzusprechen seien. Das endgültige Ergebnis entsprach auch unseren Vermutungen. Der Standortarzt, SS-Hstuf. Dr. Blanck, erklärte uns dann, daß nicht er, sondern der Lagerarzt, SS-Untersturmführer Dr. Rindfleisch sie ausgesucht hätte. Letzterer dagegen erklärte, er hätte sie auch nicht ausgesucht. Im Laufe der nächsten Tage ist dann von den uns zur Verfügung gestellten männliche und weibliche Häftlingen das herausgesucht worden, was mit gutem Gewissen als arbeitsfähig für uns anzusprechen war und auch verantwortet werden konnte. Von den restlichen Häftlingen wäre möglicherweise ein Teil für leichte Arbeiten zu brauchen gewesen. Da diese aber in hiesigen Lager nicht mehr vorhanden sind und die Häftlinge auch auf Anordnung von Oranienburg für Buna bezw. Neu-Dachs vorgesehen waren, konnten sie nicht übernommen werden. Auch der Lagerarzt, SS-Ustuf. Dr. Rindfleisch gab zu, daß die dort verbliebenen Häftlinge wirklich nicht als arbeitseinsatzfähig angesehen werden könnten. Im Verlauf der Musterung wurde mir vom dortigen Arbeitseinsatz auf meine Frage, warum man denn diese überhaupt erst als arbeitseinsatzfähig gemeldet hätte, die Antwort, daß vom Arbeitseinsatz fähig gemeldet worden wären. Die Übernahme der restlichen Häftlinge nur aus Entgegenkommen konnte ich nicht verantworten, da ein großer Teil dann gleich nach Eingang auf die Schonungsblocks bezw. Ins. Revier hätte gelegt werden müssen. Über die Arbeitseinsatzfähigkeit vom ärztlichen Standpunkt aus gesehen wird der SS-Obersturmführer Dr. Kitt berichten«[498].

Am 8. Juli gelang es schließlich, einen Transport von 1.500 Häftlingen für Auschwitz auf die Beine zu stellen. Der SS-Hauptsturmführer Krebsbach, der Vertreter des SS-Hauptsturmführers Eduard Wirths, verfaßte am gleichen Tage folgenden Rapport über den gesundheitlichen Zustand der Häftlinge:

»Unter den am 8.7.43 aus Lublin überstellten 1.500 Häftlingen (750 Männer und 750 Frauen) war ein sehr hoher Prozentsatz nicht arbeitsfähig.

Unter den männlichen Häftlingen mußten sofort bei der Ankunft 49 Häftlinge infolge hochgradiger Körperschwäche, Phlegmone oder schwerster Leistenbrüche in den HKB oder auf die Schonungsblocks aufgenommen werden. Weitere 277 Häftlinge mußten wegen Körperschwäche geringeren Grades im Lager A I bleiben, so daß nur 424 Häftlinge ihrem eigentlichen Zweck, dem Arbeitslager Buna, zugeführt werden konnten. Auch diese sind für die in Buna anfallende schwere körperliche Arbeit erst nach der vorgeschriebenen Quarantänezeit von 4 Wochen einsatzfähig.

Unter den weiblichen Häftlingen waren bei der Ankunft bereits 5 tot, 2 weitere trugen Schußverletzungen. 80 weitere Häftlinge sind als nicht arbeitseinsatzfähig zu bezeichnen. Diese gliedern sich wie folgt:

28 Häftlinge ausgesprochen körperschwach, darunter Häftlinge im Alter von 15-17 Jahren

2 mit Ödemen

44 mit mehr oder weniger schweren Verletzungen der unteren Extremitäten

5 mit Unterschenkelgeschwüren

1 mit Zellgewebsentzündung.

Zudem ist ein hoher Prozentsatz der weiblichen Häftlinge mit Krätze behaftet. Auch sonst ist der Allgemein- und Ernährungszustand der Häftlinge so, daß sie zu der in Auschwitz geforderten Arbeitsleistungen noch nicht voll herangezogen werden können«[499].

Es ist klar, daß die kranken Häftlinge in den Krankenbaracken von Majdanek einer Selektion unterworfen worden waren. Nicht minder klar ist, daß auch diese vor der Überstellung nach Auschwitz der oben geschilderten Prozedur unterzogen wurden; von all dem merkten sich die Zurückgebliebenen nur, daß man kranke Häftlinge in Richtung Gaskammern gesandt hatte, von wo sie nicht zurückgekehrt waren.

Für andere Transporten wurden überhaupt nur Kranke ausgewählt[500], für wieder andere ausschließlich Kinder. Hierzu führt Zofia Murawska ein klassisches Beispiel für ein den Majdanek-Insassen unterlaufenes Mißverständnis an:

»Im Herbst des Jahres 1943 (September oder Oktober) trafen auf Feld V Lastwagen ein, auf welche die SS-Männer die Kinder zu laden begannen; sie entrissen sie den Händen ihrer nichtsahnenden Mütter. Obwohl die SS den Müttern versicherte, die Kinder würden unter der Obhut des Polnischen Roten Kreuzes in Heimen untergebracht, gerieten diese in schreckliche Verzweiflung, wähnten sie doch, Ziel der Reise seien die Gaskammern. In Wirklichkeit kamen die jungen Häftlinge ins Lodzer Kinderlager«[501].

Unter diesen Umständen verwundert es nicht, daß sich die Ängste der im Lager zurückgebliebenen Gefangenen zur Gewißheit wandelten.

Daß die Gerüchte über Menschenvergasungen unbegründet und trügerisch waren, ergibt sich ganz eindeutig nicht nur aus der oben angeführten Schilderung Simonovs, sondern erst recht aus der Untersuchung der Polnisch-Sowjetischen Kommission. Diese bestand aus Technikern, die mit den Eigenschaften und dem praktischen Gebrauch des Zyklon B sowie des CO vertraut waren. Die Kommission verhörte ehemalige Lagerhäftlinge, die übrigens bereits über die von ersterer erzielten Schlußfolgerungen Bescheid wußten. Bezüglich der Menschenvergasungen heißt es im Protokoll:

»VI Die Vergasungen

Eine der am häufigsten zur Anwendung gelangenden Methoden der Menschenvernichtung im Lubliner Lager war das Vergasen.

Auf dem Gebiet des Lagers wurden laut den Ergebnissen der dort durchgeführten technischen Expertise sechs Gaskammern errichtet. Diese Kammern sind mit besonderen Einrichtungen versehen: Vorhandensein einer Gasleitung, Vorhandensein eines besonderen Raums mitsamt Vorrichtung zur Anschließen der Gasflaschen [an die Gasleitung] und zum Einführen des Gases in die Kammer usw. Das Vergiften von Menschen in diesen Kammern wurde mittels Blausäure (Präparat ›Zyklon‹) sowie mittels CO (Kohlenoxid) durchgeführt.

Auf dem Gebiet des Lagers wurden eine erhebliche Menge von Blausäure (Präparat ›Zyklon‹) in speziellen Büchsen sowie ein paar Flaschen mit CO-Gas vorgefunden (siehe Akte über die Inspektion - l.d[502]. 575)\.

Die technische Expertise gelangte hierbei zu folgenden Schlüssen:

›Alle diese Kammern, insbesondere I, II und IV, wurden als Stätten der massiven und systematischen Vergiftung von Menschen mittels Giftgas geplant und verwendet, nämlich: Blausäure (Präparat ›Zyklon‹) sowie Kohlenoxid; wenn die Kammern V und VI

zur Entwesung von Kleidern verwendet wurden, dann nur zur Entwesung von Kleidern Vernichteter‹ (l.d. 585).

Eine ganze Reihe von Zeugen, die zur Sache befragt wurden, berichtet von einer beträchtlichen Anzahl von Fällen der Massenvergiftung von Menschen in diesen Gaskammern. Hier wurden Männer, Frauen und Kinder erstickt. Hierhin wurden alle Geschwächten, zu körperlicher Arbeit Unfähigen, an Fleckfieber Erkrankten getrieben, all jene, die zu töten die Deutschen für nötig erachteten.

Zeuge Stanislawski berichtet:

Im März 1943 wurden in der Gaskammer 300 Polen vergast; am 16. oder 17. Mai 1943 wurden in der selben Kammer 157 Kinder jüdischer Nationalität ermordet. Zeuge dieser Schrecklichkeit war ich selbst, da ich als Kurier am Eingangstor zum 3. Lagerfeld Dienst tat. Anfangs führte man die Kinder ins Bad, wo sie sich auszogen; darauf jagte man sie in die Gaskammer; wer Widerstand leistete, wurde niedergeschossen. Obersturmführer THUMANN besorgte dies eigenhändig. Danach warf man sämtliche erschossenen und vergasten Kinder auf ein Auto und schaffte sie zur Verbrennung ins Lagerkrematorium. Die Gaskammer sowie das Bad bedienten vierzehn russische Kriegsgefangene. Ihnen allen wurde befohlen, in die Gaskammer hineinzugehen und die Kinder enger zusammenzupressen. Sobald sie eingetreten waren, schloß sich die Tür der Kammer hinter ihnen, und man vergiftete alle vierzehn zusammen mit den Kindern.

Am 20. Juni 1943 wurden auf dem ersten Lagerfeld 350 Juden nackt ausgezogen und ins Bad geführt, wo man sie in der Gaskammer umbrachte.

Am 14. Oktober 1943 wurden an gleicher Stelle 250 oder 270 Juden vergast‹ (l.d. 7).

›Ich habe es selber gesehen‹, berichtet Augenzeuge Solowjew, ›wie die Leichen von Männern, Frauen und Kindern verschiedenen Alters, die man in der Gaskammer erstickt hatte, auf Fuhrwerke gelegt und zur Verbrennung ins Krematorium geschafft wurden‹ (l.d. 76).

Der in Kriegsgefangenschaft geratene Arzt Konajko führt in seiner Schilderung aus:

›In der Folge hatte ich mehrmals Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, daß diese Kammer zur Vergasung von Menschen diente, da ich sah, daß man von dort auf Lastwagen und Anhängern Leichen ins Krematorium brachte. Insbesondere im April und Mai [Jahr fehlt] schaffte man aus dieser Gaskammer Leichen weg, und ich erfuhr im folgenden, daß 50 Gefangene vergast worden waren‹ (l.d. 222a).

Ein Einwohner der Stadt Lublin, OKUPJAK, der als Wasserleitungsmonteur in den Baracken des Lagers arbeitete, berichtet:

›Ich selbst sah, wie man aus dieser Gaskammer Menschenleichen herauszerrte. Die Leichen legte man auf zwei Plattformen (?)... Wenn diese mit Leichen beladen waren, kam ein Traktor herbeigefahren, der diese Leichen ins Krematorium brachte, d.h. zur Leichenverbrennungsstätte.‹ Er fährt fort: ›Die auf diese Weise mit Kindern beladenen Autos fuhren an die Gaskammer heran. Am folgenden Tag sah ich, wie Angestellte, die dort arbeiteten, aus der Gaskammer Kinderleichen heraustrugen‹ (l.d. 301).

Über die Vergasung von 87 Polen am 15. März 1944 erzählt der Zeuge SELENT:

Über die Existenz und Funktionsweise der Gaskammer wußte ich schon von den ersten Tagen meines Aufenthalts im Lager an Bescheid. Am 15. März schloß ich unmittelbare Bekanntschaft damit, als auf unserem Feld mir nichts, dir nichts 87 Menschen aus einem mit mir angelangten Transport weggeführt wurden - lauter Polen, die infolge Schwäche, körperlicher Gebrechen oder ganz einfach zeitweiliger Erkrankung nicht arbeiten konnten. All diese 87 Menschen wurden bei uns im 15. Block um sieben Uhr abends versammelt; man zwang sie, sich nackt auszuziehen - auch die Schuhe mußten sie ablegen -, und brachte sie auf Autos in die Gaskammer, wo man sie alle vernichtete. Ich sah selbst, wie man sie nackt ins Auto pferchte und vom Feld wegschaffte; einige von ihnen kannte ich persönlich. Von Leuten, die in der Kanzlei arbeiteten, erfuhr ich, daß diese 87 Menschen am Morgen des folgenden Tages aus dem Verzeichnis der Lebenden gestrichen und ins Verzeichnis der Verstorbenen eingetragen wurden‹ (l.d. 358).

Eine ungemein detaillierte Schilderung des Massenmords an Menschen in den Gaskammern liefert der Augenzeuge und ehemalige Häftling des Lagers Jan Wolski:

›Im Oktober des Jahres 1942 wurde eine große Zahl von Frauen und Kinder ins Lager gebracht. Die Gesunden führte man zur Zwangsarbeit weg, doch alle Schwachen, Kranken sowie Kinder brachte man ins Bad, wo man ihnen befahl, sich auszuziehen, und dann erstickte man sie alle in der Gaskammer. Die Leichen der Erstickten schaffte man auf Autos zu den Öfen, wo man sie verbrannte. Man muß annehmen, daß die Vergasten vor ihrem Tod große Qualen erlitten haben; davon zeugt der verkrampfte Ausdruck der Gesichter und Augen bei den Toten, die ich persönlich gesehen habe.

Im März des Jahres 1943 wurden in der gleichen Kammer wiederum 250 Frauen und Kinder vergast, und einige Tage später nochmals 300 Menschen verschiedener Nationalitäten.

Am 16. oder 17. Mai 1943 wurden auf Autos 157 Kinder im Alter von 2 bis 10 Jahren ins Lager gebracht, die man in der Gaskammer ermordete. Die Zeugen dieser Tat, 14 russische Kriegsgefangene, welche Kammern und Bad bedienten, brachte man gemeinsam mit den Kindern um.

Im Juni des Jahres 1943 wurden auf dem 1. Feld 300 oder 350 Inhaftierte nackt ausgezogen und ohne Rücksicht auf den heftigen Regen nackt ins Bad getrieben, von wo sie nicht mehr zurückkehrten. Nach ihrer Ermordung in der Gaskammer brachte man sie in Autos zwecks Verbrennung zu den Öfen.

Im Juli 1943 versammelte die Lagerverwaltung alle kranken Kriegsgefangenen und Häftlinge, schätzungsweise um die 600 Menschen, und brachte sie alle in der Gaskammer um. Die Leichen wurden mit verschiedenen Transportmitteln zu den Öfen geschafft und verbrannt.

Im gleichen Monat wurden weitere 200 Menschen auf dieselbe Weise vernichtet und in den Öfen eingeäschert‹ (l.d. 199).

Der Zeuge und ehemalige Häftling des Lagers BENEN führt aus:

›Gleich nach meiner Ankunft, im April 1943, sah ich, wie ungefähr 200 Menschen vergast wurden. Man brachte sie vom dritten Feld in die Gaskammer, nachdem man ihnen gesagt hatte, sie würden dort ein Bad nehmen und die Wäsche wechseln. Sie wurden nackt ausgezogen und in den Baderaum geführt. Danach begann man nach kurzer Zeit aus dem Raum Leichen herauszutragen und auf einen bis zur Tür herangefahrenen Autobus zu legen. Ich war gerade mit Feldarbeiten in der Nähe des Bads beschäftigt und sah dies mit eigenen Augen‹ (l.d. 510).

Vom Massenmord durch Gas berichten auch die im Lager Dienst tuenden Deutschen selbst.

›Am 15. September 1942‹, sagt SS-Rottenführer GENSCHE [oder Hensche], der vom 15. Juli 1942 an im Lager tätig war, ›wurden in der Gaskammer 350 Menschen, darunter Frauen und Kinder, umgebracht. Ihre Leichen wurden darauf verbrannt. Davon hat mir persönlich Obersturmführer GERSCHON [so im Original. Womöglich ist SS-Rottenführer PERSCHON gemeint] berichtet, welcher Chef der Bäder und Gaskammern war‹ (l.d. 471).

SS-Mann Wilhelm GERSTMEIER [richtig: Gerstenmeier] berichtet hinsichtlich der Menschenvernichtung in Gaskammern:

›Aufgrund von Berichten der Lagersanitäter - SS-Rottenführer ENDRESS und SS-Rottenführer PERSCHON - ist mir bekannt, daß in den Gaskammern mittels des Gases ›Zyklon‹ Häftlinge systematisch getötet worden sind, unter denen sich zahlreiche Frauen, alte Menschen und Kinder befanden. Wenn die Menschen in die Gaskammer gebracht wurden, waren Lagerärzte zugegen - Hauptsturmführer BLANKE und Obersturmführer RINDFLEISCH. Sehr oft war THUMANN bei diesen Vernichtungsaktionen dabei. Die Leichen der Erstickten wurden im Krematorium verbrannt. Allein im September und Oktober 1943 wurden in der Gaskammer viele hundert Menschen ermordet. Endress und Perschon erzählten mir, daß an einem einzigen Tage in der Gaskammer 150 Kinder im Alter von 10 bis 12 Jahren erstickt worden sind. Endress und Perschon besuchten bei ihrer Arbeit das Bad und die Gaskammer oft und waren bei diesen Ausrottungsaktionen anwesend‹ (l.d. 463).

SS-Offizier THERNES erzählt:

›Am 16.10. 1943 traf ein 5.000 Menschen starker Häftlingstransport aus Warschau ein. Alle Eingetroffenen wurden unter Leitung des Lagerarztes Hauptsturmführer BLANKE medizinisch untersucht, und alle Arbeitsunfähigen, es waren 500 Leute, wurden ausgesondert. Darunter befanden sich viele Frauen und Kinder. Diese Gruppe führte man zum Bad, wo man sie in den Gaskammern umbrachte. An diesem Abend sah ich persönlich, wie man aus der Gaskammer Leichen auf großen Fuhren ins Krematorium beförderte. Aus Berichten meiner Arbeitskollegen geht hervor, daß die Leichen neben dem Krematorium auf Scheiterhaufen verbrannt wurden...‹

Und weiter:

›Der Lagerarzt SS-Untersturmführer RINDFLEISCH hat mir am Abend des 21. Oktober 1943 erzählt, daß an jenem Tage in der Gaskammer 300 Kinder im Alter von 3 bis 10 Jahren mit dem Gas ›Zyklon‹ umgebracht worden sind‹ (l.d. 525).

SS-Rottenführer Teo SCHÖLEN, seit 1937 Mitglied der faschistischen Partei, bezeugt hinsichtlich der Massenvergasung von Menschen im Lubliner Lager:

›Ich weiß davon, daß hier in den Gaskammern Leute systematisch mit Gas ermordet wurden. Mir unterstellte Häftlinge erzählten mir, daß sie selbst miterlebt haben, wie in der Gaskammer über 150 Kinder erstickt wurden. Dies geschah im Juli 1943. Ich sah selbst, wie man am folgenden Morgen die Leichen der Erstickten aus der Gaskammer herausschaffte. Ein Lastwagen samt Anhänger wurde mit den Leichen beladen; insgesamt wurden mehr als 100 Leichen daraufgelegt. Ich sah diesen Wagen mit Anhänger oft, wie er zwischen der Gaskammer und dem Krematorium hin- und herfuhr, wobei er mit Leichen beladen von der Gaskammer wegfuhr und leer dorthin zurückkehrte‹ (l.d. 417).

Die Massenvernichtung von Männern, Frauen und Kindern in den Gaskammern bestätigt auch der Deutsche STALP (L.D. 474).

In der Folge wurde ermittelt, daß die Deutschen in Lublin

in gleich großem Ausmaß Gaswagen[503] zur Tötung von Menschen eingesetzt haben.

Zeuge ATROCHOW sah diesen ›Gaswagen‹ selbst und schildert ihn wie folgt:

›Dieser Gaswagen war ein hermetisch abschließbarer Autobus von erdgrauer Farbe; er konnte 60 Menschen fassen, die darin mit Auspuffgasen vergiftet wurden. Die Menschen wurden auf dem Wege von der Stadt zum Krematorium vergiftet, so daß sie beim Eintreffen beim Krematorium stets schon tot waren. Eine ausführliche Zeugenaussage über den Gaswagen hat mir Obersturmführer Gotschik geliefert‹ (l.d. 93).

Der in dieser Sache verhörte Soldat der polnischen Armee Stetdiner, der 1939 in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten war, beschreibt diesen Gaswagen gleichfalls ausführlich. Er sagt:

›Mehr als einmal kamen Gaswagen zu uns und brachten frische Leichen. Daran, daß die Opfer eben erst erstickt worden waren, konnte kein Zweifel bestehen, denn die Leichen waren noch ganz warm... Es gab Fälle, wo diese Gaswagen dreimal täglich eintrafen. Dem äußerlichen Bau nach war das ein Lastwagen mit massivem Wagenkasten aus Metall sowie ebenfalls metallenem Fußboden; die Tür war hermetisch abschließbar. Vom Motor führte ein Schlauch unter den Wagenkasten, der den Motor mit dem Boden des letzteren verband; im Fußboden waren zahlreiche kleine Öffnungen angebracht wie bei einem Gitter‹ (l.d. 438a).

Demnach verwendeten die Deutschen in Lublin zum Ersticken von Menschen nicht nur [stationäre] Gaskammern, sondern auch bewegliche Gaskammern - Gaswagen, die sogenannten ›Duschegubki‹ [Seelentöterinnen], in denen Menschen durch Auspuffgase vergiftet wurden.

So wird der Massenmord an Menschen in Gaskammern wie folgt erhärtet:

Erstens durch die Aussagen einer bedeutenden Zahl von Augenzeugen;

Zweitens durch das Konstruktionssystem der Gaskammern und der darin befindlichen Gasleitungen;

Drittens durch das am Tatort in großer Zahl vorgefundene Blausäuregas (Präparat ›Zyklon‹) in speziellen Büchsen sowie durch ›CO‹-Gas in Flaschen«[504].

Allein schon in zahlenmäßiger Hinsicht erstaunt dieser Bericht aufgrund des grotesken Mißverhältnisses zwischen Anklage und Beweisen: Einerseits werden darin ganze 9 Zeugen angeführt (mit den SS-Männern 13), obgleich rund 1.500 Häftlinge im Lager zurückgeblieben waren. Andererseits bezeichnet der Bericht die Vergasungen als eine der am meisten angewandten Methoden der Menschenvernichtung, was bedeutet, daß ihnen viele hunderttausend Häftlinge zum Opfer gefallen sein mußten, wenn die von der Kommission postulierte Gesamtzahl von 1,5 Millionen Toten[505] stimmte. Die dreizehn zitierten Zeugen berichten von insgesamt 19 Vergasungsaktionen; die von ihnen genannten Opferzahlen ergeben eine Gesamtziffer von 4.414 Toten (plus einige hundert).

Nun hat die Kommission sicher nicht nur diese 13 im Rapport erwähnten Zeugen verhört. Ebenso sicher ist jedoch, daß die zur Untermauerung ihrer Schlußfolgerungen die wichtigsten Zeugenaussagen ausgewählt hat. Gerade hier tritt ihre Unehrlichkeit kraß zutage: Sie begründet ihre Behauptung, Hunderttausende von Menschen seien vergast worden, mit Zeugenaussagen, denen zufolge allerhöchstens etwas über 5.000 Personen den Tod in den Gaskammern erlitten haben.

Vom qualitativen Standpunkt aus weist der Bericht eine weitere augenscheinliche Ungereimtheit auf. Die polnisch-sowjetische Kommission setzte sich aus Technikern zusammen, welche mit den Eigenschaften und der Anwendung des Zyklon B wie auch des CO wohlvertraut war. Dementsprechend ließen sich ihre Schlußfolgerungen nicht mit den einfältigen Phantastereien vereinbaren, mit denen die Häftlinge den Gerüchten über Menschenvergasungen Gestalt zu verleihen trachteten. Deswegen mußte sie notgedrungen auf die von C. Simonov zitierten Zeugen verzichten, woraus sich der eigentümliche Widerspruch ergibt, daß die Häftlinge, die ›Bescheid wußten‹, nicht berücksichtigt werden durften, während jene, die nichts wußten, zu Kronzeugen der Anklage wurden!

Die im Bericht aufgeführten Aussagen verraten nämlich die heillose Verlegenheit von ›Zeugen‹, die von nichts wußten und trotzdem anklagen mußten: Wohl sprechen diese Ex-Häftlingen von Morden in der Gaskammer (mit einer Ausnahme stets im Singular), doch ohne je genauer darzulegen, wo sich diese denn befand, ohne je auf den Vergasungsvorgang einzugehen und ohne je von Zyklon B oder CO zu sprechen. Aus ihren Schilderungen geht deutlich hervor, daß sie Zeugen der vorher erwähnten Selektionen wurden und daraus den irrtümlichen Schluß zogen, die Vorstufe zu Menschenvergasungen miterlebt zu haben. Ganz besonders aufschlußreich sind hier der Augenzeugenbericht Benens, der eine Vergasung direkt in einen Duschraum verlegt (ohne zu präzisieren, ob dieser in der Baracke 41 oder der Baracke 42 lag), sowie jener Selents, der von 300 bis 350 nackt ins Bad geschickten Häftlingen spricht, »von wo sie nicht mehr zurückkehrten«. Was sich in Wirklichkeit abspielte, wußten die Gefangenen nicht und ließen deshalb ihrer Einbildungskraft freien Lauf. Dabei verwickelten sie sich in die flagrantesten Widersprüche, wie der Häftling Stanislawski, der behauptet, der Vergasung von 157 Kindern am Eingang zum Feld III ca. 350 m von Baracke 41 entfernt beigewohnt zu haben, die angeblichen Geschehnisse jedoch anschließend so schildert, als hätte er sich im Inneren der Baracke befunden.

Auch diese Augenzeugen begnügen sich freilich mit einer ungemein vagen Beschreibung der Vergasungen.

Wenn die Möglichkeit besteht, die Zeugenaussagen mit nachgewiesenen Fakten zu vergleichen, erweisen sich erstere als falsch. Beispielsweise wurden laut dem Häftling Wolski im Juli 1943 600 registrierte Gefangene vergast, doch liegt diese Zahl über derjenigen der in jenem Monat ins Lager Aufgenommenen[505]. Der Häftling Selent spricht von der am 15. März 1944 erfolgten Vergasung von 87 Polen, die »am Morgen des folgenden Tages aus dem Verzeichnis der Lebenden gestrichen und ins Verzeichnis der Verstorbenen eingetragen wurden«, während in Tat und Wahrheit am 16. März jenes Jahres 34 Verstorbene, darunter lediglich drei Polen, registriert wurden und der Anteil der Polen unter den Toten auch an den folgenden Tagen verhältnismäßig niedrig war[506].

Die Unwissenheit der Zeugen tritt auch bezüglich der Zahl der angeblichen Menschenvergasungen sowie deren Opfer zutage; wie bereits betont, stehen die von ihnen gemachten Angaben in grellstem Widerspruch zu den von der Kommission aufgetischten Opferzahlen der behaupteten Massenvernichtung. So spricht derjenige Zeuge, der noch die meisten Einzelheiten nennt, Jan Wolski, für einen Zeitraum von neun Monaten - Oktober 1942 bis Juli 1943 - von nur sieben Vergasungsaktionen mit insgesamt rund 2.000 Opfern.

Immer wieder taucht in den Zeugenberichten die Behauptung auf, man habe nicht nur Häftlinge ins Bad geschickt, sondern auch Leichen aus diesem ins Krematorium getragen. Sollte dieser Aussage ein wahrer Kern zugrunde liegen, liegt fraglos ein weiteres Mißverständnis vor. Wie wir im Kapitel VI gesehen haben, waren die Kammern I und III höchstwahrscheinlich in behelfsmäßige Leichenkammern umgewandelt worden, in denen man eine CO2-Kühlungsanlage installiert hatte. Falls diese Hypothese zutrifft, haben die Zeugen das Erlebte schlicht und einfach irrig gedeutet, indem sie aus zwei tatsächlich geschehenen, aber voneinander unabhängigen Ereignissen - der Verschickung von zur Überstellung in andere Lager bestimmten Häftlingen in die Baracken 41 und 42 sowie dem Heraustragen von Toten aus den Leichenkammern der Baracke 41 ins Krematorium - eine Mordaktion konstruierten.

Zwei Zeugen, Stetdiner und Atrochow, sprechen vom Einsatz von Gaswagen in Majdanek. Von einem solchen weiß die offizielle Geschichtsschreibung bekanntlich nichts; Gaswagen zur Menschentötung sollen dieser zufolge im Lager Chełmno sowie an der Ostfront und in Serbien zur Anwendung gelangt sein, nicht aber in Majdanek. Doch auch hier gibt es eine mögliche Erklärung. Im Kapitel VI haben wir darauf verwiesen, daß die Zentralbauleitung von Majdanek Beziehungen zur Firma Bernhard J. Goedecker in München unterhielt, die in Zusammenarbeit mit dem Hygiene-Institut der Waffen-SS mobile Entwesungseinrichtungen entworfen hatte. Diese funktionierten auf der Grundlage eines Heißluft-Dampf-Heißluftverfahrens; die Entwesung erfolgte dort »in einer auf einem Fahrzeug angebrachten, geschlossenen Kammer«[507]. Es ist durchaus denkbar, daß eine solche Einrichtung ins Lubliner Lager gesandt und dann von irgendeinem Häftling für eine mobile Menschentötungsgaskammer gehalten wurde.

Die vier von der polnisch-sowjetischen Kommission verhörten SS-Männer, die spürten, daß sich die Schlinge immer enger um ihren Hals zusammenzog, legten (was man ihnen nicht verdenken kann) eine geradezu unterwürfige Bereitschaft zur Kollaboration an den Tag, doch konnte ihr ersichtlich guter Wille, alles zu ›gestehen‹, nicht verbergen, daß sie nichts von Menschenvergasungen wußten. Der SS-Rottenführer Gensche (oder Hensche) war zwei Jahre lang im Lager gewesen, konnte aber nur von einer einzigen Vergasungsaktion mit 350 Opfern berichten, und auch davon nicht als direkter Zeuge, stammten seine Informationen doch vom SS-Oberscharführer Perschon. Auch der SS-Hauptscharführer Gerstenmeier wußte nur aus zweiter Hand von Vergasungen; seine Gewährsleute waren der SS-Oberscharführer Endress sowie wiederum Perschon. Der SS-Rottenführer Schölen schließlich war, man höre und staune, von den ihm unterstellten Häftlingen auf die Vergasung von 150 Kindern aufmerksam gemacht worden! Offensichtlich waren die Gefangenen viel besser über die Vorgänge im Lager auf dem laufenden als die SS... Nur der SS-Rottenführer Thernes schloß sich den Aussagen der erwähnten Häftlinge an und berichtete, aus einem am 16. Oktober 1943 aus Warschau eingetroffenen, aus 5.000 Personen bestehenden Transport seien 500 Arbeitsuntaugliche für die Gaskammern selektioniert worden. Die großen Transporte von Warschau nach Majdanek erfolgten allerdings im Zeitraum zwischen Mai und August 1943[508], und auch der angebliche Prozentsatz an Arbeitstauglichen (90%) ist unglaubwürdig hoch[509]. Thernes wußte noch von einer zweiten Vergasungsaktion, aber davon hatte er vom SS-Untersturmführer Rindfleisch gehört.

Auf die in der Nachkriegszeit entstandenen Zeugenaussagen über Menschenvergasungen in Majdanek brauchen wir in Anbetracht dieser eindeutigen Fakten schon gar nicht mehr einzugehen. Es spricht Bände, daß J. Marszałek, der offizielle Historiker des Lagers Majdanek, auf den genau zwei Seiten, die er den Vergasungen widmet, als Gewährsmann für diese nicht etwa einen ehemaligen Majdanek-Häftling oder einen in Majdanek eingesetzten SS-Mann zitiert, sondern den in Auschwitz stationierten SS-Rottenführer Pery Broad. Marszałek schreibt:

»Die Technik des Tötens durch Gas wird im folgenden von Perry [sic] Broad dargestellt, einem Angestellten der Politischen Division des Lagers Auschwitz. Eine ähnliche Technik wurde in Majdanek angewandt«[510].

Drastischer läßt sich der Totalbankrott der offiziellen Majdanek-Geschichtsschreibung schwerlich aufzeigen!


Anmerkungen

  1. C. Simonov, aaO. (Anm. 311), S. 12-13.
  2. An anderer Stelle widerspricht Simonov dem, was er hier von sich gibt, und schreibt:
    »Nachts dröhnten innerhalb des Lagers die Traktoren, die man absichtlich in Gang gesetzt hatte, damit man das Knattern der Maschinenpistolen und die Schreie der Erschossenen nicht hören sollte« (S. 16).
  3. Hier sei hervorgehoben, daß sich die Zahl von 20.000 Freigelassenen ganz unmöglich mit dem Bild vom »Vernichtungslager« vereinbaren läßt. Jeder dieser Freigelassenen hätte nämlich Massenmorden beigewohnt oder zumindest von Mithäftlingen davon erfahren. Wie ein Lauffeuer hätte sich da die Kunde von den Massakern in Polen und von da aus in ganz Europa verbreitet! Dieselben Historiker, die von uns verlangen, dergleichen zu glauben, erzählen uns, die Nationalsozialisten hätten sich in ihren Dokumenten einer Tarnsprache bedient, um ihre Schreckenstaten zu vertuschen. Wieso denn diese stümperhaften Kaschierungsversuche, wenn die Deutschen doch am laufenden Band Augenzeugen des Völkermords freiließen?
  4. Krystyna Marczewska und Władysław Wa1/4niewski, »Obóz koncentracyjny na Majdanku w świetle akt Delegatury Rządu RP na Kraj«, in: ZM, VII, 1973, S. 164-241.
  5. Jolanta Gajowniczek, »Obóz koncentracyjny na Majdanku w świetle ›Dziennika Polskiego‹ i ›Dziennika Polskiego i Dziennika ¯ołnierza‹ z latach 1940-1944«, in: ZM, VII, 1973, S. 242-261.
  6. Ebenda, S. 242.
  7. Wie die Herausgeber in einer Anmerkung festhalten, ist die Anwesenheit englischer und französischer Häftlinge in Majdanek zu jenem Zeitpunkt nicht bewiesen (S. 168).
  8. Da es im Polnischen keinen Artikel gibt, kann man den letzten Satz auch mit »Die Gaskammer und das Krematorium sind in Betrieb« wiedergeben.
  9. Gemeint ist Chełmno, auf Deutsch Kulmhof genannt.
  10. Krystyna Marczewska und Władysław Wa1/4niewski, aaO. (Anm. 450), S. 169.
  11. Ebenda, S. 172.
  12. Ebenda, S. 177.
  13. Ebenda, S. 179.
  14. Ebenda, S. 181.
  15. Gemeint sind die Appelle.
  16. Gemeint ist das alte Krematorium, welches auf dem Zwischenfeld 1 stand.
  17. Vermutlich eine Zigarettenmarke.
  18. Irrtum des Verfassers, es gab wesentlich mehr.
  19. Ein großes Gefängnis in Warschau.
  20. Im Originaltext folgt hier ein uns aus sprachlichen Gründen unverständlicher Halbsatz.
  21. Ebenda, S. 221-226.
  22. Ireneusz Caban und Zygmunt Mankowski, »Informacje o Obozie na Majdanku w aktach Delegatury Rządu RP na Kraj«, in: ZM, II, 1967, S. 113.
  23. Krystyna Marczewska und Władysław Wa1/4niewski, aaO. (Anm. 450), S. 184.
  24. Ebenda, S. 192-193.
  25. Ebenda, S. 207.
  26. Zbigniew Jerzy Hirsz, »Korespondencja z Majdanka Henryka Jerzego Szczê¶niewskiego VIII 1943 - IV 1944«, in: ZM, II, 1967, S. 216.
  27. Landgericht Düsseldorf, aaO. (Anm. 56), Band I, S. 103. Dem Düsseldorfer Urteil zufolge gab es nach dem (behaupteten) Massaker vom 3. November 1943 in Majdanek keine Menschenvergasungen mehr.
  28. Jolanta Gajowniczek, aaO. (Anm. 451), S. 242.
  29. Ebenda, S. 250-251.
  30. Ebenda, S. 251.
  31. Ebenda, S. 252.
  32. Ebenda, S. 252-254.
  33. Ebenda, S. 258.
  34. Lies 1942.
  35. A. Silberschein, Die Judenausrottung in Polen. Fünfte Serie, Genf 1944, pp.17-18.
  36. Ebenda, Das K.Z. Lager Lublin, p. 11.
  37. Siehe Dokument 38.
  38. A. Silberschein, Die Judenausrottung in Polen, S. 12-17, 20.
  39. Siehe Dokument 38.
  40. Siehe Carlo Mattogno und Franco Deana, aaO. (Anm. 304), S. 289-290.
  41. C. Simonov, aaO. (Anm. 311), S. 13-14.
  42. In Baracke 42.
  43. Dionys Lenard, »Juden aus der Slowakei«, in: Tomasz Kranz, aaO. (Anm. 140), S. 65.
  44. C. Simonov, aaO. (Anm. 311), S. 7.
  45. Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. 7), Band I, S. 223
  46. Stéphan Courtois, Adam Rayski, Qui savait quoi? L'extermination des juifs 1941 - 1945. Editions La Découverte, Paris 1987, S. 225.
  47. Jolanta Gajowniczek, aaO. (Anm. 451), S. 250.
  48. Erling Bauck (dort irrtümlich Bank geschrieben) figuriert mit Registrierungsnummer 6508 auf einer undatierten Liste von 13 aus Sachsenhausen in die Lubliner D.A.W. geschickten norwegischen Häftlingen. Majdanek, Krajowa Agencja Wydawnicza, Lublin 1985, Dokument 46.
  49. Einer der Norweger war inzwischen an innerer Ohrenentzündung gestorben, ein zweiter mit Tuberkulose ins Stammlagerlazarett eingeliefert worden, wo er überlebte, ein dritter nach Sachsenhausen zurückgeschickt worden.
  50. Erling Bauck, aaO. (Anm. 140), S. 197.
  51. Landgericht Düsseldorf, aaO. (Anm. 56), Band I, S. 88-89.
  52. Dokumenty i Materiały, opracował mgr N.Blumental. Lodz 1946, Tom I, S. 138-139.
  53. Ebenda, S. 141.
  54. Siehe Kap. IV.
  55. Zofia Murawska, aaO. (Anm. 243), S. 146. In Lodz befand sich in der Przemysłowa-Straße das Polenjugendverwahrlager der Sicherheitspolizei. Obozy hitlerowskie na ziemiach polskich 1939-1945, aaO. (Anm. 209), S. 297.
  56. List doprosa = Blatt der Vernehmung.
  57. Russisch Duschegubka.
  58. GARF, 7021-107-9, S. 311a-313a.
  59. Siehe Kap. IV.
  60. Am 17. waren von 35 verstorbenen Häftlingen sieben Polen, am 18. sechs von 46, am 19. neunzehn von 69, am 20. vier von 31. GARF, 7021-107-9, S. 177-187.
  61. Walter DÖtzer, aaO. (Anm. 327), S. 29.
  62. Siehe Kap. II.
  63. Laut einem Rapport E. Von Thaddens vom 26 Mai 1944 [NG-2190] war damals nur ein Drittel der deportierten ungarischen Juden arbeitsfähig.
  64. J. Marszałek, aaO. (Anm. 210), S. 141.

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